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Stadt der Extreme

„Shopping in Luxembourg, Good Idea“ wirbt die Gemeinschaft Good Idea. Doch was genau macht die Stadt für Kunden attraktiv? revue war auf Shoppingerlebnistour und hat die Geschäftswelt befragt.

Dienstag in der Mittagsstunde. Die Terrassen und Gassen ringsum den Place d’Armes füllen sich. Im Hintergrund wird die Bühne für das nächste Konzert vorbereitet. Es ist Sommer, die Stadt lebt. Und das Wetter spielt zur Abwechslung auch mit. Das fördert natürlich die Einkaufslaune. Ein mit Tüten bepacktes Paar nimmt neben mir auf der Bank Platz. Die beiden kommen aus dem benachbarten Lüttich und sind von ihrem Ausflug ins Großherzogtum begeistert: „Shopping und Kultur lassen sich hier sehr gut verbinden, da die Altstadt nur wenige Gehminuten von den Haupteinkaufsstraßen entfernt ist.“ Tatsächlich liegen zahleiche Sehenswürdigkeiten wie die Kasematten und die Corniche direkt um die Ecke. Und zu den anderen gelangt man im Handumdrehen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Mit dem Auto gestaltet sich der Weg von A nach B nicht immer derart unbeschwert. Zu den Stoßzeiten kann sich die Parkplatzsuche vielmehr zu einem Spießrutenlauf gestalten. Doch Besserung ist in Sicht. „Demnächst wird das Parkhaus Knuedler ausgebaut. Hier entstehen dann 250 neue Parkplätze. Auch das Parkhaus Aldringen wird um 300 Parkplätze
erweitert,“ kündigt Bürgermeisterin Lydie Polfer an. Bevor es so weit ist, steht natürlich erst einmal eine weitere Baustelle an. In der Innenstadt kommt man zurzeit an vielen vorbei. Zwar sind sie in einheitsgelben Verkleidungen mit der Aufschrift „Unsere Zukunft bauen“ gehalten, sie trüben dennoch das Stadtbild. Vor den beiden größeren Baustellen, die durch die beiden Mammutprojekte, die Tram und das multifunktioneller Gebäudekomplex „Royal Hamilius“, demnächst anstehen, graut es vielen Geschäftsleuten jetzt bereits. „Bauarbeiten sind natürlich nie etwas Schönes. Es wird schwierig, aber danach wird das Shoppingerlebnis auch viel besser. Da haben alle Beteiligten etwas davon. Was die aktuellen und zukünftigen Bauarbeiten im Zentrum angeht, wird jedes Geschäft immer erreichbar sein,“ so die Bürgermeisterin.

Revival: Der Pariser Platz  und die Tram im Jahr 1958, 2017 feiert die Straßenbahn ihr Comeback. Foto: Théo Mey/Photothèque de la Ville de Luxembourg

Revival: Der Pariser Platz und die Tram im Jahr 1958, 2017 feiert die Straßenbahn ihr Comeback.
Foto: Théo Mey/Photothèque de la Ville de Luxembourg

Beim Bummeln durch das Zentrum fällt noch etwas ins Auge: zugeklebte Schaufenster, die für Ende und Neuanfang zugleich stehen. Während der Name des alten Besitzers noch an einigen Fenstern haftet, wird an anderen schon der neue angekündigt. Allein im letzten Sommer kam es zum Konkurs von rund 20 Modeläden in der Grand-Rue und Rue Philippe II. Dabei handelte es sich um das Geschäftsimperium zweier französischer Unternehmer, die ihre Firmengruppe mitunter durch höhere Mietangebote und Eintrittsgelder („pas-de-porte“) derart schnell expandieren konnten. Ein Jahr später hat sich der Handel erholt. „Sämtliche Geschäfte wurden inzwischen von neuen Besitzern übernommen. Das sehe ich als positives Zeichen,“ meint Lydie Polfer. Die politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen dieser Spekulationsspirale, sprich die angekündigte Reform des Mietgesetzes, stehen noch aus. Das neue Mietgesetz soll langjährige Mieter besser schützen und aggressive Methoden torpedieren.

