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Toleranz – Was ist das?

Viele nehmen das Wort Toleranz in den Mund und viele sprechen darüber, ständig wird sie von allen Seiten eingefordert: die Toleranz. Aber was bedeutet das Wort genau?

M. David Wagner (déi Lénk).
Dir hutt gesot, mir wiere fir d’Burka!

M. Fernand Kartheiser (ADR).
An doduerch ass d’Konklusioun, datt Der déi toleréiert hei am Land, datt Der also dat akzeptéiert! An ech nennen dat ‚pro Burka‘.

M. David Wagner (déi Lénk).
Also, Här Kartheiser, am Lycée, ech weess net, do hate mer Philo an do hate mer och e Fach dat ‚Logique‘ geheescht huet. Dier hätt do 0 vun 20 kritt. […]

(Chambre des Députés, Compte-rendu des séances publiques N. 13; Séance du jeudi 26 avril
2018, S. 495)

Ich möchte diesen kurzen verbalen Schlagabtausch zwischen den Abgeordneten Wagner und Kartheiser zum Anlass nehmen, den Begriff der Toleranz genauer unter die Lupe zu nehmen. Herr Kartheiser scheint nämlich nicht zu wissen, was Toleranz bedeutet. Ob ihm ein Logikkurs geholfen hätte, diesen Begriff besser zu verstehen, vermag ich nicht zu sagen. Wenn er aber eine Ahnung von Geschichte hätte, dann hätte er seinen Sophismus (Herr Wagner toleriert die Burka, also akzeptiert Herr Wagner die Burka, also ist Herr Wagner pro Burka) für sich behalten, anstatt seine abyssale Ignoranz in Sachen Toleranz dem gesamten luxemburgischen Volk zur Schau zu stellen.

Werfen wir also kurz einen Blick in die Geschichte, ins 16. Jahrhundert, um genauer zu sein, als die Toleranz zu einem zentralen Problem wurde. Zu jener Zeit wüteten nämlich in Frankreich die Religionskriege zwischen Katholiken und Protestanten. Erstere wollen Letztere los werden und Letztere wollen ihre Religion frei in Frankreich ausüben. Um diesen Kriegen ein Ende zu setzen, erlassen die französischen Könige mehrere Toleranzedikte, deren bekanntester der „Édit de Nantes“ ist (1598). Auch wenn König Heinrich IV. mit diesem Erlass die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Glaubensgemeinschaften nicht ganz zur Ruhe bringt – hier muss man auf Richelieus Sieg in La Rochelle warten –, so kommt es doch zu einem relativen Frieden im Land. Inspiriert wurden die Toleranzedikte durch die sogenannten „politiques“, unter denen vor allem Jean Bodin, der Autor der „Six livres de la république“, hervorsticht. Diese Denker stellten den innerpolitischen Frieden über die religiöse Wahrheit: Primäre Aufgabe des Staates ist es, den Frieden zwischen seinen Bürgern zu sichern, und nicht, seinen Bürgern eine Religion aufzuzwingen, durch die er sie zum ewigen Seelenheil zu führen hoffte. Es war also nicht Aufgabe des Staates per Gesetz zu entscheiden, ob Jesus tatsächlich im Wein und Brot präsent war, oder ob man dies nur symbolisch verstehen sollte. Konkret hieß dies, dass der Staat auch falsche Religionen zulassen musste, wenn er nur durch eine solche Zulassung den Frieden sichern konnte bzw. wenn dies bessere Aussichten auf den Frieden gab, als ein Verbieten. Ein solches Zulassen entsprach aber keineswegs einer Zustimmung. Und was für die politiques gilt, gilt auch, glaubt man Montesquieu, für die Theologen: „[P]our les théologiens mêmes, il y a bien de la différence entre tolérer une religion et l‘approuver“ heißt es in „De l’esprit des lois“.

Wir leben heute in einer Welt, in welcher Toleranz wichtig ist.

Sieht man sich nämlich den berühmten „Édit de Nantes“ genauer an, so wird man schnell sehen, dass sich hier alles andere als eine Pro-Protestantismus-Haltung ausdrückt. Den Protestanten wird zwar erlaubt, ihre Religion auszuüben, aber es ist doch eine ziemlich eingeschränkte Erlaubnis. Wenn Heinrich IV. – der, wenn mir eine sarkastische Bemerkung erlaubt ist, seine Religion wahrscheinlich öfters wechselte als seine Unterwäsche – wirklich Pro-Protestantismus gewesen wäre, dann hätte er den Protestanten ganz genau dieselben Rechte eingeräumt wie den Katholiken. Das hat er aber nicht getan. In einer Rede vor dem Parlament von Paris aus dem Jahre 1599 sagt er sogar: „Il faut que tous soient bons Français, et que les catholiques convertissent les huguenots par l’exemple de leur bonne vie […]“. Das Ideal bleibt ein religiös homogenes katholisches Volk; was sich geändert hat, sind lediglich die Mittel, dieses Ideal zu verwirklichen: Statt der Gewalt soll das vorbildliche Leben der Katholiken die Anhänger der „religion prétendue réformée“ dazu bringen, ihren, aus katholischer Sicht, falschen Glauben abzulegen. Und als Ludwig XIV. den „Édit de Nantes“ durch den „Édit de Fontainebleau“ widerruft (1685), tut er dies im – leider nicht ganz der Wirklichkeit entsprechenden – Glauben, dass es so gut wie keine Protestanten mehr in Frankreich gibt, so dass man sie auch nicht mehr tolerieren muss.

