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Triebels Erben

Was haben ein angehender Architekt, ein Polizist, ein Schüler und ein Zugführer gemeinsam? Einen Sattel unterm Hintern und Schlammspritzer im Gesicht. Wo Pascal Triebel seinerzeit Sieg um Sieg feierte, fahren jetzt junge Talente um den Meistertitel. Scott Thiltges, Lex Reichling, Felix Schreiber und Vincent Dias Dos Santos kämpfen sich Rad an Rad durch die Cyclo-Cross Saison.

Fotos: Julien Garroy, Gerry Schmit (beide Editpress), Anne Lommel

Wenn der Schlamm Rad und Schuhspitzen verschlingt, die Zuschauer ihnen am Streckenrand energisch hinterherlaufen und zujubeln, dann steigt das Adrenalin, und die schweren Beine treten fest in die Pedale. Jede Bewegung muss sitzen. Niemand fängt die eigenen Patzer auf. Und wenn, dann nur dankend für den Vortritt.

Jede Bewegung muss sitzen. Niemand fängt die eigenen Patzer auf.

„Wenn du gut fährst, kannst du stolz auf dich sein. Wenn du versagst, dann ist das ganz allein deine Schuld – und nicht die deines Teams“, so Vincent. Die aktuelle Rangliste verzeiht dem Tetinger Radfahrer kleine Fehler: Momentan führt er in der Kategorie der 23- bis 40-Jährigen, der Elite. Doch ein junges Nachwuchstalent ist ihm dicht auf den Fersen und machte ihm im November gar das mediale Interesse strittig. Sein Verfolger fuhr beim Weltmeisterschaftsrennen in Zeven als achtzehnter der U23-Fahrer über die Ziellinie.

Sein Name ist Felix Schreiber. Das Mitglied des „VV Tooltime Préizerdaul“ – gerade mal 18 Jahre alt – hält hierzulande mit den Großen Schritt. Für die Espoirs, seine Alterskategorie, gibt es mangels Konkurrenten in Luxemburg keine separate Klassifizierung. Umso bedeutender ist Schreibers aktuelle Zweitplatzierung auf nationalem Niveau. Auch Teamkollege und Konkurrent Lex Reichling, der zurzeit Platz drei belegt, zeigt sich beeindruckt: „Du bist richtig gut drauf, auch bei internationalen Rennen.“ Er schaut auf. „Dass Felix so mithält, hat auch für die Zuschauer einen Mehrwert: Sie sehen, dass junge Talente in den Startlöchern stehen.“ Eine Tatsache, die alles andere als selbstverständlich ist.

„Ich fahre Cross, weil ich mein Können da besser beweisen kann. Du bist näher an den Zuschauern, du hast komplexere Strecken … und den Schlamm“, er lacht. „Viele junge Fahrer ziehen dem Cyclo-Cross aber die Straße vor.“ Der Jugendliche blickt zu Lex, der neben ihm sitzt. So, als warte er auf eine Erklärung. Um diese ist der 25-Jährige nicht verlegen: „Das liegt aber auch daran, dass die Federation diese Entscheidung unterstützt, weil sie aussichtsreicher ist. Unter anderem finden oft wichtige Trainingslager während der Cyclo-Cross-Saison statt. Auch deswegen sind gute Resultate der Cross-Fahrer essentiell. Wir müssen zeigen, dass auch im Cyclo-Cross Potenzial liegt.“

Ein gutes Beispiel dafür sei Jempy Drucker, der von Feld- und Waldwegen auf die Straße wechselte und auch dort mit guten Leistungen überzeugt. „Da sieht man, dass Fahrer, die aus dem Cyclo-Cross kommen, ihr Rad viel besser beherrschen“, meint Lex. Drucker gilt für die beiden, genauso wie für Scott und Vincent, als unbestrittene Ikone des luxemburgischen Cyclo-Cross. Als einer, der es geschafft hat und Symbol des Mehrwerts der Sportart ist – eine Disziplin, die durch gezielte Aktionen nach und nach an Attraktivität gewinnt. Interessant finden die Préizerdauler den Skoda-Cross Cup – eine Reihe von Sonderrennen, die in die Gesamtwertung einfließen, aber auch ein eigenes Ranking darbieten und mit Zusatzpreisen vom Sponsor Skoda locken. Vincent hat die Nase vorn, 27 Punkte trennen ihn von Felix. Es folgen Scott und Lex.

