Home » Home » Teamworker

Teamworker

Mit René Penning hat die Escher Kulturfabrik einen neuen künstlerischen Leiter bekommen, der das Haus nicht nur sehr gut kennt, sondern sich auch dessen sozialen Rolle bewusst ist. Ein Gespräch über die Auswirkungen der Corona-Krise, den Stellenwert von Kultur und Zukunftsmusik.

Fotos: Isabella Finzi, Alain Rischard (beide Editpress), Emile Hengen (2)

Aufmacher-René-Penning-(c)-Isabella-Finzi-KopieRené Penning kommt mit dem Rad zum Interviewtermin gefahren. Im Hof des ehemaligen Escher Schlachthauses muss das Thermometer auf fast 30 Grad Celsius gestiegen sein. Mitten im Mai. Wir bleiben demnach draußen und machen es uns – auf Distanz – auf einer der Sitzbänke bequem. Wir sind nicht allein. Vor dem Kinosch arbeitet ein Kufa-Mitarbeiter
an seinem Laptop. Trotzdem ist es außergewöhnlich still. Und alles wirkt so ungewohnt aufgeräumt.

Herr Penning, Sie haben die künstlerische Leitung der Kulturfabrik zu keinem allzu idealen Zeitpunkt übernommen, oder?
Das würde ich so nicht behaupten. Wäre ich den Posten am 1. Januar statt am 1. Mai angetreten, es hätte keinen Unterschied gemacht. Es stand nämlich schon ziemlich lange fest, dass ich Serge Basso de Marchs Amt übernehmen würde. Es war sozusagen ein fließender Übergang.

Der ohne Ausschreibung stattgefunden hat…
… und dies bewusst. Erstens handelt es sich nicht um einen neuen Posten. Zweitens sollte der Übergang nicht von einer radikalen Veränderung begleitet sein. Drittens bin ich bereits seit Jahren vom Verwaltungsrat auf dieses Amt vorbereitet worden. Eine Ausschreibung hätte folglich keinen Sinn gemacht und wäre zudem unfair gegenüber möglichen Kandidaten gewesen.

Und nun sind Sie aufgrund der Covid-19-Krise mit Herausforderungen konfrontiert, auf die niemand vorbereitet gewesen ist und die ein Umdenken fordern, weil das, was wir für einen sicheren Grund hielten, plötzlich weggebrochen ist. Wie geht man mit einer solchen Situation um?
Abgesehen davon, dass ich derzeit im Homeoffice arbeite, hat sich nicht besonders viel geändert. Was nicht heißt, dass die Krise mich und mein Team nicht beschäftigt. Das Gegenteil ist der Fall, aber wir leben momentan halt in einer surrealen Welt und müssen das Beste daraus machen. Wir haben vor kurzem wieder ein erstes richtiges Meeting gehabt, und ich muss zugeben, dass es gut getan hat, sich nicht über einen Computer miteinander unterhalten zu können.

Nie zuvor war kurzfristiges Planen derart langwierig. Mir ist, als sei 2021 zehn Jahre von mir entfernt. 

Wie optimistisch sehen Sie die kommende Herbstsaison der Kufa?
Ehrlich gesagt, ich bin nicht besonders zuversichtlich. Ich kann mir nicht vorstellen, wie wir Veranstaltungen organisieren sollen, in denen Besucher auf zwei Meter Abstand bleiben müssen. Außerdem haben wir jetzt schon die ersten Absagen für den Herbst erhalten. Agenturen lassen sich derzeit auf kein unnötiges Risiko ein. Ich gehe davon aus, dass sich erst im kommenden Jahr eine gewisse Normalität im Kulturbetrieb einstellen wird, denn solange es keinen Impfstoff gibt und solange noch keine nennenswerte Immunisierung der Bevölkerung erreicht ist, muss weiterhin kurzfristig geplant werden. Schließlich kann es jederzeit zu einer zweiten Welle kommen. Und eine zweite Massenquarantäne wäre eine Katastrophe für den Kulturbereich.

2021 bleibt demnach weit entfernt?
Für mich liegt 2021 mindestens zehn Jahre weit weg.

Dennoch müssen Sie sich Gedanken machen, wie es weitergeht.
Selbstverständlich. Und das tun wir auch. Wir haben in den vergangenen Wochen keineswegs auf der faulen Haut gelegen. Derzeit arbeiten wir an Projekten, die wir eventuell im Freien umsetzen können. Der Hof der Kufa hat viel Platz. Wir denken daran, den Sommer durchzuarbeiten. Wir nehmen die soziale Rolle, die jedes Kulturhaus spielt, sehr ernst. Allerdings dürfen die Ansprüche in Zeiten, in denen es für so gut wie nichts Garantien gibt, nicht allzu hoch geschraubt sein. Was keine leichte Aufgabe ist.

Kulturzentren sind Begegnungsstätten. Menschen wollen dort Gefühle und Gedanken austauschen, neue Nahrung für Kopf und Seele aufnehmen. Allerdings habe ich persönlich das Gefühl, dass sich in der Covid-19-Krise recht wenig um die Kultur als Grundrecht gesorgt wird.
Aber wurde die Kultur nicht schon vor der Krise stiefmütterlich behandelt? Ich kann indes nachvollziehen, dass die Gesundheit des Menschen im Vordergrund steht und wirtschaftliche Interessen Vorrang haben. Und ich bewundere Politiker dafür, dass sie innerhalb kürzester Zeit Lösungen finden müssen für existentielle Probleme, an denen in normalen Zeiten jahrelang gearbeitet werden würde. Dass nicht immer alles rund läuft und Fehler gemacht werden, ist verständlich, denn ob etwas hilft, kann eigentlich nur ausprobiert werden. Irrtümer sind in einer solchen Situation nicht zu vermeiden. Zudem darf man nicht vergessen, dass wir es mit der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg zu tun haben.

