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Tresorraum mit Schwenkgrill

Braucht die Welt ein 2,4 Tonnen schweres SUV mit beheizbaren und gekühlten Becherhaltern, das in 5,4 Sekunden von null auf hundert sprintet? Natürlich braucht sie das, sie hat ja schon die Range Rover, Mercedes GLS, Audi Q7 und Cadillac Escalade, und keiner geht derartig an die Nieren.

Fotos: BMW

Was hat unser dicker bayrischer Freund denn zu bieten? Da wären Akustikglas in der Windschutz-scheibe und den Seitenfenstern, Laserlicht in den Frontscheinwerfern – die Reichweite verdoppelt sich im Vergleich zu normalem LED-Licht –, eine aktive Luftklappensteuerung im riesigen Kühler-grill, eine Aktivlenkung für gesteigerte Agilität und Wendigkeit des nicht gerade zierlichen Potts (Wendekreis: 13 m) sowie eine ganze Menge an Assistenten, wie dem Stau-, dem Spurhalte-, dem Lenk- und dem Spurführungsassistenten, und eine aktive Geschwindigkeitsregelung. Und dann natürlich, für die Puristen, die derartige Rekorde zu schätzen wissen, die wirklich allergrößte Kühlerniere der Firmengeschichte. Und den Hofmeisterknick in der C-Säule, sonst wäre das eine Tragödie wie wenn Zorro keine schwarze Maske sondern eine rote Clownsnase trägt. Undenkbar!

Im Offroad-Paket kriegt man zusätzlich eine serienmäßige Luftfederung für beide Achsen (und damit auch mehr Bodenfreiheit), eine Differentialsperre hinten, einen Unterfahrschutz vorne und eine anders abgestimmte Getriebeübersetzung und auch eine spezielle, sanfter ansprechende Pedalkennlinie. Dieses Paket ist nicht für den potenteren M50d verfügbar. Sobald man die Sitzreihen zwei und drei umklappt, kann man durch die geteilte Heckklappe bis zu 2.120 Liter Sägespäne in den X7 stopfen. Das ist eine ganze Menge Holz, damit kann man die Blockbohlenhütte mit einer einzigen Fuhre den ganzen Winter heizen. Die Ladekante ist dank Luftfederung bis zu 40 mm absenkbar, und wenn der Kahn erst einmal bis an die Decke vollgeladen ist, kann er, falls mit dem optionalen Parking Assistant Plus ausgestattet, sogar ohne jegliches Zutun des Fahrers von selbst einparken. Es ist zusammen mit dem Laserlicht im „Innovation“-Paket für eine milde Gabe von 3.288 € Aufpreis zu haben.

Das Ding wiegt leer nach EU-Norm 2.395 Kilo, also so viel wie zwei mittelprächtige Opel Corsa, hat 20- bis 22-Zoll-Räder und einen Radstand von 3.105 mm, das sind nur zehn Zentimeter weniger als ein Mercedes Vito Kleinbus mit neuen Sitzen. Produziert wird er im amerikanischen Spartan-burg, aber spartanisch ist er in keiner Hinsicht. Nur so qualifiziert man sich auf dem US-Markt als „Full Size SUV“. „Think big!“

Zur Ausfahrt bereit standen ein 40i und ein 30d, die zwar nicht das obere Ende der Fahnenstange darstellen, aber dennoch sehr beherzt zur Sache gehen und den Riesen überraschend dynamisch anschieben. Er lenkt sich präzise, ist agil und fast lautlos zugleich, auch wenn man ihm seine Leibesfülle in schnellen Kurven nie absprechen kann. Die Assistenten sind zahlreich und gut gemacht, die Haptik und Ergonomie vorbildlich. Der X7 bietet wahnsinnig viel Platz, von dem auch genug in Ihrer Brieftasche sein dürfte, nachdem Sie die Chose bezahlt haben.

Die Preise in Luxemburg beginnen bei 85.900 € für den Benziner X7 xDrive40i (340 PS) und 83.950 € bzw. 109.100 € für die beiden Diesel xDrive30d (265 PS) und M50d (400 PS). Die Auf-preisliste ist wie immer bei BMW ähnlich komplex wie die Gebrauchsanweisung eines Kampfjets, und auch dementsprechend schmerzvoll. Das M-Sportpaket ist im M50d von Anfang an drin, kostet für die beiden anderen X7 dann 6.092 € Aufpreis. Design Pure Excellence, ein Paket mit mehr Chrom und Edelstahl, kostet 4.739 €, Exclusive für zusätzlichen Komfort bei den Sitzen, der Belüftung und der Musik, noch einmal zwischen 6.962 € und 7.349 €, je nachdem was für eine Motorisierung man sich bereits geleistet hat. Alles nach dem Prinzip: Je teurer der Wagen an der Basis, desto preiswerter die Option, aber am Ende kriegen wir sie alle. Eine Option, die man sich auf jeden Fall ersparen sollte, ist die „Crafted Clarity“-Kristallapplikation für den Gangschalter, die iDrive-Kontrolle, den Startknopf und den Lautstärker-Poti für 658 Piepen. Der ist, „affaire de goût“ hin oder her, einfach nur eine nackte Kampfansage an den guten Geschmack in seiner geschliffensten Form. Finger weg!

PLUS:
+ Gediegener Cruiser mit viel Drehmoment
+ Riesiger Schlund, versenkbare Ladekante
+ Sämige Achtgang-Steptronic von ZF
+ Gut zu dosierende, kräftige Bremsen
+ Dreiteiliges Panoramadach
+ Enorm viel Platz in Sitzreihen 1 und 2
+ Vollelektrische Sitzverstellung im Fond
+ Sitzheizung selbst in der dritten Reihe
+ Beste 3D-Kamera auf dem Markt

MINUS:
Obszöne Ausmaße, grotesker Grill
Preisliste aus dem Gruselkabinett
Schaltknüppel mit Pseudo-Kristall

Technische Daten:

X7 M50d
Ab 109.100 €
7,0-7,4 l / 100 km
185-193 g/km

2.993 cm3
294 kW/400 PS @ 4.400 U/min
760 Nm @ 2.000-3.000 U/min
5,4 s 0-100 km/h
250 km/h

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

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Author: Philippe Reuter

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