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Süßes Gift aus der Wasserpfeife

Einer von vier Jugendlichen raucht hierzulande Shisha. Tendenz steigend. Doch ist das Shisha-Rauchen, wie viele glauben, eine harmlose Alternative zur Zigarette? Welche Gefahren und Schadstoffe verstecken sich wirklich in dem süßlichen Rauch?

„Ich kann mit gutem Gewissen behaupten, dass ich garantiert nicht Shisha-abhängig bin“, behauptet der 27-jährige Gilles. Er ist fest davon überzeugt. „Es ist nicht, als müsse ich unbedingt Shisha rauchen, nein, ich will es.“ Mit 15 Jahren raucht er zum ersten Mal heimlich mit Freunden Wasserpfeife. Um trendy zu sein. Der süße Rauch schmeckt und das Blubbern der Shisha wirkt beruhigend. „Es war für mich vor allem interessant, weil ich in meinen Augen etwas Besonderes machte, dass andere nicht taten. Ich wollte einfach nur cool sein.“

So wie Gilles rauchen 24 Prozent der Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren hier in Luxemburg Shisha. Das ergab eine aktuelle Studie von Fondation Cancer und TNS Ilres. Im Vergleich zu 2016 sind das vier Prozent mehr. Das Shisha-Rauchen liegt nämlich voll im Trend.

„Es ist ein gemeinsamer Nenner“, meint Steven Macedo. Der 26-Jährige ist Besitzer einer Shisha-Bar in Diekirch. „Es hat einen sozialen Aspekt. Man verbringt wieder Zeit miteinander und raucht nebenbei genussvoll eine Shisha.“

Viele junge Leute sind überzeugt, dass das Shisha-Rauchen in geselliger Runde und die fruchtigen Shisha-Mischungen nicht schädlich oder zumindest eine gesündere Alternative zur Zigarette sind. Es riecht ja auch so gut nach Erdbeere, Minze oder Apfel. Was soll schon gefährlich daran sein? Sie sind sich nicht bewusst, dass es sich hier um eine pure Marketing-Strategie der Tabakindustrie handelt, die nur ein einziges Ziel hat: Jugendliche zum Rauchen zu verführen.

„Beim Shisha-Rauchen wird sehr viel Dampf produziert. 125 Mal mehr als bei einer Zigarette.“
Maiti Lommel, Fondation Cancer

„Ich bin mir bewusst, dass es nicht gesund ist“, betont Gilles. „Trotzdem rauche ich fast jeden Tag nach der Arbeit meine Shisha. Es entspannt mich nach einem stressigen Tag.“ Zwölf Jahre hält jetzt schon seine Leidenschaft für die süßliche Wasserpfeife an. Auch wenn sie am Anfang nur sporadisch war, wurde die Beziehung zur Shisha im Laufe der Jahre intensiver. Das gibt Gilles auch problemlos zu. Doch will er nicht einsehen, dass es sich eher um eine toxische Beziehung handelt. „Shisha rauchen macht nicht abhängig. Also, ich auf jeden Fall bin es nicht“, betont er mehrmals, als wolle er mich oder vielleicht auch sich selbst davon überzeugen.

„In der Shisha befindet sich Tabak, und im Tabak befindet sich Nikotin. Nikotin macht abhängig“, erklärt die Tabakologin Maiti Lommel. „Beim Shisha-Rauchen nimmt eine Person sogar zweieinhalb Mal mehr Nikotin auf, als wenn sie eine Zigarette raucht.“

Die Weltgesundheitsorganisation hatte schon darauf hingewiesen, dass der inhalierte Rauch einer Wasserpfeifen-Sitzung dem Rauchvolumen von 100 Zigaretten entspreche. Der Tabak in der Shisha wird nicht wie bei der Zigarette verbrannt, sondern bei niedriger Temperatur verschwelt. Aber in der beliebten Shisha stecken noch weitaus mehr erschreckende Überraschungen. Der Wasserpfeifen-Tabak besteht größtenteils aus einer Mischung von Tabak, einem Abfallprodukt aus der Rohzuckerherstellung, die als Melasse bezeichnet wird und Glycerin. „Ich möchte betonen, dass ich meinen Kunden nur Shisha-Tabak ohne Teer anbiete“, erklärt Steven Macedo. Eine sicherlich gutgemeinte Absicht, denn auch wenn der Teer tatsächlich nicht im Tabak enthalten ist, entsteht er bei der Verschwelung, und so gelangt er in unsere Lungen. „Gesetzlich gesehen, gelten beim Verkauf von Shisha-Tabak dieselben Vorschriften wie beim Verkauf von Zigaretten“, erklärt die Tabakologin. „Das bedeutet, dass der Verkauf von Shisha-Tabak an Jugendliche unter 18 Jahren verboten ist.“

