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Über Asphalt

Ein Wanderweg extra für Kinder – das klingt toll. Und ziemlich einmalig. Seit acht Jahren gibt es einen in Bech. Wer aber hat sich nur diese sonderbare Streckenführung ausgedacht?

Eigentlich fängt es ganz gut an. Direkt am alten Bahnhof in Bech empfängt uns die große Übersichtstafel des Kinderwanderwegs „Auf den Spuren von Charly“. Fünfeinhalb Kilometer leichter Wanderung werden dort versprochen, dazu zwölf Stationen mit Rate- und Erlebnisspielen. „Informationen und Spaß für jedermann“, heißt es vielversprechend. Dann also los.

Doch Stopp. Bevor es losgeht, möchte ich nach dem Diplom fragen, welches ein kleiner Aufkleber verspricht. Das soll es im Büro geben. Doch im einstigen Informationsbüro lagern jetzt Bierfässer, keine Diplome. Stattdessen gibt mir die freundliche Bedienung des Cafés einen Flyer über den Kinderwanderweg mit. Immerhin. In ihm finde ich Informationen über den Weg, die Stationen und die Einkehrmöglichkeiten. Und dann geht es wirklich los.

Einen Kinderwanderweg, der die Sicherheit seiner Besucher aufs Spiel setzt, kann man nicht empfehlen.

Gleich zu Beginn wird es steil. Aber nur kurz. Insgesamt 75 Höhenmeter geht es auf den ersten zwei Kilometern nach oben. Das ist machbar, sowohl für Kinder als auch für die mitgebrachten Großeltern. Wir sind weder das eine noch das andere, nur eine Kleinfamilie, deren Kinder schon so groß sind, dass sie als Kinder gar nicht mehr durchgehen. Und wir wollen wissen, wie so ein Kinderwanderweg aussieht, der dazu noch der einzige des Landes ist.

Gebaut wurde er von 2009 bis 2010, auf Initiative des Micky-Maus-Clubs der
Gemeinde Bech, mit Mitteln der EU. 15.590,97 Euro hat er gekostet, auf den Cent genau. Vielleicht hätte man noch ein paar Euro drauflegen und die Anzahl der Schilder und Wegweiser für den Kinderwanderweg verdoppeln sollen. Denn diese sind so spärlich verteilt, dass wir andauernd das Gefühl haben, uns zu verlaufen.

Bereits an der zweiten Station wird deutlich, wie schnell der Zahn der Zeit nagt. Denn hier, wo Kinder lernen sollen, unterschiedliche Bäume an ihrer Rinde zu erkennen, fehlt bei einigen der ausgestellten Beispiele das wichtigste: die Rinde. Stattdessen hängen die blanken Holzstämme nebeneinander. Natürlich können wir auch am Holz ein paar Unterschiede mit bloßem Auge erkennen, aber die Rinden von Birken und Eichen hätten wir doch lieber mit den Fingern erkundet.

Dafür kann die nächste Station punkten, bei ihr sollen Tierspuren erraten werden, also die Abdrücke, die sie auf Sand oder Schnee hinterlassen. Ganz so einfach ist das nicht, auch deshalb, weil die Größenverhältnisse auf der Schautafel nicht stimmen. Wenn der Abdruck eines Eichhörnchen-Vorderfußes größer ist als der eines Wildschweins, kommt man nicht sofort drauf, was zu wem gehört. Aber egal, Spaß macht es trotzdem, und mit zwei erratenen Tieren liege ich in der Familienwertung ganz vorne. Wir Tierspurenbanausen!

Ob die Einwohner von Zittig jedes Mal aufschrecken, wenn es in den Ort hineinruft?

