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Täuschung im Netz

Bots, gekaufte Likes oder Fake-Likers. Im Internet und in den sozialen Netzwerken ist nicht unbedingt echt, was auf den ersten Blick so erscheint. Mit gesundem Menschenverstand und etwas Vorsicht, geht man als User den Dingen allerdings nicht so schnell auf den Leim.

„Bong“ oder „Bong, Bong, Bong“ oder auch noch „Bong, Bong, Bong, Bong, Bong, Bong, Bong, Bong, Bong, Bong, Bong, Bong”. Seit 2009 setzt der inoffizielle Twitter-Account @big_ben_clock stündlich einen Tweet ab, um die volle Stunde zu läuten. Es ist natürlich kein Mitarbeiter des „Palace of Westminster“, der zu einer grenzdebilen Strafarbeit verdonnert wurde und jede Stunde in die Tasten hauen muss, um Glockengeläute von unterschiedlicher Textlänge zu simulieren. Sondern hinter diesen Tweets steckt ein Bot, sprich ein Computerprogramm, das sich automatisch wiederholenden Aufgaben annimmt.

Bots können, wie im Falle des Londoner Big Bens, wahlweise auf recht amüsante und harmlose Art und Weise eingesetzt, können sinnvoll genutzt, jedoch auch zu Manipulations- und Spamzwecken missbraucht werden. Vor Jahren noch wurden Social Bots vor allem benutzt, um lästige Werbung und Spam zu verbreiten, heute allerdings auch vermehrt, um ganz gezielt politische Propaganda zu streuen. Laut Experten waren zahlreiche Bots zu diesen Zwecken sowohl im Brexit-, wie auch im letzten US-Wahlkampf aktiv. Und der amtierende US-Präsident Donald Trump hat über 53 Millionen-Follower auf Twitter, darunter mehrere Millionen Bots. Das Problem ist, dass sich mit solchen Social Bots zum Beispiel Twitter-Trends ganz gezielt manipulieren lassen. Dadurch können indirekt (politische) Diskussionen und Meinungsbildung beeinflusst werden. In den USA werden so unter anderem spontane Graswurzelbewegungen vorgetäuscht.

„Diese Art der Manipulation gab es eigentlich schon immer“, sagt die diplomierte Medienpädagogin Romy Ruppert, „Doch genauso wie Medien sich an die neuen Zeiten und Technologien anpassen müssen, hat sich auch die Manipulation angepasst, und zwar mit Bots. Allerdings werden die Programme nicht nur zu Manipulationszwecken eingesetzt. Es gibt Internetseiten, auf denen Service-Bots dem User allgemeine Fragen beantworten. Wenn man mit einem Bot in Kontakt tritt, merkt man dies in der Regel relativ schnell. Vor allem, weil sie ganz oft nicht in Zusammenhängen schreiben.“ Ein Beispiel eines Service Bots ist zum Beispiel der letzte Woche vorgestellte Bot „Poli“ (www.poli.guide). Der „Personal Operator for Users of Luxembourgish Institutions“ soll Nutzern helfen, schnell Fragen zu Luxemburger Instanzen beantwortet zu bekommen.

Diese Art der Manipulation gab es eigentlich schon immer. Diplomierte Medienpädagogin Romy Ruppert

Solche Bots dienen natürlich auch – und das wundert wohl kaum einen – um Geld zu generieren. So gibt es Dating-Portale, die den Kunden zahlen lassen, wenn sie mit einem anderen Profil in Kontakt treten möchten. Mehr potenzielle Kontaktaufnahmen bedeuten mehr Geld für den Anbieter und so kann hinter der superattraktiven Frau auf dem Profilbild auch schon mal nichts anderes als ein simples Computerprogramm, mit ähnlich viel Sexappeal und Dating-Bedarf, wie ein maroder Bürgersteig, stecken. „Brave new digital world“ eben. Und auch von Bots verfasste Produktrezensionen auf Einkaufsportalen wie etwa Amazon, passieren nicht mit dem Ziel, dem Kunden eine möglichst neutrale und realitätsnahe Produktbeschreibung zu hinterlassen, sondern eben gezielt manipuliert zu informieren. Für den Einsatz von Bots gibt es bisher keine rechtliche Grundlage: „Per Gesetz sind sie nicht verboten. Die sozialen Netzwerke selbst können deren Einsatz natürlich verbieten und Bots verstoßen vielleicht gegen die etwaigen Nutzungsbedingungen. Illegal sind sie deshalb aber nicht“, sagt Ruppert.

