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The Lucky One

Er ist jung. Sieht gut aus. Kann singen und Gitarre spielen. Hat Erfolg und mit „One“ ein vielversprechendes Debüt vorgelegt. Den Namen Josh Island sollte man sich merken.

Es hat mit Nostalgie zu tun. Die Musik von Josh Island, der mein erwachsener Sohn sein könnte, erinnert mich an die Sommer meiner Jugend. Und an eine gewisse Unbeschwertheit. Statt mit den Eltern an die belgische Küste oder den Luganer See zu fahren, nahm ich an archäologischen Ausgrabungscamps des Service national de la jeunesse teil. Tagsüber wurden beim Uselinger Schloss alte Friedhofsgräber ausgebuddelt, abends hockten wir erschöpft und glücklich um ein Lagerfeuer und sangen Leonard Cohen-Lieder. Flëpp war damals der Liebling von allen. Er konnte Gitarre spielen und sah fast noch besser aus als Josh Island.

Seitdem sind nahezu 40 Jahre vergangen. Die Abende, an denen ich mit ausgezogenen Schuhen und dem Kater der Nachbarin auf dem Schoß im Gras sitze und auf den Sonnenuntergang warte, werden immer seltener. Schade eigentlich. Doch nun zu Josh Island und seinem bodenständigen Charme. Auf Pressefotos posiert er wie ein Hollywoodstar der 1950er Jahre. Schaut mit verträumtem Blick aus dem Bild. James Dean wäre neidisch geworden. Auch die Stimme des gebürtigen Niederländers ähnelt der des zur männlichen Kultfigur stilisierten Schauspielers: rau und zärtlich zugleich. Mit dessen Ego kann es der junge Folkpop-Sänger, den man sich sehr gut hinter der Theke eines Dubliner Pubs vorstellen kann, indes nicht aufnehmen. Gottseidank.

Mit zehn Jahren kommt Josh Island mit seiner Familie nach Luxemburg. Als 16-Jähriger dreht er seine ersten Runden in der lokalen Musikszene. Er eröffnet Konzerte von u.a. Mighty Oaks und Alex Vargas, spielt auf Festivals und macht John Butler auf sich aufmerksam: „Josh hat eine beeindruckende Stimme und ein großartiges Gitarrenspiel“, soll der australische Roots-Musiker über ihn gesagt haben. Stimmt sogar. Musik sei ein Geschenk, heißt es. Musik schafft eine Verbindung. Einer streckt als Erster die Hand aus, der andere ergreift sie. Oder lässt es sein. Ich weiß nicht, wieviel Josh Island in seinen Songs von sich selbst preisgibt, aber das ist auch nicht so wichtig. Feststeht lediglich, dass die Musik einen Raum verändern kann. Und wenn Musik einen Raum verändern kann, dann kann sie noch viel mehr.

Josh Islands Liebe für unterschiedliche Musikgenres spiegelt sich auch auf seiner EP „One“ wider.

Dessen – und seiner Ausstrahlung – ist sich der Sänger durchaus bewusst. Als er in Maastricht sein Politikstudium beginnt, fordert er die Einwohner der Stadt auf der Facebookgruppe „Sharing is Caring“ auf, ihn für ein Gratis-Konzert zu sich nach Hause einzuladen. Das Interesse ist derart überwältigend, dass Josh Island heute noch Wohnzimmer in Bühnen verwandelt. Mal kommen nur zehn Leute, mal sind es über 50. Mal singt er in herrschaftlichen Herrenhäusern, mal in einer vier Quadratmeter großen Studentenküche. Manchmal wird mitgesungen, vor allem bei Coversongs. Diese Erfahrung ist ihm wichtig. Weil er merkt, was gut ankommt, und weil es ihm gefällt, sein Publikum sozusagen hautnah kennen zu lernen. Dass er während seiner Schulzeit als DJ bei Radio Ara gejobbt und Konzertberichte geschrieben hat, hat ihm ebenfalls dabei geholfen, herauszufinden, was von Musikern erwartet wird.

Die fünf Songs seiner ersten EP hat er selbstverständlich alle selbst geschrieben. Auf der Wohnzimmercouch oder im Bett. Dass er für die Arrangements und Aufnahmen drei Jahre gebraucht ist, erklärt sich dadurch, dass „One“ in einem Wochenendrhythmus entstanden ist. Samstagmorgens fuhr er mit dem TGV nach Paris, um dort mit anderen Musikern im Studio zu arbeiten. Sonntagabends kehrte er an die Maas zurück. Es ist eine sehr intensive Zeit gewesen, aber es hat sich gelohnt.

Der Song „Human Flow“ ist der perfekte Sound für die Verfilmung eines Liebesromans von Nicholas Sparks.

„One“ beginnt mit „Letter for Eva“, einer romantischen Geschichte, die von intimen Folk-Klängen getragen wird und in einem Rock-Finale endet. „Night Shift“ ist die ideale musikalische Begleitung bei einem langweiligen Road-Trip. „Lighthouse“ hat Josh Island für die Popdiva Céline Dion geschrieben. Alles in allem geht es um große Gefühle. Von Emotionalität ist darüber hinaus das gesamte Projekt geprägt, denn kurz nach der Begegnung mit den Musikern Stéphane Planchon und Yassine Dahbi der französischen Band P.S.Y., die in den frühen 1990er Jahre einige Erfolge feierte, stirbt Dahbi völlig unerwartet. Die EP kommt dennoch zustande, und der Wahlluxemburger ist heute noch dankbar dafür, dass er seine Professionalität als Künstler in den letzten drei Jahren weiterentwickeln konnte.

Mit neuen Songs im Gepäck ist Josh Island Anfang 2019 in Deutschland auf Tournee gewesen. Wer Lust hat, sollte sich „Human Flow“ auf YouTube anhören. Der perfekte Sound für die Verfilmung eines Romans von Nicholas Sparks: leise und fast schon etwas zu schmalzig, nicht kunstvoll und doch handwerklich geschickt arrangiert.

Genau wie der US-amerikanische Bestsellerautor, der eine Liebesromanze nach der anderen schreibt, weil die erste so erfolgreich gewesen ist, scheint Josh Island zu wissen, wie man sein Publikum ködert. Mit Geschichten und Songs, mit denen sich junge Menschen identifizieren können. Denn nicht jeder hat Wut im Bauch. Nicht jeder braucht Heavy Metal als Ventil. Es gibt auch Leute, die es sich an verregneten Tagen auf der Couch gemütlich machen wollen. Mit einem Cappuccino und Selbstgebackenem. In solchen Momenten ist „One“ die richtige Musik im Hintergrund. Bleibt also zu hoffen, dass der Lucky Boy seine Fans nicht erneut drei Jahre auf eine neue EP oder ein erstes Album warten lässt. Und dass er sich zwischen Blues, Folk und Rock für ein Genre entscheidet. Muss nicht unbedingt sein, wäre jedoch ein weiterer Schritt Richtung Furore.

Fotos: Josh Island Music

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Philippe Reuter

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