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Tanken mit Blues

Der Fall AdBlue zeigt nicht nur, wie Mineralölkonzerne lange Zeit ohne Rücksicht auf die Umwelt gute Geschäfte mit dem Luxemburger Staat machten, sondern auch wie die Ära des Tanktourismus allmählich zu Ende gehen könnte.

Foto: Isabella Finzi (editpress)

Die Kasse klingelt. Die junge Frau im T-Shirt des Tankstellenbetreibers nimmt die rund 200 Euro für Kaffee, Whiskey und Zigaretten sowie für den gekauften Sprit vom Kunden entgegen. Es herrscht Hochbetrieb. Eine Gruppe Trucker aus Litauen holt sich Kaffee, ein Bulgare schlurft aufs Klo. Eine niederländische Familie macht gerade auf dem Heimweg Pause. Es ist ein Tag wie jeder andere an der angeblich größten Autobahntankstelle der Welt – ein „Dorado“ für Ölkonzerne, eine Steuerquelle für den Staat. Tanktourismus im Jahr 2016. Wie lange noch?

„Abpumpen, abpumpen“, heißt es draußen, unweit der Raststätte. Mehr will der Arbeiter mit der Sicherheitsweste nicht sagen. Er ist nicht der Einzige, der in letzter Zeit an der Aire de Berchem zu Gange war, um die Folgeschäden der Panne um die ausgelaufene Harnstofflösung AdBlue zu beseitigen. Mehrere Firmen aus Luxemburg und Deutschland waren in den vergangenen Wochen damit beschäftigt. Der Fall AdBlue hat die Tankstelle in ein wenig gutes Licht der Öffentlichkeit gerückt. Die Panne hat zudem viele Fragen aufgeworfen.

Eine erste war die nach der Kontrolle des Shell-Konzerns über seine eigene Anlage: Am Anfang sollen es 7.000 Liter des Gemischs gewesen sein, dann wurde von mehr als 40.000 Litern ausgegangen, und schließlich wurde von 55.000 Litern gesprochen. Haben die Shell-Verantwortlichen vor Ort das Problem übersehen oder kleingeredet?

Seitdem das Leck publik wurde, wird an der Shell-Tankstelle kein AdBlue mehr verkauft. Unterdessen zeigt sich Shell bemüht, den entstandenen Schaden wieder gut zu machen und kündigte sogar an, sich daran zu beteiligen, in der nahen Alzette, in die das Gemisch – das für Dieselfahrzeuge verwendet wird, um den Stickoxidausstoß zu verringern – floss, wieder Fische anzusiedeln. Denn in dem Fluss war es ungefähr zur selben Zeit, als das AdBlue-Leck auftrat, zu einem Fischsterben gekommen. Ein möglicher Zusammenhang ist bis heute nicht geklärt. Während auf dem Tankstellenareal Bodenproben vorgenommen wurden, analysierte man auch das Alzette-Wasser, das erhöhte Ammonium-, Nitrit- und Nitrat-Werte aufwies.

Die Autobahntankstellen genossen hierzulande jahrelang eine Art Freischein. Das gute Geschäft schien sich auch unter der blau-rot-grünen Regierung zunächst fortzusetzen. Doch der Fall AdBlue hat das zuständige Umweltministerium zum Handeln gezwungen. Reagiert wurde schnell. Die grüne Umweltministerin Carole Dieschbourg, die Anfang August eine „mise en demeure“ verfügt hatte, verlangte vom Tankstellenbetreiber eine Komplettsanierung des Bodens. Das belastete Sickerwasser wurde abtransportiert. Obwohl die Entsorgung sich alles andere als einfach herausstellte: In der Bettemburger Kläranlage konnte zum Beispiel die nitrathaltige Brühe nicht entsorgt werden. Überhaupt haben viele Kläranlagen hierzulande Modernisierungsbedarf. Die verseuchten Restbestände wurden nach Deutschland gebracht.

Die Folgekosten des AdBlue-Lecks belaufen sich mittlerweile auf Millionenhöhe. Doch war der Zwischenfall vom vergangenen Juni und Juli nicht der erste. Auch in der benachbarten Aral-Tankstelle hatte es bereits Probleme gegeben. Und an den anderen der insgesamt acht Autobahnraststätten? Insgesamt gibt es in Luxemburg rund 240 Tankstellen mit etwa 2.200 Beschäftigten. Beide Zahlen sind in den vergangenen Jahren stabil geblieben. Vor allem zwei Tendenzen waren festzustellen: der Trend hin zu Großtankstellen und die Verlagerung vom Ortsinnern in die Peripherie. Die Gruppe, welche die meisten Tankstellen betreibt, ist Aral, gefolgt von Q8, Total, Shell und Esso.