Die Toleranz darf also nicht mit der Akzeptanz gleichgestellt werden, oder wenn, dann nur mit einer provisorischen, sozusagen taktischen Akzeptanz im Rahmen einer auf das Verschwinden des Gegners orientierten Strategie – ich gehe einmal davon aus, dass Herr Kartheiser den militärischen besser als den philosophischen Jargon versteht. Etwas tolerieren heißt, es nicht mit den Mitteln des Zwangs aus der Welt schaffen zu wollen. Wenn also Herr Wagner sich gegen ein Burka-Gesetz ausspricht, so bringt er lediglich zum Ausdruck, dass er nicht will, dass der Staat sich seines Gewaltmonopols bedient, um die Burka aus der öffentlichen Landschaft Luxemburgs zu verbannen. Aber dass man etwas nicht mit den Mitteln des Zwangs aus der Welt schaffen will, heißt nicht, dass man es gutheißt oder dass man auf alle Mittel verzichtet, mit denen man ihm ein Ende bereiten könnte.

Aber warum, so könnte man jetzt fragen, sollte man etwas tolerieren, wenn man dagegen ist? Auf diese Frage gibt es mehrere Antworten, je nach Situation. Für Heinrich IV. und die „politiques“ war eines klar: Die alternative Option zur Toleranz war eine Fortsetzung der Religionskriege im großen Format. Grundsätzlich liegt aber allen Antworten ein und dieselbe Überlegung zu Grunde: Toleranz impliziert das geringere Übel. So ist es für Herr Wagner, so will ich einmal annehmen, ein geringeres Übel, wenn in Luxemburg eine Handvoll Frauen mit einer Burka herumlaufen, als wenn der Staat ein spezielles Gesetz über die angemessene Bekleidung im öffentlichen Raum erlässt, umso mehr, wenn dieses Gesetz die Religionsfreiheit tangiert – wobei, nebenbei bemerkt, kein kanonischer islamischer Text das Tragen einer Burka zur Pflicht macht.

Toleranz erfordert Zurückhaltung: Im eigentlichen Sinn des Wortes kann nur derjenige tolerieren, der die Macht hat, zu verbieten. Wer toleriert, muss eine oft starke Anti-Haltung in sich bekämpfen, die ihn dazu auffordert, seine Macht zu gebrauchen, um ein gesetzliches Verbot durchzusetzen. Wir sind hier meilenweit von jener pro-Haltung entfernt, die Herr Kartheiser mit der Toleranz identifiziert. Bei der Toleranz muss man sich immer selbst überwinden, und diese Selbstüberwindung ist vor allem dann schwer, wenn starke Gefühle hinter der Anti-Haltung stehen.

Im Rahmen einer Diskussion über Toleranz kommt man nicht daran vorbei, Voltaire zu erwähnen, und vor allem den ihm zugeschriebenen Satz: „Monsieur, ich bin zwar nicht Eurer Meinung, aber ich werde dafür kämpfen, dass Ihr sie weiter äußern könnt.“ Das ist Toleranz: Voltaire teilt die Meinung seines Gegners nicht. Aber er will nicht, dass dem Gegner per Gesetz untersagt wird, seine Meinung zu äußern. Voltaire ist dafür, dass alle Menschen ihre Meinung frei äußern können, und so ist er auch dafür, dass sein Gegner seine Meinung frei äußern kann. Aber „Ich bin für Deine freie Meinungsäußerung“ impliziert nicht „Ich bin für Deine Meinung“.

Wir leben heute in einer Welt, in welcher Toleranz wichtig ist. Aber wir leben heute auch in einer Welt, in welcher eine, könnte man sagen, Bedingung für Toleranz, in Gefahr ist. Vor einigen Monaten hatte Herr Kartheiser die löbliche Initiative ergriffen, das Thema der Ausdrucksfreiheit im Parlament zur Debatte zu bringen. Er sah diese in Gefahr, und hatte dabei nicht ganz unrecht. Ausdrucksfreiheit ist aber die Kehrseite der Toleranz: Wenn man von X erwartet oder verlangt, dass er eine bestimmte Sache toleriert, dann muss man ihm das Recht zugestehen, sich frei über diese Sache zu äußern. Das ist heute aber leider nicht mehr so selbstverständlich. Man verlangt – und zu Recht – von jedem, dass er Homosexualität toleriert; wenn aber jemand Homosexualität kritisiert, droht ihm/ihr aber manchmal ein Prozess und sogar eine Verurteilung. So wurde Christine Boutin in Frankreich zu einer Geldstrafe verurteilt, weil sie Homosexualität als „abomination“ bezeichnet hatte.

Fazit: Tolerieren wir Herrn Kartheisers Sophismen auch noch in Zukunft. Aber da Toleranz keine pro-Haltung impliziert, nehmen wir uns auch in Zukunft das Recht, diese Sophismen als solche zu entlarven und die Ignoranz ihres Autors zur Schau zu stellen.

Text: Norbert Campagna   Fotos: Julien Garroy (Editpress), C. Schüßler (Fotolia), Pixabay

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Author: Philippe Reuter

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