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Tragen oder schieben?

Es war lange verpönt, Babys in Tragetüchern oder –Rucksäcken zu transportieren, weil es Wachstum und Gesundheit gefährden sollte. Doch: Alles Quatsch. Tragehilfen gehören zu den ältesten Methoden des Kindertransports. Und zu den besten.

Fotos: pixabay (2), Kunstzirkus (pixelio)

Man sieht es in Afrika, in Asien, in Südamerika: Säuglinge, Babys und Kleinkinder werden von ihren Müttern (selten sind es die Väter) mit Hilfe eines Tuchs auf Rücken, Hüfte oder Bauch gebunden. Völlig normal. Auch in unseren Gefilden gehörte das Herumtragen des Nachwuchses zum Alltag. Zumindest bis vor einem guten Jahrhundert. Dann aber – mit fortschreitender Industrialisierung und wachsendem Wohlstand – kamen die rollenden Kinderwagen auf den Markt.

Negative Folgen des Tragens in Tüchern gibt es für Kinder keine.

Sie wurden nicht nur zum Trend, sondern gleichermaßen zu einer Art Glaubensbekenntnis. Lange Zeit galten sie als das einzig richtige Transportmittel, in dem Kinder kuschelig und schön ausgestreckt dem Großwerden entgegenfahren konnten. Exotische Erfindungen wie Tragetücher oder –rucksäcke hingegen wurden als gesundheitsschädigend abgetan, vor allem für Kinder unter neun Monaten, die noch nicht eigenständig sitzen können: Die Wirbelsäule würde deformiert, die Blutgefäße abgeklemmt, die Atmung erschwert, hinzu kämen die Erschütterungen durch das Laufen, die sowohl dem Gehirn als auch den Knochen schadeten.

Doch so plausibel sich das auch anhören mag, wissenschaftliche Beweise gibt es für keines der aufgelisteten Probleme. Im Gegenteil: Alle Untersuchungen zeigen, dass auch Säuglinge, die länger als sechs Stunden am Tag in einer Tragehilfe verbringen, keine Beeinträchtigungen erleiden. So ist bei ihnen auch in späteren Jahren weder ein erhöhter Prozentsatz an Rückenschäden oder Haltungsauffälligkeiten zu beobachten, noch werden Sauerstoffzufuhr und Durchblutung unterdrückt.

newborn-1407625Negative Folgen des Tragens in Tüchern gibt es für Kinder also keine. Bleiben nur die positiven. Und die sind zahlreich: Babys sind nachweislich zufriedener, wenn sie getragen werden. Sie spüren den Körper eines vertrauten Menschen und fühlen sich geborgen. Die Bewegung von außen und die aufrechte Position fördern die Verdauung von Babys, die zu Dreimonatskoliken neigen. Durch den direkten Körperkontakt kann die Temperatur des Babys besser kontrolliert und reguliert werden, und es kommt seltener zu Überhitzungen. Außerdem spüren Eltern, die ihre Babys tragen, früher, wie es ihrem Kind gerade geht. Ob es tief schläft oder bereits am Aufwachen ist. Ob es Hunger hat oder gerade ungeduldig wird.

Tipps für Tragehilfen

• Eine Tragehilfe kann man vom ersten Tag an benutzen, je nach Alter
des Kindes gibt es unterschiedliche Positionen und Techniken. In den
ersten drei Monaten sollten Babys Bauch an Bauch getragen werden,
danach können sie auf der Hüfte oder dem Rücken sitzen.

• Säuglinge und Babys müssen so sitzen, dass ihre Beine in einer
froschähnlichen Haltung sind, seitlich gespreizt und in einem
Mindestwinkel von 90 Grad zum Bauch. Das unterstützt die
Hüftknochen.

• Achten Sie auf das Material der Tragehilfe. Babys nuckeln gerne
an den Rändern herum. Schadstoffarmes und geprüftes Material ist
wichtig.

• Die Frage, ob es lieber ein Tragetuch oder ein Tragerucksack sein
soll, können nur Sie selbst beantworten. Männer tendieren eher zu
den Rucksäcken, sie sind einfacher zu handhaben Frauen hingegen
mögen die Tücher lieber, weil sie sich sehr individuell wickeln und
verändern lassen. Darüber hinaus gibt es noch einen pragmatischen
Grund: Ein schönes Wickeltuch kann man anderweitig benutzen,
wenn es nicht mehr gebraucht wird.

• Lassen Sie sich im Babyfachhandel beraten, und probieren Sie die
unterschiedlichen Produkte aus.

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Praktisch sind Tragehilfen ohnehin: Sie passen in jede Tasche und sind schnell griffbereit, zudem ist man mit ihnen wesentlich mobiler als mit einem sperrigen Kinderwagen. Der Spaziergang durch den Wald oder hügelige Landschaften mit Baby wird erst durch ein Tragetuch oder einen Tragerucksack möglich, weil hier jeder Kinderwagen schnell an seine Grenzen kommt.

Doch so empfehlenswert das Tragen von Babys auch sein mag: Es ist nicht für alle Eltern und auch nicht für jede Situation geeignet. Wer Probleme mit der Bandscheibe hat oder zu Rückenschmerzen neigt, sollte besser darauf verzichten. Und wer gerne joggt oder Fahrrad fährt, sollte das vorerst alleine machen. Solange jedenfalls, bis der Nachwuchs einigermaßen sitzen kann: im speziellen Kinderwagen für Jogger oder im Fahrradsitz.

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Geborgenheit: Babys sind nachweislich zufriedener, wenn sie getragen werden. Egal, auf welchem Kontinent.

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

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Author: Philippe Reuter

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