Home » Home » Über den Traum vom Modeln

Über den Traum vom Modeln

Millionen träumen von einer Karriere auf dem Laufsteg oder als Fotomodel. Philippe Rech ist einer der wenigen Luxemburger, die den Sprung zum internationalen Model geschafft haben. Ein Traumjob, der viele Fantasien inspiriert. Doch wie sieht das Model-Leben in Wirklichkeit aus?

Models sind sowieso alle saudumm und arrogant. Anders kann es ja wohl kaum sein, in einem Job, wo ein dämliches Lächeln, dicke Muskeln und eine schmale Taille reichen, um Karriere zu machen. Viel Grips braucht der männliche Kleiderständer sowieso nicht. Seine intellektuelle Kapazität muss nur reichen, um den typischen Katzengang auf dem Catwalk zu meistern. Den Rest der Zeit verbringt er in Edelclubs ganz nach dem Motto „Sex, Champagne and Money“. Essen tut er nicht. Das würde nur seine Traumfigur ruinieren. Klischees und Vorurteile über den Job auf dem Laufsteg gibt es viele. Trotzdem fasziniert der Beruf Millionen Menschen weltweit. Doch was passiert auf der anderen Seite des Catwalks, dort wo Eitelkeit, Neid und Manipulation Standard sind? Ist der heißbegehrte Job wirklich so traumhaft dekadent, wie man uns das verklickern will?

Der 30-jährige Philippe Rech modelt schon seit sieben Jahren erfolgreich in der ganzen Welt. Mit seinen 1,94 Metern, seinen dunklen Augen und seinem sportlichen Körperbau entspricht er vielen Stereotypen und männlichen Schönheitsmerkmalen. Jung und sexy halt. Trotzdem gibt es bei dem jungen Mann etwas sehr Authentisches und vor allem Individuelles. Das Letztere hätte ich mir, ganz ehrlich, nicht bei einem Model erwartet. Die hartnäckigen Vorurteile haben wahrscheinlich auch mich beeinflusst. Das kantige Gesicht und diese Nase, die keiner genormten Maße entspricht, machen aus Philippe den perfekten unperfekten Mann. Ein bisschen, wie der britische Schauspieler Rupert Everett. Seine Ausstrahlung macht den Unterschied.

„Ich habe nie von einer Karriere als Model geträumt“, verrät Philippe Rech. „Dieser Job war für mich die passende Gelegenheit, um raus in die Welt zu kommen und dort neue Erfahrungen zu sammeln. Ich hatte zuvor nie an einer Universität im Ausland studiert. Ich hatte Luxemburg sozusagen noch nie verlassen.“

Der Job als Model ist einer der einzigen weltweit, wo Frauen mehr verdienen als Männer.

Von Paris nach New-York, über Hamburg und Mailand, bis weiter nach Kapstadt. In nur kurzer Zeit macht sich Philippe, dank einem Freund, einen Namen in der Modelbranche. Am Anfang macht er den Job nebenbei, denn der damals 23-Jährige arbeitet bei der Polizei. „Es war learning by doing. Ich hatte das Modeln definitiv nicht im Blut“, erinnert er sich lachend. Trotzdem werden international bekannte Marken auf ihn Aufmerksam wie zum Beispiel Versace oder Givenchy. Ganz schnell entscheidet er sich, den Job hauptberuflich auszuüben und verdient mit seinem Aussehen seinen Lebensunterhalt. Er zieht in ein „Model Apartment“ nach Mailand. „Dort lebst du dann mit anderen Models zusammen.“ Tagsüber läuft er von einem Casting zum andern, von einem Shooting zur nächsten Fashionshow. Es klingt, wie aus einem Film. Er liebt offensichtlich, was er tut. Doch die Realität hat auch andere Facetten.

