Aber das ist nicht sein einziges Problem: Beim Focus RS ist nämlich auch nicht gleich alles im Preis mit inbegriffen. Im „Performance Pack“ für 2.224 € befinden sich 63N-Sportsitze von Recaro, ein mittelmäßiges Navi von Sony sowie 19-Zoll-Felgen – was das alles mit Performance zu tun hat, außer den Schalensitzen, sei einmal dahingestellt. Im „Driver Assist Pack“ kriegt man für überschaubare 735 € eine Cruise-Kontrolle, einen schlüsselloser Zugang mit Startknopf sowie eine Rückfahrkamera. Bei Audi kann man über solche „rinky dink“ Aufpreise natürlich nur mitleidig lächeln. Optisch ist der neue Focus RS ein Meilenstein an Zurückhaltung, zumindest im Vergleich zum Vorgänger. Es gibt zwar noch immer Spoiler und Schweller zuhauf, aber die sind viel weniger aufdringlich ausgefallen als zuvor. Und sie ergeben ein stimmigeres Ganzes, ohne übertriebene Effekthascherei. Wo der alte Focus RS für entsetztes Kopfschütteln sorgte, geht der Neue fast unbemerkt durch, wäre da nicht der grimmig grollende Klang, der gleich das Kind beim Namen nennt.
Drinnen herrscht die fast gleiche Atmosphäre wie in allen Focussen, mit Ausnahme der Sportsitze von Recaro, die in ihrer fixen Version leider etwas zu hoch platziert sind. Dazu passen ein sportlicheres Lenkrad und drei abgeflachten Zusatzuhren über der Mittelkonsole (rund wäre schöner gewesen) für (v.l.n.r.) Öltemperatur, Lade- und Öldruck. Der VW Scirocco R scheint diese Renaissance 2014 eingeläutet zuhaben. Die Raumaufteilung ist die Gleiche wie in jedem Focus, der Reisekomfort wegen der straff eingestellten Federung allerdings etwas geschmälert, insbesondere im Fond, wo eine schnelle Gangart auf schlechtem Straßenbelag seinen Tribut ans Gesäß der Passagiere fordert. Aber das alles zählt ja nicht wirklich, denn der Focus RS ist eine egoistische Fahrmaschine.
Techno-Party
Fahrbereit („kerb weight“) wiegt der Focus stolze 1.599 kg, was aus ihm in dieser Klasse nicht gerade ein Federgewicht macht und selbst dazu führte, dass Ford von der Idee, vielleicht das halbautomatische Doppelkupplungsgetriebe PowerShift einzubauen, schlussendlich abstand nahm. Die Spur vorne (1.564 mm) und hinten (1.539 mm) wurden verbreitert, der Kofferraumvolumen erweitert sich von 260 l (Rückbank hoch) auf 1.045 l (Rückbank runter), der Tank fasst 51 Liter. Maximal zwei Lenkradumdrehungen braucht es von Anschlag zu Anschlag, ein fetter Turbo mit fixer Geometrie, eine mechanische, druckgesteuerte Ölpumpe, zweifach variable Nockenstellung und ein Block und Zylinderkopf aus Gussaluminium sorgen für Vortrieb. Dazu passt die elektronisch gesteuert Servolenkung EPAS (das System entstammt den Erfahrungen, die im Fiesta und Focus ST gesammelt wurden), MacPherson-Federbeine vorne und unabhängige SLA-Doppelquerlenker-Radaufhängung mit zwei unterschiedlich langen Querlenkern (einer so genannten „Short Long Arms Suspension“) hinten, die größten Brembo-Bremszangen, die in den Rädern Platz fanden, mit vier Kolben und gelochten innenbelüfteten Bremsscheiben (350 x 25 mm) vorne, schwimmend gelagerte Ein-Kolben-Bremssättel mit integrierter Parkbremse und massiven Bremsscheiben (302 x 11 mm) hinten. Zwei Reifentypen stehen zur Wahl, die Michelin Pilot Super Sport oder die „bespoke“ Michelin Pilot Sport Cup 2, jeweils der Dimensionen 235/35R19 hinten und vorne.
Das Design musste absolut funktionell sein. Dazu sagte Tyrone Johnson, Vehicle Engineering Manager von Ford Performance, bei der Pressevorstellung an unserer Hausstrecke, dem Circuit Chambley nahe Metz: „Es gibt keine Gimmicks und keine Flügelchen… das Außendesign wurde gelenkt von den Erfordernissen der Aerodynamik, jeder Teil hat so seine ganz klar definierte Funktion.“ Die Zielsetzung und das Resultat seien null Auftrieb vorne und hinten („zero lift“) gewesen, passend dazu sei ein spezifisches Frontgrill-Design in langer Kleinstarbeit ausgetüftelt worden. Die Auspuffanlage war ebenfalls eine knifflige Angelegenheit, und einiges an Anstrengung floss in die Aufgabe, die anfänglichen Windgeräusche in echte Motorgeräusche umzuwandeln. Das Resultat lässt sich hören. Der 2,3-Liter-EcoBoost-Motor stammt aus dem Mustang, doch der erschien mit seinen 314 PS bereits ziemlich ausgereizt, also mussten eine paar fundamentale Änderungen her, wie ein ganz neuer Zylinderkopf und neue Laufbuchsen. Und dann wurde auch der dickste Intercooler eingebaut, den man im Motorraum überhaupt noch unterbringen konnte. Es stellte sich heraus, dass er zu groß geraten ist und so hat man den Durchfluss künstlich mit einem Deckel verringert. Aber, sei’s drum, Tyrone Johnsons Devise lautet: „Größer ist immer besser“.