In Sachen Entsorgung hat es lange Zeit gehapert. Das gilt für Benzin- und Dieselreste ebenso wie für die Überreste der chemischen Toiletten aus Bussen und Camping-Fahrzeugen. Erst kürzlich hatten die zuständigen Behörden – Straßenbauverwaltung, Umweltamt und Wasserwirtschaftsamt – ein Treffen mit den Shell-Verantwortlichen vor Ort. Das Sanierungskonzept genügt nach den Worten von Umweltstaatssekretär Camille Gira (déi gréng) nicht. Zudem hatte der Konzern die Betriebsgenehmigung, die auf den 30. Juli 2015 datiert ist, nicht eingehalten. Die Bohrungen, die im September auf dem Gelände stattfanden, zeigten eine hohe Bodenbelastung. Etwa 40.000 Kubikmeter Erde sollen betroffen sein. Auch sie muss entsorgt werden. Da das Verursacherprinzip „pollueur-payeur“ Anwendung findet, muss Shell die Kosten übernehmen.

In Sachen Entsorgung hat es lange Zeit gehapert.

Unabhängig von der AdBlue-Panne scheint die goldene Ära der Tankstellen als die „heiligen Kühe“ des luxemburgischen Staates abgelaufen zu sein, auch wenn der Treibstoff dieses Jahr noch rund 825 Millionen Euro Steuereinnahmen in die Staatskasse spült. 2015 war der Verkauf von Benzin und Diesel hierzulande um 4,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen, im Vergleich zu 2005 sogar um 13,1 Prozent. Vor allem das Diesel-Geschäft war rückläufig: Die Menge des verkauften Diesels fiel nach Angaben des Groupement Pétrolier Luxembourgeois (GPL) unter die Zwei-Milliarden-Liter-Schwelle, im selben Zeitraum wurden nur noch 395 Millionen Liter Benzin verkauft.

Das Abflauen des Tanktourismus dürfte mit der Talfahrt des Erdölpreises zu tun haben. Die Preise in den Nachbarländern weichen nicht mehr so sehr von denen in Luxemburg wie einst ab, auch wenn die Preisunterschiede von etwa 18 bis 25 Cent immer noch groß sind und vor allem für Lastwagen eine Differenz von bis zu 200 Euro pro Tankfüllung ausmachen können. Dennoch scheint der Transit durchs Großherzogtum weniger attraktiv geworden zu sein. Auch ein Rückgang der Privatkunden aus den Nachbarländern ist zu spüren. Zwar ist der Sprit in Luxemburg immer noch günstiger als im Ausland. Der Absatz von Benzin und Diesel schrumpft nach Angaben des Verbandes der hiesigen Mineralölfirmen sowie der Tankstellenpächter seit einigen Jahren – schätzungsweise um zehn Prozent in zwei Jahren. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer von 15 auf 17 Prozent hat den Preisunterschied für die Tanktouristen aus dem benachbarten Ausland verringert. Günstig tanken und dazu noch Alkohol, Kaffee und Zigaretten kaufen ist nicht mehr so gefragt. Als treue Kunden gelten dagegen die etwa 160.000 Grenzgänger, die nach wie vor in Luxemburg ihren Tank füllen.

So ganz auf den Tanktourismus will die Regierung nicht verzichten, hieß es nach dem Pariser Weltklimagipfel vom vergangenen Jahr. Die Veröffentlichung einer Studie von Dieter Ewringmann vom Kölner finanzwissenschaftlichen Institut wird seit zwei Jahren immer wieder verschoben. Nun ist für November mit ihr zu rechnen. Fest steht bereits, dass die Regierung sukzessive aus dem Tanktourismus aussteigen will. Schließlich machte der Spritexport lange Zeit ungefähr 40 Prozent in der luxemburgischen Kohlendioxid-Emissionsbilanz aus. Die Entwicklung in den Nachbarländern, insbesondere fiskalische Entscheidungen, kommt dabei momentan mehr als gelegen. Die Zahl der Lastwagen auf Durchfahrt durchs Großherzogtum hat einigen Informationen zufolge schon abgenommen. Ob mit AdBlue oder ohne – die Tankstellen hierzulande drohen den Blues zu bekommen. Andererseits entstehen weitere. Im Spätsommer wurde in Leudelingen eine Q8 eingeweiht, eine andere soll auf Belval entstehen. Die Multis geben sich nicht geschlagen. Die Preise können auch wieder nach oben schnellen. Im Ölgeschäft ist alles möglich.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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