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Stilles Leben

Dafür, wie sich bestimmte Organismen entwickeln, gibt es keine Formel. Trotzdem hat die Wahrscheinlichkeitsrechnung Eingang in die Wissenschaften gefunden – Charles Darwin sei Dank. Ihm und seinen Naturbeobachtungen hat Justine Blau ihre aktuelle Ausstellung gewidmet.

In früheren Jahrhunderten haben die Menschen ihre Umwelt nicht allzu genau beobachtet. Und wenn doch, haben sie diesen Beobachtungen keine große Bedeutung zugemessen. Stattdessen vertraute man auf Gott oder irgendjemand sonst, der alles wusste, was man wissen musste. Warum also sollte man wertvolle Zeit und Energie darauf verschwenden, neue Erkenntnisse zu sammeln? Charles Darwin dachte anders. Für ihn machte Forschung durchaus Sinn, und als 1831 ein Naturwissenschaftler gesucht wurde, um mit der HMS Beagle an die Südspitze Südamerikas zu fahren, um dort kartografische Messungen durchzuführen, zögerte der damals 22-Jährige keine Sekunde.

Auf den Galápagos-Inseln wollte Justine Blau sich davon überzeugen, dass die Sicyos villosa tatsächlich ausgestorben ist.

Aus der Expedition wurde eine Odyssee. Im September 1835 erreichte das Schiff die Galápagos-Inseln an der Küste Ecuadors. Während der einmonatigen Vermessungsarbeiten sammelte der Brite zahlreiche Tier- und Pflanzenproben, doch wie wertvoll diese Funde waren, wurde er sich erst nach seiner Rückkehr bewusst. In seinem Forschungstagebuch hielt er fest, dass es auf jeder Insel des Archipels eigene Arten von Schildkröten, Drosseln und Finken gibt, die zwar eng miteinander verwandt sind, sich jedoch in ihrem Körperbau und ihrer Nahrung voneinander unterscheiden. Den Mechanismus, der für die Veränderung und Anpassung verantwortlich ist, bezeichnete er als natürliche Selektion. Und diese Auslese lässt nur die Stärksten überleben.

Was das alles mit Justine Blau und ihrer Ausstellung zu tun hat? Nun, eine ganze Menge. Es geht in „vida inerte“ um die Beziehung zwischen Mensch und Natur sowie darum, dass der Mensch biologische Grenzen im 21. Jahr-
hundert zu sprengen droht. Doch obwohl in den Laboratorien in aller Welt völlig neue Lebewesen erschaffen werden können, indem das Genmaterial unterschiedlicher Lebewesen gemischt wird und neue Gene hervorgebracht werden, bleibt die von Charles Darwin als äußerst robust eingestufte Sicyos villosa für immer verloren. Weil die sicher gestellten DNA-Spuren der Pflanze zu beschädigt sind und eine Neugeburt oder die Herstellung einer ähnlichen Art verhindern. Dass derartige bewusste Eingriffe auf biologischer und gentechnischer Ebene überhaupt möglich sind und der Mensch plötzlich Gott spielt, scheint die Luxemburger Künstlerin gleichermaßen irritiert und schockiert zu haben. Mit Recht.

Aufmacher-Manipulation-(autoportrait-détail)Tierschützer weisen auf das Leid von Versuchstieren hin. Menschenrechtler befürchten, dass mit Hilfe der Gentechnik Übermenschen gezüchtet werden können. Endzeitprediger prophezeien das Aufkommen von Diktaturen, die furchtlose Soldaten und willenlose Arbeiter klonen. Justine Blau reist derweil auf die Galápagos-Inseln, um vor Ort herauszufinden, ob die Sicyos villosa tatsächlich ausgestorben ist. Zurück kommt sie mit einer Menge Bilder im Kopf, die sich allmählich aneinanderfügen und eine mehr oder minder zusammenhängende Geschichte erzählen: „vida inerte“. Totes Leben. Ein Widerspruch? Nicht unbedingt. Kuratorin Marie-Noëlle Farcy erklärt das stete Hin und Her zwischen Wirklichkeit und Fantasie als ein sehr fruchtbares künstlerisches Terrain, auf dem jeder Kunstschaffende sich wohl fühlen muss.

In Cambridge und Paris hat Justine Blau ebenfalls für ihre Ausstellung recherchiert. Im Garten des Musée national d’histoire naturelle entstand beispielsweise die Schwarzweißaufnahme einer Skulptur, die in ihrer Hand ein Ei hält. Eine Fotomontage? Keineswegs. Eher der Beweis dafür, dass die Künstlerin Humor hat und sich dem doch recht schwierigen Thema ihrer Auseinandersetzung mit Charles Darwin auf ironische Weise zu nähern versucht hat. Zum Teil auch auf manipulatorische. Am beeindruckendsten ist in diesem Zusammenhang ihr Selbstporträt mit dem Titel „Manipulation“. Man sieht mehrere Hände, zwei Beine, viel Grün. Und etliche Reagenzgläser. Ich weiß zwar nicht, wie die Sicyos villosa aussieht, aber ich habe nach ihr auf dem Bild gesucht, und wahrscheinlich hätte ich sie gefunden, hätte ich gewusst, wonach ich suchen sollte. So funktioniert die gesamte Ausstellung. Man wird neugierig. Man stellt sich Fragen. Was bitteschön bedeutet beispielsweise der Untertitel „phusis kruptesthai philei“? Eine imaginäre Sprache? Nein, es handelt sich um einen Aphorismus von Heraklit und bedeutet in etwa „Die Natur mag es, sich zu verstecken“. Bereits im fünften Jahrhundert vor Christus übte der griechische Philosoph nachhaltige Kritik an der Lebensart der meisten Menschen und einer oberflächlichen Realitätswahrnehmung aus. Des Weiteren beschäftigte er sich – wie auch Justine Blau – mit dem Verhältnis von Gegensätzen und dem natürlichen Prozess beständigen Werdens und Wandelns. Ganz im Sinne von: Alles fließt.

Es geht in „vida inerte“ um die Beziehung zwischen Mensch und Natur sowie darum, dass die Gentechnik des 21. Jahrhunderts biologische Grenzen zu sprengen droht.

An dem Tag, an dem ich „vida inerte“ in der Galerie Nei Liicht besuchte, lief abends zufällig „Jurassic World“ im Fernsehen. Der Film spielt in einem Vergnügungspark voller Dinosaurier auf der fiktiven Insel Isla Nubar und erzählt davon, dass alle paar Jahre neue Attraktionen gezüchtet und aufgefahren werden müssen, um das Interesse der Besucher nicht zu verlieren. So grausig die Vorstellung ist, ausgestorbene Lebewesen wiederzuerwecken, ein russisch-japanisch-koreanisches Wissenschaftlerteam hat unlängst das Genom eines Mammuts entschlüsselt, das im ewigen sibirischen Eis gefunden wurde. Nun ist geplant, einem Elefanten ein befruchtetes Ei zu entnehmen, dessen Erbgut durch das Mammut-DNA zu ersetzen und das Ei einem Elefantenweibchen einzupflanzen. Nach 22 Monaten würde dann das erste Mammut seit 5.000 Jahren geboren werden. Unvorstellbar? Nicht für Biologen. Von der Komplexität des Themas der Ausstellung sollte man sich übrigens nicht abschrecken lassen, denn „vida inerte“ stimmt nicht nur nachdenklich, sondern lädt auch zum Schmunzeln ein.

Fotos: Justine Blau

Bis zum 12. Juli in der Galerie Nei Liicht in Düdelingen.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Martine Decker

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