Eine weitere, ermutigende Geste der Federation sei die Cyclo-Cross-WM in Beles 2017 gewesen, von der Lex und Felix heute noch schwärmen. Auch Scott, Radfahrer bei „LG Alzingen“, derzeit Vierter in der Gesamtwertung und titelverteidigender Cross-Meister, hält die WM für einen Meilenstein der hiesigen Cyclo-Cross-Geschichte: „Sie hat den Sport hierzulande populärer gemacht, auch unter Radfahrern. Diese Saison sind teilweise 50 Fahrer am Start – vor der WM waren es deutlich weniger.“

Sein Freund Lex spricht vom Höhepunkt seiner Karriere: Er setzte sich gegen 41 Weltklasse-Gegner durch und fuhr als erster Luxemburger ins Ziel. Felix erinnert sich mit glänzenden Augen an die Emotionen am Streckenrand, neben dem Parcours, der bei seinem Rennen wegen Glatteis mehr Hindernisse als Fahrspaß bot. „Es waren wahnsinnig viele Leute da. Weißt du noch, Lex, wie wir euch angefeuert haben? Vor allem bei den Luxemburgern war das Gejubel echt groß“, erzählt er. Kein Hauch von Neid liegt in der Luft.

Felix und Lex haben denselben Trainer, sie wirken vertraut. Die vielen Anhöhen und schmalen Strecken beim Cross geben kein Teamfahren her, aber sie gönnen einander den Erfolg. „Auf der Straße ist man füreinander da. Man fährt als Team“, erklärt Felix, „Beim Auf- und Absteigen im Cyclo-Cross stünden wir uns nur gegenseitig im Weg, wenn wir aufeinander warten und zusammen fahren würden. Da ist jeder auf sich allein gestellt.“ Lex pflichtet ihm bei: „Wenn Felix gut drauf ist, lass ich ihn ziehen.“

Auch den Meistertitel würde er anderen gönnen. Einem der vier Erstplatzierten. Dass ein einziges Rennen am 13. Januar über den Sieger entscheidet, bedauert er. „Ich fände es schade, wenn jemand anderes als Scott, Vincent, Felix oder ich gewinnen würde. Aus dem einfachen Grund, dass wir konstant gut und fast jedes Rennen fahren.“ Bleibt für ihn zu hoffen, dass Vincent nicht Recht behält, wenn er anderes vermutet: „Ich rechne seit Oktober mit Pit Schlechter und Gusty Bausch. Je näher die Meisterschaft rückt, desto besser fahren sie.“ Augenzwinkernd fügt er hinzu: „Ob es doch für mich hinhaut, das sehen wir am 13. Januar, um Viertel nach vier.“

Wenig Schlamm, eine technisch anspruchsvolle Strecke – das sind die Konditionen, unter denen er tatsächlich kurz nach vier aufs Siegertreppchen steigen könnte, glaubt Lex. „Felix und ich sind größer und schwerer als Vincent. Sollte die Strecke schlammig sein, sind wir klar im Vorteil. Da braucht man Kraft. Ein besonders technischer Parcours käme eher Vincent zugute. Er ist wegen seiner schmalen und kleinen Statur sehr gewandt.“

Titelverteidiger Scott hält sich mit Prognosen zurück: „Wie jedes Jahr wird’s ein offenes Rennen. Alles steht und fällt mit der Tagesform und dem Zustand der Strecke.“ Für die vier Fahrer ist das Meisterschafts-Rennen Highlight der Saison. Wobei Vincent jenes erst an zweiter Stelle nennt: „Dass ich überhaupt antreten konnte, ist ein Highlight. Hätte ich keinen Sponsoren gefunden, wäre der Traum gleich geplatzt.“

