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Terror aus dem Sack

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Rucksäcke sind meistens praktisch. Früher galten sie sogar als sportlich. Irgendwann wurden sie zu einem Lifestyle-Accessoire. Wer hätte bis heute nicht gern ein trendiges Rucksäckchen von Versace in schlichter Form oder eines von Lagerfeld mit Pelz? Später mussten sie Platz haben für einen Laptop. Für den Fahrradtrip im innerstädtischen Verkehr ist der Rucksack also ebenso geeignet wie für die Trekking-Tour im Himalaya. Heute dient er unter anderem als ideales Versteck für eine Bombe oder andere Waffen.

Früher ging kein Backpacker auf Interrailtrip ohne seinen Rucksack. Später trug ihn sogar der Banker oder Beamte ins Büro. Heute trägt ihn die politische Minister Elite von Großbrexitanniens Außenminister Boris Johnson und die linke Stilikone, Griechenlands früherer Finanzminister Yanis Varoufakis bis hin zum ehemaligen Chef der Deutschen Bank, Anshu Jain. Jedenfalls sind schwere Aktentaschen out.

Der Rucksack hat einen weltweiten Siegeszug hinter sich, wenn da nicht mittlerweile über Rucksackverbote bei Großevents wie dem Oktoberfest diskutiert würde. Schließlich steht der Rucksack heute stellvertretend für die Militarisierung zahlreicher Alltagsgegenstände – und für die kriegerische Umdeutung unserer Lebenswelt. Ob die Rucksäcke als Bomben oder Waffentasche in Ansbach oder München oder der Lastwagen von Nizza als rollender, todbringender Panzer – Hannah Arendts Worte von der „Banalität des Bösen“ erhalten somit einen neuen Sinn.

DSC_0883Dass ein einfacher Alltagsgegenstand genügt, um zahlreiche Leben auszulöschen, zeigen die jüngsten Terrorattentate: in Nizza ein LKW, in Würzburg eine Axt. Ähnlich verhielt es sich schon bei den Terroristen von 9/11: Mit einem banalen Teppichmesser konnte man bereits ein Flugzeug entführen und eine Katastrophe auslösen. Immerhin hatten die Twin Towers des World Trade Center für Al-Qaida noch den symbolischen Wert einer verhassten westlichen modernen Welt.

Heute sind die Schauplätze noch banaler: ein Fastfood-Restaurant, ein Shopping Center, ein Parkdeck. Sie sind noch banaler als ein Konzertsaal wie das Bataclan in Paris, Discotheken wie das Pulse in Orlando, ein Straßencafé oder ein Fußballstadion wie in Paris im vergangenen Jahr. Es sind Orte, die für eine Normalität stehen, für den westlichen Lebensstil. Eben jene Normalität wird zunehmend bedroht.

Umso größer sind die Ungewissheit und die Angst, Opfer eines Anschlags zu werden. Jeder kann Opfer des Terrors, und jeder kann Terrorist sein, beschreibt der deutsche Politikwissenschaftler Herfried Münkler den neuen Terroristentyp. Münkler entwickelt damit seine vor Jahren aufgestellte These vom asymmetrischen Krieg weiter, also die militärische Auseinandersetzung zwischen zwei Kriegsparteien, die sich in Waffentechnik, Organisation und Strategie stark voneinander unterscheiden. Der Krieg ist nicht mehr das ferne Ereignis, sondern er findet in unserem Alltag statt. Er ergreift das Refugium der Normalität. Und je mehr der Terror den Alltag trifft, umso mehr steigt unser Argwohn.

