Home » Entertainment » Schwarzmalerei ist auch keine Lösung

Schwarzmalerei ist auch keine Lösung

Google, Twitter, Facebook – heutzutage sind digitale Dienste kaum mehr wegzudenken. Der Netflix-Film „Das Dilemma mit den sozialen Medien” zeigt auf, wie diese Technologien den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedrohen, nur leider etwas überzogen und zu problemorientiert.

Ein Mann stürmt eine Pizzeria, bewaffnet mit einem halbautomatischen Gewehr. Er will Kinder retten, die in dem Keller des Lokals gefangen gehalten und missbraucht werden. An diesem Kinderpornografie-Ring soll beteiligt sein: die sogenannte politische Elite, etwa Hillary Clinton und Barack Obama. Der Mann gibt drei Schüsse ab – und findet dann heraus: Das Restaurant hat gar keinen Keller, und folglich gibt es auch keine Kinder, die dort missbraucht werden. Dieser Vorfall, bekannt unter dem Namen „Pizzagate”, stammt nicht aus einem Action-Film, sondern ist 2016 so passiert. Diese Theorien, die auf Twitter, 4Chan und Reddit kursierten, waren schlicht zum Zweck der Unruhestiftung (immerhin waren Wahlen) erfunden worden – und ist nur eines der Exempel, die im Film „Das Dilemma der sozialen Medien” angeführt werden, um die negativen Auswirkungen der digitalen Technologien zu untermauern.

So weit, so gut. Die, die vor den Ausmaßen warnen, sind nicht irgendwelche „Alles was digital ist, ist schlecht”-Meinungsträger, sondern Silicon-Valley-Aussteiger. Designethiker Tristan Harris, Facebook-Like-Button-Erfinder Justin Rosenstein und der ehemalige Pinterest-Präsident Tim Kendall: Die Redner, die im Film von Jeff Orlowski zu Wort kommen, waren bei großen Tech-Konzernen in führenden Positionen angestellt – und entschuldigen sich für das, was sie da angerichtet haben. Die Erfinder des Like-Buttons und der Schaffung des werbefinanzierten Geschäftsmodells oder der ehemalige Präsident von Pinterest – sie erklären, wie gefährlich Technologien wie Google, Facebook und Twitter für die Gesellschaft sind und, da sind sich die Redner einig, demokratische Prinzipien und das gesellschaftliche Gefüge bedrohen.

Ebenfalls mit an Bord: Jaron Lenier, der mit Büchern wie „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst” und „Wem gehört die Zukunft? Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne, du bist ihr Produkt” von sich reden machte – und eindringlich vor den Konsequenzen dieser, ausschließlich zum Manipulieren erstellter, Dienste warnt. Der erklärt, dass Social Media Nutzer durch Künstliche Intelligenz und Algorithmen selbst zu Produkten werden – und schlussendlich in ihrer eigenen Realität leben. Wie das funktioniert, wird so erklärt, dass es jeder, der sich dafür interessiert, auch verstehen dürfte.

Ein Film, der neben den Interviewsequenzen läuft, soll das – abgesehen von der etwas dramatisch anmutenden Musik, die im Hintergrund läuft – untermalen. Die Handlung: eine Familie, die sich darüber streitet, ob man soziale Netzwerke nutzen sollte oder nicht. Und bei der das Experiment, die Smartphones eine Stunde lang nicht zu nutzen, ziemlich schnell scheitert – allen voran bei der Elfjährigen, die bereits ihr eigenes Smartphone besitzt. Es scheitert aber auch die Demo gegen profitgierige Tech-Konzerne, an der die andere Tochter teilnimmt. Und der Sohn verfällt derweil einer Smartphone-Sucht.

Die Auswirkungen, die diese Technologien mit sich bringen, sind weitreichende – und sollten nicht unterschätzt werden.

Ja, auf ziemlich eindrückliche Weise dürfte die Botschaft am Ende des anderthalbstündigen Films ankommen: Die Auswirkungen, die diese Technologien mit sich bringen, sind weitreichende – und sollten nicht unterschätzt werden. Dass Teenager depressiv werden, wenn sie kaum Likes für ihre Posts oder Fotos bekommen, und es mittlerweile sogar eine Krankheit namens „Snapchat Dysmorphia” gibt (Betroffene wollen aussehen, wie ihre mit Filter erstellten Selfies auf Instagram) und die Selbstmordrate bei dieser Zielgruppe laut Aussagen einer Rednerin massiv gestiegen sei, das ist mehr als beunruhigend. Dass Wahlkampagnen manipuliert werden, IS-Anhänger, Impfskeptiker und rechte Verschwörungstheoretiker ihren Frust ungefiltert in die Welt hinausposaunen können – auch das ist verheerend.

Netflix-Das-Dilemma-mit-sozialen-Medien-Kopie

Doch die Erfinder haben das nicht gewollt, das betonen sie. Und das glaubt man auch. Dabei bringt die Digitalisierung auch positive Elemente mit sich – was aber im Film nur kurz behandelt wird. Etwa längst verlorengeglaubte Verwandte, die sich über soziale Netzwerke wiederfinden, erfolgreiche Aufrufe zu Organspenden, oder einfach nur das Bestellen eines Taxis, bequem per App. „Wir erleben Utopie und Dystopie zur selben Zeit”, sagt etwa der frühere Google-Mitarbeiter Tristan Harris. Und dass es nicht die Technologie sei, die uns bedrohe, sondern deren Gabe, das schlechteste einer Gesellschaft hervorzukehren und dass das alles, bestenfalls sofort, gestoppt werden müsse.

Umso erstaunlicher, dass Fragen wie „Wie geht man im Zeitalter von Fake News mit einer Pandemie um?” oder „Wie könnte man den Wandel eines Informations- zu einem Desinformationszeitalter verhindern?”, quasi unbeantwortet bleiben. Nur kurz, gegen Ende des Films, wird von möglichen Lösungsansätzen gesprochen. Etwa dem Schaffen von Gesetzen, die das Feld der Digitalisierung regulieren und es erlauben, das Sammeln und Verarbeiten von Daten zu besteuern.

Interessant. Doch warum nicht mehr davon? Der anderthalbstündige Film ist absolut sehenswert, doch der Fokus kreist etwas zu sehr um die Problemstellung. Das ruft Emotionen hervor, Wut, Angst oder Hilflosigkeit. Und es ist doch genau diese Art der Beeinflussung, die die Redner im Film, der übrigens auch von einem IT-Giganten produziert wurde, kritisieren. So interessant die Produktion auch ist, der unterschwellige Lösungsansatz, sich sofort und komplett aus der digitalen Welt zu verabschieden, ist vielleicht doch etwas übersteigert.

Der anderthalbstündige Film ist absolut sehenswert, doch der Fokus kreist etwas zu sehr um die Problemstellung.

Fakt ist nämlich auch, dass die Digitalisierung nicht einfach wieder rückgängig gemacht werden kann, und darüber hinaus eben auch ihr Gutes hat – wie die Redner selbst, wenngleich nur kurz, ansprechen. Schlussendlich sind wir Menschen es, die diese Entwicklung, lösungsorientiert, steuern können – wenn wir nicht in den Denkschubladen „Gut” und „Schlecht” hängen bleiben. Kurz: Die Technologie zum Sündenbock einer kaputten Gesellschaft zu ernennen, ist zu einseitig – vor allem als Antwort auf eine ziemlich komplexe Angelegenheit.

auf Netflix, USK: ab 7 Jahren, Dauer: 94 Min.

Text: Cheryl Cadamuro / Fotos: Netflix, Pixabay

Author: Martine Decker

Login

Lost your password?