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Über Stock und über Steine

Wie haben Sie Ihre Sommerferien verbracht? Lukas Dürnegger und Charly Schwarz hatten keine extravaganten Urlaubspläne. Also schnallten sich die Jungs ihre Rucksäcke um und marschierten zu einem Musikfestival – 350 Kilometer durch die Alpen.

Treffen sich ein Österreicher und ein Luxemburger und brechen zu einem halsbrecherischen Unternehmen auf – Lukas Dürnegger und Charly Schwarz sind gut vorbereitet. Insbesondere Ersterer kennt sich bestens in den Bergen aus, ist dort aufgewachsen. Der 23-Jährige ist Bergläufer. Seine vorlesungsfreie Zeit wollte der Student nutzen, um eine Tour durch die Alpen zu machen. Kumpel Charly, gebürtiger Luxemburger, gesellte sich hinzu. Aus der geplanten Lauf- wurde eine Wanderstrecke. Der Startpunkt: Mallnitz, Lukas‘ Heimat, ein kleiner Ort im österreichischen Bundesland Kärnten. Das Ziel? Das „FM4 Frequency Festival“ in St. Pölten. „Aber es sind eh nur 350 Kilometer“, meint Filmemacher Lukas im eigens für das Unterfangen gedrehten Promo-Video.

„Jeder Schritt muss wohl überlegt sein.“ Charly Schwarz, Fotograf

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, heißt es. Anders ließe sich die Route mit 15.000 Höhenmetern voll kaum bezwingen. Fitness-technisch sind die Jungs gut aufgestellt. Erst eine Woche vorm gemeinsamen Aufbruch waren sie in Südtirol unterwegs und haben an einem Berglauf teilgenommen. Beide haben also genügend Vorerfahrung. Gemeinsam legten sie die Route fest, schauten, welche Wasserquellen sich auf der Strecke befinden, welche Übernachtungsmöglichkeiten bestehen und wie viele Reserven eingeplant werden müssen. „Die Lage darf man nicht unterschätzen. In den Bergen kann es ganz schön gefährlich werden“, weiß der 27-jährige Charly. Angst vor Unfällen hat er trotzdem keine, „nicht solange Lukas bei mir ist.“ Eine Tour von dieser Dauer ist für die zwei Freunde eine Premiere.

Tag eins und zwei gehen locker von der Hand, obwohl die Fernwege sehr unüblich sind. „Im Vergleich kommt einem der Jakobsweg vor, wie eine Autobahn für Hiker“, lacht der Luxemburger. Die Sonne scheint. Sie baden in einem kristallklaren Alpensee, genießen die herrlichen Landschaften, machen einen Zwischenstopp im Hannover-Haus. „Natürlich schlafen wir lieber im Zelt, am Berggipfel. Hier gibt es die schönsten Sonnenauf- und untergänge. Das können wir allerdings nur, wenn das Wetter mitspielt“, erklärt der hauptberufliche Fotograf.

Am zehnten Tag sind sie in St. Pölten, in einer anderen Welt, angekommen.

An Tag drei, auf der Kölnbreinsperre, kippt es. Es fängt an zu regnen. Am Folgetag drohen Unwetter. Das Duo muss eine weitere Strecke zurücklegen, um in einer Berghütte übernachten zu können. Auf dem Programm stehen 20 Kilometer. Eigentlich kein Problem, doch das Gespann braucht doppelt so lange als angenommen. Der Weg, ein einziges Geröllfeld. „Hier muss jeder Schritt wohl überlegt sein.“ Trotz der Verzögerung lassen sich die Jungs nicht aus der Ruhe bringen und sind heilfroh, als sie abends ein Biwak erreichen.