So langsam laufen wir uns warm, lassen das kleine Waldstück hinter uns, kommen an verdorrtem Mais vorbei und sehen in der Ferne ein paar wunderschöne Pferde wie Statuen auf einer Wiese stehen. Es ist schön hier, und irgendwie finden wir die Idee dieses Weges richtig gut. Natürlich könnte die Rindenbestimmungs-Station mal restauriert und ein paar mehr Wegweiser angebracht werden, aber Schwamm drüber, so ist das eben mit totem Holz im Wald: es verwittert.
Doch dann kommen wir an die erste Straße, eine kleine Landstraße, die von Bech nach Altrier verläuft. Auf dieser führt der Weg die nächsten 500 Meter entlang, auf der Straße ohne Gehweg. Zwischendurch müssen wir sogar noch eine Kreuzung überqueren. Ohne Schilder, ohne Hinweise für die Kinder, dass hier Autos mit 90 Stundenkilometer anbrausen können. Und ohne Hinweise für Autofahrer, dass hier ein ausgewiesener Kinderwanderweg entlangführt. Wer denkt sich so etwas aus? Und wer genehmigt das? Das bleibt uns ein Rätsel.
Im Prinzip ist das Urteil schon hier gefallen, denn einen Kinderwanderweg, der die Sicherheit seiner Besucher dermaßen fahrlässig aufs Spiel setzt, kann man nicht empfehlen. Wir gehen trotzdem weiter, schließlich hat jeder eine zweite Chance verdient. Und dabei stoßen wir auf liebevoll und gut gemeinte Stationen, die uns zeigen, wie hier vor 200 Jahren Wäsche gewaschen wurde, wie Baumstämme Schall übertragen und woran man das Alter eines Baumes erkennt.

In einem Waldstück sind zwischen den Bäumen Tiere aus Holz versteckt, die man finden soll, und an der Ecke zum gerade erst eigenweihten neuen Wasserturm in Altrier steht eine Schautafel, auf der ein paar der offiziellen Kinderrechte festgehalten werden. Dass alle Stationen schon bessere Tage gesehen haben, ist geschenkt. Zu unserem absoluten Highlight wird das große Sprachrohr, mit dem wir oberhalb des kleinen Ortes Zittig in die Landschaft rufen und anschließend unser eigenes Echo vernehmen können. Ob die Einwohner von Zittig jedes Mal aufschrecken, wenn es in den Ort hineinruft, bringen wir leider nicht in Erfahrung.

Sieht unspektakulär aus, hat aber große Wirkung: das Sprachrohr in Richtung Zittig.

Leider bleibt das Wandern auf der Landstraße nicht die einzige Stelle, an der der Kinderwanderweg über Asphalt führt. Gleich hinter dem Altrierer Wasserturm geht es der Straße entlang, hinein in den Ort und mitten hindurch. Zwar laufen wir diesmal auf Gehwegen, über eine große Kreuzung ohne Zebrastreifen oder Ampel müssen wir trotzdem. Und die letzten zwei Kilometer geht es auf der Trasse der ehemaligen Schmalspurbahn zurück zum Becher Bahnhof. Schnurgerade und asphaltiert. Natürlich ist die Geschichte der kleinen Bahn höchst interessant, schließlich war die 46 Kilometer lange Bahn vor hundert Jahren eine wichtige Verbindung zwischen Echternach und der Stadt Luxemburg. Leider ist hiervon aber nicht mehr viel zu sehen. Nur kurz vor dem Ziel wird die Strecke interessant, als sie durch einen langen schmalen Tunnel führt. Dafür scheint sie aber nicht nur bei Wanderern beliebt zu sein, sondern auch bei Hundebesitzern, wie die zahlreichen Häufchen entlang des Weges vermuten lassen.

Wer mit seinen Kindern das Wandern üben möchte, sollte das lieber woanders tun.

Wer mit Kindern schon einmal wandern war, weiß, dass es vorwiegend die Natur ist, die Kinder aus der Reserve lockt. Steine, auf denen sie klettern oder von denen sie springen, Wasserläufe, durch die sie waten oder über die sie hüpfen und Höhlen oder Felswände, an denen sie sich messen können – das sind die Abenteuer, die jedem Kind einen langen Spaziergang verkürzen. Kilometerlanges Laufen über Asphalt kann da sicherlich nicht mithalten. Wer also mit seinen Kindern das Wandern üben möchte, sollte das lieber woanders tun. Alternativen gibt es genügend. Schließlich ist Luxemburg das Land mit dem dichtesten Netz an Wanderwegen in ganz Europa. Da wird sicherlich etwas Schönes zu finden sein.

Fotos: Ella Bucher

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

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Author: Martine Decker

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