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Tabu Haarausfall

Schönes, volles und glänzendes Haar ist für Frauen ein wichtiger Teil ihrer Weiblichkeit und gilt in unserer Gesellschaft als Schönheitsideal. Der Verlust der Haarpracht ist für die meisten Betroffenen ein großes, psychisches Leiden. Haarausfall bei Frauen ist aber nicht immer eine Fatalität. Die Ursachen können demnach unterschiedlich sein.

Fotos: Anne Lommel, Tania Feller (Editpress), Clarissa S. (pixelio.de)

“Es ist eine der schlimmsten Erfahrungen meines Lebens“, verrät Antoinette*. „Ich habe tagelang geweint, als mir klar gemacht wurde, dass meine Haare nicht nachwachsen würden.“ Die 56-Jährige gibt sich tapfer und scheint sich ihrem Schicksal gefügt zu haben. Sie spricht offen über ihre Erfahrung, über die Ursachen und deren Konsequenzen. „Ich hatte so schönes, dickes Haar und jetzt trage ich eine Perücke, mit der ich mich nicht wohl fühle“, sagt sie. „Es ist schlimm, weil man nicht mehr dieselbe Person ist, die man mal war.“

Antoinette lässt sich zwar nicht von ihren Emotionen überwältigen, aber es ist spürbar, dass dieses traumatisierende Erlebnis ihr nahegegangen ist. Die Haare haben bei den meisten Frauen eine hohe Bedeutung, wenn es um ihr Selbstbild geht. Sie fühlen sich dadurch attraktiv und begehrenswert. Das Äußere soll der eigenen Persönlichkeit entsprechen. Dazu kommt dann auch noch, dass lange Haare für das männliche Geschlecht als „typisch weiblich“ gelten. Das beweisen sogar psychologische Studien. Lange Haare wirken auf Männer attraktiv. Kein Wunder also, dass die Frauenseele stark leidet, wenn die Haarpracht weniger wird und schlussendlich ausfällt.

„In den häufigsten Fällen ist Haarausfall bei Frauen psychosomatisch bedingt“, weiß Dermatologe Xavier Miller. „Der Grund dafür kann eine Stresssituation sein.“ Es sei in diesem Fall nicht leicht festzustellen, was die exakte Ursache für den Haarausfall sei. Es könne sich aber um eine immunologische Störung handeln. Das bedeutet, dass das Immunsystem die Kopfhaare als Fremdkörper ansieht und sie dann abstößt. „Solange das Immunsystem nicht umgepolt wird, wachsen die Haare nicht mehr nach“, erklärt Dr. Miller.

Es gibt verschiedene Formen von Haarausfall. Der erblich bedingte Verlust der Haare ist am meisten verbreitet. Bei Frauen ist dies zwar weniger häufig der Fall als bei Männern, doch auch sie sind betroffen. Jede fünfte Frau leidet darunter. Die Haare werden schon in jungen Jahren dünner, vor allem im hinteren Kopfbereich. Dieses Phänomen kann sich in den Wechseljahren verstärken. Es entsteht in diesem Fall ein Östrogenmangel. Man spricht von einer hormonellen Umstellung. Zu einer Glatze kommt es aber nicht.

„Hormonelle Schwankungen gibt es auch nach einer Schwangerschaft“, betont der Hautarzt. „Die Haare fallen während einer Phase von drei bis vier Monaten nach der Geburt aus. Doch sie wachsen nach, sobald diese Schwankungen vorbei sind.“ Eine andere Ursache nennt sich diffuser Haarausfall. Dieser ist allerdings psychologisch bedingt. Es kann sich zum Beispiel um eine Schilddrüsenfunktionsstörung handeln. Ein Mangel an roten Blutkörperchen, Eisenmangel oder Medikamente können auch zum Haarverlust führen.
Antoinette litt bereits als 20-Jährige unter kreisrundem Haarausfall. Die von Frauen wahrscheinlich am meisten gefürchtete Variante des Haarverlusts. In nur kurzer Zeit entstehen runde, kahle Stellen am Kopf. „Bei mir war es stressbedingt“, verrät die 56-Jährige. „ Mit Medikamenten bekommt man die Situation aber in den Griff.“ Doch mit 40 erlitt sie einen emotionalen Schock. Über Nacht wurde ihr Haar grau. Und dann, während einer Reise, geschah das Unvorstellbare. „Meine Augenbrauen sind mir plötzlich ausgefallen. In drei bis vier Tagen waren alle weg.“ In nur kurzer Zeit fielen dann auch die Kopfhaare aus. Ihr Dermatologe entschied sich für eine Injektionsbehandlung. Bei dieser Methode werden Wirkstoffe in die Kopfhaut gespritzt, so dass in verschieden Fällen die verlorenen Haare wieder nachwachsen können.

