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Tor zu den offenen Grenzen

Einst lag Schengen im Niemandsland. Doch mit der Unterzeichnung des Schengener Abkommens wurde der Ort Mitte der 1980er Jahre weltberühmt. Heute ist Schengen Treffpunkt für die letzten Europagläubigen.

Fotos: revue

Den Rundgang an der „Europa-Promenade“ hat man in fünf Minuten abgeschritten. Hier am Wasser riecht man die Geschichte. Vor einigen Monaten ist das morsche Dach des Schengen-Museums eingestürzt. – Ein symbolträchtiger Zerfall in Zeiten der Flüchtlingskrise, in denen Europa an seine Grenzen stößt, wie viele meinen. Kritik an Europa will der ehemalige Bürgermeister Schengens und Präsident der „Schengen asbl“, Roger Weber (CSV), jedoch nicht zulassen: „Als der Stellvertreter von Marie Le Pen einmal hier war und einen Kranz niederlegen wollte, um Schengen zu begraben, habe ich den Kranz mit Füßen zertreten.“ „Ohne Schengen wäre Luxemburg unmöglich“, meint Weber. „Wenn es Kontrollen an den Grenzen zu Frankreich gebe, dann würden die Autos ja bis in die Großgasse stehen!“

Richtig bekannt wurde der kleine Ort freilich erst durch die Unterzeichnung des Schengener Abkommens am 14. Juni 1985.

Weber, selbst in Remerschen geboren, ist ein Europäer der ersten Stunde. Wenn er von Europa spricht, funkeln seine Augen. Zwölf Jahre leitete er als Bürgermeister die Geschicke Schengens. Rund 90 Prozent der Leute, die nach Schengen kämen seien überzeugt von Europa, so Weber. Obwohl das von der Presse immer anders dargestellt werde, gebe es noch Millionen Leute, die an Europa glaubten und „diese Leute zu empfangen, macht schon sehr viel Spaß“.

IMG_4822Doch einst lag der Ort im Niemandsland. Nur eine Straße führte durch Schengen. 1909 wurde die erste Moselbrücke in Schengen eingeweiht, die eine Brücke von 1451 ersetzte. Ab 1939 sollte es eine Zeit lang gar keine Brücke mehr geben, nachdem sie im Zweiten Weltkrieg gesprengt wurde. Nur eine Fähre verband Schengen mit den deutschen Nachbarn. Erst 1959 gab es wieder eine Verbindung ans andere Ufer.

Das Schengener Koch’haus stammt noch aus dem 18. Jahrhundert, aus der Zeit der Österreicher. Ursprünglich sollte das an der „Place d’Europe“ gelegene barocke Haus das Europäische Zentrum in Schengen sein. Längst ist es im Besitz der Gemeinde und dient als Tagungsstätte. Dort findet man ein Faksimile des Schengen-Abkommens und eine Foto-Galerie der Polit-Prominenz, die Schengen besuchte.

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Heute steht „Schengen“ im Dreiländereck (Deutschland − Frankreich − Luxemburg) symbolisch für die Öffnung der Grenzen in Europa. Der kleine Ort, der freilich noch immer recht abgeschnitten von der Welt ist – nur jede Stunde gibt es eine Busanbindung – zieht jährlich Tausende Europa-Begeisterte an. Im vergangenen Jahr besuchten 40.000 Gäste den Ort. Prominente aller Couleur kamen nach Schengen, um ein Zeichen zu setzen: Otto von Habsburg, Manuel Barroso, aber auch ungern gesehene Gäste wie Marine Le Pen oder linke Lampedusa-Aktivisten. Vor Kurzem kamen Kommissionspräsident Juncker und EU-Parlamentspräsident Schulz hier zusammen. Der Spiegel berichtete über das (vermeintliche) Ende von Schengen.

Richtig bekannt wurde der kleine Ort freilich erst durch die Unterzeichnung des Schengener Abkommens am 14. Juni 1985. Ein Jahr zuvor wollten François Mitterand und Helmut Kohl die Grenze bei Strasbourg/Kehl öffnen, dann schlossen sich die Gründungsländer an und machten mit. Luxemburg hatte damals die Ratspräsidentschaft inne. Nach der Unterzeichnung auf der Marie-Astrid gab man sich selbstbewusst: „Wir sind jetzt Schengen!“ Man wollte die Bekanntheit von Schengen nutzen und benannte die Gemeinde Remerschen um in „Schengen“. – „Kein einfacher Schritt für die Bewohner von Remerschen“, erinnert sich Weber, der jedoch bis zuletzt an seiner Idee festhielt und den Vorschlag im Gemeinderat mit Erfolg einbrachte. Anschließend mussten noch das Parlament und der Großherzog zustimmen. Die dafür nötige Gesetzesänderung wurde im Juli 2006 in der Chamber gestimmt. (Mit dem Akt wurde der Name der Gemeinde am 3. September 2006 von Remerschen auf Schengen geändert.) „Ich glaube, es gab noch nie so eine Einigkeit in der Chamber. Ich war damals da und sie haben uns gehuldigt“, erinnert sich der Altbürgermeister. „Jeder hat eingesehen, dass es für den Tourismus eine gute Sache ist“, meint Weber rückblickend.