Thierry Nothum, Direktor der Luxemburgischen Handelskonföderation (CLC), sieht das neue Mietgesetz jedoch mit Vorbehalt. „Schutzmaßnahmen dürfen nicht bedeuten, dass der Eigentümer plötzlich keine Rechte mehr hat. Wir befürchten jedoch, dass genau das eintreten wird. Dann könnte ein Mieter ein Lokal jahrelang für sich beanspruchen und später, wenn der Eigentümer ihn endlich hinaussetzen könnte, müsste dieser ihm noch eine außerordentlich hohe Entschädigungssumme (bis zu 18 Mal die Höhe der Miete) ausbezahlen.“ Zur Mietproblematik gehören aber auch die Preise, die je nach Straße oder sogar innerhalb einer Straße stark variieren. Im oberen Teil der Rue Philippe II und im Zentrum der Grand-Rue sind die Mietpreise (110 bis 300 Euro pro Quadratmeter, Quelle: UCVL, Stand 2014) am teuersten. „Es gibt sehr große Unterschiede zwischen den Mieten in diesen beiden Straßen und in den Seitenstraßen. Dort hat man aber nicht weniger Erfolg als in den teuren Straßen“, behauptet Nothum.

„ Bauarbeiten sind natürlich nie etwas Schönes.“, Lydie Polfer, Bürgermeisterin der Stadt Luxemburg

Viele Einzelhändler tun sich mit derart horrenden Mieten schwer. Anders dagegen die Luxusgeschäfte, die immer mehr die Überhand im Zentrum zu übernehmen scheinen. Hinter dieser Entwicklung steckt eine Strategie. Die Gemeindeverantwortlichen sowie der UCVL erhoffen sich vom stetig wachsenden Luxussegment, dass es noch mehr kaufwillige Touristen vor allem aus China und Russland anlockt. Doch kann das der richtige Weg sein, alles auf eine Karte zu setzen? Bei alteingesessenen Geschäftsleuten und der Bevölkerung kommt dieses Vorhaben jedenfalls nicht immer gut an. „Ich flaniere in der Stadt an den Schaufenstern entlang, beim ‚Windowshopping‘ bleibt es dann aber auch meistens.  Es gibt überteuerte und preiswerte Geschäfte, aber nicht viel dazwischen. Das ist frustrierend “, berichtet eine Passantin. Tatsächlich bewegt sich die Stadt zwischen Extremen. Am deutlichsten wird dies im Bahnhofsviertel. Es wirkt im Vergleich zur schicken Oberstadt wie ein Stilbruch. Zwar wird hier mehr für die weniger Betuchten geboten, doch wirklich einladend ist die Kulisse nicht. Und das, obwohl genau dieser Stadtteil von Laufkundschaft geprägt ist.

Laut Erfahrungswerten des Cityshopping Info Points der UCVL, der sich im Cercle auf dem Place d’Armes befindet, mangelt es in der Stadt noch an ganz anderen Stellen. „Die Leute erkundigen sich häufig nach Geldwechselbüros, die es hierzulande nicht gibt. Geldwechseln kann man nur in Bankinstituten, die in der Regel bis 17 Uhr geöffnet und am Wochenende ganz geschlossen sind“, berichtet Yves Piron, Direktor der UCVL. „Doch auch spezifische Branchen wie Spielsachen-, Sportartikel- oder Musikgeschäfte sind sehr gefragt, aber kaum vertreten,“ so Piron weiter. Eine weiteres Manko sind Warenhäuser. Die Lücke, die die Traditionshäuser Monopol und Rosenstiel hinterlassen haben, ist groß. Während man hochwertige Kleider und Textilien an jeder Ecke findet, gestaltet sich die Suche nach Gegenständen für den alltäglichen Gebrauch als Shoppingsafari. Stellt sich die Frage, ob Traditionsbetriebe irgendwann ganz von der Stater Geschäftsfläche verschwinden. Oder birgt dieser Wandel auch eine Chance für sie?

