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Theaterkritik – Buntes Flüchtlingsspektakel

In „Letters from Luxembourg“ inszenieren Sylvia Camarda und Serge Tonnar Flüchtlingselend als bunte Unterhaltungsshow. Ein Abend, der Gänsehaut und Schaudern auslöst und bei dem man sich im Elend der Anderen suhlen kann.

Text: Anina Valle Thiele / Fotos: Bohumil Kostohriz

Es sind dunkle Menschen, die kriechen, greifen, ringen und rudern: eine ambitionierte Choreographie! Das Bühnenbild, ein Berg aus weißem Pappmaché, mutet magisch an: unwirklich und wie aus einer Sagenwelt. Wenn eine große Puppe auf Stelzen und Matrosenhemd auf die Bühne kommt, ein trauriger Clown, wird dieser magische Eindruck nur noch verstärkt.

Dann kommt ein zerzauster, alter weißer Mann auf die Bühne gestolpert – auf der Suche nach Gott. Aber Gott ist nicht da. Düstere Orgeltöne untermalen das magische Weltuntergangsszenario. Es sind surreale Szenen, die jäh unterbrochen werden durch eine künstliche Stimme aus dem Off: „Ihr seid leider noch keine freien Menschen!“ Denn in Luxemburg angekommen, müssen sie erst noch eine Flüchtlingsprozedur durchlaufen und dafür braucht es Geduld!

Zwei Beamtinnen im Stewardessen-Outfit geben schrill Anweisungen – eine fröhliche Musik ertönt jodelnd, während zugleich die Ankunft im Universum des Friedens angekündigt wird. Der „Minister der Freiheit“ ist leider nicht verfügbar, wird aber durch dessen Vizeminister ersetzt, erklingt es aus dem Off. Gelungen ist die Darstellung der komplizierten, langwierigen Amtsprozeduren von Flüchtlingen bei ihrer Ankunft, die in dem Theaterstück eindrucksvoll ad absurdum geführt werden. Der über Lautsprecher proklamierte Freiheitsdiskurs läuft ins Leere, denn zunächst gilt es eine Palette an Regeln zu beachten; „Eine Nummer ist nun mal demokratischer als ein Name!“ Die Willkommenskultur wird als fröhliches Tralala inszeniert. Dann ein Backflash: Der große Clown lenkt das Schiff indes die Flüchtenden von den Wellen weggeschaukelt und umgeworfen werden. Zugleich ertönt die Stimme eines Flüchtlings: „Ich danke Euch so sehr, mich in Eurem Land aufzunehmen!“

Sylvia Camarda und Serge Tonnar inszenieren Flüchtlingselend als Betroffenheit erzeugende Unterhaltungsshow und Multi-Kulti-Wohlfühlabend.

Bereits der Anfang der Inszenierung von Serge Tonnars und Sylvia Camardas „Letters from Luxembourg“ trägt Züge von Sozialkitsch, spätestens nach der Hälfte des Stücks wird es allerdings richtig trashig. Denn in der ohnehin unruhigen Inszenierung werden einem politische Bezüge um die Ohren gehauen, die offenbar Betroffenheit erzeugen sollen, so etwa, wenn wacklige Filme von einem überfüllten Boot per Diaprojektion eingeblendet werden und dabei nüchtern Zahlen von Ertrunkenen genannt werden, sodass es auch noch dem letzten Zuschauer kalt den Rücken hinunterläuft. Die nach Luxemburg Geflüchteten drehen sich parallel dazu gemeinsam mit professionellen (teils exzellenten Tänzern wie Gianfranco Celestino!) auf der Bühne wild im Kreis. – Eine durch und durch bedeutungsschwere Choreographie, in der die Flüchtlinge um ihre Freiheit ringen. Die dann von ihnen verlesenen Briefe in die Heimat – teils echte Briefe, teils fiktiv, sind todtraurig und erzeugen beim Publikum tiefe Betroffenheit. Die Botschaft leidender Flüchtlinge wird jedoch mit dem Hammer vermittelt, wenn zwei Menschen mit zugebundenen Augen auf die Bühne geführt werden, die dann blind dort herumirren. Ein Junge stimmt aus tiefer Kehle ein arabisches Klagelied an und die Figuren winden sich, bis ihre Geduld zur Ungeduld wird und ausartet in Verzweiflung.

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Irgendwann werden die Schauspieler das Pappmaché auf der Bühne und ihre Briefe zerreißen, sich daraus provisorische Kleidungsstücke basteln und in den Papierkostümen singend herumirren wie unwirkliche Engel: eine Rocky-Horror-Picture-Show mit Flüchtlingen.

Eine emotionale Ansprache der Schauspieler, die sich wie bei einem Schultheaterstück in einer Reihe aufgestellt haben auf Arabisch und Lëtzebuergesch bildet den fulminanten Ausklang: „Doheem ass, wou d’Fräiheet ass“!

Beim rot-grünen Publikum wird sich wohl sicherlich das intendierte Wohlfühlmoment einstellen, das gute Gefühl, dem Flüchtlingselend für eine gute Stunde beigewohnt zu haben und sich dabei irgendwie erhaben zu fühlen. Sylvia Camarda und Serge Tonnar inszenieren Flüchtlingselend als Betroffenheit erzeugende Unterhaltungsshow und Multi-Kulti-Wohlfühlabend. „Letters from Luxembourg“ ist besseres Schülertheater mit Flüchtlingen – nur, dass die Flüchtlinge hier vorgeführt werden wie im Zirkus. Ist das Integration oder nicht doch eher der exotische Blick aufs Flüchtlingselend, indem sich die (vermeintlichen) Helfer suhlen dürfen?

„Letters from Luxembourg“ wird noch am 30. Juni und am 1., 3., 6. Juli, sowie am 9. und 10. Juli um 20 Uhr im Kapuzinertheater gespielt.

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Author: Philippe Reuter

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