Home »
Home »
Sich die Welt ins Haus holen
Sich die Welt ins Haus holen
Für Touristen ist es eine günstige Alternative zum Hotel, für Gastgeber ein lukrativer Nebenverdienst. Doch was steckt hinter dem Online-Vermittlungsportal Airbnb?
Eine Anbieterin berichtet.
Fotos: Philippe Reuter
Rund 260 Ergebnisse ergibt die Suche nach einer Airbnb-Unterkunft in Luxemburg. Ein Großteil befindet sich im Stadtzentrum. Dementsprechend gibt es mindestens genauso viele Gastgeber. Und dennoch gestaltet sich die Suche nach einem Interviewpartner schwierig. Von über 30 Anfragen erhalten wir nur Absagen. Teils mit der Begründung, man wolle sich nicht darüber äußern, teils ohne Begründung und einige wenige aus Zeitgründen. Bis auf eine Ausnahme: Claire* erklärt sich bereit uns Rede und Antwort zu stehen. Unter der Voraussetzung jedoch, dass sie nicht namentlich genannt wird.
Doch warum diese allgemeine Zurückhaltung? Könnte daran liegen, dass Airbnb-Benutzer sich in einer Grauzone bewegen. Was wiederum dazu geführt hat, dass das Geschäft mit der Kurzzeitvermietung mittlerweile weltweit boomt. Airbnb – Abkürzung für Airbedandbreakfast, also „Luftmatratze und Frühstück“ – wurde 2008 in San Francisco von Nathan Blecharczyk, Joe Gebbia und Brian Chesky gegründet. Ihr Ziel war es, authentische Urlaubserlebnisse in aller Welt auf einfachem Weg anzubieten. Heute bietet das Unternehmen in über 190 Ländern und 34.000 Städten 1.200.000 Unterkünfte an. Doch was als Plattform für Studenten und einfache Mieter begann, wird mittlerweile in Städten wie New York, Berlin, Paris und Barcelona – die zu den beliebtesten Reisezielen gehören, im großen Stil betrieben.
„Wir sind gastfreundlich und lieben es, Leute aus aller Welt kennenzulernen.“ Claire, Airbnb-Anbieterin
Nicht nur Privatleute, sondern auch Großunternehmen missbrauchen Airbnb, indem sie mehrere Wohneinheiten zu Wucherpreisen an Touristen vermieten. Deswegen ist Airbnb sowohl der Hotellerie als auch den Städten ein Dorn im Auge. Immer mehr Städte gehen jetzt dagegen an. In Berlin gilt beispielsweise seit letztem Jahr ein Zweckentfremdungsverbot für Wohnraum. Auf diese Weise will man verhindern, dass Eigentümer ihre Wohnungen an Touristen statt an Langzeitmieter vermieten und somit Wohnraum dem Mietmarkt entziehen. Auch New York und Paris haben Airbnb den Kampf angesagt. Liberaler zeigt sich hingegen London: Bis zu 90 Tage pro Jahr dürfen die Londoner ihre Wohnung vermieten.
In Luxemburg gibt es ebenfalls keine eindeutige Rechtsprechung. Die Meinungen darüber spalten sich. Während die Horesca Airbnb als Konkurrenz betrachtet, die nicht die gleichen Normen einhalten müsse wie Hoteliers – von Mehrwertsteuer und Kurtaxe bis hin zu Hygiene- und Sicherheitsvorschriften, sieht die Generaldirektion für Tourismus im Wirtschaftsministerium auch die Vorteile wie die Diversifizierung des Angebots. Claire kann die Kritik des Gaststättenverbandes nachvollziehen. „Mich nervt es ebenfalls, dass die ursprüngliche Philosophie von Airbnb immer mehr verloren geht, weil viele Leute ein Business daraus machen“. Ihr Ehemann und sie betreiben Airbnb hingegen nicht unter einer extremen Form. Sie bieten ihr Gästezimmer nur rund sechs Mal im Jahr für maximal eine Woche an. Um Geld ginge es ihnen dabei nicht, ansonsten würden sie eine professionelle Struktur eröffnen, so Claire.