_CHO1383Pierre Delhalt, Inhaber des CD Buttek beim Palais

Der Musikhändler ist seit 1980 in der Stadt ansässig. Angesichts der zahlungskräftigen ausländischen Großkonkurrenz sieht er die Lage der Luxemburger Einzelhändler wenig aussichtsreich.
„Immer mehr Geschäfte in der Stadt werden aufgegeben. Schuld daran sind die ins Unermessliche steigenden Mietpreise. Ich habe das Glück, dass meine Miete noch sehr moderat ist. Würde diese jedoch plötzlich um das Doppelte oder Dreifache steigen, dann könnte ich meinen Laden zumachen. Weitere negative Aspekte sind die nicht enden wollenden Baustellen und der Mangel an Parkplätzen, die dazu beitragen, dass immer weniger Kunden hierher zum Einkaufen kommen. Die Stadt bietet meiner Ansicht nach dem Luxemburger Handel keine Zukunft. Zu teuer, zu unsicher ist die Situation für die Geschäftsleute. Bald werden nur noch finanzstarke Handelsketten im Stadtzentrum sein, die Kleinen werden verschwinden. Man darf sich nicht wundern, wenn es viele Menschen zum Einkaufen nach Trier oder Metz zieht. Denn dort gibt es noch jene Vielfalt, die bei uns nach und nach verloren geht.

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Mireille Rahme, Inhaberin des Downtown Café und des Café des Capucins sowie der Textilgeschäfte Vida Loca und 0-16.

Die Vizepräsidentin des hauptstädtischen Geschäftsverbandes liebt an der Stadt die Vielfalt, die dort geboten wird. Kritik übt sie aber an der Abschaffung  des Rabattverbots außerhalb der Solden.
„Wir haben eine Hauptstadt, die man mit Großstädten wie Paris, London oder Berlin gar nicht vergleichen kann und sollte. Doch was auf diesem kleinen Areal alles geboten wird, das finde ich schon einzigartig. Die Wege sind kurz, alle Einkäufe können in kurzer Zeit erledigt werden. Festivals und Kulturevents schaffen dazu eine ganz besondere Atmosphäre, die viele Neukunden in die Stadt lockt. Das einzige, das fehlt, ist ein großes Kaufhaus wie seinerzeit der Monopol. Was die Restaurations- und die Kinderbekleidungsbranche angeht, kann ich nicht klagen. Schwerer hat es dagegen die Damenbekleidungsbranche. Den Hauptgrund dafür sehe ich in der Tatsache, dass es statt einmaliger Solden das ganze Jahr über Rabattaktionen geben darf. Die Kunden glauben deswegen, benachteiligt zu werden, wenn sie Kleidung zum vollen Preis kaufen, und warten stattdessen auf die nächste Preisaktion. Das macht den ganzen Markt kaputt.“

_CHO1989Serge Weffling, Geschäftsführer und Hauptteilhaber der Boucherie Berg-Koenig

Seit 43 Jahren arbeitet der Metzgermeister in dem Luxemburger Traditionsbetrieb. Ihn ärgert am meisten die Baupolitik und der Parkplatzmangel der Stadt Luxemburg.
„Natürlich muss gebaut und erneuert werden. Aber dann sollte es auch zügig vorangehen. Warum nicht, wie im Ausland üblich, in zwei Schichten arbeiten? Den Stadtverantwortlichen scheint es egal zu sein, dass monatelange Bauarbeiten für uns Geschäftsleute einen beträchtlichen Umsatz- und sogar Kundenverlust bedeuten. Ich fürchte, wenn die Bauarbeiten für die Tram angelaufen sind, dann werden noch viele Geschäfte für immer schließen müssen. Auch der Parkplatzschwund in Nähe der Geschäfte für den täglichen Bedarf schreckt immer mehr Kunden ab. Eine Familie, die beim Bäcker, beim Metzger, auf dem Markt einkauft, wird sich kaum mit sperrigen Taschen und Tüten samt Kindern in den Bus quetschen oder mit dem Fahrrad fahren wollen. Wenn sich an der Parkplatzsituation nichts ändert, dann wird aus der Stadt bald ein Ort, der nur zum Spazierengehen und für Touristen taugt. Von Touristen kann ein Lebensmittelgeschäft jedoch nicht leben.“

