Home » Home » Terror der Extreme

Terror der Extreme

Europäer schließen sich dem „Islamischen Staat“ an und ziehen in den Krieg. Islamistische Terroristen liquidieren Journalisten, Karikaturisten, Polizisten und alle, die ihnen nicht genehm sind. Der Begriff Islam wird von nicht wenigen mittlerweile als Synonym für Bedrohung benutzt – in Europa bzw. im Abendland, wie es so schön antiquiert von den „Patrioten Europas gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (PEGIDA) bezeichnet wird. Das deutsche Wochenmagazin Focus titelt „Ein Glaube zum Fürchten“ über den Islam, oder fragt in einer seiner jüngsten Ausgabe „Hat der Islamismus wirklich nichts mit dem Islam zu tun? Doch“. Selbst liberale Muslime sind mittlerweile skeptisch und fragen sich: Ist der Islam mit der Demokratie vereinbar?

Islam und Demokratie werden häufig als Gegensatz wahrgenommen. Politiker wie Frankreichs Staatspräsident François Hollande versicherte nach den Terroranschlägen von Paris: „L’Islam est compatible avec la démocratie.“ Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier beteuerte auf seiner Reise durch den Maghreb: „Es gibt einen Islam, der der Demokratie Raum gibt.“ Viele Politiker halten es für ihre Pflicht zu betonen, dass der Islam zu Europa gehört, so zum Beispiel vor kurzem die Bundeskanzlerin Angela Merkel. Dem widersprach am vergangenen Wochenende Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich. Muslime seien in Deutschland willkommen und könnten ihre Religion ausüben. Das bedeute aber nicht, dass der Islam zu Sachsen gehöre.

Islamfeindlichkeit und Antisemitismus sind nicht weit voneinander entfernt. Beide basieren auf Unkenntnis.

Dabei hat der Sachse bei seinem Blick auf PEGIDA wohl übersehen, dass es vier Millionen Muslime in Deutschland, davon 1,8 Millionen deutsche Staatsbürger, gibt – und in seinem Freistaat nur ein paar tausend – und auch sie gehören dazu, genauso wie die mehr als 10.000 Muslime in Luxemburg, die zum Großherzogtum gehören wie die auf Anhieb zahlenmäßig nicht nachweisbaren Sachsen hierzulande. Sie nehmen an dem gesellschaftlichen Leben teil und sind Teil der Demokratie.

Dass eine Gruppe von Islamisten Frankreich terrorisiert und auch hierzulande ein Grüppchen von selbst ernannten Dschihadisten den Weg nach Syrien oder Irak eingeschlagen hat, um dort für den „Islamistischen Staat“ zu kämpfen und es gut finden, Gegnern nicht einen Kompromiss vorzuschlagen, sondern den Kopf abzuschlagen, hat eher etwas mit fehlgeschlagener Sozialisation zu tun als mit dem Islam. Dass bei jedem Terrorakt die islamische Gemeinschaft Stellung beziehen muss, ist ungefähr so, als würde man die jüdische Glaubensgemeinschaft um einen Kommentar zur Politik Israels nötigen. Islamfeindlichkeit und Antisemitismus sind nicht weit voneinander entfernt. Beide basieren auf Unkenntnis.

Auf Unkenntnis vor allem darüber, dass die Muslime hierzulande nicht nur verschiedener geographischer Herkunft sind (rund zwei Drittel stammen aus den Balkanstaaten), sondern auch unterschiedlicher Glaubensrichtungen. Der Großteil der Muslime wird von der Shoura repräsentiert. Diese hat nicht nur in einem Kommuniqué die Anschläge von Paris verurteilt, sondern auch „la perversion de notre religion“, und weisen auch darauf hin, dass diese Attacken sich auch gegen die Muslime selbst richten. Bereits im Dezember hatte die Shoura sich in einem Schreiben an ihre Mitbürger in Luxemburg gerichtet, „um jene Gräueltaten zu verurteilen, die durch bewaffnete Gruppierungen verübt werden“. Die Shoura positioniert sich also als ein aktives Mitglied der luxemburgischen Gesellschaft. Das stimmt optimistisch, was die Integrationsbereitschaft der Muslime angeht. Allerdings, und darauf sollte auch hingewiesen werden, gehören ihr nicht alle in Luxemburg vertretenen islamischen Gruppen an.

