Home » Home » Trügerisches Wasser

Trügerisches Wasser

Gerade im Sommer locken Schwimmbäder und Baggerweiher tausende Luxemburger zu einer erfrischenden Erholung. Doch leider führen auch jedes Jahr Selbstüberschätzung, Unaufmerksamkeit und Unkenntnis zu tödlichen Badeunfällen.

Allein diesen Sommer sind schon drei Menschen hierzulande ertrunken. Egal ob Erwachsene oder Kinder, egal ob im Schwimmbad oder im Freiwasser, Gefahren lauern überall.

„Prävention ist ein sehr wichtiger Faktor“, betont Nathalie Russo, Notfallärztin im Centre Hospitalier Emile Mayrisch. „Bei Kindern unter 15 Jahren sind Badeunfälle die häufigste Todesursache. Deshalb ist es umso wichtiger ihnen beizubringen, die Sicherheitsvorkehrungen zu begreifen und zu beachten.“

Die sind aber oft, auch bei Erwachsenen, schnell vergessen. Grundregeln werden eilends missachtet, die Selbstüberschätzung nimmt im Nu überhand. Die Sonne steht hoch am Himmel und bei dem heißen Wetter ist Baden die perfekte Abkühlung. Was soll da schon schief gehen?

„Zu den Basisregeln gehört das Duschen, bevor man ins Wasser geht“, erklärt der Bademeister Jupp Grüneisen. „Aus hygienischen Gründen, aber vor allem, um bei warmen Temperaturen einen Hitzeschock zu verhindern.“ Ein Sprung ins kalte Wasser kann weit mehr als nur erfrischend sein. Temperaturunterschiede sind eine große Belastung für den Körper.

Kinder sind unberechenbar. Das Wasser wirkt auf sie wie ein Magnet. Sie werden vom Wasser regelrecht angezogen. Bademeister Jupp Grüneisen

Die Gefäße ziehen sich zusammen und pumpen das Blut auf einmal gen Herz. Das kann zu einem Kreislaufkollaps oder Herz-Kreislauf-Störungen führen. Ein heftiger Temperaturunterschied kann ebenfalls zu Muskelkrämpfen führen. Das reicht, um in eine lebensgefährliche Situation zu geraten.

Auch wenn es in der Escher Notaufnahme diesen Sommer bislang keine Zunahme von Badeunfällen gibt, betrachtet die Notärztin Nathalie Russo den Alkoholkonsum als einen der häufigsten Risikofaktoren. Besonders an Seen oder Baggerweihern. „Oft ist bei Todesfällen durch Ertrinken Alkohol im Spiel. Wer unter Alkoholeinfluss steht, ist nicht mehr objektiv. Das kann rasch zu einer Gefahrensituation für sich, aber auch für die anderen führen. Manche fühlen sich stark und unbesiegbar. Das führt zur Selbstüberschätzung und im schlimmsten Fall zu Unfällen, die auch tödlich enden können.“

Am 29. Juli ertrinkt ein 53-jähriger Mann im Baggerweiher in Remerschen. Es wird vermutet, er habe einen Herzinfarkt im Wasser erlitten. Die Staatsanwaltschaft hat eine Autopsie angeordnet. Zuvor sei der Mann allerdings beobachtet worden, wie er Alkohol trank, behauptet Bademeister Carlo Bigatin gegenüber des Tageblatt. Er ist einer der drei Bademeister des Baggerweihers, die in Remerschen für die Sicherheit der Badegäste zuständig sind.

Manchen zu verstehen zu geben, sie sollen bei hohen Temperaturen lieber auf Alkohol verzichten, ist nicht immer einfach.

Manchen zu verstehen zu geben, dass sie bei hohen Temperaturen lieber auf Alkohol verzichten und sich nicht mit vollem Magen ins Wasser begeben sollen, ist nicht immer eine einfache Aufgabe für die Bademeister. Nicht selten kann es in solchen Situationen zu Konflikten kommen. In geschlossenen Schwimmbädern ist dies allerdings eher selten der Fall.

„Bei Jugendgruppen entsteht manchmal Chaos“, verrät Bademeister Grüneisen aus Monnerich. „Sie springen ins Wasser und halten sich nicht an die Regeln. Es kommt natürlich immer darauf an, wie man sich den Leuten gegenüber verhält. Wir sind keine Polizisten. Unsere Aufgabe ist es, den Leuten klarzumachen, dass sie im Schwimmbad verschiedene Regeln zu beachten haben. 95 bis 97 Prozent der Badegäste sehen das auch ein. Nur eine Minorität will sich nicht anpassen oder kann ein aggressives Verhalten haben. In Freibädern oder beim Baggerweiher sind die Umstände natürlich nicht immer dieselben.“

Seit 36 Jahren ist der Präsident der ALIN (Association luxembourgeoise des instructeurs de natation) als Schwimmlehrer tätig. Präventive Arbeit ist die Grundbasis seines Berufes. Er arbeitet hauptsächlich mit Kindern und kennt ihre Verhaltensweise. Sie reagieren anders als Erwachsene in Notsituationen und nehmen Gefahren weitaus weniger wahr. Gerade deshalb sollte man seine Kinder immer im Auge behalten und sich nicht nur auf die Badeaufsicht verlassen.