_CHO2126Fernand Ernster, Generaldirektor und Inhaber von Ernster – l’Esprit livre

Der Präsident der luxemburgischen Handelskonföderation (CLC) arbeitet seit 1984 in dem Luxemburger Familienunternehmen, der zurzeit drei Niederlassungen in der Stadt und drei in größeren Einkaufszentren umfasst. Er vermisst im Zentrum einen ausgewogenen Branchenmix, der an den anderen Standorten gegeben sei.
„Die Stadt ist noch immer attraktiv. Insbesondere samstags und im Sommer ist sie ein beliebter Treffpunkt. Doch der Branchenmix wird zurzeit in eine spezifische Richtung gelenkt und zwar in die der teuren und hochwertigen Produkte. Die Basisversorgung wie eine Schraube oder Glühbirne findet man häufig nur noch an vereinzelten Stellen oder eben in den Einkaufszentren in der Peripherie. Dort herrschen oftmals eine kohärente Geschäftspolitik, ein komplettes Erscheinungsbild und eine gesamte Marketingherangehensweise vor. In der Stadt ist das schwieriger umzusetzen. Schließlich gehört sie nicht einer Person, sondern einer Vielfalt. Von diesen vielfältigen „Besitzern“ würde ich mir eine noch proaktivere Vorgehensweise wünschen, damit die Stadt auch in Zukunft attraktiv bleibt. Ich bedauere es zudem, dass viele Ministerien aus dem Stadtzentrum weggezogen sind und das Zentrum seine Wohnfunktion eingebüßt hat. Wir Geschäftsleute haben dadurch natürlich einige Stammkunden verloren.“

_CHO1627Anne Zwick, Geschäftsführerin des Herrenausstatters Zwick

Vor über 40 Jahren zog der 1943 eröffnete Familienbetrieb aus dem Bahnhofsviertel in die Oberstadt um. Die diesbezüglichen Bedenken ihres Schwiegervaters Marcel Zwick erwiesen sich als unbegründet. Sorgen bereiten der Geschäftsführerin heute jedoch die Baustellen- und Parkplatzproblematik.
„Aus Angst, die Kunden würden an dem neuen Standort ausbleiben, legte mein Schwiegervater damals das Becken mit den Schildkröten im Schaufenster an. Tatsächlich ging diese Strategie auf. Die Schildkröten zogen die Kinder haufenweise an und lockten deren Eltern dadurch in unseren Laden. Bis heute sind die kleinen Panzertiere ein Publikumsmagnet. Die Sicht auf das Schaufenster und den Laden insgesamt wurde jedoch ein Jahr lang durch eine Baustelle versperrt, deren Ende sich aus unterschiedlichen Gründen um mehrere Monate verzögerte. Wir waren komplett vom Stadtgeschehen abgeschlossen, was sich durch deutliche Umsatzeinbußen bemerkbar machte. Immerhin waren gleich zwei Saisons betroffen. Zudem erhielten wir viele Beschwerden von Kunden über die baustellenbedingten Unannehmlichkeiten. Für Unzufriedenheit sorgt bei der Kundschaft aber auch die Anzahl an Parkplätzen. Ich würde es daher begrüßen, wenn es mehr Parkplätze gäbe und nicht so viele Baustellen gleichzeitig errichtet werden würden.“

_CHO1667Tom Decker, Teilhaber des Concept Stores Extrabold und der Modeboutique Honey/Mustard

Zusammen mit Carolyn Gobran und Antoine Weber Seit betreibt Tom Decker seit sieben Jahren das Geschäft Extrabold in der Avenue de la Liberté. Vor zwei Jahren eröffneten die drei einen weiteren Laden, diesmal in der Oberstadt. Für ihn ist nicht alles schwarz-weiß.
„Das Bahnhofsviertel ist günstiger, dafür aber nicht so attraktiv wie die Oberstadt. Dennoch haben wir an beiden Standorten kaum Laufkundschaft. Die Kunden kommen vielmehr zu uns, weil wir uns einen Namen gemacht haben. Von daher können wir uns nicht beklagen. In puncto Tram sind wir ebenfalls positiv gestimmt. Natürlich haben wir Angst vor dem Bauloch vor unserer Tür, das sich sicherlich in der Kasse bemerkbar machen wird. Gleichzeitig freuen wir uns auf das Ergebnis. Wenn eine Stadt leben will, muss sie sich entwickeln. Wir hoffen nur, dass es kurz und schmerzlos von statten geht. Es muss in Schichten gearbeitet werden, sonst macht die Tram den Handel kaputt anstatt ihn zu verbessern. Wünschenswert wäre auch, wenn es weniger Taxistände und stattdessen mehr Kurzeitparkplätze in der Avenue de la Liberté gäbe. Außerdem würden wir uns über die Fahrradständer freuen, die wir vor einem Jahr beantragt haben.“

