Home » Autorevue » Tannistest Spezial: Seat Tarraco

Tannistest Spezial: Seat Tarraco

El hermano mayor

Ende November soll der neue Seat Tarraco in Barcelona vorgestellt werden. Unser hauseigener Waldschrat Onkel Jürgen wird voraussichtlich für die autorevue mit dabei sein und aus der katalanischen Metropole berichten. Doch jetzt, beim „COTY Tannistest“ in Dänemark, durften wir den spanischen Allrounder bereits sechs Wochen vor der offiziellen Fahrvorstellung für Sie ausprobieren.

Fotos: Seat & Eric Netgen

Nicht weniger als fünfzig verschiedene Automodelle stehen derzeit beim „Tannistest“ auf der Matte, will heißen auf der sogenannten „Long List“ der Pkw, die als Kandidaten für die begehrte Trophäe des europäischen Autos des Jahres 2019 in Frage kommen. Dieser „Car of the Year“ (COTY) Award ist ein Preis, der auf das Jahr 1964 zurückblickt – damals hieß der erste Gewinner Rover 2000, gefolgt von Mercedes 600 auf Patz 2 und Hillman Imp auf Patz 3 – und der seit 2017 beim ersten großen und ohne Zweifel wichtigsten europäischen Autosalon des Jahres verliehen wird: bei der Geneva International Motor Show in Genf.

Die Jury trifft sich seit nunmehr 41 Jahren am Ende des Sommers im dänischen Tannis, in der Provinz Nordjütland, um innerhalb einer Woche so viele Kandidaten wie möglich im Test-Akkord auf Herz und Nieren zu prüfen. Elchtest, Notbremsungen, Hütchen-Slalom und dergleichen sollen die Spreu vom Weizen trennen, auf dass sieben Kandidaten schließlich in eine engere Auswahl kommen, aus der die Juroren dann kurz vor dem Genfer Salon den Gewinner im demokratischen , wenn auch teilweise subjektiven Verfahren ermitteln. Das ist auch gut so, denn die Autoliebe ist keine hundertprozentig zerebrale Buchführung, sondern zum Teil immer auch eine Bauchsache. Sie wissen ja: Liebe geht durch den Magen.

Wir sind also derzeit als einziger Luxemburger Vertreter bei unserem ersten „Tannis“ dabei und haben die Qual der Wahl zwischen nicht weniger als 27 Autos. Da wir sechs Modelle bereits aus Erfahrung kannten, und zwar die Alpine A110 (siehe autorevue 01/18), den Ford Focus (ar 07/18), Kia Ceed & Proceed (ar 02, 07 & 09/18), Lamborghini Urus (ar 05/18), Peugeot 508 (ar 07/18) und Volkswagen Touareg (ar 06/18), blieben uns immerhin noch 21 Kandidaten zur Anprobe. Jede Menge Holz, oder in diesem Falle wohl eher: jede Mende Aluminium.
Ein ganz besonderes Augenmerk kam dabei dem neuen Seat Tarraco zugute, denn der war offiziell noch nicht einmal geboren. Dennoch: zwei Testwagen standen parat, so etwas durfte man sich nicht entgehen lassen.

Reinrassige Promenadenmischung

Nach dem mittleren Seat Ateca 2016 und dem kleinen Seat Arona 2017 folgt jetzt der größere der drei spanischen SUV-Brüder, der Tarraco – die katalanische Bezeichnung für die Stadt Tarragona. Basierend auf der Philosophie der Baukästen der Volkswagen AG, teilen sich die drei Spanier jeweils eine präzise Schuhgröße mit tschechischen und deutschen Cousins. So ist der kleine, nach einer Stadt auf Teneriffa benannte Arona auf dem Modularen Querbaukasten (MBQ) der Stufe A0 aufgebaut, die auch dem Seat Ibiza und den beiden Alemannen VW T-Cross oder Polo als Fundament dient. Der etwas größere Ateca, nach einem Dörfchen in der Provinz Zaragoza benannt, fußt auf dem MQB A, so wie der Skoda Karoq und der VW T-Roc. Der noch größere Tarraco seinerseits basiert auf dem MQB A2 wie ein Skoda Kodiaq, Audi Q3 oder VW Tiguan. „Ein reinrassiger Seat“ sei er, schlussfolgern die Spanier. Darüber lässt sich in Anbetracht der oben erwähnten Seilschaften allerdings streiten. Fakt ist, er wurde in Martorell entworfen und entwickelt, auch wenn er in Wolfsburg vom Band laufen wird.