„So lange Kinder nicht schwimmen können, ist es die elterliche Aufsichtspflicht, auf sie zu achten, sie nicht aus den Augen zu lassen und immer in Griffweite zu bleiben“, betont Jupp Grüneisen. „Kinder sind unberechenbar. Das Wasser wirkt auf sie wie ein Magnet. Sie werden vom Wasser regelrecht angezogen. Da helfen auch keine Schwimmflügel. Sie sind nur eine Schwimmhilfe. Sie schützen auf keinen Fall vor dem Ertrinken.“

Übrigens rät der Schwimmlehrer den Eltern vor dem Baden, mit dem Kind einen Rundblick der Schwimmhalle zu machen, damit es sich merken kann, wo sich der Bademeister sich befindet und wo es eine Anlaufstelle im Falle einer Notsituation gibt. Trotzdem passieren immer wieder tödliche Unfälle. Am 27. Juli entdeckte ein Badegast im Freibad in Grevenmacher ein Kind am Boden des Schwimmbeckens. Trotz schneller Hilfe stirbt der Sechsjährige einige Tage später im Krankenhaus.

Ein tragischer Badeunfall, der in der Bevölkerung für große Ergriffenheit sorgt. Auf den sozialen Netzwerken wird Kritik gegenüber dem Personal des Schwimmbades ausgeübt, und viele stellen sich die Frage: Wie kann ein sechsjähriges Kind inmitten hunderter Badegäste unbemerkt ertrinken?

Kinder gehen lautlos unter. Wenn der Panik-Modus bis eingeschaltet ist, schreien sie nicht nach Hilfe.

„Ich bin nicht informiert worden, über das, was sich wirklich in Grevenmacher abgespielt hat. Es ist also schwierig, mich über diesen präzisen Fall zu äußern“, möchte Jupp Grüneisen klarstellen. „Der Bademeister kann seine Augen nicht überall haben. Kinder gehen lautlos unter. Ich habe das auch schon beobachtet. Wenn der Panik-Modus bis eingeschaltet ist, schreien sie nicht nach Hilfe. Das Untertauchen geschieht oft fast vollkommen geräuschlos und damit unbemerkt. So kann es vorkommen, dass andere Badegäste gar nicht wahrnehmen, dass ein Kind am Ertrinken ist, auch wenn es sich nur wenige Meter neben ihnen befinden.“

Nun stellt sich auch die Frage, wie es in Luxemburg mit der Aufsichtspflicht in Schwimmbädern aussieht. An welche Vorschriften muss sich der Betreiber eines Bades halten und welche Faktoren begründen die Notwendigkeit einer Aufsicht, beziehungsweise, wie viele Aufsichtspersonen müssen gleichzeitig anwesend sein, um die Sicherheit der Badegäste zu garantieren?
„Es gibt eine europäische Norm“, erklärt der Bademeister. „Laut dieser Norm muss jeder Betreiber eines Schwimmbades eine Risikoanalyse durchführen. Verschiedene Gefahrenpunkte werden aufgelistet und so wird festgestellt, wie viele Aufsichtspersonen benötigt werden, um die Sicherheit der Badegäste zu garantieren.“

Trotz den Sicherheitsvorkehrungen ist für die Notärztin Nathalie Russo einen anderen Faktor ausschlaggebend: der Mangel an Prävention. „Ich betrachte die regelmäßige Wiederholung von Präventionsbotschaften als prioritär. So bin ich der Meinung, dass jede Präventionsbotschaft, die einen realen Einfluss auf die Bevölkerung haben soll, regelmäßig in den Medien erscheinen muss. Immer wieder. Wie ein Werbespot, damit die Botschaft tief ins Gedächtnis eindringt.“

Doch wie sollte man sich schlussendlich am besten verhalten, wenn man Zeuge eines Badeunfalls wird? Versuchen Sie auf keinen Fall, eine leichtsinnige Rettungsaktion in einer Notsituation zu starten. Diese könnte Sie selbst in Lebensgefahr bringen. Machen Sie andere Badegäste auf die Situation aufmerksam und informieren Sie sofort den Bademeister oder rufen Sie den Notdienst unter der Notfallnummer 112. 

Fotos: Philippe Reuter, Jupp Grüneisen, Pixabay

Weitere Infos unter: www.facebook.com/CHEM.luxembourg/

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Philippe Reuter

Login

Lost your password?