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Spooky

Schneewittchen im Alptraumland: In Christian Neumans Horrorthriller „Skin Walker“ spielt Amber Anderson eine junge Frau, die wegen eines Kindheitstraumas wahnsinnig wird.

Etwas neidisch bin ich schon. Und zwar auf Schauspieler Luc Schiltz. Nicht wegen seiner Rolle in „Skin Walker“, die alles andere als schön ist, sondern weil er seiner Partnerin Amber Anderson derart nah kommen durfte. Diese junge Frau ist nämlich der Hammer. Dass sie für Chanel, Dior und andere Haute Couture-Modeschöpfer als Model gearbeitet hat, ist kaum verwunderlich. Genauso wie die Tatsache, dass sie 2019 mit dem Vancouver Film Critics Circle Award für die beste Nebenrolle in „White Lie“ ausgezeichnet worden ist. Wie verführerisch ihr Blick und wie stark ihre Ausstrahlung ist, muss Regisseur Christian Neuman ziemlich bewusst gewesen sein, denn seine Kamera lässt so gut wie nie von ihrer Figur ab. Im Presseheft steht, dass Régine dem Trauma tragischer Ereignisse in der Vergangenheit zu entkommen versucht, was nicht gerade einfach ist. Und als ihre Großmutter brutal ermordet wird, kehrt sie in das Dorf ihrer Kindheit und zu ihrem Vater (großartig gespielt von Udo Kier) zurück. Aber das hätte sie lieber nicht tun sollen.

Photo_2-KopieDer erste Teil von „Skin Walker“ ist wie ein spannender Psychothriller inszeniert. In mehreren Rückblenden erfährt der Zuschauer, was sich vor Jahren auf dem Hof von Régines Familie zugetragen hat. Die Mutter gebärt ein zweites Kind. Der Vater dieses Sohnes ist jedoch nicht ihr Mann. Weshalb Rose von der herrischen Schwiegermutter (Marja-Leena Junker) aus dem Haus gejagt wird. Was mit dem Baby passiert ist, bleibt unklar. Kann sein, dass der Kleine in ein Heim gekommen oder – wie von allen behauptet wird – gestorben ist. Wie dem auch sei, irgendwie dreht alles sich um diesen Isaac, den man erst im zweiten Teil des Films zu Gesicht bekommt – als Monster (armer Luc Schiltz, er muss Stunden in der Maske verbracht haben). Mehr darf an dieser Stelle nicht über den Verlauf der Geschichte verraten werden. Nur so viel: Ich habe mehrmals die Augen fest zugekniffen.

Die Art und Weise, wie Christian Neuman das komplexe Erscheinungsbild der Ich-Störung seiner Protagonistin umsetzt, ist zwar nicht übertrieben, aber etwas zu obsessiv.

Gedreht wurde „Skin Walker“ größtenteils in Luxemburg. U.a. auf dem ehemaligen Arcelor-Gelände in Schifflingen, in
Schengen und im Müllerthal sowie an vielen weiteren wunderschönen Schauplätze, die von Christian Neuman sehr eindrucksvoll in Szene gesetzt worden sind. In visueller Hinsicht gibt es an diesem ersten Spielfilm des Luxemburgers, der vor allem für seine Arbeit in der Modebranche und als kreativer Kopf mehrerer Modemarken und Kampagnen bekannt ist, nichts zu bekritteln. Was hingegen weniger überzeugend ist, ist die Auseinandersetzung mit dem Thema Schizophrenie. Régine hört Stimmen und fühlt sich ständig verfolgt. Sie lehnt jegliche Zuweisung des Krankseins ab und versteckt die Pillen, die sie schlucken müsste, in einem Glas Marmelade. Sie spricht nicht viel, zeigt kaum Gefühle und sieht in jedem, der sich ihr nähert, einen Feind. Ein einziges Mal sieht man Amber Anderson lächelnd am Klavier sitzen – es ist die schönste Szene des Films.