Außen wie innen wirkt der Tarraco sachlich und gediegen, ist trotz „neuer Designsprache“ nicht als Mitglied der VAG-Familie zu verkennen. Ein neuer Frontgrill, tiefer sitzende LED-Lichter mit charakteristisch dreieckiger Lichtsignatur, dazu schön fließende Linien, lassen ihn unaufgeregt und robust erscheinen, und dann etwas verwegener dreinblicken als seine deutschen Verwandten. Er trieft nur so von optischen Zeichen der angepeilten Solidität und des Anspruchs des maximalen Nutzwertes, mit einem dünnen Furnier der suggerierten Sportlichkeit überzogen, welche in der DNA der Marke seid der Übernahme durch Volkswagen per Dekret enthalten sein soll.

Die schmucken Sitze mit Stoffbezug sind nicht unnötig tief konturiert, bieten aber genügend Seitenhalt und sind auch sehr komfortabel. Wir fuhren die höchste der beiden Ausstattungslinien, Excellence, in der ein riesiges Panoramadach das Domizil mit Sonnenschein übergoss und das sachliche Armaturenbrett mit dem imposanten zentralen Display in das richtige Licht rückte. Die Sitzposition ist angenehm, der Rundumblick erstaunlich gut. Die Schallisolierung ist auch okay, nur der 2-Liter-TDI brummt etwas laut unter Belastung. Die Lenkung ist wie bei den meisten SUV leichtgängig, wird im Sportmodus aber etwas straffer, dann lässt sich der Tarraco auch über die etwas zu kurze Paddels schalten. Die sind wahrscheinlich nur deshalb so kurz, weil kaum ein Besitzer eines Tarraco sie jemals benutzen wird. Dann betätigt man sie auch nicht aus Versehen. Alternativ dazu kann man die siebengängige Doppelkupplung auch über den zentralen Schaltstock manuell betätigen, sobald man den Hebel zur Seite legt. Nicht weniger als sechs Fahrmodi hält das adaptive, ausschließlich für die Topmotorisierung erhältliche Fahrwerk bereit: Eco, Normal, Sport, Indivual, Off-road und Schnee. Wir haben das kurz auf dem dänischen Strand ausprobiert – wo es absolut legal ist, mit dem Auto mit bis zu 30 km/h zu fahren – und der Tarraco meisterte diese nicht so ganz schwierige Aufgabe mit Panasch.

Die Kopf- und die Beinfreiheit sind in beiden Reihen üppig bemessen, der Zugang zum breiten Kofferraum erfolgt über eine tief angesetzte Kante. Bei unserem Testmodell ließen sich die Fondsitze zwar nicht so leicht umlegen – es war ja auch erst ein Vorserienmodell – aber der Stauraum bestach durch eine zerklüftete Vielfalt mit einem im Doppelboden versenkten, vollwertigen Ersatzrad. Der Ladeboden ist bei umgelegten Sitzen nahezu eben, hält aber ein paar Ritzen und Löcher bereit, in die Kleinkram hineinpurzeln und dann verschwinden kann. Halterungen, Ösen, Haken und Fixierschienen gibt es zuhauf, wie der Tarraco allerdings sieben anstatt der vorhandenen fünf Sitze unterbringen soll, blieb ein Rätsel. Gemütlich wird es dann in der dritten Reihe auf keinen Fall mehr zugehen.

Am Heck flimmern dynamische Blinker, acht verschiedene Farben stehen für die Außenhaut bereit, außer Atlantik-Blau gibt es allerdings keine muntere Farbe, die nicht im Leasing-Fuhrpark ihre Daseinsberechtigung hätte. Traurig, aber so ist das heutzutage nun eben. Im Innern dominiert das 10,25 Zoll große Virtual Cockpit, das noch immer das beste seiner Zunft ist, alternativ dazu gibt es ein etwas bescheideneres Display mit 8 Zoll Querschnitt, das über Gestensteuerung die diversen Funktionen anpeilten kann.

Bei den Motoren stehen für den Anfang zwei Benziner und ein Diesel parat. Im Otto-Katalog sind das ein 1,5-Liter-Vierzylinder mit 150 PS, manuellem Sechsganggetriebe und Vorderradantrieb, darüber ein 2-Liter-TSI mit 190 PS und wahlweise Handschalter oder 7-Gang-DSG. Dieser Motor ist auch mit Allradantrieb zu haben, genauso wie der einzige Diesel, ein 2-Liter-TDI mit ebenfalls 190 PS und etwas mehr Drehmoment – 400 Nm anstatt 320. Den Selbstzünder gibt es sogar ausschließlich mit Allradantrieb 4Drive und Doppelkupplungsgetriebe. Hier gilt die Devise alles oder nichts! Erst später sollen alternative Antriebe folgen. Die adaptive Fahrwerksregelung ACC ist als Option der Ausstattungsebene Excellence vorbehalten, die gibt es in der darunter angesiedelten Stufe namens Style nicht.

