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Tabula rasa

In „Batter Zäiten“, dem ersten Soloprogramm von und mit Kabarettist Pascal Granicz, wird gehörig aufgeräumt. Demnach: warm anziehen, denn es weht ein eisiger Wind durch Neudorf.

Herr Granicz, worauf muss das Publikum gefasst sein, wenn es – wie Sie meinen – fünf vor zwölf ist?
Nun, wie jeder mittlerweile weiß, hat die CSV bei den letzten Regierungswahlen Federn gelassen. Gambia wurde geboren. Darüber sind der großherzogliche Hof und die katholische Kirche mit Sicherheit wenig erfreut gewesen. Es herrschen demnach „batter Zäiten“, und niemand kann vorausahnen, wie es weitergeht und ob es irgendwann besser wird und…

Vorzügliche Voraussetzungen für einen Kabarettisten, oder?
Eigentlich schon. Schade bloß, dass es während der Sommerpause so gut wie keine handfesten Informationen in Bezug auf die „Rentrée“ gegeben hat und ich nun Tag für Tag damit rechnen muss, meine Texte umzuändern oder anzupassen oder sogar neu zu schreiben.

Wie bereitet man sich überhaupt auf ein Kabarett-Programm vor, dass sich von der politischen Aktualität ernährt?
Ich lese drei Tageszeitungen und surfe recht intensiv im Internet, um ständig auf dem Laufenden zu sein. Dieses Rohmaterial wird gesammelt und so lange in meinem Kopf gespeichert, bis ich die Idee zu einem flotten Sketch habe. Wobei mir die Bezeichnung Sketch nicht gefällt. Ich schreibe keine „ge(schau)spielten Witze“, sondern „Nummern“.

Die trotzdem alle mit einer prägnanten Schlusspointe abschließen…
… oder auch nicht. Es gibt durchaus eine gewisse Dramatik, aber es gibt auch Momente, die das Publikum zum Nachdenken anregen soll. Wer sich Witzeleien erwartet, bei denen man sofort losprustet und sich vor Lachen auf die Schenkel klopft, wird allerdings enttäuscht sein.

Mitte der 1980er Jahre standen Sie als Gitarrist der Folkgruppe „Vun Tuten a Blosen“ auf der Bühne. Wann wurden Sie Kabarettist?
Als Josy Braun mich nach der Produktionen eines Hörspiels darum bat, sein Kabarettprogramm zu vertonen, und plötzlich jemand krank wurde. „Elo kënns du op d’Bühn“, hieß es. Ich hatte drei Tage Zeit, um die Texte zu lernen. Es hat wunderbar geklappt.

Was auch der Fall mit dem „Cabarenert“ war. Warum haben Sie aufgehört?
Weil das Unternehmen „Cabarenert“ aufgrund des Publikumserfolgs immer größer und mir eines Tages zu groß geworden ist. Wochenlang auf Tournee zu sein und in Kulturhäusern vor mehreren hundert Leuten aufzutreten, war nicht wirklich mein Ding. Kabarett ist Kleinkunst und soll, meiner Meinung nach, in einem kleinen Kreis von Zuschauern gespielt werden. Daher mag ich Henri’s Hall. Hier kann ich den Leuten ins Gesicht schauen, sehe ihre Reaktionen, fühle mich wohl.

Wohl fühlen Sie sich aber auch in der Haut von Me Gaston Vogel?
Ohne allzu viel über die Nummer zu verraten, die in „Batter Zäiten“ Me Vogel gewidmet ist, eins steht fest: Er wird mal wieder kräftig aufräumen, niemanden verschonen, nicht einmal sich selbst, und am Ende in der Hölle schmoren. Die ursprüngliche Idee, ihn zu imitieren, stammt übrigens von RTL-Journalist Marc Thoma. Als er den „Fierschterprozess“ gewonnen hatte, lud er zu einer kleinen Feier ein, auf der ich – rein spaßeshalber – Me Vogel nachahmte. Jay Schiltz traute sich daraufhin, einen passenden Text zu schreiben.

Und über wen machen Sie sich in Ihrem Soloprogramm noch lustig?
Ex-Ministerin Octavie Modert, die eine Künstlerkarriere starten will und von Theaterdirektor die Rolle des sterbenden Schwans in „Schwanensee“ angeboten bekommt, ist natürlich ein sehr dankbares Opfer. Wie auch Rocker „Hellen Engel“, dessen Hund Pit weitaus schlauer ist.

Und worum geht es genau in dieser „Nummer“?
Kurz zusammengefasst: Der „Hellen Engel“ will sein Leben ändern und Polizist werden, ist dafür allerdings zu dumm. Eine Sportlerlaufbahn kann er ebenfalls nicht einschlagen. Also wird er Politiker und bekommt als Mitglied der ADR eine besondere Mission: Er soll im Ösling ein Reservat für „Stacklëtzebuerger“ einrichten.

Klingt ziemlich rassistisch…
… behauptet nicht jeder Luxemburger: „Ech si kee Rassist, mee…“ Also darf ich darüber auch spotten.

Anderthalb Stunden wird Ihre One Man Show dauern. Keine leichte Herausforderung.
Stimmt, und ich bin selbst gespannt auf das Resultat. Gleichzeitig freue ich mich riesig und kann die Premiere kaum erwarten. „Alles ass prett.“ Die Musik, eine nicht unwichtige Komponente des Programms, das giftgrüne Tutu, das die „Octavmodi“ tragen wird… Von mir aus könnte es morgen schon losgehen.

Premiere ist am 3. Oktober um 20 Uhr in Henri’s Hall in Neudorf. Weitere Vorstellungen bis 8. November.

Mehr Infos und Kartenvorbestellung: www.granicz.lu 

Pascal Granicz

Foto: Philippe Reuter

1961 in Steinfort geboren, beruflich in verschiedenen Bereichen tätig, u.a. als Journalist und Weinverkäufer. Mit der Folkgruppe „Vun Tuten a Blosen“ spielt Pascal Granicz Mitte der 1980er Jahre unzählige Konzerte im In- und Ausland. Von 1988 bis 2000 regelmäßige Auftritte im Cabaret „JB mat Äis“ mit Josy Braun, von 2001 bis 2009 Mitglied der Cabarenert-Truppe. Zudem arbeitet er mit dem Ensemble Den Theater.lu und Jay Schiltz („Béierdeckelsgespréicher“) zusammen, steht in etlichen Kindertheaterstücken auf der Bühne und übernimmt in Marc Thomas Film „D’Engelcher vu Schëndels“ die männliche Hauptrolle des Franz Ewert.

 

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Georges Noesen

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