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Toy Story

Spielwaren sammeln, kontrollieren und kostenlos weitergeben. Eine einfache Idee, doch hinter dem Projekt TABA des „Comité nationale de défense sociale“ (CNDS) stecken gleich mehrere Philosophien.

Barbiepuppen kuscheln mit Teddybären. Puzzles stapeln sich neben Gesellschaftsspielen. Spielzeugautos und Kinderküchen vervollständigen das Sortiment. Ein Angebot an Spielwaren, das auf den ersten Blick kaum überschaubar scheint und doch hat alles seine Ordnung. Auch, wenn es sich nicht um eine auf Hochglanz polierte und marketingtechnisch aufgemotzte Spielzeugabteilung eines der zahlreichen Supermärkte – die gerade in Vor-Nikolaus-Zeiten überzulaufen scheinen – handelt, sondern um die Räume des Projektes TABA in Walferdingen. „Es ist der größte Gemischtwarenladen für Spielwaren des Landes“, erklärt Raoul Schaaf, Direktor der CNDS, mit einem Schmunzeln. Marcelle Rischard, eine Kundin, die regelmäßig Spielsachen im TABA abgibt und auch für die Enkel mitnimmt, ist jedenfalls vom Konzept begeistert: „Das Konzept gefällt mir und man findet auch immer etwas, was den Kindern Freude bereitet.“

„Spillsaachen fir jiddereen! Gutt fir d‘Kanner! Gutt fir d‘Ëmwelt! Gutt fir de Mënsch!“ lautet der Slogan des Projektes, das vor fünf Jahren vom CNDS gestartet wurde und das gleich mehrere Ideen miteinander verbindet. Zum einen geht es darum, Spielzeugen ein zweites, drittes Leben zu schenken, damit eine Art Kreislaufwirtschaft zu initiieren und parallel dazu Ressourcen und die Umwelt zu schonen. Zum anderen werden die angelieferten Spielwaren von drogenabhängigen Menschen kontrolliert, repariert und desinfiziert. Eine Arbeit, die dazu dient und ihnen helfen kann, einen strukturierten Tagesablauf wiederzufinden.

„Scheinbar ist Spielzeug das, was wir in Luxemburg am meisten haben.“ Raoul Schaaf, Direktor des CNDS

1-PR1_1387-KopieDie Idee hinter dem Projekt endstand aus der Feststellung heraus, dass viele Kinderzimmer irgendwann vor Spielwaren überquellen, weil die Kleinen regelrecht überhäuft werden. „Scheinbar ist Spielzeug das, was wir in Luxemburg am meisten haben“, sagt Raoul Schaaf, „und gerade deshalb kam uns die Idee zu diesem Projekt. Nicht zuletzt auch, weil wir als CNDS schon lange in der Kreislaufwirtschaft aktiv sind, war dies nur ein logischer Schritt.“

Bei TABA kann jeder der möchte, Spielwaren abgeben. Nach Kontrolle, Reparatur und Reinigung werden sie dann wieder unter die Leute gebracht. Dabei gibt es verschiedene Verteilungswege, wie der Direktor des CNDS erklärt: „Erstens können Familien einfach hierhinkommen und Sachen gratis mitnehmen (oder tauschen). Zweitens geben wir Sachen an Kindertagesstätte oder Maisons relais ab und drittens sind wir mit dem Projekt gezielt bei Events präsent. Etwa solchen, welche die Sensibilisierung für Recycling in den Vordergrund stellen.“ Eine genaue In-Out-Statistik wird bei TABA nicht geführt und es ist auch irrelevant, laut Raoul Schaaf ist es aber eine enorme Menge.

