Radsport
Der Bengel der Berge
09.02.2012, 12:46 –
Auch wenn er bisher noch nicht auf den Champs-Élysées feiern konnte, in den Geschichtsbüchern zur Tour de France tritt Andy Schleck nach dem jüngsten Urteilsspruch des CAS die legitime Nachfolge eines Charly Gaul an.
Wenn eine Geschichte zu schön ist, um wahr zu sein, dann ist sie das auch nicht“, schrieben wir in der Revue 40/2010 (das komplette Doping-Dossier können Sie bei revue.lu nachlesen) als Meinung zu den umfangreichen Erklärungsversuchen des Contador-Lagers nach Bekanntwerden seiner positiven Doping-Probe auf Clenbuterol. Meinen heißt aber nicht wissen. Nach endlosen Wochen und Monaten meint der oberste Sportsgerichtshof CAS nach Anhörung aller möglichen und unmöglichen Zeugen und Experten zu wissen, was nach strenger Auslegung der Regeln der Weltantidopingagentur WADA von Anfang an klar war: Schuldig und zwei Jahre Sperre mit Aberkennung aller Ergebnisse des internationalen Radsportverbandes UCI seit Juli 2010, also vor allem jener Tour-Sieg 2010 und der Giro 2011. Damit gewinnt das Saxo-Bank-Team von Bjarne Riis zwar den Toursieg von 2010, verliert allerdings mit Alberto Contador den Fahrer, auf den das aktuelle Team ausschließlich zugeschnitten ist. Dies mindestens bis zum Ablauf seiner Sperre am 5. August 2012, falls er nicht sogar seine angedeutete Drohung, seine Karriere zu beenden, wahr macht. Diese Situation konnte auch ein Entlastungszeuge wie der „Lügendetektorspezialist“ Louis Rovner nicht verhindern, der bereits früher die später überführte fünffache Medaillengewinnerin in der Leichtathletik der Spiele von Sydney, Marion Jones, für unschuldig befunden hatte.
Schuldig und eine zwei- jährige Sperre.
Ob der Schuldspruch des dominierenden Radsportlers der letzten Jahre den Radsport jetzt in seine nächste große Krise stürzt, oder gerade dieses Urteil Zeichen und Fanal eines neuen, glaubwürdigen und sauberen Radsports ist, in dem auch wirklich jeder Sünder bestraft wird, liegt wohl vor allem an der Sichtweise eines jeden. Auch wenn die Bücher und Statistiken 52 Jahre nach dem Erfolg eines Charly Gaul ab jetzt einen vierten luxemburgischen Toursieger führen werden, so war Andy Schleck von dieser unendlichen Geschichte die letzten Monate vor allem genervt. Bei der Teamvorstellung Anfang dieses Jahres meinte er etwas unwirsch, er würde diese ganzen Verhandlungen „eigentlech net verfollegen“. Er konzen-triert sich auf das, was er am Besten kann – Radfahren – und schob die Last dieser unsäglichen Situation zu den Zuständigen der Sportgerichte: „Do sëtze gebilte Leit, déi dat entscheeden. Ech akzeptéieren déi Decisioun. Wann d’Entscheedung déi ass, dann huelen ech natierlech Giel.“ Obwohl er nach dem Betrug des Spaniers und dem endlich erfolgten Urteil nun rechtmäßiger Sieger der Tour de France 2010 ist, hat dieser ihm unwiederbringlich den schönsten Moment geraubt, von dem ein Radsportler nur träumen kann. Und auf den hin Andy Schleck weiter trainiert: „Ech wëll a Giel op den Champs-Élysées stoen.“



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