Zum 1. Januar 2012 fusionierte – nach einem Referendum 2010 – Schengen außerdem mit seinen Nachbargemeinden „Wellesteen“ und „Biermereng“. Der Name der Gemeinde blieb weiterhin „Schengen“. Heute zählt Schengen 4.615 Einwohner (Statec, 2015). Die fusionierte Gemeinde Schengen bestehend aus neun Dörfern ist heute die größte Weinbaugemeinde Luxemburgs.

Große Pläne für Schengen gab es immer wieder. So sollte hier Anfang der 70er Jahre eines der größten Atomkraftwerke entstehen. Atomkraftgegner protestierten entschieden. Heute stellt man sich die Frage, wäre Cattenom auch gekommen, wenn Remerschen gebaut worden wäre? Wohl kaum.

„Wenn es Kontrollen an den Grenzen zu Frankreich gebe, dann würden die Autos ja bis in die Großgasse stehen!“ Roger Weber, Präsident der Schengen asbl

Am 14. Juni 1985 wurde auf dem Moselschiff Marie-Astrid das Schengener Abkommen unterschrieben, das ab dem 19. Juni 1990 durch die Schengener Konvention ergänzt wurde und am 26. März 1995 in Kraft trat. Heute ist der Name „Schengen“ auf Millionen von Visapässen aus der ganzen Welt gestempelt. Denn mit Inkrafttreten des Schengener Durchführungsabkommens (SDÜ) im März 1995 und dem Wegfall der Personenkontrollen an den Binnengrenzen entstand der sogenannte „Schengen-Raum“ als Raum des freien Personenverkehrs.

IMG_4809Ein Bild der Galerie im Kochhaus zeigt den Moment der Ratifizierung des Schengener Vertrages, fünf Jahre nach der Unterzeichnung. „Damals war Edith Cresson hier, wegen deren Staataffäre die Kommission Santer zurücktreten musste“, erinnert sich Weber. Schon sie empörte sich über den Namen: „Gibt es keine anderen Dörfer als Schen-gen? Der Name ist ja fast unmöglich auszusprechen.“ Da meinte Robert Goebbels nonchalant: „Sicher, wir haben noch andere Dörfer in Luxemburg wie „Schlindermanderscheid“. „Dann belassen sie es lieber bei Schengen!“ soll die umstrittene französische Sozialistin ihm entgegnet haben.

„Die Unterzeichnung damals war gar nicht so ein großes Ereignis“, erinnert sich Weber. Man habe nur fünf Staatssekretäre nach Schengen geschickt, keine Minister! Allein Robert Goebbels war als offizieller Amtsträger Luxemburgs dabei. Deswegen ist heute eine Straße in Schengen nach ihm benannt. – Als Hommage.
2004 wurde die Schengen asbl gegründet, sodass Touristen empfangen werden konnten und auch Unterrichtsmaterial für Schulen entworfen wurde, um Europa kennenzulernen. Ihr Sitz befindet sich in einem schmucken Bau direkt am Wasser. 2004-2005 wurde das Schengen-Museum gebaut.

Im Sitz der Schengen asbl können Besucher nicht nur Infomaterial rund um den Schengen-Raum erwerben, sondern auch kleine Hängeschlösser. Mit der Aktion „Ein Schloss für Schengen“ kann man sich zu Europa bekennen. „Ich komme aus der Nachkriegsgeneration und weiß noch, wie das war mit den geschlossenen Grenzen, mit den Feindschaften – wir hatten damals noch kaum Freunde in Perl“, meint Weber, der sich wünscht, dass der Charakter des kleinen Orts erhalten bleibt. Als überzeugter Europäer will der Altbürgermeister Schengen über die Grenzen hinweg bewerben: „Luxemburg ohne offene Grenzen kann man sich heute doch nicht mehr vorstellen! Wir brauchen offene Grenzen und dafür kämpfen wir. Wenn wir nicht dafür kämpfen, wofür denn sonst?“

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Author: Martine Decker

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