Home » Autorevue » Test: Renault Mégane GT – Blaupause vor dem RS

Test: Renault Mégane GT – Blaupause vor dem RS

Die autorevue hat die neue Mégane-Flotte bereits in ihrer Druckausgabe getestet (ar 01/2016), jetzt war es an der Zeit, den zurzeit stärksten Vertreter der Familie, den Mégane GT mit siebengängigem Doppelkupplungsgetriebe und 205 PS, noch einmal durch ein etwas feinmaschigeres Sieb zu streichen, ehe 2017 der RS dann richtig Zunder gibt.

Aus die Maus für das zweitürige Coupé und auch das Cabriolet, es gibt diese vierte Generation des Mégane nur noch als Fünftürer. Tjo! Von Renault Sport auf Vordermann gebracht, soll der GT das Beste aus zwei Welten miteinander verbinden, den Komfort der gemütlichen Alltagswagen mit dem Mumm der Sportler kombinieren, aber so voll und ganz geht die Rechnung noch nicht auf.

Punkten kann der Renault Mégane GT beim Design und bei den in einer Leder-Stoff-Combo bezogenen Sitzen. Die gut konturierten Sportsitze mit integrierter Kopfstütze bieten massig Seitenhalt, das Interieur ist aufgeräumt, die Außenhaut schön anzuschauen. Kühlergrill und Lufteinlässe in Wabenmuster, formschöne Front- und Heckleuchten, ein Diffusor mit Auspuffattrappe usw., dazu ein Interieur, das sauber verarbeitet ist, wenn auch gänzlich frei von edlen Materialien. Sportlich, eben. Optisch sportlich, wohlgemerkt.

Das eigentliche Highlight des Mégane GT heißt 4Control. Die optionale Hinterradlenkung von Renault, die bei den neuen Mégane GT, Talisman und Espace zum Einsatz kommt, verschränkt die Hinterräder beim Lenkeinschlag mit maximal 3,5 Grad in entgegengesetzter Richtung zu den Vorderrädern, was in engen Gassen den Wendekreis verkleinert und so das Hineinzirkeln in enge Parklücke entsprechend erleichtert. Dieser Effekt wird bis 60 km/h erzielt (im Sport-Modus bis 80 km/h), dann wendet sich das Blatt, denn bei schnellerer Fahrt werden die Parameter von der auf der Hinterachse platzierten Elektronik umgekrempelt und die Hinterräder schlagen jetzt in die gleiche Richtung wie die vorderen ein, mit so ziemlich demselben Resultat. Ein zusätzlicher Bonus des Systems ist der Umstand, dass das ans 4Control gekoppelte ESP merklich später eingreift, um die verbesserte Kurventauglichkeit im Ernstfall zu unterstützen. Das ist fast schon Porsche-Technik für den Alltag, mit dem großen Nachteil in diesem Falle, dass die Lenkung keine Feedback-Offenbarung mehr darstellt, sondern eher anonym jedem gefühlten Kontakt zum Asphalt den Garaus macht. Das ist sehr schade, denn sonst ist die Allradlenkung sehr beeindrucken, wenn auch etwas gewöhnungsbedürftig. Interessant wiederum, wenn auch nicht unabkömmlich, ist die „Multi-Change Down“-Funktion, mit welcher der Pilot mehrere Gänge via zeitlich verlängertem Zug am linken Schaltpaddel auf einmal runterschalten kann. Das Gleiche gilt für die „Launch Control“, die ein lustiges Gimmick darstellt, das man nach einigen Tagen aber auch satt hat.

Megane-GT_Detail_FelgeDas Leergewicht des Mégane GT beträgt 1.392 Kilo, der Wendekreis 10,4 m zwischen zwei Bordsteinen und 11,0 m zwischen Mauern. Die mechanische Zahnstangenlenkung ist elektrisch unterstützt und zählt 2,3 Umdrehungen von Anschlag zu Anschlag, das sind 0,6 Umdrehungen weniger als die elektrischen Servolenkungen, die in allen anderen Mégane-Modellen eingebaut werden. Der Mégane GT basiert auf der modularen CMF-CD-Plattform der Renault-Nissan-Allianz (CMF steht für „Common Module Family“, C und D wiederum für die Segmente, in denen sie eingesetzt wird), auf der auch die Modelle Espace, Kadjar und Talisman basieren. Durch Synergieeffekte will die Allianz –Nissan X-Trail, Rogue und Qashqai ruhen ebenfalls auf dieser Plattform – über den Umweg des effizienteren Einkaufs und des Rückgriffs auf gemeinsame Antriebsstränge Millionen einsparen und so die Preise seiner Autos nach unten drücken.

Mit dem Mégane GT ist Renault ein schmuckes Auto gelungen, dessen Sportlichkeit allerdings einzig und allein auf der Optik fußt, denn von einem Golf GTI sind wir preislich aber leider auch fahrdynamisch noch meilenweit entfernt. Für einen späteren Mégane RS sollten sich die Renault-Ingenieure (und die Buchhalter) auf jeden Fall die Sache mit dem trägen EDC7 noch einmal gut überlegen, denn das würde unsereins den Mégane von vorne herein unwiderruflich madig machen. So fährt Monsieur nicht in die Grüne Hölle, so nicht!