Doch bei Antoinette war die Hoffnung auf eine Rückkehr der verlorenen Haarpracht nur von kurzer Dauer. „Nach drei Monaten Therapie konnte keine Änderung festgestellt werden. Der Arzt hat mir dann zu verstehen gegeben, dass nichts mehr zu machen ist. Es war klar: Die Haare werden nicht mehr nachwachsen.“ Die einzige Alternative ist, eine Perücke oder eine Glatze zu tragen. Auch wenn sie ihre Situation nicht verheimlicht und offen dazu steht, fällt es Antoinette schwer, Kunsthaare zu tragen. „Es ist ein Fremdkörper“, betont sie und mit einem Lachen fügt sie hinzu: „Ein teurer Fremdkörper.“ Alle drei Jahre übernimmt die Krankenkasse eine Perücke in Höhe von 180 Euro. Unzureichend, findet sie. „Für eine gute Perücke muss man mit 600 Euro rechnen. Wird sie jeden Tag getragen, hält sie auf keinen Fall drei Jahre. Es entstehen also Kosten, die ich aus eigener Tasche zahlen muss.“

Wird sie auf ihr Kunsthaar angesprochen, erklärt sie problemlos ihre Situation. „Es gibt Leute, die glauben, ich würde an Krebs leiden. Ich kläre sie dann auf. Die meisten sind ganz verlegen“, erklärt Antoinette. „Trotzdem verliert man an Selbstsicherheit. Die Leute schauen einen an. Sie bemerken, dass ich eine Perücke trage.“ Von ihrem Lebensgefährten behauptet sie, dass er wahrscheinlich nicht zugeben will, dass ihn ihr Haarproblem stört. „Er behauptet, es spiele keine Rolle. Aber vielleicht sagt er das nur aus Liebe zu mir.“

Laut Dr. Miller sind Fälle wie bei Antoinette eher selten. Es handelt sich nur um ein Prozent der Patienten. „Alle sind theoretisch gesehen heilbar “, versichert Dr. Miller „Eine Blutprobe klärt über die organische Störung auf. Die kann dann mit Hilfe von Medikamenten oder einer Therapie behoben werden.“ Es gibt eine Vielfalt von Methoden, wie zum Beispiel Injektionen, eine Phototherapie oder eine UV-Behandlung. Der Arzt kann aber auch auf eine medikamentöse Behandlung zurückgreifen.

„Bei Frauen, die in den Wechseljahren sind, kann man Finasterid einsetzen, wenn nachgewiesen wurde, dass der Testosteronspiegel zu hoch ist“, erklärt der Dermatologe. „Dieses Medikament unterdrückt die männlichen Hormone. Deshalb bekommen auch nur Frauen, die in den Wechseljahren sind, Finasterid verschrieben, denn bei ihnen ist eine Schwangerschaft ausgeschlossen. Finasterid kann nämlich einen Einfluss auf die Föten haben.“

Finasterid ist ein Haarwuchsmittel, das seit einigen Monaten weltweit in der Presse für Diskussionen sorgt. Das Medikament sei verantwortlich für Erektionsstörungen, Depressionen und Konzentrationsschwierigkeiten. „Die Zeit“ berichtet kürzlich von Tausenden Betroffenen in Deutschland. In den USA seien es Zehntausende, die jetzt gegen die Firmen klagen wollen, die Finasterid verkaufen. „Beim Finasterid gibt es keine Nebenwirkungen, auch wenn in der Presse viel darüber geschrieben wird“, betont Dr. Miller. „Das sind meiner Meinung nach falsche Informationen. Es handelt sich für mich um einen Konkurrenzkampf zwischen zwei Firmen, die ähnliche Produkte verkaufen. Finasterid ist ein bekanntes Medikament und das schon seit 40 Jahren. Es wird auch bei Prostatastörungen eingesetzt. Es wurde behauptet, Finasterid wäre verantwortlich für Erektionsprobleme. Das ist aber nicht wahr. Das wurde getestet und bewiesen.“

*Name wurde von der Redaktion geändert

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

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Author: alommel

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