ISABELLE-LUTZ-002Nadine Berend, Geschäftsführerin der Boutiquen Richy und Richard

Vor drei Jahren stieg die ehemalige Bankangestellte in die beiden Geschäfte ihrer Mutter Maisy Richard ein, damit diese weiterhin in Familienhand bleiben. Ihr mangelt es in der Stadt an Animation.
„Die Gemeinde- und Stadtverantwortlichen sollten punktuell mehr für die ganze Stadt organisieren. Statt verkaufsoffener Sonntage, an denen leider nur noch wenige Geschäfte teilnehmen, könnten sie beispielsweise öfter einen Straßenverkauf mit Animation einplanen. Schließlich zieht das immer noch viele Leute an, wie der Straßenmarkt im Mai und die Braderie zeigen. Insgesamt hat sich das Kaufverhalten der Kunden jedoch verändert. Sie kaufen nicht mehr so viel auf einmal. Wir haben Kundinnen, die sich jeden Monat ein Kleidungsstück kaufen. Noch deutlicher zeichnet sich die Krise aber in der Herrenbranche ab. Dort haben wir in den letzten Jahren auch ein Defizit verzeichnet. Frauen machen in Krisenzeiten häufig Frusteinkäufe, eingespart wird eher bei den Männern. Frauen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, kaufen weiterhin Kleider, nur halt weniger. Arbeitslose Männer kaufen hingegen dann gar keine Anzüge mehr, weil sie sie ja nicht mehr benötigen“.

_CHO1952Isabelle Lutz , Diamantenexpertin des House of Diamonds

Seit 2003 ist das Edeljuweliergeschäft in der Rue des Capucins ansässig. Wie ihre Mutter, Inhaberin Jeanne Rassel, macht sich auch Isabelle Lutz Sorgen um die Reputation der Stadt.
„Bauarbeiten werden zu oft zu einem ungünstigen Zeitpunkt begonnen. So soll zum Beispiel noch vor Ende des Jahres eine Baustelle durch die ganze Rue des Capucins gehen. Dass dieser Termin vielen in dieser Straße das Weihnachtsgeschäft verdirbt, scheint niemanden zu interessieren. Die Gemeindeverantwortlichen sagen, dass sie Wert auf eine gepflegte Hauptstadt legen – aber dann sollten sie auch dafür sorgen, dass sie sauberer wird. Es gibt nicht genügend Abfalleimer, die Straßen werden nicht oft genug gereinigt, überall liegt der Müll von Fastfood-Restaurants herum. Dazu müsste man den unzähligen Bettlern, die sich bereits ungestört im Park am Theaterplatz häuslich eingerichtet haben, endlich Herr werden. Viele Kunden fühlen sich nicht mehr sicher, doch Polizeipatrouillen sehen wir kaum. Das Bild, das die Stadt zurzeit vermittelt, ist eher schmuddelig als elegant. Eine Reklame ist das sicher nicht.“

Russische Kunden im Visier

_CHO2185Guill Kaempff, Präsident der Union Commerciale de la Ville de Luxembourg (UCVL) und Direktor vom Feinkostladen „Kaempff-Kohler“, 56, über die Reform des „bail commercial“, Chinesen als Shoppingweltmeister und warum die Innenstädte von Trier und Metz an Attraktivität verlieren.

Interview: Tina Noroschadt

Die Regierung reformiert das „bail commercial“. Wie stehen Sie dazu?