Doch worum geht es ihnen dann? „Wir sind gastfreundlich und lieben es Leute aus aller Welt kennenzulernen.“ Ausschlaggebend sei gewesen, dass sie selbst viel von Airbnb als Reisende profitieren. „Wir logieren gerne in dem Flair der Gastgeber. Ein Berliner Altbau mit Parkettböden, hohen Decken ist einfach ein authentischeres Reiseerlebnis als ein steriles Hotel“ schwärmt sie. Als das Ehepaar dann vor zwei Jahren ein Bauernhaus in der Nähe des Stadtzentrums kauft, schlägt Claire vor, nun doch auch einen günstigeren Schlafplatz für Touristen anzubieten. „Ich habe auch schon Freunde in Luxemburger Hotels untergebracht, aber was man dort für 100 Euro geboten bekommt, ist eine Frechheit. Die Zimmer sind teilweise alt und schmutzig.“
Der Übernachtungspreis für das Gästezimmer des luxemburgischen Ehepaares beträgt 40 Euro für Einzelpersonen und 60 Euro für zwei Personen – all inclusive. „Wir sind gegen das typische Bed & Breakfast, wo man für alles extra zahlen muss. Ich finde, es muss immer im Charakter bleiben von „Du teilst dein Zuhause mit jemandem“. So dürfen ihre Gäste neben dem 9 Quadratmeter großen Gästezimmer – welches mit Fernseher, Doppelbett, Schreibtisch, Regal und Kleiderschrank ausgestattet ist – auch die restlichen Räume mitbenutzen. „Aber das machen die wenigsten. Es hat sich noch nie jemand wirklich breit gemacht“. Im Service inbegriffen sind zudem Insidertipps. Von wem kann man schließlich besser erfahren, wo man hierzulande ausgehen kann oder was es zu sehen gibt, wenn nicht von den „Locals“. Gleichzeitig profitiert das Ehepaar von den Reiseeindrücken seiner Gäste. „Für uns ist Luxemburg nicht mehr spannend, aber wenn man die Gäste beobachtet, wie sie unsere Heimat wahrnehmen, lernt man die schönen, verwunschenen Ecken wieder zu schätzen“.
„Es hat sich noch nie jemand wirklich breit gemacht.“ Claire, Airbnb-Anbieterin
Außerdem bringen sie ihren Gästen gerne die luxemburgische Kultur näher und erfahren im Gegenzug etwas über deren Herkunft. „Von Standpunkten über die politische Lage ihres Landes bis hin zu persönlichen Erlebnissen − man erfährt vieles über das Weltgeschehen, was man aus den Nachrichten so nicht kennt.“ Neben soziokulturellen und politischen Themen, käme auch der philosophische Austausch nicht zu kurz. Ein weiterer Vorteil des Hobbygastgebens sei das Sprachtraining. So spreche sie mittlerweile fließend Englisch.
Bisher hat das Ehepaar rund 20 Gäste bei sich beherbergt. Darunter Paare, die einen romantischen Abstecher ins Großherzogtum machen; viele Menschen vom anderen Ende der Welt, die auf Europareise sind; Studenten sowie Professoren, die Seminare an der Uni Luxemburg besuchen. Besonders in Erinnerung geblieben ist Claire dabei eine dreißigjährige Mexikanerin. „Sie erzählte von den Bandenkriegen in Mexiko und, dass einige ihrer Familienangehörige auf offener Straße erschossen wurden. Ebenso bewegend wie ihre Geschichte war die Tatsache, dass wir die ersten Leute waren, mit denen sie auf ihr bereits sechs Wochen andauernden Weltreise gesprochen hat“. Einen bleibenden Eindruck habe auch ein malaysisches Ehepaar um die 60 Jahre hinterlassen, dass Claire und ihren Ehemann mit malaysischen Gerichten verwöhnte.
Negative Erfahrungen haben die Gastgeber bisher noch keine gemacht. Es sei noch nie etwas gestohlen worden noch sei es zu Sachschäden gekommen. „Ich glaube das liegt auch daran, dass unser Gastgeben über eine rein materielle Basis wie in Hotels – wo Bademantel und Handtücher entwendet werden – hinausgeht.“ Für den Fall der Fälle erhebt sie bei jeder Buchung eine Kaution. Außerdem ist man als Gastgeber über Airbnb versichert. Hinzu kommt, dass Claire immer das Profil der Gäste unter die Lupe nimmt, bevor sie eine Anfrage bestätigt. „Das Bauchgefühl muss stimmen.“ Und Anfragen erhält sie aufgrund der zentralen Lage ihres Hauses und ihrer durchweg positiven Bewertungen zu Genüge. Was bisher das schönste Feedback war? „Dass man mit uns gut lachen kann und, dass unser Haus eine gute Aura hat.“
*Name von der Redaktion geändert
www.airbnb.com
Author: Martine Decker