Das Projekt wurde zu Beginn noch exklusiv vom CNDS selbst finanziert, mittlerweile werden allerdings anderthalb Posten, sowie die Betriebskosten von Staat übernommen. „Eine Bestätigung unseres Projektes und der dort geleisteten Arbeit“, wie Schaaf untermauert. Das Personal, das die Personen bei TABA betreut, arbeitet auch im Drogenkonsumraum Abrigado mit. Dies hat gleich zwei Vorteile. „Zum einen, weil dadurch eine Art Vertrauensbasis schon vorhanden ist und als Mitarbeiter des Abrigado kann ich eine Person, welche eventuell in Frage kommen würde, um bei diesem Projekt mitzuarbeiten, vielleicht ein erstes Mal hier hin begleiten. Zum anderen erlebt das Personal die Menschen aus dem Abrigado hier in einer anderen Situation. Im Abrigado begegnet man ihnen als Konsumenten und hier eben nicht“ sagt der Direktor. Eine klassische Win-Win-Situation eben. Und für Abgängige, wie bereits erwähnt, vor allem auch eine Möglichkeit und eine Hilfeangebot, um durch eine sinnstiftende Arbeit den Weg aus der Sucht zu finden.

Bei TABA handelt es sich um ein niederschwelliges Angebot.

Bei TABA handelt es sich um ein niederschwelliges Angebot, bei dem man als Projektteilnehmer keine Bedingungen erfüllen muss, wie Raoul Schaaf sagt: „Die einzige Bedingung ist, dass die Menschen nicht konsumiert haben, wenn sie hier ankommen und auch nicht hier vor Ort konsumieren.“ Der Standort Walferdingen ist deshalb relativ gut geeignet, zum einen in Stadtnähe und mit öffentlichen Transport erreichbar, zum anderen aber auch nicht in der direkten Umgebung des hauptstädtischen Bahnhofsviertels und der Drogenszene, was wichtig sei, wenn man Menschen aus ihrer Sucht herausführen wolle.

Eine Mindestdauer an Arbeitsstunden gibt es nicht, weil „Menschen mit relativ großem Suchtverhalten, dies eher abschrecken würde, wenn man etwa eine Arbeitsdauer von sechs Stunden vorschreiben würde.“ Bezahlt werden die Projektteilnehmer aktuell nicht, die Arbeit wird auf Freiwilligenbasis erledigt. „Einige Menschen, die hier bei TABA mitarbeiten, bekommen den ‚revenu d‘inclusion sociale‘ (REVIS) und es wäre eigentlich von Vorteil, wenn man dieses Projekt als ‚Stabilisationsmaßnahme‘ innerhalb des REVIS definieren könnte“ führt Raoul Schaaf aus und erklärt, dass trotz der fehlenden Bezahlung, das Projekt seine ganz eigene Attraktivität hat. „Dieses Projekt ist ein tagesstrukturierendes Angebot – es hilft also den Menschen, eine gewisse Stabilität in ihr Leben hineinzubekommen. So wird mittags zusammen gekocht und gegessen und somit ist garantiert, dass man mindestens einmal am Tag eine warme Mahlzeit zu sich nimmt.“ Und natürlich dürfe man den daraus resultierenden sozialen Kontakt nicht unterschätzen. Zwischen 18 und 25 Abhängige kommen regelmäßig zum Arbeiten ins TABA, das aktuell drei Mal pro Woche seine Türen geöffnet hat. Eine tägliche Öffnung wäre laut Raoul Schaaf wünschenswert.

Der CNDS-Direktor wagt einen Blick in die Zukunft: „Aktuell sind wir dabei zu schauen, wo man eventuell im Land dieses Projekt noch einmal ähnlich aufbauen kann, wir sind nämlich felsenfest davon überzeugt, dass es eine sinnvolle Art und Weise ist, Wege zu finden, um raus aus der Sucht zu kommen. Das Modell hat sich bewährt und es ist aus unserer Sicht eigentlich an der Zeit zu versuchen, dieses Angebot auch noch an anderen Orten anzubieten.“ Dies wäre in Schaafs Augen auch wichtig, weil zum Beispiel die Abhängigen, welche im Programm der „Jugend- an Drogenhëllef“ sind, das Heroin auf ärztliche Verschreibung vorsieht, zwei Mal am Tag in die Stadt müssten, schon alleine Aufgrund des Hin- und Herfahrens wohl kaum zu TABA kommen würden.

Weitere Infos unter www.cnds.lu

Fotos: Philippe Reuter

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Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Author: Martine Decker

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