Die UCVL unterstützt die Reform. Wir müssen in die gleiche Richtung wie in Belgien und Frankreich gehen. Das heißt: Es kann nicht sein, dass man als Mieter viele Jahre ein Geschäft betreibt und sich einen Kundenstamm aufgebaut hat, vom Eigentümer plötzlich vor die Tür gesetzt wird, nur weil dieser ein besseres finanzielles Angebot hat. Bei unseren Nachbarn bekommt der Mieter eine Entschädigung. Das gibt es hier nicht. Das ist nicht richtig. Der „pas-de-porte“ ist eine französische Praxis die sich glücklicherweise hier nicht flächendeckend etabliert hat. Die Zahlung betrifft vor allem die am meisten umworbenen Geschäftslokale im Stadtkern oder in Einkaufspassagen. Die Praxis führt dazu, dass die internationalen Handelsketten sich auf Kosten von kleinen Geschäften niederlassen können.

Ist das riesige Shoppingcenter „Royal Hamilius“ ein Angriff auf die City oder eine Wiederbelebung?

Eine Belebung! Wir begrüßen das Projekt, weil es unser Angebot erweitert. Laut Promotor und Gemeinde bekommen wir 16 neue Geschäfte mit einem Department Store. Bis das Projekt fertig ist, werden die Bauarbeiten einige Probleme mit sich bringen. Die betroffenen Geschäftsleute machen sich Sorgen. Die anderen machen sich auch Sorgen, allerdings wegen der unzureichenden Kommunikation und dem Austausch über die Bauphasen von fünf Jahren. Wir appellieren an die Gemeinde, dass sie genügend informiert.

Viele kleine Geschäfte sterben langsam aus…

Seitens der Politik muss es den Geschäftsleuten einfacher gemacht werden, sich hier zu etablieren. Die Prozeduren müssen vereinfacht werden. Es ist heute nicht leicht, genügend gute Geschäftsflächen zu finden, da die Stadt räumlich begrenzt ist.

Viele kritisieren die vielen Luxusläden. Stimmt der Mix?

Unser Stadtbild hat sich in den letzten fünf bis zehn Jahren stark verändert. Wir haben viele Luxusgeschäfte hinzubekommen. Man darf nicht vergessen, dass das uns auch ermöglicht hat, einen internationalen Tourismus zu etablieren. Über 200.000 Chinesen kommen pro Jahr in unsere Stadt. Sie geben pro Kopf an zwei Tagen bis zu 1.300 Euro (inkl. Essen und Hotel) aus. Wir haben auch viele russische, japanische und koreanische Kunden. Sie würden alle nicht kommen, wenn wir nicht das richtige Shoppingangebot hätten. Was Russland angeht, müssen wir eine Direktfluglinie nach Moskau bekommen. So könnten wir mehr finanzkräftige Kunden gewinnen. Ob der Mix stimmt, ist schwierig. Der UCVL hat keinen Einfluss darauf. Einen breiten Branchenmix begrüßen wir natürlich.

Wie stark ist die Konkurrenz von Metz und Trier?

Trier verliert an Attraktivität, weil das Zentrum nicht das Angebot an hochwertigen Labels wie Luxemburg-Stadt bietet. Metz hat in den letzten Jahren stark unter dem Bau der Tram gelitten. Viele Geschäfte sind aus der City an den Stadtrand umgezogen, was der Attraktivität enorm geschadet hat.

Die Parkplatznot und die Verkehrs- und Baustellen-problematik erschweren das Shoppingerlebnis…

Ja, die Erreichbarkeit ist schlecht. Die Gemeinde hat vieles zeitlich zusammengeplant wie die Baustellen in der Rue Notre-Dame und in der Rue du Fossé sowie die Erweiterung vom Parkhaus „Place Guillaume“. Hinzukommt die neue Brücke. Bald wird das „Royal Hamilius“ gebaut, die Tram kommt auch noch. Wir haben nicht immer die richtige Baustellenkoordination. Die Gemeinde will keine Entschädigung für die direkt betroffenen Läden zahlen. Der UCVL ist für einen Finanzausgleich oder ähnliches, nur so können die Geschäfte überleben. Wir wünschen uns mehr Proaktivität von der Gemeinde, um die Herausforderungen gemeinsam anzugehen.