Es geht aber nicht nur darum, ob Muslime in einer Demokratie leben können, sondern auch darum, ob eine explizit islamisch fundierte Demokratie möglich ist. Ein Mehrparteiensystem lässt sich durchaus islamisch begründen. Aber auch eine liberale Gesellschaft? Gibt es einen toleranten, demokratischen Islam? Islamskeptiker behaupten, dass viele islamische Gesellschaften Probleme mit der Demokratie haben. Der deutsche Historiker Heinrich August Winkler führt dies auf die Weigerung islamistischer Parteien zurück, die Trennung von irdischen und göttlichen Gesetzen vorzunehmen. Viele Rechtsgelehrte des Islam sehen die Menschenrechte nur im Rahmen der Scharia, also des göttlichen Gesetzes. Deshalb sei, meint Winkler, auch der „arabische Frühling“ in den meisten Ländern gescheitert. Ein positives Gegenbeispiel liefert dabei momentan Tunesien, wo die moderate islamistische Partei Ennahda nach den letzten Wahlen in die Opposition geschickt wurde.

Doch ist die „Arabellion“ am Islam gescheitert? Sie ist vielmehr deshalb implodiert, weil es zum einen kaum ausgeprägte demokratische Strukturen in den jeweiligen Ländern gab und darüber hinaus das Erbe der dort über Jahrzehnte herrschenden Regime eine Demokratisierung erschwerte. Ein Beispiel, eine Art Vorspiel der gescheiterten arabischen Revolution, lieferte schon vor mehr als 20 Jahren Algerien. Die damalige Regierung annullierte im Dezember 1991 nach dem ersten Wahlgang der damaligen Parlamentswahlen die Ergebnisse, nachdem sich ein klarer Sieg der Islamischen Heilsfront (FIS) abzeichnete und die Regierung außer dem Verlust ihrer eigenen Macht die Errichtung einer Islamischen Republik fürchtete. Tausende FIS-Mitglieder wurden verhaftet, die meisten anderen radikalisierten sich und gingen in den Untergrund. Daraus entstanden Terrorgruppen wie die „Groupe Islamique Armée“ (GIA), denen abertausende Menschen zum Opfer fielen. Eine Strategie des algerischen Militärregimes war es jedoch auch, dass sich Mitglieder des Geheimdienstes als Terroristen ausgaben, um Anschläge unter „falscher Flagge“ zu begehen.

Ähnliche Gründungen von Terrorbewegungen gibt es zuhauf. Mit dem Islam hat all dies wenig zu tun. Wie die christliche Religion wurde er als Vorwand für Kriege benutzt. Ob sich die Scharia mit demokratischen Werten vereinbaren lässt, ist eine andere Frage. Politikwissenschaftler wie der aus dem Iran stammende Nader Hashemi bejahen dies. Der gebürtige Syrer und deutsche Politologe Bassam Tibi sieht dies anders: Schon in seinem Buch „Die fundamentalistische Herausforderung – Der Islam und die Weltpolitik“ von 1992 sieht er den islamischen Fundamentalismus gar nicht als religiöse Richtung, sondern Ideologie, die aus Konfrontation der islamischen Welt mit der Moderne entstand.

Der Islamismus ist in diesem Sinne als eine Antwort auf eben jene Moderne sowie auf die Globalisierung zu begreifen. Er trifft sich dabei in seiner extremen Zielrichtung und Gegnerschaft, Toleranz und Liberalität, mit dem Neo-Nationalismus der heutigen rechtspopulistischen Bewegungen. Es sind zwei Extreme, die wechselseitig voneinander profitieren: Nicht zufällig sind die bekanntesten Massenmörder der letzten fünf Jahre, der norwegische Rechtsextreme und Islamfeind Anders Breivik einerseits und die islamistischen Koauachi-Brüder aus der Pariser Vorstadt, gesellschaftliche „Loser“, bei denen die Sozialisation irgendwann mal schief gegangen ist. Die Gewinner der Anschläge von Paris waren vor allem die extremen Rechten. Zu den Opfern zählte nicht zuletzt der Islam.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Philippe Reuter

Login

Lost your password?