Zwischen Techno-Party und Flamenco

Der Tarraco lenkt sich angenehm, cruist komfortabel, wenn auch nicht lautlos, und macht seine Sache recht gut. Bei den Fahrassistenten finden wir so ziemlich alles, was es in dieser Kategorie geben kann: Spurhalteassistent, Front Assist, City Notbremsfunktion mitsamt Fahrrad- und Fußgängererkennung sind serienmäßig an Bord, ein Toter-Winkel-Assistent, eine automatische Distanzregelung sowie Stau-, Fernlicht-und Notfallassistent sind allerdings aufpreispflichtig. Ebenso die Verkehrszeichen-Erkennung, und das ist etwas traurig, gibt es die doch bei vielen Asiaten mittlerweile als Dreingabe von Anfang an. Darüber hinaus bietet der Tarraco dann noch diverse Funktionen wie die Pre-Crash und die Überschlagserkennung. Für den Fall, dass sie aufs Dach gehen und es selbst nicht mitbekommen? Es ist anzunehmen, dass dieses System die Fahrgastzelle für das Unvermeidliche vorbereitet, die Fenster schließt, die Gurte und die Bremsen vorspannt und dergleichen. Onkel Jürgen muss dieser Frage im November auf den Grund gehen.

Alles in allem ist der Tarraco ein passabel geschnürtes Gesamtpaket, das viel Komfort und Platz bietet und ohne viel Aufhebens seinen Alltag bestreitet. Weniger gefallen konnten uns allerdings folgende Details: Erst einmal ist da das stets präsente Dieselgeräusch, das bei zunehmender Belastung wirklich nicht mehr zu ignorieren ist. Das Doppelkupplungsgetriebe schaltet insgesamt ordentlich, hat aber mit schnittigen Tempiwechsel so seine Problem, dann harmoniert es nicht mehr einwandfrei mit dem Motor und dessen fluktuierenden Drehzahlen. Der Hartplastik an der Mittelkonsole und die etwas anonyme Lenkung fallen weniger negativ auf als einige Details im Fond und im Kofferraum. So ließen sich zum Beispiel trotz Knopfbedienung vom Kofferraum aus die widerspenstigen Rücksitze nur nach mehreren Versuchen und mit brachialem Einsatz an der Entriegelungsschlaufe unter der Sitzfläche umlegen. Der schmale mittlere Sitz im Fond ist nur eine Behelfslösung, der Fußraum an dieser Stelle durch einen breiten Mitteltunnel für die Kardanwelle zur Hinterachse ohnehin schwer belastet. Der Sport-Modus macht die einigermaßen anonyme, für einen SUV aber äußerst sinnvolle Lenkung wohlgemerkt etwas zäher, aber dennoch kann man sich fragen, was ein adaptives Fahrwerk in so einem Auto überhaupt zu suchen hat. Einen Quantensprung bedeutet dieser Sportknopf wahrlich nicht, das können ein Maserati Levante oder ein Alfa Romeo Stelvio deutlich besser – oder zumindest rabiater. Und dann das nach unten abgeflachte Lenkrad, also wirklich… come on! Die optionalen, wild flatternden Arbeitstischlein an der Rückwand der Frontsitze, die können Sie sich auch getrost schenken: darauf wird selbst ihr Laptop seekrank. Setzen Sie es lieber auf die Knie und machen sie es sich auf den vom Fond aus beheizbaren Rücksitzen gemütlich. Platz genug für zwei Erwachsene ist auf jeden Fall.

Tarraco 2.0 TDI 190 Excellence

Preise Anfang Dezember
6,9 l/100 km
157 g/km

1.968 cm3
140 kW/190 PS @ 3.500-4.000 U/min
400 Nm @ 1.750-3.250 U/min
8,0 s 0-100 km/h
210 km/h

+ Kopf- und Beinfreiheit in beiden Reihen
+ Komfortable Sitze, aufgeräumtes Cockpit
+ Viele smarte Assistenten aus dem Fundus
+ Virtual Cockpit als farbenprächtige Option
+ Große und angenehm tiefe Ladeklappe

Stets präsentes Dieselgeräusch
DSG7 harmoniert nicht perfekt
Schmaler mittlerer Sitz im Fond
Klapprige Arbeitstische an den Sitzen
Adaptiver Fahrwerk wenig sinnvoll

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Martine Decker

Login

Lost your password?