Wie gefährdet der Onlinehandel den Handel im Zentrum?

Ich sehe es nicht als direkte Konkurrenz, dennoch nimmt der Onlinehandel uns einen kleinen Teil des Umsatzes weg. Das E-Shopping wird nie das Flair und den Service eines Einkaufsbummels haben. Elektronik und Bücher sind beim E-Shopping sehr gefragt. Im Luxussegment sieht es anders aus, da will der Kunde einen gewissen Extraservice und Beratung vor Ort.

Ist die „Stater Braderie“ noch das Event für die Geschäfte?

Ja, es ist das Verkaufsfest des Jahres. Über 200.000 Leute kommen nur deswegen in die Hauptstadt. Der Umsatz ist stabil. Wir leiden aber darunter, dass die Shoppingcenter bis zu vier Tage vorher auch Rabatte geben und uns dadurch Kaufkraft wegnehmen.

„Glücklich über das Luxusimage“

_CHO1984Die Staatssekretärin für den Mittelstand Francine Closener, 44, über das „Royal Hamilius“ als Lokomotive, die hohe Kaufkraft im Land und warum die Tram das Einkaufserlebnis verbessert.

Interview: Tina Noroschadt

Luxemburg soll zum Einkaufszentrum der Großregion werden. Wo steht das Projekt?

Es hat sich zu einer Successstory entwickelt. Die Hauptstadt kann den Wettlauf mit Trier und Metz gewinnen, es läuft sehr gut. Demnächst kommt noch das „Royal Hamilius“. Dort entstehen 600 neue Arbeitsplätze. In Gasperich eröffnet Auchan 2015 ein riesiges Einkaufszentrum. Das schafft 1.700 neue Arbeitsplätze. Delhaize will auch expandieren. Luxemburg hat viele Vorteile, sonst würden diese großen Ketten nicht kommen.

Gehen Sie zum Shoppen ins nahe Grenzgebiet?

Immer weniger, weil es eigentlich in Luxemburg alles gibt.

Gibt es für die vielen Einkaufszentren hier noch genügend Kunden? 

Ja, das denke ich! Nur wenn es sich für die Geschäfte auch rentiert, kommen sie zu uns. Das Großherzogtum ist ein Einwanderungsland, das stark wächst und auch zukünftig weiter wachsen wird. Zudem leben hier viele Menschen mit einem hohem Einkommen und einer hohen Kaufkraft.

In Krisenzeiten sinkt die Kaufkraft. Wie ist das hier?

Luxemburg ist keine Insel, aber die Krise hatte wenig Auswirkungen auf die Kaufkraft. Laut Prognosen werden unsere Arbeitslosenzahlen ab dem zweiten Quartal 2015/Anfang 2016 wieder sinken. Unser Wirtschaftswachstum im ersten Quartal 2014 ist gut und liegt bei 3,8 Prozent. Einen Einbruch der Kaufkraft ist unwahrscheinlich, auch weil die Inflation niedrig ist. Trotz Krise ist der Umsatz in den letzten vier Jahren im hiesigen Handel um eine Milliarde Euro höher ausgefallen als in den vier Jahren zuvor.

Hat der Stater Einzelhandel ein Imageproblem?

Nein, das glaube ich nicht. Es gibt zwar viele Luxusläden, aber die gibt es auch in anderen Großstädten. Für die Innenstadt und unser Land ist die Entwicklung gut, denn viele Touristen aus Asien und Osteuropa kommen nur deswegen hierher. Wir können glücklich sein, dass wir dieses Luxusimage haben. Natürlich gibt es auch viele Leute, die mit diesen Läden nichts anfangen können. Andere behaupten, dass die kleinen Läden das Nachsehen haben. Dem stimme ich nicht zu, denn auch sie haben viele Möglichkeiten, gute Geschäfte zu machen.

Die Tram soll ab 2017 fahren. Welche Auswirkungen hat das
für die Kunden und Geschäfte?

