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Senkrechtstarterin

Was Dany Niesen in Rekordzeit geglückt ist, könnte neidisch machen. Vor knapp drei Jahren malt sie ihr erstes Bild, nun stellt sie bereits aus. Und Pläne für die Zukunft liegen auch schon bereit.

Es gibt in jedem Leben Phasen, in denen sich nichts von der Stelle zu bewegen scheint und man an Langeweile fast zu ersticken droht. Aber es gibt auch Momente, die Unerhörtes möglich machen und neue Weichen stellen. Oder all die Dinge Wirklichkeit werden lassen, die man bislang nicht zugelassen hat. Dany Niesen wächst in einer Familie auf, die Antiquitäten und Kunst liebt. Ihre Mutter sammelt altes Porzellan und Liebhabermöbel mit der gleichen Leidenschaft wie sie Gemälde bekannter Luxemburger Künstler erwirbt. Die wertvollsten und schönsten Stücke werden nicht verkauft, sondern finden ihren Platz im eigenen Haus und in dem der Tochter.

„Et ass ëmmer méi däischter ronderëm mech ginn mat all deene schwéiere Schief an donkle Biller. Ech hu mech op eemol net méi richteg wuel gefillt.“ Und genau in dem Augenblick kommt die heute 55-Jährige auf die Idee, selbst hellere Bilder zu malen. Künstlerische Ambitionen verfolgt sie damals nicht, doch mit jedem neuen Werk wächst ihr Ehrgeiz. Es macht ihr Spaß, sich nach Feierabend in die heimische Garage zurückzuziehen und dort mit Spachteln und dicken Pinseln zu hantieren. Alles in allem hat sie großes Talent. Weil sie jedoch nicht hundertprozentig davon überzeugt ist, besucht sie Kunstkurse bei Yvette Rischette. „Heiansdo weess een als Ufänger net, wéi een eng Toile soll andeelen. Do kann engem am Cours weidergehollef ginn.“

Während ältere Bilder noch zurückhaltend mit Farbe sind, kommt bei rezenten Werken eine fast schon überschwängliche Freude am Experimentieren zum Ausdruck.

Seitdem ist höchstens ein gutes Jahr vergangen. Dany Niesen hat mittlerweile zwei Nachmittage in der Woche frei, „mee ech molen nach ëmmer am léifsten owes, wann et roueg am Haus aus“. Im Wohnzimmer hängen zwar nach wie vor zwei Ölgemälde von Henri Feltgen und Josy Meyers, aber an den restlichen Wänden versammeln sich eigene Werke. Und es werden immer mehr. Noch sei es nur ein Hobby, aber sobald sie nicht mehr berufstätig sei, könnte sie sich durchaus vorstellen, sich nach einer Werkstatt umzuschauen und richtig loszulegen. Dazu hätte sie jedenfalls ziemlich Lust. Momentan ist sie allerdings ein klein bisschen gestresst. Wegen der ersten Ausstellung. Dany Niesen will alles perfekt machen. Von den Einladungen über die Vernissage bis hin zum Aufhängen ihrer Werke. Wie viele Leute werden kommen? Wie viele möchten ein Bild von ihr kaufen? Obwohl sie sich keinem Druck aussetzen will und alles mit größtmöglicher Gelassenheit angehen möchte, ist und bleibt ein Debüt eine höchst spannende Angelegenheit.

Auf die Idee, sich bei der Gemeinde Betzdorf zu bewerben, um die alte Kapelle in Roodt-Syr für eine Ausstellung zur Verfügung gestellt zu bekommen, hat sie eine Arbeitskollegin gebracht. „Et ass eng super Initiativ“, schwärmt Dany Niesen. Auch wenn sie die Räumlichkeiten lediglich ein Wochenende lang nutzen kann, so sind die Bedingungen doch überaus vorteilhaft. Die Gemeinde organisiert ein Konzert (am Samstagabend), spendiert den Ehrenwein bei der Vernissage und verlangt keine Miete und keine prozentuale Beteiligung am Verkauf, sondern nur ein Bild. Als Geschenk, sozusagen. „Ech si gespaant“, so die Künstlerin. Welche Arbeiten sie ausstellt, steht längst fest.

Am liebsten trägt Dany Niesen mit dicken Pinseln mehrere Farbschichten auf, die immer wieder entweder zerkratzt oder von weiteren Farbtupfern und -schlieren aufgebrochen werden.

PR1_8333-KopieWährend die ersten Bilder noch recht zurückhaltend mit Farbe sind, kommt bei rezenten Werken eine fast schon überschwängliche Freude am Experimentieren zum Ausdruck. „Ech hu mäi Stil elo fonnt, mengen ech.“ Am liebsten trägt Dany Niesen mit dicken Pinseln mehrere Farbschichten auf, die immer wieder entweder zerkratzt oder von weiteren Farbtupfern und -schlieren aufgebrochen werden. In den Collagen werden zudem Zeitungsausschnitte, Fotografien oder das Papier von Pralinenschachteln verarbeitet. So entstehen energiegeladene Bilder, die den Betrachter aufgrund ihrer Vieldeutigkeit und eines beabsichtigten Ungleichgewichts mitunter überfordern.

„Ech hunn souvill Ideeën am Kapp, datt ech bal net genuch Plaz op enger Toile hunn fir se all duerzestellen“, erklärt die zweifache Mutter. Aber eigentlich muss man als Betrachter nicht immer verstehen, welches Geheimnis sich hinter diesem oder jenem Detail verbirgt. Es genügt, sich ohne Gegenwehr dem Gemalten auszusetzen. Kunstkritiker werden wahrscheinlich bemängeln, dass die Ausstellung zu sehr ausschweift. Dass es keinen roten Faden gibt. Keine Harmonie. Aber darum geht es Dany Niesen gar nicht. Mit „Tun was man liebt“ will sie ihre Leidenschaft fürs Malen vor allem mit anderen teilen. Und wenn stille Bilder neben bunten oder sogar schrillen hängen, ist dies der Beweis dafür, dass die Sprache, in der sich die Künstlerin austauscht, weder rätselhaft noch reich ist, sondern unbefangen.

„Ech wëll selbstverständlech nach dobäiléieren, mech weiderentweckelen.“ Dabei bringt jetzt schon jedes Bild sie ein Stück weiter. Sitzt man an ihrem Esstisch, schaut man in einen wunderschönen Garten mit Sträuchern und Skulpturen, und während Dany Niesen von ihren Onkeln erzählt, von denen der eine Hobbymaler und der andere als Kunstsammler bekannt ist, muss ich an Zugvögel denken, die selten Rast im Schatten eines Baumes machen. Stattdessen ziehen sie – wie getrieben von der Suche nach besseren Lebensbedingungen – unablässig von einem Ort an den anderen. Künstler machen häufig dasselbe. Sie schauen sich aufmerksam um, speichern die Landschaften oder die Menschen in ihrem Kopf, um sich später daran zu erinnern. Auch Dany Niesens Malerei ist Erinnerungsarbeit. Sie malt zwar keine Kirchen und nichts Figuratives, dennoch erzählen ihre Bilder Geschichten. Zudem tragen sie Titel, mit denen die Künstlerin etwas Bestimmtes verbindet. Was genau, muss sie keinem erklären. 

Fotos: Philippe Reuter, Dany Niesen

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Martine Decker

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