Noch vor der ersten Vorspielszene wusste ich, dass Amber Anderson genau die Richtige für die Rolle der psychisch gestörten Régine sei. Christian Neuman, Regisseur

set-skin-walker-18-KopieDie Art und Weise, wie Christian Neuman das komplexe und vielfältige Erscheinungsbild der Ich-Störung seiner Protagonistin umsetzt, ist zwar keineswegs übertrieben, denn Betroffene erleben sich selbst und ihre Umwelt tatsächlich als unwirklich und fremd, aber etwas zu obsessiv. Dass Régine sich von außen manipuliert und fremdgesteuert fühlt, müsste nicht wiederholt gezeigt werden. Auch wenn die Grenze zwischen Wirklichkeit und Halluzination mit jedem Tag verschwommener wird und der Film definitiv ins Horrorgenre abdriftet. Als Rettungsboje dient in diesen Momenten Udo Kier. Er ist der einzige, der in dem um ihn herum herrschenden Chaos eine fast stoische Ruhe bewahrt. Genau wie Amber Anderson, die übrigens zu den Frauen gehört, die Filmproduzent Harvey Weinstein öffentlich der sexuellen Nötigung beschuldigt haben, hat der deutsche Schauspieler keine Angst vor neuen Herausforderungen oder davor, in dem Debüt eines noch völlig unbekannten Filmemachers mitzuwirken. Muss er auch nicht haben, denn gewöhnlich stecken Regisseure ihre ganze Energie in ihr erstes Spielfilmprojekt. Damit das Publikum sich noch lange daran erinnert.

Woran ich mich wahrscheinlich erinnern werde, sind die Kostüme. Das Trachtenkleid, das Régine an ihrem ersten Ausgehabend trägt, die Vintage-Röcke, in denen sie schlafwandelnd durch den Film stolpert, die steifen Anzüge des Vaters. Virginia Ferreira, die Lebenspartnerin von Christian Neuman hat sie entworfen. Bemerkenswert ist auch die Arbeit von Maskenbildnerin Jasmine Schmit, die das hübsche Gesicht der jungen Luxemburger Schauspielerin Sophie Mousel in das der gealterten und in einem Irrenhaus vegetierenden Rose verwandelt. Alles in allem ist „Skin Walker“ ein atmosphärisch stimmiger Film, und hätte Christian Neuman etwas mehr an der Story gefeilt, wäre aus dem von Jesus Gonzalez-Elvira von Calach Films produzierte Streifen tatsächlich etwas ganz Besonderes geworden.

Fotos: Michaela Knizova/Calach Films (4), Amandine Klee
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Drei Fragen an Christian Neuman

Christian-Neuman_Portrait_©AmandineKlee2019-KopieHerr Neuman, wie ist „Skin Walker“ geboren worden?
Die Figur einer psychisch labilen jungen Frau spielte bereits in meinem letzten Kurzfilm eine Rolle. Und eigentlich wollte ich mich auch in meinem ersten Spielfilm mit dem Thema Angststörungen auseinandersetzen. Als ich dann während des Filmfestivals in Riga an einem Schreibatelier teilnahm, wurden meine Ideen immer konkreter, und ich begann mit der Arbeit an einer ersten Version des Drehbuchs.

Haben Sie dabei schon konkret an die Schauspielerin Amber Anderson als Régine gedacht?
Nein, die Produktion eines Films ist zu komplex und ungewiss, um ein solches Risiko einzugehen. Eine Figur und eine Geschichte funktionieren nicht aufgrund eines bestimmten Darstellers. Stattdessen muss das Drehbuch gut genug sein. Die Schauspieler in „Skin Walker“ sind alle gecastet worden. Wobei ich allerdings zugeben muss, dass die Persönlichkeit und die äußere Erscheinung jedes Einzelnen die Filmrolle im Nachhinein mitbestimmt hat. Amber Anderson habe ich in London getroffen. Noch vor der ersten Vorspielszene wusste ich, dass sie genau die Richtige für die Rolle der Régine sei.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit ihr und den anderen Schauspielern?
Die Tatsache, dass es einige Parallelen zwischen der Geschichte des Films und dem privaten Leben von Amber Anderson gibt, hat manches leichter gemacht. Zudem habe ich herausgefunden, dass Musik ihr sehr wichtig ist. Also sind wir die für „Skin Walker“ vorgesehenen Kompositionen zusammen durchgegangen. Was es uns ermöglicht hat, die Gefühlswelt der Protagonistin besser zum Ausdruck zu bringen. Jefferson Hall, der den Vater des toten Bruders spielt, arbeitet lieber nach dem Prinzip des Method Acting, was sich mitunter als ziemlich herausfordernd erwies. Was Udo Kier betrifft, haben wir verschiedene Szenen auf zwei unterschiedliche Weisen gedreht. Mal spielt er „verrückter“, mal ruhiger. Diese Vorgehensweise hat mir beim Schnitt erlaubt, die Entwicklung seiner Figur besser zu dosieren.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Philippe Reuter

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