Home » Home » Traumfängerin

Traumfängerin

Ein wunderschöner Titel für eine einzigartige Saisoneröffnungsausstellung im Cape: „Dreams are made of flowers“ von Françoise Ley. Ein Atelierbesuch im 1535°.

Die Eingangstür klemmt. Françoise Ley weiß Bescheid. „Ech kommen opmaachen.“ Drei Minuten später heißt sie uns im Gebäude C des 1535° willkommen. Ihr Atelier liegt im dritten Stock. Einen Aufzug gibt es nicht. Aber die Künstlerin scheint Frühsport gewohnt zu sein. Seit 2014 arbeitet sie in Differdingen. In einer recht geräumigen und sehr hellen Werkstatt mit grandiosem Blick auf das Arcelor-Hüttenwerk. Und mit einem Abstellraum für ihre großformatigen Werke. „Ech sinn am Moment e bëssje wibbeleg wéngst der Expo zu Ettelbréck. E puer Klengechkeete musse nach prett gemaach ginn.“ An einer der Wände lehnt auch die Collage, die der Ausstellung im Centre des arts pluriels ihren Titel gibt: „Dreams are made of flowers“.

Es geht also um blumige Träume? Françoise Ley lacht. Nicht wirklich. Sie sei eine Geschichtenliebhaberin, hat in Freiburg Literatur und Geschichte studiert und wünscht sich, dass der Betrachter ihrer Arbeiten in gewisser Hinsicht auf Entdeckungsreise geht. In der Tat setzen sich die Bilder aus vielen einzelnen Szenen zusammen, die zusammengenommen ein Ganzes ergeben – oder auch nicht. Obwohl nichts dem Zufall überlassen ist und die Künstlerin sich für jede Komposition viel Zeit nimmt, will sie niemandem die eigenen Gedankengänge aufdrängen. Stattdessen soll jeder frei sein, sich einen Sachverhalt zusammenzureimen. Es tauchen auch nicht auf jedem Bild Blumen auf. Dennoch spielen die Natur und deren Pflanzenvielfalt eine wichtige Rolle im künstlerischen Schaffen von Françoise Ley.

Früher malte Françoise Ley aus dem Bauch heraus. Spontaner und irgendwie wilder. Heute ist die Collage die Grundlage ihres Schaffens.

„Eng Blumm verännert sech permanent.“ Blumen wirken unkompliziert und ungeordnet, aber in Wirklichkeit sind sie genau durchdacht und kunstvoll. Dasselbe gilt für die Ausstellung „Dreams are made of flowers“. Was wie am Straßenrand oder auf dem Feld gepflückt aussieht, wirkt auf der Leinwand auf wundervolle Weise anschaulich. Fast könnte man die Künstlerin mit einer Floristin vergleichen, die für ihre Gestecke Schönheit und Vergänglichkeit zugleich einfängt. Doch statt Dahlien oder Rosen zu stecken, bindet Françoise Ley Elemente aus ihren Träumen zusammen. „En Dram ass am Fong grad esou fragil wéi eng Blumm. E verflitt. E widderhëlt sech. E ka wonnerschéi sinn. Oder surreal.“ Françoise Ley ist gern in Fantasiewelten unterwegs. Lesend oder vor der Leinwand. Früher malte sie eher aus dem Bauch heraus. Spontaner und irgendwie wilder. Heute ist die Collage die Grundlage ihrer Kunst. Nur hin und wieder erkennt man grobe Elemente aus der Graffiti-Phase. Im Allgemeinen strahlen die Werke – trotz einer Fülle lebhafter Details – eine wohltuende Ruhe aus. Am liebsten würde man in das Dargestellte wie in ein Meer hineinspringen und von einem Palmenstrand zum nächsten schwimmen.

Dass Françoise Ley nicht vornehmlich Lyrik liest, ist verwunderlich angesichts der Poesie, die sie auf ihre Bilder überträgt. An einzelne Träume kann sie sich nicht erinnern, aber stattdessen weiß sie ganz genau, was ihr an den Tagen, an denen sie an einem bestimmten Bild gearbeitet hat, durch den Kopf gegangen ist oder was sich in der realen Welt abgespielt hat. Könnte man die Collagen demnach auch als ein gemaltes Tagebuch oder – wie Galerist Bernard Ceysson – als Quilts bezeichnen? Beides trifft zu. Aus der Ferne betrachtet erinnern sie zudem an die Luftaufnahmen einer zerstückelten Landschaft. Voneinander getrennt werden die verschiedenen Parzellen allerdings nicht von Zäunen, sondern von geometrischen Formen. Wobei auf fast jedem Bild Kristallformen hervorstechen. Ein weiterer Hinweis auf Vielfalt und Formenreichtum.

Françoise Leys Kunst lädt den Betrachter dazu ein, genau hinzuschauen und in die Geschichten einzutauchen, die ihre Bilder erzählen.

Neben großformatigen Collagen stellt Françoise Ley ebenfalls kleinere Formate im Cape aus. Doch auch in diesen aufgeräumten Werken kommen die Beobachtung der Natur und der Respekt vor ihrer Kraft und Sinnlichkeit zum Ausdruck. Von ihrem Atelier aus sieht sie zwar keine Bäume und keinen Acker, dennoch erinnern ihre Arbeiten an die Bewegtheit eines Gartens voller Wildblumen. Und was ist schöner als Blumen, die im Wind rauschen? „Op den éischte Bléck wierken meng Biller vläit einfach, mee et ass ëmmer op en Neits e Kampf. An e laange Wee“, so die Künstlerin. Als Material dienen ihr sowohl eigene Fotos und Ausschnitte aus Zeitschriften und Zeitungen wie auch Bastel- und Geschenkpapier. Mit Ölkreide, Bleistift und Acrylfarbe werden die Puzzleteile sanft übermalt und verbunden – zu etwas Einzigartigem. Wer Kurzgeschichten mag und sich eine gewisse Verspieltheit bewahrt hat, wird von Françoise Leys Kunst begeistert sein und wenn nicht stundenlang, so doch eine ganze Weile vor einem Bild verharren und trotzdem nicht alles gesehen haben. Was er erkennen soll? „Dat ass jidderengem iwwerlooss.“ In dem Moment kommt mir der kürzlich gesehene Film „The Secret Garden“ ins Gedächtnis. Ein wunderbares Märchen über das Schauen und das Glück, in Farben zu leben.

Fotos: Philippe Reuter

Vernissage am 7. Oktober um 19 Uhr im Centre des arts pluriels in Ettelbrück, Ausstellungsdauer: bis zum 31. Oktober, geöffnet von montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr, www.cape.lu

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Martine Decker

Login

Lost your password?