Nach dem Zuckerbrot…

Zwar ist er an allen Ecken und Enden mit Renault Sport-Stickern tapeziert, aber ein Pistenschreck ist dieser GT wahrlich nicht. Der Klang ist in allen Drehzahlbereichen unbedeutend, der zweite (rechte) Auspufftopf ist eine versiegelte Attrappe und das über die Lautsprecher eingespielte Gedröhne ist alles andere als sportlich oder gar viril, besonders wenn sich der 1,6-Liter mit doch sehr spartanisch bemessenem Drehmoment im Zug an der Steigung abmüht.

Mégane-GT_dynamisch_Heck_2Es gibt keine adaptiven Dämpfer für den GT – Adieu Golf GTI und Focus ST! Warum nicht? Vielleicht wollen die Renault-Mannen einfach nur genügend querdynamische Luft nach oben lassen, wenn ab 2017 der Mégane RS antritt. Die Schaltwippen sind etwas weit weg von den Wurstfingern und auch zu hoch am Lenker platziert, der GT ist dazu eher hart als sportlich gefedert und übermittelt Schlaglöcher fast ungefiltert ans Steißbein. Dazu gibt es nur die Doppelscheibenkupplung EDC7 und kein manuelles Getriebe, nicht einmal als Option. Das ist ein echtes Problem, denn das EDC7 schaltet nicht besonders sauber, im Komfort-Modus, bei moderater Geschwindigkeit zu spät oder, je nach Lust und Laune, auch schon mal bei 45 km/h in den siebten Gang, sobald man einen zu schweren Fuß für diesen Schlummermodus hat, das heißt, sobald die Ampel auf Grün schaltet. Im Sport-Modus gestaltet das sich auch nicht viel besser, es sei denn, man gibt Vollgas und bleibt dann dabei, was selbst die Männer in Grün jenseits der Mosel auf die Dauer nicht durchgehen lassen. Bleibt das manuelle Wippen, aber auch hier verheddert sich das Getriebe geflissentlich und ignoriert schon mal das eine oder andere Kommando.

Technische Daten

Mégane GT (TCe EDC7 205)
28.959 Euro
6,0 l/100 km
134 g/km

1.618 cm3
151 kW/205 PS @ 6.000 U/min
280 Nm @ 2.400 U/min
7,1 s 0-100 km/h
225 km/h

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook

PRO/CONTRA

↑PRO:

+ Großes bewegungssensibles Tablet
+ Serienmäßige Hinterachs-/Allradlenkung
+ Ordentliche Sportsitze mit viel Seitenhalt
+ Endlos viele Funktionen im großen Display
+ Frisches Außendesign
+ Außer Ambiente-Beleuchtung kaum Schnickschnack

↓CONTRA:

Schlechtes Doppelkupplungsgetriebe
Bedientasten etwas außer Reichweite
Nicht ganz einleuchtende Untermenü-Einteilung
Mieser Sound aus „gefaketem“ Doppelauspuff
Mäßiger Kofferraum mit hoher Kante
Schlechte Sicht hinten raus
Wenig Platz im Fond für die Beine
Harte anstatt sportliche Federung
Billige Anmutung der Plastikablagen
Umwege zur Klimakontrolle
Schaltwippen zu weit weg vom Lenker
Verbrauch viel höher als angegeben

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook

Zwar bietet der GT das gleiche Platzangebot wie alle anderen Mégane und dasselbe Infotainment-Angebot wie diese, wie etwa ein optionales, farbiges Head-up-Display sowie das unnötig verschachtelte, aber doch einigermaßen intuitiv zu bedienende Multi-Sense-System für die individuelle Einstellung vieler Parameter wie Lenkung (Feedback) und Ansprechverhalten des Gaspedals, aber Annehmlichkeiten wie eine Sitzheizung oder ein beheiztes Lenkrad sucht man vergebens. Die Zwei-Zonen-Klimakontrolle ist – und das nervt gehörig – nur sehr umständlich über das große, zentrale Display (8,7 Zoll) zu steuern. Dessen Kommandotasten am rechten Rand liegen etwas zu weit weg und das riesige Tablett ist nach einer Stunde hoffnungslos mit fettigen Fingerabdrücken verunstaltet, dazu reflektiert es stark bei Lichteinfall und mutet nicht sehr hochwertig an. Die kunterbunte Ambiente-Beleuchtung in den Türen und der Mittelkonsole aus billigem Plastik ist… also bestenfalls Geschmackssache.

Der Kofferraum ist auch nicht sehr groß, die Ladekante dafür aber relativ hoch angesetzt. Nach dem Umlegen der Sitze vergrößert sich das bescheidene Volumen von 384 auf passable 1.257 Liter, wobei aber eine unschöne Stufe entsteht. Die Sicht nach hinten ist nicht sehr gut, da hilft auch der winzige, chronisch überforderte Scheibenwischer nichts mehr. Die piepende Parkhilfe mit Kamera kommt auf einmal sehr gelegen. Im Fond ist die Beinfreiheit sehr begrenzt. Bei unserer Testfahrt lag der Durchschnittsverbrauch querbeet schließlich bei 8,3 Liter/100 km, was für einen 1,6-Liter mit Turbo nicht gerade einen Minusrekord darstellt.

Megane-GT_dynamisch_Heck_1

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Martine Decker

Login

Lost your password?