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Sinnfrei oder sinnvoll?

Stylish, hypermodern und dabei ungeheuer praktisch. So wirken viele Küchenaccessoires auf den ersten Blick. Doch die meisten landen schon nach kurzer Zeit unbeachtet und platzraubend in irgendeiner Ecke. Wir haben uns in den Küchenschränken nach Dingen, die die Welt nicht braucht, mal umgesehen.

Fotos: kazoka303030/Fotolia, Pixabay, Hersteller

Eine Woche Urlaub, kurz vor Weihnachten. Eine hervorragende Gelegenheit, im Haus mal wieder auszumisten. Vor allem meine Küche platzt aus allen Nähten. Da sind zum einen die unzähligen Kochbücher, von denen der Großteil kaum aufgeschlagen wird. Die Schränke offenbaren ebenfalls das Resultat unkontrollierter Sammelwut: reihenweise Schüsseln, Schälchen, Servierplatten, Kaffeebecher, Gläser und Auflaufformen jeder Größe – ganz schön viel für einen Ein-Personen-Haushalt. Und wie sieht es bei den Elektrogeräten aus? Schon besser, denn dieser „Friedhof“ wurde bereits vor langem geräumt. Weg sind Mikrowelle, Lavasteingrill und Tiefkühlbeutelschweißgerät; bleiben durften Mixer, Toaster und Fritteuse. Aber halt! Was ist das? Meine Güte, der Sandwichmaker! Und der lahme Pürierstab mit der Power eines Windrädchens!

TEXT-PopcornmakerIn allen Haushalten tummeln sich solche Artikel, doch was veranlasst vernünftige Menschen, sich Dinge anzuschaffen, die man gar nicht wirklich braucht? Ist es das schicke Design, die vermeintliche Zeitersparnis, die das Gerät verspricht, oder erliegen wir generell allem Neuen, das auf den Markt kommt? Es ist wohl etwas von allem. Gute Vorsätze, wie jetzt nach Neujahr, spielen zuweilen auch eine große Rolle. Da hat sich schon mancher, der sich ab jetzt gesünder ernähren will, den tollen elektrischen Entsafter oder Suppenzubereiter angeschafft, diesen zwei- dreimal benutzt und dann frustriert festgestellt, dass der Reinigungsaufwand wesentlich höher ist, als bei der konventionellen Zubereitung mit dem Handentsafter oder im einfachen Topf.

Die Zeit, die beim Benutzen eingespart wird, geht beim Reinigen wieder verloren.

Doch was für die einen vollkommen sinnfrei ist, betrachten andere als unerlässliche Hilfsmittel. Darunter fällt zum Beispiel der Eierkocher. Für meine Begriffe völlig überflüssig, doch viele meiner Freunde schwören darauf und benutzen ihn auch ständig. Oder der elektrische Dosenöffner, der für Menschen mit Arthritis ein wahrer Segen ist. Für große Familien mag die reibende, hackende und hobelnde Küchenmaschine ebenso praktisch sein, für kleine Haushalte reichen oft die einfache Handreibe und eine Mandoline.

Platzraubende Elektrogeräte: Wem nutzt eine Arbeitsfläche, auf der man nicht arbeiten kann?

Platzraubende Elektrogeräte: Wem nutzt eine Arbeitsfläche, auf der man nicht arbeiten kann?

Eine Umfrage im Bekanntenkreis hat jedoch mehr „Küchenleichen“ als wirklich nützliche Apparaturen zutage gefördert. Den ersten Platz der Hitliste „Dinge, die die Welt nicht braucht“ belegen der Brotbackautomat und die Nudelmaschine. Fast jede meiner Freundinnen hat sich in den vergangenen Jahren wenigstens eine dieser Gerätschaften anschaffen „müssen“. Weil nichts besser schmeckt als selbstgebackenes Brot oder Pasta „come a casa“. Nach anfänglicher Euphorie kam dann die Ernüchterung. Das Brot war alles andere als knusprig und die Nudelmaschine musste jedes Mal umständlich auseinandergenommen und gereinigt werden. Also, auf Nimmerwiedersehen in den Schrank damit. Weitere flohmarktverdächtige Elektro-Kandidaten: der Schokoladenbrunnen, die Eismaschine, die Zuckerwattemaschine, die Popcornmaschine, der Joghurtbereiter, die Crêpes-Pfanne und die Käsereibe – allesamt keine fünf Mal benutzt.

Hüten Sie sich vor spontanen Kaufentscheidungen.