Der Kunde kann bis vor die Tür fahren, das Shoppingerlebnis wird verbessert. Die Übergangszeit wird durch die Bauarbeiten nicht einfach. Es gibt Möglichkeiten, das abzufedern. Ein runder Tisch mit allen Akteuren wäre sinnvoll, um Lösungen zu finden. Ich verstehe die Ängste der Geschäftsleute, einige werden finanzielle Einbußen erleiden. An einer Lösung wird gearbeitet.

Warum sind unsere Öffnungszeiten noch so unflexibel? 

In den letzten Jahren hat ein Umdenken eingesetzt. Ich bin im Prinzip für liberalere Öffnungszeiten. Es muss mit allen Sozialpartnern abgesprochen sein. Dabei gibt es heute schon Möglichkeiten: Jeder Laden kann jeden Sonntag bis 13 Uhr öffnen. Es gibt aber kaum Geschäfte, die mitmachen. Flexiblere Öffnungszeiten bedeuten auch, dass die Leute sie nutzen und dass auch die Restaurants und Cafés mitziehen.

Viele kaufen gerne im Grenzgebiet ein, weil das Angebot größer ist, die Preise günstiger und der Service besser…

In den letzten Jahren ist hier in Sachen Service viel passiert. Dennoch haben wir Nachholbedarf. Ein guter Kundendienst ist ein wichtiges Argument, um im Konkurrenzkampf mit der Großregion, aber auch mit dem Onlinehandel mitzuhalten. Was die Preise anbelangt, ist es schwieriger. Viele müssen ihre Ware über Zwischenhändler einkaufen. Das ist ein Problem, auf das das Wirtschaftsministerium die EU-Kommission wiederholt aufmerksam gemacht hat. Die EU-Kommission will es ändern.

Viele kleine Läden beklagen sich über die hohen Mieten in der Hauptstadt. Zu Recht?

Unsere Mietpreise im Zentrum liegen nur etwas über denen der Metzer Innenstadt. Im Vergleich mit Basel, Zürich, Düsseldorf sind unsere Mieten sogar niedriger. Die alte Regierung hat ein Gesetzesprojekt über den „bail commercial“ eingereicht. Das haben wir zurückgezogen. Verbesserungen sind notwendig – in Bezug auf das „pas-de-porte“ oder den Mieterschutz gegenüber den willkürlichen Entscheidungen des Vermieters. Ich bin skeptisch, was das Festlegen von Höchstgrenzen bei Mietpreisen anbelangt. Das Geld wird immer seinen Weg finden.

Zahlen und Fakten

Aktuell sind 500 Geschäfte Mitglied der „Union Commerciale de la Ville de Luxembourg“ (UCVL). Auf dem ganzen Territorium der Stadt Luxemburg befinden sich insgesamt rund 1.000 Läden, in der Ober- und Unterstadt gibt es 700 Geschäfte. Am häufigsten im Stadtzentrum vertreten ist die Bekleidungsbranche (inkl. Kindermode und Accessoires) mit 31 Prozent. Die längste Einkaufsstraße der Oberstadt, die Grand-Rue, zählt derzeit 97 Geschäfte. Die Anzahl der Stater Luxusläden beträgt etwa 30. Zur Braderie in der Oberstadt und im Quartier Gare werden am 1. September über 200.000 Besucher erwartet: Über 400 Händler bieten auf 5 Kilometern Verkaufsfläche ihre Waren an.

Eine Umfrage in der Großregion hat das unterschiedliche Kaufverhalten unserer Nachbarn untersucht. 46 Prozent der befragten Franzosen kauft häufig in der Innenstadt ein, bei den Belgiern sind es 34 Prozent. Am wenigsten zieht es unsere deutschen Nachbarn ins Stadtzentrum: Nur 26 Prozent erledigen ihre Einkäufe dort. Unterschiede gibt es auch bei den Gründen, warum es die Bewohner der Großregion nach Luxemburg zieht. So sind die Franzosen und die Belgier am meisten an den Solden und an anderen Rabattaktionen interessiert, die Deutschen werden dagegen am meisten von Artikeln und Marken, die in ihrem Land nicht erhältlich sind, angelockt.

Quelle: UCVL / TNS ILReS, clc

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Author: Georges Noesen

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