„In diesem Beruf interessiert man sich nur wenig für deine Persönlichkeit. Es wird nur auf dein Aussehen geachtet“, betont der junge Mann. „Es ist ein eher oberflächlicher Job.“ Diesen letzten Satz wird er mehrmals während unseres Gesprächs wiederholen. „Der Körper ist das Kapital. Man muss also gut auf sich aufpassen.“ Denn wer in der Modebranche Fuß fassen will, braucht Durchhaltevermögen. Die ersten Schritte auf dem Weg zum Laufsteg, gehen die Models bei „Castings“. Und so unglaublich es auch klingt, nur schön sein, genügt hier nicht.
„Als Model wirst du viel kritisiert“, weiß Philippe. „Das ist wirklich die negative Seite des Berufs. Man bekommt zu hören, dass man zu groß ist, zu breite Schultern hat oder noch zu dick ist. Die Regel ist einfach: das Model muss in die Kleider passen. Ist das nicht der Fall, bekommst du den Job nicht.“

Anforderungen an einen schlanken Körperbau sind keine Seltenheit in der Branche. Denn ja, es ist eine Tatsache: Viel zu dünne und dürre Models gibt es. Ganz besonders bei den Frauen. Auch wenn die großen Marken behaupten, Magermodels hätten auf ihren Laufstegen nichts mehr zu suchen. Auch bei den männlichen Models ist die Tendenz eher bei schlanken als bei muskulösen Körper.

„Das Thema ist bei männlichen Models eher ein Tabuthema. Es wird einfach nicht darüber geredet“, betont Philippe Rech. „Ich habe viel abnehmen müssen.“ Ganze 16 Kilo mussten weg. Und er hat es geschafft. „Ich habe es nur wegen dem Job gemacht. Sonst hätte ich mich auf keine Diät eingelassen.“

Essstörungen und Magersucht bleiben nach wie vor eine Realität in der Modebranche. „Ich bin nur noch eine Darmgrippe von meinem Traumgewicht entfernt”, behauptet Emily Blunt in „Der Teufel trägt Prada“. Wie ihre Filmfigur, leiden viele Models unter dem hohen Druck. Dass die Branche aber selbst daran schuld ist, davon wollen nur wenige etwas wissen und hören. Leider sind nicht nur strikte Diätregeln ein Tabuthema in der Modeindustrie. Sexuelle Belästigungen und sogar Übergriffe sind keine Seltenheit. Auch bei männlichen Models.

Der Körper ist das Kapital. Man muss also gut auf sich aufpassen.

„Jeder Mann, der im Ausland als Model gearbeitet hat, kann das bestätigen“, verrät Philippe. „Ich würde sogar behaupten, dass männliche Models mehr betroffen sind, als die Frauen in der Branche.“

Letztes Jahr haben mehrere junge Männer die amerikanischen Starfotografen Mario Testino und Bruce Weber sexuelle Belästigung vorgeworfen. #Metoo erreicht die Modebranche. Eine Premiere sozusagen.

„Man hat mir auch schon ganz direkt und explizit zu verstehen gegeben, dass ich einen Job nur dann bekomme, wenn ich bereit bin, verschiedene Wünsche zu erfüllen“, verrät der 30-Jährige. „Es gibt auch Fotografen, die dich anfassen oder dabei sein wollen, wenn du dich umziehst. Ich weiß aber, mit solchen Situationen umzugehen, weil ich einen ziemlich starken Charakter habe.“

Die berufliche Situation der Mannequin-Männer scheint alles andere, als eine glitzernde Märchenwelt zu sein. Ist das der Preis des Erfolges?

„Wer reich und berühmt werden will, soll sich nicht für diesen Job entscheiden“, behauptet Philippe lächelnd. Der Job als Model ist einer der einzigen weltweit, wo Frauen mehr verdienen als Männer. Zwei bis drei Mal mehr. Eine lukrative Karriere gibt es eher selten. „Oftmals wird man erst Monate nach einem Job bezahlt“, verrät Philippe. Drei Jahre lang hat er hauptberuflich in Mailand als Model gearbeitet und gelebt. „Ich habe ungefähr dasselbe verdient, wie mit meinem Beruf als Polizist in Luxemburg. Sie sehen, ich bin nicht reich geworden. Trotzdem war es einfach sehr schön. Ich habe viele interessante und nette Menschen kennengelernt“, erinnert er sich. Heute modelt Philippe Rech in seiner Freizeit erfolgreich weiter. Und das sowohl im Ausland als auch hierzulande. Ob der Beruf als Model wirklich der Traumjob ist, muss jeder für sich entscheiden. Sicher ist, dass neben Träumen und Fantasien, die Wirklichkeit weitaus weniger glamourös ist.

Fotos: Philippe Reuter, Alex Iberico

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Martine Decker

Login

Lost your password?