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Test: 308 GTi by Peugeot Sports – Her mit der Pfeffermühle!

Die Wolfsburger verfallen in kollektive Amnesie sobald ihnen ein kleiner, mit einem Boursin und einem Baguette bewaffneter Franzose in schmerzvolle Erinnerung ruft, dass, entgegen allen Mythen-Spinnereien ihrerseits, weder der VW Golf von 1974 noch der GTI von 1976 die von ihnen sehr unbescheiden betitelte „Golf-Klasse“, das Segment der Kompaktsportwagen, ins Leben riefen. Nein, Messieurs, der Urvater der Golf-Klasse war… ein Simca.

Fotos: Peugeot

Diese Liga der Schrägheckkracher (die Engländer bezeichnen das etwas treffender und markenneutraler als „Hot Hatches“) mit kompakten Dimensionen und verhältnismäßig viel Rambazamba unter der Haube wurde vom Simca 1100 TI im Jahr 1973 eingeläutet. Mit überschaubaren 82 PS. Zuvor hatte es schon den Autobianchi A112 Abarth gegeben, von Gandini und Bertone praktisch, quadratisch und gut gestylt, aber der war ein Winzling im Vergleich zum späteren Golf. Neben den „Rennsemmeln“ aus Teutonia und Gallien stellte der hyperaktive Zwerg aus Mailand bestenfalls ein Renn-Croûton dar.

Aber egal, nach besagtem Simca folgten der Renault 5 Gordini und erst danach der Golf in die Manege des schrägen Zirkus. Der für die Gallier Beste unter ihnen allen, der Peugeot 205, sollte erst etwas später kommen und gilt bis heute als der größte unter den kleinen Würfen der Marke mit dem Löwen. Vor kurzem haben wir seinen Enkel, den Peugeot 208 GTi, ausprobieren dürfen, jetzt folgt der etwas größere, dafür aber ausgereiftere 308 GTi, von Peugeot Sport noch einmal scharf nachgewürzt. Allez, les Bleus, sofort her mit der Pfeffermühle!

308-GTi_statisch_Front_1

Einzug der Gladiatoren

Die Konkurrenten sind der Renault Mégane RS, mit Handschalter und 275 PS aus 2,0 Liter für 29.491 €, dann natürlich die Wolfsburger Triade von VW Golf GTI, Golf GTI Performance und Golf R mit jeweils 221, 230 bzw. 301 PS für zwischen 28,790 €, 29.810 € und 37.990 € (der R ist im Gegensatz zu den anderen ein Allrader und kein Fronttriebler), der Seat Leon Cupra, ein 2-Liter-TFSI mit 290 PS, ab 32.120 €, der Honda Civic Type R (310 PS, 33.400 €) oder der Ford Focus ST, von denen ein ST1 mit 250 PS im 2-Liter-EcoBoost ab 29.104 € und ein ST2 mit dem gleichen Antriebsstrang für 29.878 € zu haben sind.

308-GTi_dynamisch_Heck_1Der Basispreis von 35.912 € ist im Vergleich demnach sehr selbstbewusst, aber dafür ist der 308 GTi von Anfang an recht üppig ausgestattet. Zur Serienausstattung gehören die anschmiegsamen Sportsitze mit optionaler Massagefunktion, die beherzt zupackenden Compound-Bremsen, das Touchscreen mitsamt Navigationsgerät, die LED-Frontscheinwerfer, das „Keyless go“ (die Zentralverriegelung per Fingerdruck) sowie Bluetooth und dergleichen mehr. Nach einem Zusatzbrot verlangen Posten wie die Rückfahrkamera (241 €), das Panoramadach (531 €) und die extravagante Zweifarblackierung (1.740 €). Dazu sollte man folgendes bedenken: Was hinter dem GTi in einer Staubwolke am Horizont verschwindet, das interessiert eigentlich niemanden, das Dach würde nur zusätzliches Gewicht bedeuten und das Farbenspektakel sieht man als Fahrer ohnehin nur selten, also weg damit! „Blue Magnetic“ wie in unserem Testwagen gibt es für 512 €. Das sollte reichen.

Der Kofferraumvolumen beträgt zwischen 470 und 1.309 Liter, ein Torsen-Differenzial sitzt an der Vorderachse, 19-Zoll-Alufelgen mit Reifen der Dimension 235/35R19, ein 11 mm tiefer gelegtes Fahrwerk, ein knackiges Sechsgang-Schaltgetriebe, mit allerdings etwas langen Wegen in der Kulisse, serienmäßige Compound-Scheibenbremsen (380 mm) mit vier Kolben, ein größerer Sturz der Vorderräder und eine steifere hintere Anlenkung der Dreieckslenker, dazu Full-LED-Scheinwerfer, ein 9,7-Zoll-Touchscreen fürs Infotainment sowie eine Coyote-App (sic) gehören zur Ausstattung, serienmäßig sind LED-Scheinwerfer, Navigationsgerät, die Klimaanlage und besagte Sportsitze ohne die überflüssige Massagefunktion.

