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Streik macht Schule

Tausende, oftmals zehntausende Jugendliche in vielen Ländern demonstrieren seit Monaten freitags gegen die Klimapolitik ihrer Regierungen. Sie können es nicht mehr hinnehmen, dass zu wenig gegen die steigende Erderwärmung und gegen die zunehmenden Emissionen an Treibhausgasen getan wird. Sie haben genug von der Untätigkeit der Regierungen. Sie wollen Veränderungen und dafür so lange auf die Straße gehen, bis „die Erwachsenen aufhören, unsere Zukunft zu zerstören“. Und dafür schwänzen sie die Schule.

Angefangen hat es mit Greta Thunberg. Im August vergangenen Jahres zog die junge Schwedin mit der Parole „Schulstreik für das Klima“ vor das schwedische Parlament. Seither demonstriert sie jeden Freitag. Immer mehr Schüler haben sich ihr angeschlossen, machen ihrem Ärger Luft und protestierten für „Fridays for Future“. Von einem „Wunder vom Freitag“ schreibt die Berliner „tageszeitung“, und „Les jeunes poussent“ die Pariser „Libération“. Aus dem Protest der 16-jährigen Greta, die auf dem UN-Klimagipfel in Polen, dem Weltwirtschaftsforum in Davos und bei EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker in Brüssel war, ist ein globales Phänomen geworden, mittlerweile gibt es Schüleraktivisten, die dem Vorbild der Schwedin folgen. Kürzlich nahm an einer Demo in Paris auch eine kleine Gruppe Luxemburger Schüler teil.

Am kommenden Freitag, dem 15. März, wollen die Jugendlichen in rund 40 Ländern der Welt streiken, auch hierzulande. In Luxemburg treffen sich die Demonstranten gegen Mittag auf dem Glacis zum „Global Strike for Future“. Dass Schüler streiken, ist im Großherzogtum kein Novum. Schülerstreiks haben eine gewisse Tradition: Angefangen mit dem großen Protest im April 1971, als es vor allem gegen den Autoritarismus der Schulleitungen, den archaischen Unterricht und um die Solidarität für Schüler ging, die in Diekirch von ihrem Lycée verwiesen worden waren; dann der Streik von 2006 gegen das umstrittene „5611er“-Gesetz in Sachen Jugendarbeitslosigkeit; nicht zuletzt die Proteste gegen die geplanten Verschlechterungen bei den Studienbeihilfen im Mai 2014.

Wird aus „Fridays for Future“ eine politische Bewegung mit Zukunft? Es wäre zu wünschen.

Der Unterschied zu früheren Protesten: Die Schüler heute haben den Segen – pardon: die Erlaubnis – des Bildungsministers. Claude Meisch hat in einem Rundschreiben die Direktoren der Lyzeen darüber in Kenntnis gesetzt. Er begründet die Entscheidung mit dem noblen Ziel der Kundgebung. Die Schüler sollen nicht wegen unerlaubten Fehlens im Unterricht bestraft werden. Allerdings brauchen sie die schriftliche Erlaubnis ihrer Erziehungsberechtigten. Die Erlaubnis ist kein Freibrief. Allerdings ist sie auch ein Zeichen dafür, dass es sich hierbei nicht so sehr um einen Konflikt zwischen Demonstranten und Autoritäten, zwischen Schülern und Lehrern, Jugendlichen und Erwachsenen geht. Der Protest steht nicht für einen Generationenkonflikt. Viele Eltern und Lehrer teilen das Anliegen der Jugendlichen. Jung und Alt sollen demonstrieren. Der Klimawandel geht uns alle an. Die luxemburgische Regierung setzt sich vor allem in Person von Umweltministerin Carole Dieschbourg für den Klimaschutz ein und ist bemüht, damit aus dem Klimasünderland ein Klimamusterland wird. Umso wichtiger ist ein Schulterschluss der Generationen.

Umso positiver ist auch das Zeichen, das Dieschbourgs liberaler Ministerkollege Meisch setzte, indem er den schulpflichtigen Demonstranten grünes Licht gab. Während in Deutschland darüber diskutiert wird, was schwerer wiegt, die Schulpflicht oder die Meinungs- bzw. Versammlungsfreiheit, und vor allem konservative Politiker betonen, dass die Rettung der Welt kein Schulschwänzen rechtfertigt, heißt es in Luxemburg „entschuldigt abwesend“. Doch wird aus „Fridays for Future“ eine politische Bewegung mit Zukunft? Es wäre zu wünschen. Denn die globale Situation ist dramatisch. Der Welt geht in der Klimapolitik die Zeit aus. Daher ist der Appell der Schüler dringlicher denn je. Ihr Grundmotiv: Warum für die Zukunft lernen, wenn es keine Zukunft gibt!

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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