„Terror erzeugt Angst – und er infiziert den Alltag mit Misstrauen“ Thomas Assheuer

Die jüngsten Anschläge terroristischer Akteure zeichneten sich dadurch aus, sagt Münkler, dass sie nicht mehr gegen bestimmte Politiker oder Angehörige einer gesellschaftlichen Elite gerichtet sind, sondern ihnen jeder zum Opfer fallen kann. Der Terror richtet sich gegen alle und ist allgegenwärtig. Der Terror ist vor allem in den Köpfen. Sobald ein neuer Akt der Gewalt bekannt wird, assoziiert ihn jeder an einen islamistischen Anschlag. Der Terror beherrscht das Raster der Wahrnehmung. Terror erzeugt Angst – und er „infiziert den Alltag mit Misstrauen“, wie Thomas Assheuer kürzlich in der „Zeit“ schrieb. Diese Ungewissheit erzeuge „Epidemien des Argwohns“.

Die Realität wird nach einem Terrorraster gescannt, wie es der israelische Schriftsteller David Grossman formuliert. In Israel hat der Terror das Gemeinwesen längst geprägt. Der Terror gehört zum Alltag. Seit vielen Jahren leben die Menschen dort mit diesen Erfahrungen. Israel gehört zu den Ländern weltweit, die am meisten Erfahrungen mit terroristischen Attacken haben. Dennoch gibt es einen Alltag, der vor allem durch Verdrängung funktioniert. Derweil wird die Politik vor allem zur Sicherheitspolitik. Terrorprävention heißt unter anderem Gesetzesverschärfungen, Grenzsicherungen, mehr Polizei – alles Tendenzen, die dem liberalen Gesellschaftsbild widersprechen. Hinzu kommen Diskussionen um den Einsatz von Militär im Innern: in Deutschland zur Debatte stehend, in Frankreich ist es bereits der Fall.

Das Stakkato der Ereignisse im Juli hat dem Terror diese neue Dimension gegeben: Die Intervalle sind kürzer geworden. Hinzu kommt, dass es nicht mehr sicher ist, von wem die Terrorgefahr ausgeht: In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhundert waren es vor allem Attentate links- oder rechtsextremistischer bzw. separatistischer Terroristen, danach von Linksextremisten. Inzwischen ist ein neues Phänomen hinzugekommen: Denkt man an den Münchner Amoklauf, dann war es im Laufe jener Nacht lange nicht sicher, ob es sich um einen Terroranschlag handelt. Littleton, Winnenden, Erfurt oder der Todesflug der Germanwings-Maschine, usw. einerseits und New York, London, Paris, Brüssel – bislang konnte man fein und sauber erklären, ob es sich um einen Terroranschlag oder einen Amoklauf handelt.

In Oslo 2011 war dies bereits nicht mehr ganz so sicher. Die Amokläufe sind kaum noch von den Terroranschlägen zu trennen, die einem bestimmten Plan folgen, einer Strategie, oder von einer Organisation verübt werden. Der deutsche Innenminister Thomas de Maizière sprach von einem „Grenzgebiet zwischen Amoklauf und Terror“. Nun verschwimmen die Begrifflichkeiten zunehmend. Die Grenzen fließen zwischen (erweitertem) Selbstmord, Amoklauf und Terroranschlag. Sie haben ein paar Gemeinsamkeiten: Die Mörder stellen ihr eigenes Leben und Sterben über das der anderen – und genießen in ihren kranken Kreisen eine nie dagewesene Popularität. Sie geben an, für eine größere Sache zu töten. Ihr Wahnsinn hat Methode: Damit spielen die islamistischen Terroristen ihr Spiel.

