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Trauriges Jubiläum

Am 13. Juli 1967 verstarb der britische Radrennfahrer Tom Simpson auf der 13. Etappe der Tour de France kurz vor dem Gipfel des Mont Ventoux. Er gilt bis heute als der bekannteste Dopingtote der Sportgeschichte.

Foto: Editpress-Archiv

Angeblich sagte er noch zu seinem Mechaniker Harry Hall: „Put me back on my bike“ – auch wenn man mittlerweile davon ausgeht, dass ein Journalist ihm diese letzten Worte“ posthum zugeschrieben hat. Anderthalb Kilometer vor dem Gipfel bricht Tom Simpson zusammen. Bereits wenige hundert Meter vorher war er schon einmal gestürzt, die Spitzengruppe noch vor Augen. Danach fuhr er Schlangenlinien, sein Körper war völlig am Ende. In der Gluthitze der Provence kämpfte der Brite verzweifelt um seine Chancen auf den erhofften Toursieg. Bereits vor dieser 13. Etappe hatte er wegen einer Magenverstimmung viel Zeit verloren. Wenig später stürzte er ein zweites Mal von seinem Rad. Die Wiederbelebungsversuche des Tourarztes blieben erfolglos.

In den Trikottaschen steckten noch zwei volle Amphetamin-Ampullen. Amphetamin war zu jener Zeit – nicht nur im Radsport – weit verbreitet und ein Unrechtsbewusstsein gab es kaum: Noch wenige Jahre zuvor wurde im Zweiten Weltkrieg das Aufputschmittel großflächig in den Armeen Deutschlands, der Vereinigten Staaten oder Großbritanniens eingesetzt. Ganz normal probierten damals viele Sportler alle denkbaren Substanzen zur Leistungssteigerung aus, darunter Kokain, Opium, Äther, Strychnin, Morphium, Alkohol und Koffein. Aufgeschreckt von Affären und verräterischen Interviews hatte die Europäische Kommission bereits 1963 eine Resolution gegen den Gebrauch leistungssteigernder Substanzen erlassen. 1965 folgte Frankreich mit seinem ersten Anti-Doping-Gesetz.

Um Schutz der Fahrer fand die erste Dopingkontrolle der Tourgeschichte am 28. Juni 1966 statt. Gleich sechs Fahrer wurden überführt. Angeführt vom französischen Tour-Sieger Jacques Anquetil rebellierte das Peloton. Ausgerechnet Tom Simpson brach den Streik, der amtierende Weltmeister und erste Brite im Gelben Trikot (1962) wollte endlich die Tour gewinnen. Im Jahr 1967 folgte dann der nächste Anlauf, bei dem er sein Magenleiden mit Cognac bekämpfte. Mit dem ganzen Amphetamin letztlich ein tödlicher Cocktail, bei dem er die Grenzen seines Körpers nicht mehr spürte und sich vor 50 Jahren völlig dehydriert in den Tod fuhr.

Letztlich führte wohl erst der Festina-Skandal von 1998 sowie die Operacion Puerto 2006 zu vermehrten Kontrollen und einem Umdenken.

Bereits sieben Jahre vorher hatte auch Henri Kellen seine Grenzen nicht mehr erkannt: Der vielversprechende 23-jährige Uewerkärjenger gab in seinem ersten Profijahr auf der 12. Etappe der Tour de France auf. In der „Geschichte des Luxemburger Radsports“ steht, dass der Fahrer des UC Dippach beim internationalen Kriterium im schweizerischen Rapperswil am 27. August 1950 mit einem Sonnenstich ohnmächtig vom Rad kippte und ohne noch einmal das Bewusstsein zu erlangen am Abend verschied. Der deutsche Spiegel rechnet ihn hingegen zu den Dopingopfern des Radsports.

Jedoch rüttelte erst der Tod von Tom Simpson das Peloton (kurz) auf. Ein Jahr nach dem bekanntesten Dopingtoten der Geschichte schrieb der damalige Renndirektor Jacques Goddet 1968 in der Tourzeitung L‘Équipe. „Lieber Tom Simpson. Du bistnicht umsonst gestorben. Doping ist keine mysteriöse, versteckte, unkontrollierbare Krankheit mehr. Die Fahrer scheinen allgemein entschlossen, sich von dieser Geißel zu lösen.“ Er irrte sich, die Profis, das ganze Umfeld und sogar Simpsons Witwe suchten vom Tourarzt bis zum Mechaniker andere Gründe für seinen Tod. Noch 1979 erklärte der erwiesene Doper und fünffache Toursieger Jacques Anquetil: „Simpson erlag einem Herzversagen, das nicht von Amphetaminen verursacht wurde.“

Letztlich führte wohl erst der Festina-Skandal von 1998 sowie die Operacion Puerto 2006 zu vermehrten Kontrollen und einem Umdenken. Auch wenn die unzähligen negativen Tests des siebenfachen Rekordsiegers Lance Armstrong zeigen, dass man mit ausgeklügelten Mikrodosierungen einen Positivtest verhindern kann. Auch wenn niemand eine Garantie geben kann (und wird), dass 2017 das gesamte Peloton absolut sauber fährt. Zumindest verhindern die vielen Kontrollen, dass sich bei der Tour noch einmal ein Fahrer völlig zugeknallt in den direkten Tod fährt.

Chrëscht Beneké

Journalist

Ressorts: Sport

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Author: Philippe Reuter

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