Das Kufa-Team mit Maske

Das Kufa-Team mit Maske

Was meine Frage nach dem Stellenwert der Kultur noch nicht beantwortet hat. Hat es einen Austausch mit Kulturministerin Sam Tanson gegeben?

Ja, und sogar ein recht zufriedenstellender. Sam Tanson hat die Leiter aller Kulturhäuser zu Beginn der Krise ins Ministerium eingeladen, um gemeinsam über eine Schließung zu diskutieren. Dieses Entgegenkommen hat mich positiv überrascht. Die Regierung hätte auch über unsere Köpfe hinweg eine Entscheidung treffen können.

Ist die Corona-Krise nicht eine Chance, Luxemburger Künstler intensiver zu unterstützen?
Nun, wir arbeiten gern mit lokalen und regionalen Künstlern zusammen, aber würden wir jetzt vor allem einheimische Musiker oder Schriftsteller pushen, käme diese Entscheidung der Entscheidung unserer Nachbarländer gleich, die Grenzen zu schließen. Mir gefällt ein derartiger Lokalpatriotismus nicht. Wir dürfen uns auf keinen Fall abkapseln. Denn nichts ist wichtiger als Offenheit gegenüber anderen Menschen und Kulturen.

Es heißt, dass aus einer Katastrophe stets Neues erwächst. Gilt das ebenfalls für die Kufa?
Unabhängig von der Corona-Krise und ihren Auswirkungen arbeiten wir an einer neuen Strategie. Die Identität der Kulturfabrik soll geschärft werden. Es geht dabei u.a. um eine klarere Ästhetik. Ein Audit wurde bereits vor zwei Jahren durchgeführt. Die Umfrage beim Publikum hätte im Mai über die Bühne gehen sollen. Feststeht hingegen jetzt schon, dass die Kufa ein engagiertes Kulturhaus bleibt, das sich mit unbequemen Themen kritisch auseinandersetzen wird. Wir sehen unsere Mission nicht im Unterhalten, sondern im Hinterfragen.

Sie reden immerzu im Plural…
Weil wir ein Team sind. Nicht ich bestimme im Alleingang über das Programm der Kufa. Das geschieht in der Gruppe. Ich bin auch nicht der Chef dieser Gruppe, eher eine Art Leader. Ich helfe, wo ich helfen kann. Meine Funktion ist eher die eines Beraters.

Die Kufa funktioniert nicht wie ein klassisches Kulturhaus. Das Programm wird nicht von mir bestimmt, sondern von einem ganzen Team ausgearbeitet.

Und wie erleben Sie persönlich die aktuellen Zeiten?
Ich will nicht klagen. Meiner Familie geht es gut. Meine Frau und ich müssen nicht um unsere Jobs fürchten. Der Alltag mit schulpflichtigen Kindern ist zwar nicht immer leicht zu organisieren, weil die Großeltern für die Betreuung ausgefallen sind, aber im Großen und Ganzen sind wir Teil einer behüteten Welt. Andere Leute haben derweil hart zu kämpfen, denn nicht in jedem Haushalt gibt es ausreichend Computer. Arg betroffen ist ebenfalls der Horesca-Bereich.

Mit welchen extremen Nachwirkungen müssen Sie als Leiter der Kufa rechnen?
Es ist noch zu früh für eine Bilanz. Ein paar Projekte, die jetzt auf Eis liegen, sind zum Teil schon vorfinanziert. Wie groß das Defizit Ende des Jahres sein wird oder ob wir tatsächlich rote Zahlen schreiben werden, weiß ich heute nicht. Fraglich ist auch, ob das Verhalten der Menschen nach der Krise dasselbe sein wird wie vor der Krise. Werden Restaurant- und Konzertbesuche erneut eine Selbstverständlichkeit sein? Wird man wie gewohnt Urlaub machen wollen? Ich bin mir nicht sicher.

Es kann aber auch sein, dass nach einem wochen- und monatelangen Verzicht auf Kultur ein neues Verlangen nach Kultur geboren wird…
… und Kultur bewusster wahrgenommen wird. Kultur soll weder Massenware noch reines Konsumgut sein, sondern stattdessen zum Nachdenken anregen. Es geht im Idealfall um Meinungsaustausch und die Auseinandersetzung mit Inhalten. Mir fällt in diesem Zusammenhang immer das Bild einer Metzgerei ein, in welcher man ein Ticket ziehen muss, bevor man bedient wird. Und wenn man dann an die Reihe kommt, steht man vor einer riesigen Ladentheke und ist angesichts des Angebots plötzlich völlig überfordert. So darf Kultur nie funktionieren.

Personalie-(c)-Alain-Rischard-KopieRené Penning
Jahrgang 1972, gelernter Elektrotechniker, ist bereits seit Anfang der 1990er Jahre in der Kulturfabrik engagiert. 1998 übernimmt er die Programmgestaltung in Sachen „musiques actuelles“. 2010 wird er zum Verwaltungs- und Finanzdirektor ernannt. Die Leitung der Kufa teilte er sich seitdem mit Serge Basso de March, der am 31. Dezember in Rente gehen wird. Seit 1. Mai ist René Penning offiziell alleiniger Leiter des Kulturzentrums.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Martine Decker

Login

Lost your password?