„Beim Shisha-Rauchen nimmt eine Person sogar zweieinhalb Mal mehr Nikotin auf, als wenn sie eine Zigarette raucht.“ Maiti Lommel, Fondation Cancer

Das hält die Jugendlichen aber nur selten von ihrem Shisha-Konsum ab. An den Tabak kommen sie meistens durch geheimgehaltene Umwege und die Shisha-Versammlungen spielen sich hinter verschlossenen Türen ab. Und immer öfter enden diese mit bösen Überraschungen. In der internationalen Presse liest man zum Beispiel immer häufiger von Kohlenmonoxid-Vergiftungen.

„Beim Shisha-Rauchen wird sehr viel Dampf pro-duziert. 125 Mal mehr als bei einer Zigarette“, weiß Maiti Lommel von der Fondation Cancer. „Es entsteht auch viel Kohlenmonoxid. Eine zu hohe Konzentration Kohlenmonoxid in einem verschlossenen und schlecht durchlüfteten Raum kann da schon gefährlich werden, aber ich würde sagen, dass das eher selten passiert.“

Neben den zahlreichen Krankheiten, die durch den Konsum von Tabak ausgelöst werden, wie zum Beispiel Herz-Kreislauf Krankheiten, Lungenkrebs und siebzehn andere Krebsarten, kann mangelnde Hygiene ebenfalls zu Krankheiten und Infektionen führen.

„Wenn nur ein Mundstück für mehrere Raucher verwendet wird, können durch Speichelreste Krankheiten wie Herpes, Tuberkulose oder Hepatitis (Gelbsucht) übertragen werden“, warnt die Tabakologin Maiti Lommel.
Hygienevorschriften müssen in Shisha-Bars nach jedem Gebrauch eingehalten werden. Als Kunde sollte man im Zweifel nicht zögern und sich bei dem Lokalinhaber informieren. „Unsere Wasserpfeifen werden nach dem Gebrauch komplett auseinandergenommen und gründlich gereinigt“, erklärt Steven Macedo. „Jeder Kunde bekommt auch sein eigenes Mundstück. Es ist in Plastik verpackt und wird erst vor dem Kunden ausgepackt.“

Hierzulande steigt, wie in vielen europäischen Städten, die Anzahl der Bars und Cafés, in denen man das Rauchen einer Wasserpfeife bestellen kann. Solange die gesetzlichen Regeln wie bei Alkohol und Zigaretten eingehalten werden, spricht ja auch nichts dagegen. Und doch haben Shisha-Bars keinen besonderen guten Ruf.

„Am Anfang hatte ich vor allem Angst, ich würde eine schlechte Kundschaft anziehen“, erinnert sich Steve Macedo. „Im Sommer, wenn ältere Leute an der Terrasse vorbeikommen und die vielen Shisha-Raucher beobachten, gibt es schon die eine oder andere Bemerkung. Sie sind überzeugt, wir würden hier Drogen konsumieren.“

Auch Gilles möchte, wie er sagt, „nicht klassiert“ werden. „Es kommt einfach nicht gut an, wenn man in einer Shisha-Bar gesehen wird“, betont er. Der junge Mann möchte nicht, dass die Außenwelt von seinem Shisha-Konsum erfährt. Freunde und Familie wissen Bescheid. Dabei soll es aber bleiben. „Im Ausland wird das Ganze eher toleriert. Man wird nicht schief angekuckt.“ Macht man ihn auf die vielen Studien aufmerksam, die klar beweisen wie schädlich Shisha-Rauchen ist, wird er skeptisch. „Ich habe mich intensiv mit dem Thema beschäftigt“, behauptet der 27-Jährige. “Wenn ich diese Studien lese, frage ich mich wirklich, ob das alles stimmt, auch wenn in jeder Studie immer ein bisschen Wahrheit steckt.“
Wie viele Shisha-inhalierende Teenager hält er sich wahrscheinlich für einen Nichtraucher. Der Wasserpfeifenboom hat also sicherlich noch ein paar schöne Tage vor sich. Zur großen Freude der Tabakindustrie.

Fotos: Anne Lommel (5), Philippe Reuter

Mehr Informationen: Tabac-Stop – so heißt der Telefondienst der Fondation Cancer, der Sie gerne informiert, berät und auf den Rauchstopp vorbereitet. Tel.: 45 30 331, www.maviesanstabac.lu

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

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Author: Martine Decker

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