TEXT-NudelmaschineÜber die Faszination, die alles Elektronische und Automatische auf den modernen Menschen ausübt, hat sich Jacques Tati bereits 1958 in „Mon oncle“ und 1967 in „Playtime“ lustig gemacht. Doch was die Produktdesigner auch fast 60 Jahre später noch wie besessen entwerfen, um das Leben „einfacher“ zu machen, würde selbst dem französischen Filmemacher die Sprache verschlagen. Zum Beispiel der sperrige Apfelschäler, wahlweise mit Handkurbel oder elektrisch, und die kammartige Schnittlauchschere. Oder der Eierschalensollbruchstellenverursacher (ja, das Wort gibt es tatsächlich), für Menschen, die zu ungeschickt sind, ihr Frühstücksei mit dem Messer zu köpfen. Sind diese Apparaturen noch vergleichsweise harmlos, fühlt man sich bei anderen jedoch regelrecht verschaukelt. Man muss schon über alle Maßen faul sein, um sich eine elektrische Salatschleuder anzuschaffen, einen batteriebetriebenen Currywurstschneider oder einen ebenfalls mit Batterien funktionierenden Dressingmixer.

Alles Neue reizt die Sinne: Ein Schokobrunnen erscheint als wahr gewordener Traum, doch die anfängliche Euphorie ist schnell verpufft.

Alles Neue reizt die Sinne: Ein Schokobrunnen erscheint als wahr gewordener Traum, doch die anfängliche Euphorie ist schnell verpufft.

Wenn Sie Ihre Küche sinnvoll und platzsparend ausstatten möchte, tun Sie also gut daran, sich vor spontanen Kaufentscheidungen zu hüten. Wenn Sie nur einmal im Jahr zum Raclette-Essen einladen, leihen Sie sich das Gerät lieber bei Freunden aus, anstatt einen Staubfänger mehr zu Hause zu haben. Bedenken Sie auch, dass jeder elektrische Apparat, der einfache Handgriffe ersetzen soll, zusätzlichen Strom verbraucht. Besser ist es, sein Geld in eine hochwertige Grundausstattung wie Messer und Töpfe zu investieren. Gehen Sie doch auch mal durch Ihre Küchenschränke und schauen, was Sie überhaupt noch brauchen. Schaffen Sie Platz und verschenken oder verkaufen alles Überflüssige. In meiner Küche hat es sich gelohnt. So schnell kommt mir nichts Neues mehr ins Haus. Obwohl… ich habe da neulich einen Hello-Kitty-Toaster gesehen, der ein lustiges Katzengesicht auf die Brotscheiben toastet. Ob ich den wirklich brauche? Nein, aber…

Sinnfrei, aber lustig

Es gibt Küchenaccessoires, die nicht wirklich sinnvoll sind, dafür aber einen gewissen Spaßfaktor haben. Hier eine kleine Auswahl:

KASTEN-Banana-SlicerAlles Banane
Schneiden Sie Ihre Bananen noch mit dem Messer? Mit dem „Banana-Slicer“ schneiden Sie mit einem Handgriff genau gleich große Scheiben für Ihr Müsli. Je nach Festigkeit der Frucht wird daraus manchmal eine matschige Angelegenheit, aber was soll’s?

KASTEN--PastatimerVerdi im Topf
Nie mehr zu lang oder zu kurz gekochte Nudeln. Der opernsingende Pasta-Timer im Mafioso-Look kündigt das Ende der Kochzeit entweder mit dem Triumphmarsch aus „Aida“, dem Gefangenenchor aus „Nabucco“ oder „La donna é mobile“ aus „Rigoletto“ an.

KASTEN-eierschleuderEierschleuder für „goldene Eier“
Wie bekommt man goldene Eier auch ohne Zaubergans? Natürlich mit der Eierschleuder! Damit werden rohe Eier vor dem Hartkochen so lange hin und her geschleudert bis Eigelb und Eiweiß im Innern vermischt sind. Langwierige Angelegenheit, die – falls sie klappt – für einen gewissen Aha-Effekt sorgt.

KASTEN-Sriracha2GoHot in the City
Für alle, denen kein Gericht scharf genug sein kann, ist der Schlüsselanhänger „Sriracha2Go“ die Rettung. Mit der namensgebenden, thailändischen Soße Sriracha befüllt, kann er in jedem Restaurant unauffällig zum Nachwürzen verwendet werden.

KASTEN-SpaghettigabelFür Pasta-Unbedarfte
Auch so etwas Einfaches wie Pasta mit der Gabel essen, scheint so manchen Zeitgenossen zu überfordern. Zum Glück gibt es die batteriebetriebene Spaghettigabel, die auf Knopfdruck rotiert und die Nudeln aufwickelt. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

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Author: Philippe Reuter

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