Kleiner Schnellkochtopf

Die beiden Rundinstrumente für Drehzahl links und Geschwindigkeitsmesser rechts drehen gegenläufig, jeweils von außen nach innen. Über das kleine Lenkrad blickt man hinweg und gewöhnt sich doch sehr schnell an diese etwas ungewöhnliche Position, die den Blick auf die Armaturen etwas behindern kann. Eine mechanische Handbremse wäre schön „old style“ gewesen, es wurde aber nix draus. Ganz „retro“ ist hingegen die Entscheidung, den GTi exklusiv mit einem sechsgängigen Handschalter anzubieten: schlecht im Stau, aber grandios auf der Landstraße.

308-GTi_Cockpit_2

Das Cockpit ist sehr gut aufgeräumt, auch wenn der Touchscreen natürlich wie immer schnell mit fettigen Fingerabdrücken übersäht und das manchmal schwerfällige Gefummel in den Untermenüs während der Fahrt auch nicht ganz ungefährlich ist. Es klingt zwar etwas altmodisch und gehört ja nicht mehr zum guten Lifestyle-Ton, Fakt aber ist, dass ein Controller (Drehknopf) auf der Mittelkonsole wie beim BMW iDrive das Abgrasen der Funktionen viel besser kann und den Blick weitaus weniger vom Fahrgeschehen ablenkt als die lästigen, bewegungssensiblen Bildschirme der iPhone-Generation.

Technische Daten

35.912 €
6,0 l/100 km
139 g/km

1.598 cm3
200 kW/272 PS @ 6.000 U/min
330 Nm @ 1.900 U/min
6,0 s 0-100 km/h
250 km/h

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PRO/CONTRA

↑PRO:

+ Katapultartiger Antritt
+ Linearer Turbodampf
+ Bremsen beißen wie in T-Rex
+ Präzise, wenn auch leichte Lenkung
+ Sehr gelungenes Interieur
+ Ordentliche Verarbeitungsqualität
+ Schön feste Schalensitze
+ Handschalter „only“ ist eine Ansage
+ Emotionale Alternative zum VW Golf

↓CONTRA:

Stolzer Basispreis, allerdings gut ausgestattet
Kein sehr sportlicher Klang
Wege des Handschalters etwas zu lang
Gewöhnungsbedürftige Position des Lenkrades
Dämpfer nicht in allen Lagen souverän
Klimaanlage nur über das Display zu erreichen

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308-GTi_Rundinstrumente_1Das schmucke, nach unten abgeflachte Lenkrad mit der roten Orientierungshilfe auf zwölf Uhr sitzt wie gesagt sehr tief, aber man gewöhnt sich schnell dran. Der Pilot sitzt vor allem auch viel besser als im kleineren 208 GTi, der zwar ebenfalls überfallartig aus den Puschen kommt, im Gegensatz zum ausgereifteren 308 GTi allerdings auch um Längen ungemütlicher ist. Die Sitzposition des Großen ist auf Anhieb viel besser, die Lenkung ist auch hier schön sportlich, könnte aber noch einen Tick fester sein. Das kann man von den schön konturierten Sportsitzen nicht behaupten, denn die sind sehr stramm gepolstert und bieten den nötigen Seitenhalt, und sogar reichlich Komfort bei längeren Fahrten. Warum die allerdings in einem GTi eine Massagefunktion haben? Das wirkt irgendwie deplatziert. Einleuchtend ist hingegen die rote Lippe am Frontspoiler, die beim Publikum reichlich Eindruck schinden konnte.

Der Motor und das Torsen-Diff stammen aus dem leider ausgemusterten Peugeot RCZ R, ein alternativer Fahrmodus (es gibt nur den einen), per Knopf am Mitteltunnel geschaltet, heißt entwaffnend einfach „Sport“. Dann wechselt die Beleuchtung der Rundinstrumente von kaltem Weiß auf glühendes Rot, die Kennlinie des Gaspedals verschärft sich und der 308 GTi schiebt mächtig an, während sein kleiner Sechzehnhunderter Block rauchiger, wenn auch nicht wirklich gut klingt. Am Auspuff könnten und sollten die Franzosen noch einmal Hand anlegen, denn der Klang dieses GTi ist einer der wenigen „Downer“, die es bei diesem gelungenen Gesamtpaket zu beklagen gibt. Die Lenkung ihrerseits hat unseren autorevue-Kollegen Claude beim ersten Test auf der Rennstrecke zu wahren Begeisterungsstürmen animiert (siehe autorevue 10/2015), und sie ist auch wirklich beeindruckend. Nur, auf der öffentlichen Straße ist ihr Potenzial auf legalem Wege kaum auszuloten, vor allem weil das Fahrwerk nicht alle Unebenheiten auf buckeligen Luxemburger Landstraßen stoisch zu schlucken in der Lage ist. Dann wagt man es gar nicht einmal mehr, das „Aus-der-Kurve-Herausziehen“ des schnellen Fronttrieblers auszuprobieren.

Besser als der kleinere Peugeot 208 GTi ist der „3er“ allemal. Er ist der Erwachsenere von den beiden „Sochaliens“ und ganz sicher eine glaubwürdige, weil gut jetzt verarbeitete und um einiges extremere Alternative zum ewigen Dominator, dem so penibel sachlichen Benchmark-Golf.

308-GTi_statisch_Doppelpack_1

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

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Author: Martine Decker

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