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Slow Living

Mit arbeitsfreien Tagen, die man cocktailschlürfend in einer Hängematte verbringt, hat die Philosophie der Entschleunigung, die Nathan Williams in „The Kinfolk Home“ vorstellt, nicht zu tun. Stattdessen geht es um eine neue Einstellung zum Leben.

Fotos: Anders Schønnemann, Pia Ulin/Knesebeck Verlag

Behaglichkeit: Modedesignerin Jenni Kayne liebt Farben, Muster und ihre Familie. Die Kohlzeichnungen gehörten ihrem Vater, die afrikanischen Körbe sind ein Geschenk ihrer Mutter.

Ist weniger wirklich mehr? Soll ich mich tatsächlich von meinem geliebten Trödel trennen? Und warum soll ich an meinem freien Nachmittag mein Smartphone vergraben und mich stattdessen mit einem Kaffee ans Fenster setzen und den Wolken beim Ziehen oder dem Laub beim Fallen zusehen? Auf den Garten, die Straße, den Himmel. Ja! Man darf durchaus mal nichts tun. Müßiggang soll uns sogar zu einer gesünderen Geistesverfassung verhelfen. Und was die Anhäufung von Krimskrams betrifft, tut es mitunter gut, sich und sein Zuhause von Unnötigem zu befreien. Damit mehr Platz und Zeit für das geschaffen werden kann, was einem wirklich wichtig ist.

In dem wundervoll gestalteten Buch „The Kinfolk Home“ präsentiert das Team des gleichnamigen erfolgreichen Magazins 35 sehr unterschiedliche Wohnungen und Häuser auf fünf Kontinenten, die für „Slow Living“ stehen. Wer nun meint, dass nackte Regale und kahle Schränke voller weißer Baumwoll-Shirts das Credo dieses Lebensstils sind, irrt gewaltig. Es geht weder um Verzicht noch um Bequemlichkeit und auch nicht darum, sich einer festgelegten Ästhetik zu verschreiben. Man sollte sich lediglich darüber klar werden, ohne welche Dinge man nicht leben will oder kann.

In Porträts und Essays zeigt „The Kinfolk Home“, wie man in schlichten Räumen mit den Dingen leben kann, die man liebt.

Dem Designer Khai Liew sind die Erinnerungen an das Haus seiner Kindheit in Malaysia, natürliche Materialien, das Licht im Innenhof seiner Villa in Adelaide und Harmonie wichtig. Das kolumbianische Künstlerpaar Delcy Morelos und Gabriel Sierra hat seine Wohnung in eine Galerie verwandelt, in der Bücher, Moodboards und Skulpturen fast allen verfügbaren Raum einnehmen. Die dänische Stylistin Nathalie Schwer behandelt ihr Zuhause wie eine Werkstatt, verändert häufig das Mobiliar und genießt den Blick aufs Meer. Architekt Jonas Bjerre-Poulsen schwört bei der Einrichtung seines Mikrokosmos‘ auf Fühlbarkeit, Einfachheit und Zeitlosigkeit, und wenn er einen neuen Stuhl mit nach Hause bringt, kann es durchaus sein, dass er plötzlich alles umstellen muss, damit das Gleichgewicht wiederhergestellt ist. „Slow Living“ bedeutet demnach für jeden etwas ganz Individuelles. Und trotzdem gibt es Gemeinsamkeiten.

Lust auf Veränderung: Die Stylistin Nathalie Schwer teilt die Räume ihrer Wohnung häufig neu auf.

In den meisten der vorgestellten Häuser wird Gemeinschaft zelebriert. Aus dem Rückzugsort wird eine Anlaufstelle für Freunde. Andere Wohnbeispiele erzählen von Menschen, die mit ihrer jeweiligen Art zu wohnen ihre eigenen Werte aufgreifen. Oder sich mit kuriosen Gegenständen von sentimentalem Wert umgeben. Ein weiteres Kapitel ist der Entschleunigung gewidmet und porträtiert Familien, die sich Zeit zurückerobert haben und diese Zeit so verbringen, dass alle glücklich sind. Für die einen bedeutet dies, dass sie drei Stunden lang im Bett frühstücken. Andere, die sich mehr Energie und Adrenalin wünschen, lassen sich auf ein wildes Versteckspiel mit dem Hund ein. Aber ganz gleich, wie die Bewohner ihren Alltag gestalten, sie folgen alle ihrem eigenen natürlichen Rhythmus. Sie haben ihre innere Uhr neu gestellt, damit sich ihr Leben immer um das dreht, was für sie am meisten zählt.

Genau das ist „Slow Living“. Selbstverständlich sind die angeführten Beispiele eben nur Beispiele, aber wer sich die Zeit nimmt, die Essays zu lesen, die sich mit Thema befassen, wird nicht nur eine Menge Inspiration für sein Zuhause finden, sondern auch für die Art und Weise, wie er dieses Zuhause in ein Refugium verwandelt, in dem er sich wohl fühlt. Sogar für Homeoffice-Arbeiter gibt es einfache Tricks, wie man die richtige Balance zwischen der Konzentration auf die anstehenden Aufgaben und dem passenden Zeitpunkt zum Abschalten des Computers (und des Kopfes) pflegt. Vorhänge zu öffnen soll Wunder wirken. Wegen der positiven Wirkung von natürlichem Licht auf das menschliche Wohlbefinden. Wissenschaftler der Chicagoer Northwestern University haben nämlich herausgefunden, dass Büros mit großen Fenstern die Vitalität der Angestellten erhöhen, zu gesünderem Schlaf führen und die körperliche Verfassung verbessern. Aber nicht verzweifeln, wenn Ihr Schreibtisch unter Neonlicht steht und Sie nichts von unterschiedlichen Jahreszeiten an Ihrem Arbeitsplatz mitbekommen. Es gibt Alternativen zum sich Verwöhnen.

Fast könnte man Nathan Williams, Chefredakteur des 2011 gegründeten Magazins „Kinfolk“, als einen Guru bezeichnen, aber das ist er ganz und gar nicht. Man muss seine Philosophie nicht teilen. Und es gibt durchaus Menschen, die mit Minimalismus nichts anzufangen wissen und die in bunten und vollgestopften Räumen ihre Ruhe finden, aber der Versuch, sich mit wenigen Farben, natürlichen Materialien viel Freiraum zu umgeben, lohnt sich. Weil es den Blick öffnet für andere Dinge.

Nathan Williams

Autor von „Kinfolk Table“ und Chefredakteur des Magazins „Kinfolk“, das vier Mal im Jahr erscheint, wirbt darin für einen langsamen und achtsamen Lebensstil. Das Magazin wurde 2011 gegründet und hat weltweit eine aktive Basis von Mitarbeitern in Städten wie Kopenhagen und Kyoto, die den Lesern zeigen, wie sie ihr Leben vereinfachen können, wie man Gemeinschaft kultiviert und mehr Zeit mit Freunden und der Familie verbringt.

Bei Knesebeck, 368 Seiten,
mit 350 farbigen Abbildungen,
aus dem Englischen von
Carolin Müller, 39,95 Euro,
www.knesebeck-verlag.de

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Martine Decker

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