Ein weiteres Phänomen von Täuschung im Netz betrifft, neben den Bots, die „Likes“. Bei der „Währung der sozialen Medien“ hilft schon mal der ein oder andere nach und kauft sich die Likes ein. Auf Seiten wie likeskaufen.eu gibt es diese für so ziemlich alle sozialen Netzwerke, von Facebook über Youtube bis Twitter und Instagram. „Diese gekauften Likes und Follower sind natürlich irreführend. Es kann manipulierend wirken, weil viele Menschen kucken, wer wie viele Likes und Follower hat und glauben dann leichter, dass, was derjenige schreibt, auch der Wahrheit entspricht“, sagt Romy Ruppert „Hier lege ich den Leuten einfach die Maxime ans Herz: Zuerst denken, dann klicken. Das hat noch nicht jeder intus.“ Weil das Geschäft mit den kauften Likes, zum einen ziemlich preiswert und zum anderen clever gemacht ist – sie kommen nicht von heute auf morgen, sondern nach und nach – fällt dies natürlich nicht unbedingt direkt auf. „Ein Youtuber, der sich Likes kauft, weiß nicht aus welcher Region der Welt diese Likes kommen. Ganz oft stammen diese aus entfernten Regionen wie Costa Rica oder Bangladesch. Auf Facebook ist dies mittlerweile einsehbar und schon anhand davon kann man sich einen ersten Eindruck darüber verschaffen, wie vertrauenswürdig eine Seite ist oder eben nicht“, erklärt die Medienpädagogin. Und so ganz nebenbei kann man den ein oder anderen vermeintlich megatrendigen Influencer, als selbst hochgepushten Narzissten mit Hang zur Selbstinszenierung entlarven.

Neben Bots und gekauften Likes gibt es mittlerweile Malware, die gezielt Likes im Namen von Usern verteilt. „Vorsicht ist vor allem geboten, wenn man sich zum Beispiel mit seinem Facebook-Konto auf der Seite eines Drittanbieters einloggt. Manche Schadprogramme verteilen rasch gezielt viele Likes, was man als User nicht unbedingt will. Jeder sollte sich deshalb sehr genau überlegen, welchem Anbieter man Zugriff auf das eigene Konto erlaubt oder nicht. Und regelmäßig zum Beispiel bei Facebook das Aktivitätsprotokoll checken, um zu sehen, ob alle Aktivitäten von einem selbst ausgegangen sind“, rät die Medienpädagogin.

Generell ist es so, dass es Firmen und Leute gibt, die mit allen Mitteln ganz gezielt eine Nachricht trenden lassen wollen. Zum Beispiel in Wahlzeiten, wo Social Bots etwa Fake News multiplizieren, in dem die Bots sie auf möglichst vielen Seiten posten. Dies hat den Effekt, dass mehr Leute sie sehen und lesen und so wiederum auch mehr Menschen diese für glaubwürdig halten, vor allem, wenn dann noch viele automatisierte Likes vorhanden sind. Romy Ruppert bringt Medienkompetenz ins Spiel: „Da muss jeder für sich abwägen, ob die Info stimmen kann oder nicht, gegebenenfalls recherchieren. Hier sind wir beim Stichwort Medienkompetenz und der Frage, wie kritisch man Medien konsumiert. Was kann stimmen? Was nicht? Wenn man sich als User bewusst ist, dass man manipuliert werden kann, konsumiert man auch mit einem kritischeren Geist. Es ist unmöglich, in einer Blase zu leben, wo Fakenews, gekaufte Likes oder was auch immer, nicht vorkommen. Deshalb ist dieses Bewusstsein so wichtig und eigentlich müsste Medienkompetenz in den Schulen gezielter unterrichtet werden.“ Oder eben sich selbst zu informieren, auf speziellen Seiten wie zum Beispiel www.mimikama.at, die sich auf die Fahne geschrieben hat, über Internetmissbrauch aufzuklären, denn wie Romy Ruppert zusammenfasst: „Es ist nicht so, dass Social Bots unser Bewusstsein manipulieren. Man muss nur wissen, dass es diese Art von Manipulation gibt und, dass man sich nicht so schnell davon beeinflussen lassen darf.“

Fotos: Pixabay, Claude Lenert (Editpress)

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

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Author: Philippe Reuter

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