Die Attentäter von Orlando, Nizza und Würzburg zeigen ein stark psychopathisches Verhalten. Sie inspirieren einander gegenseitig, wie der Amokläufer von München zeigte: Just an dem fünften Jahrestag des Massenmords von Oslo und mit der gleichen Waffenmarke wie der norwegische Killer beging er seine Wahnsinnstat. Die Mörder sind demnach keine „Natural Born Killer“, sondern Erzeugnisse einer Gesellschaft. Die einen kommen ohne Ideologie oder langwierige Indoktrination aus, brauchen kein Terrorcamp und keine Gehirnwäsche. Der Islamismus ist nicht mehr das eigentliche Motiv, sondern ein populäres Muster, dem sich die Mörder bedienen. In Frankreich streiten sich zurzeit die beiden Islamkenner Gilles Kepel und Olivier Roy darüber, ob eine Radikalisierung des Islams oder eine Islamisierung der Radikalität die Ursache ist. Kepels These, dass die terroristische Bedrohung durch den Islam motiviert sei, steht der von Roy gegenüber, dass die Religion nicht unmittelbar mit den Gewalttaten verknüpft sei und dass die Terroristen sich nur religiös geben, um ihre Motive zu erhöhen. In beiden Fällen ist es jedoch ein gesellschaftliches Problem.

Die reine Amokläufer-These selbst birgt vor allem das Problem der Individualisierung dieses gesellschaftlichen Problems. Dagegen würde folglich keine Politik, sondern eine Therapie helfen, wenn überhaupt. Der Wahnsinn wäre entpolitisiert. Das würde aber einer Kapitulation gleichkommen. Damit ein Großteil der Menschen ein normales Leben führen kann, damit der Alltag nicht aus Bomben und Terror besteht und nicht jeder Rucksack und dessen Träger verdächtig ist, braucht es vor allem eine andere Politik. Der Amoklauf ist ein eigener Forschungsgegenstand und wird – allerdings ist dies umstritten – als kulturgebundenes Phänomen betrachtet. Amoklauf, ob geplant oder spontan, oder terroristischer Anschlag, von einem Einzeltäter oder einer Organisation? Die beiden Begriffe werden zunehmend miteinander vermischt, können aber voneinander abgegrenzt werden.

Gegen den Terrorismus lassen sich leichter Maßnahmen ergreifen, gegen den Amoklauf weniger. Beides sind Phänomene der Gewalt. Nicht zu vergessen ist der Anstieg der rechtsextremistischen Gewalt, die in vielen Ländern Europas in den vergangenen Jahren zugenommen hat, die Gewalt gegen Flüchtlinge. Wie sind sie einzuordnen? Als politische Gewalttaten im Sinne von Terrorismus? Vor allem rechtsextremistische Gewalttäter – der Amokläufer von München äußerte sich übrigens deutlich rassistisch – werden nicht gleich als Terroristen bezeichnet, obwohl ihr Ziel kaum etwas anders ist als den Staat und die staatliche Ordnung zu schwächen und die Schwächeren der Gesellschaft anzugreifen.

Die moderne Gesellschaft hat ein ambivalentes Verhältnis zur Gewalt: Einerseits wird sie in der Kultur, ob in Filmen, der Literatur oder in Computerspielen thematisiert, andererseits ausgeblendet. Der Publizist Jan Philipp Reemtsma brachte dies auf einen Nenner: „Die Moderne nun ist vom Thema der Gewalt einerseits besessen, andererseits hat sie beträchtliche Formulierungsschwierigkeiten dabei.“ Von der Rauferei unter Jugendlichen über die Gewaltverherrlichung in Film, Musik und Medien bis zur Gewalttat eines Amokläufers oder eines von einer Organisation indoktrinierten Terroristen ist es ein weiter Weg. Umso schwieriger ist es, einfache Lösungen zu finden und Dinge miteinander zu vermischen. Denn die Simplifikation birgt die Gefahr der Stigmatisierung – einer bestimmten Bevölkerungsgruppe – und der Banalisierung – mit der Folge, dass wir angesichts der Gewalt abstumpfen. Für rechte Populisten wie AFD, Front National, FPÖ, SVP, UKIP und andere ist die Vereinfachung eine einträgliche Strategie – und die Vermischung einzelner Konfliktfelder wie Terrorismus und Flüchtlingskrise, Terrorismus und Amoklauf, Migration und Kriminalität eine andere.

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Fotos: Françoise Stoll, Pixabay

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Martine Decker

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