Warum Sponsoren? Weil Cyclo-Cross nicht nur Schlamm, sondern auch hohe Kosten heißt. „Die Profis haben ein Team um sich, das sich um alles kümmert. Hinzu kommt exzellentes Material wie leichte Räder“, erläutert Vincent. Dinge, auf die Amateure nicht vertrauen können. Sie sind auf die Hilfe privater oder geschäftlicher Geldgeber angewiesen, die sie finanziell beim Kauf der Ausrüstung unterstützen.
„Radrennfahren ist generell nicht so gut bezahlt wie beispielsweise Fußballspielen, wo man im Schnitt weit mehr verdient“, merkt Lex an. Sich ein zweites Standbein zu verschaffen ist deshalb wichtig. „Ich möchte ungern alles auf eine Karte setzen. Angenommen ich verletzte mich und könnte nie wieder Rad fahren – was dann? Eine gute schulische Ausbildung ist ein Muss“, findet auch Felix.

Wir müssen zeigen, dass auch im Cyclo-Cross Potenzial liegt.“ – Lex Reichling

Ob nicht ausgerechnet das Risiko den Profisport auszeichnet und für viele Freizeitsportler zum aufregenden Traumjob erhebt? „Es ist einfach unrealistisch, seinen Lebensunterhalt mit Radsport zu finanzieren. Klar, es gibt Ausnahmen. Zum Beispiel Bob Jungels oder ausländische Profis. Doch es ist eine unbeständige, niedrige Einnahmequelle. Ein risikoreicher Job, den ich nicht machen will“, stellt Lex klar.

Er selbst ist ausgebildeter Polizist, beendet grad aber sein Studium zum Grundschullehrer. Sein Teamkollege Felix besucht das Sportgymnasium und will später Sport auf Lehramt studieren. Genauso strebt Scott nach einem akademischen Abschluss – einem Master in Architektur. Vincent ist Zugführer bei der CFL. Alles Jobs, die nichts mit dem Radsport gemein haben.

Doch Letzterer ist für sie alle eine große Leidenschaft, seit Kindertagen. Ein emotional aufgeladener Sport, den sie mit Familie verbinden. Vincent und Scott kamen durch ihre Väter zum Radfahren, Lex fing mit seinem Bruder Laurent mit dem radeln an und Felix drehte seine ersten Runden mit seinem Patenonkel.
Wenn Felix und Lex über ihre Vorbilder Wout van Aert und Mathieu Van der Poel sprechen, reden sie sich regelrecht in Rage. Es fallen Wörter wie „Künstler“, „Weltklasse“ und „Legende“, es geht um die Ehre mit solchen Radprofis an den Start gehen zu dürfen. Scott erzählt, dass ihn die Duelle der beiden Profis faszinieren. Er verfolgt sie mit Spannung.

Cyclo-Cross ist für die Jungs kein leeres Hobby, das sie mit Siegesprämien füllen. Es ist eine Leidenschaft. Es ist die Nähe zum Publikum, der Schlamm in den Augenwinkeln. Das Verschmelzen von Technik und Schnelligkeit, die innige Beziehung zum Rad, zu Trainern und Konkurrenten – eine Disziplin mit viel „fun“ und „show“, wie es Vincent umschreibt. Und wenn die vier Mitte Januar um den Titel fahren, Felix dann in seiner Alterskategorie, gehen sie mit Herzblut an den Start und vielleicht mit dem Meistertrikot auf den müden Schultern heim.

INFO

Das Championat findet ab 12 Uhr, am 13. Januar, in Kayl (rue Notre Dame) statt. Das Rennen der Kategorien Espoirs und Elite ist für 15.15 Uhr angesetzt. Die Kategorie übergreifende Siegerehrung ist um 17 Uhr geplant.

Isabel Spigarelli

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Author: alommel

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