Tag fünf: Immer noch mieses Wetter und Nebel im Salzburger Lungau. Doch das macht den beiden kaum etwas aus. Die Maschinen sind eingelaufen. „Wir haben den richtigen Rhythmus gefunden, den Kopf freibekommen. Der Körper hat sich auf das Wandern eingestellt. Man befindet sich in einem Flow, genießt die Aussicht und spürt den 15 bis 20 Kilo schweren Rucksack nicht mehr.“ Ein geregelter Alltag pendelt sich ein. Der Morgen startet meist damit, die Landschaft abzulichten. Während Charly Fotos schießt, konzentriert sich Lukas aufs Videodrehen. Ihre Erlebnisse dokumentieren sie über soziale Netzwerke, posten sie als Storys auf Instagram. Ihre Follower können sie auf Schritt und Tritt verfolgen, vorausgesetzt es gibt eine Internetverbindung. Nach diesem morgendlichen Ritual wird sich ein Tagesziel gesteckt, ein Plan A, B, C ausgeheckt, verschiedene Checkpoints festgelegt und los geht’s.

Tag sechs – „Hurra, wir leben noch!“ Nach 48 Stunden ohne Netz schaffen die Festival-Hiker es, sich wieder mit dem World Wide Web zu verbinden und posten alles Erlebte und Gesehene auf einmal. Auf ihrem Weg sind sie etlichen Pferden, Kühen und Ziegen mit Glöckchen begegnet. Menschen sind eher die Ausnahme. „Auf den Almen trifft man auf andere Wanderer und Einheimische. Es ist schön, dass es dieses entschleunigte, einfache Leben noch gibt“, meint Charly. Der Austausch, die Gespräche mit den Almwirten ist für ihn ein wichtiger Bestandteil der Reise.

Der Weg, ein einziges Geröllfeld.

Abends erreichen die Jungs den Wintersportort Obertauern. Ein paar Stunden davor hatte Lukas, hoch oben in den Bergen, mit dem Smartphone spontan ein Zimmer in einer Herberge gebucht. Der siebte Tag, in der „Zivilisation“ (Obertauern zählt stolze 209 Einwohner), bricht an. Das Wetter ist wieder besser. Die sportlichen Kreativköpfe brechen auf und stoßen, schon nach rund zehn Kilometern, auf die auf 1.860 Metern gelegene „Oberhütte am See“. Der Ort ist idyllisch, dennoch belebt. Sie beschließen, einen „Wellnesstag“ einzulegen, gehen schwimmen – und danach zehn Kilometer joggen. Als Belohnung gibt es was zu futtern. Neben den Seen zählt das Essen für Charly zu den absoluten Highlights des Trips. „Die Speisen auf den Berghütten sind immer kräftig deftig. Jeder von uns hat für drei gegessen, trotzdem haben wir abgenommen“, erzählt er.

Nach einem entspannten Abend heißt es, an Tag acht wieder alles zu geben. Es gilt einen hohen Pass, kurz vor Schladming, zu überwinden. Trotz Blasen an den Füßen ist das Zweiergespann, laut eigener Aussage, dabei jedoch nicht an seine körperlichen Grenzen gelangt.

Das Festival sollte eigentlich den Abschluss eines außergewöhnlichen Trips markieren.

24 Stunden später befindet sich der Duo tatsächlich in der Zivilisation: mitten zwischen Touristenströmen in Salzburg. Lukas nutzt die Gelegenheit, um sich neue Schuhe zu kaufen, er hatte nämlich nur ein Paar eingepackt. Danach geht alles ganz schnell. Die Strecke, die durch die Alpen führt, haben die beiden damit abgedeckt. Aber die Zeit ist knapp geworden. Bis zum Festival schaffen sie es zu Fuß nicht mehr. Deshalb nehmen sie hinter Schladming Bus und Bahn, um sich fortzubewegen.

Am zehnten Tag sind sie in St. Pölten, in einer anderen Welt, angekommen. Am „FM4 Frequency Festival“ interessieren vor allem zwei Acts die Jungs. Das Festival sollte eigentlich den Abschluss eines außergewöhnlichen Trips markieren, die Kirsche obendrauf sein. Doch es ist eine Riesenenttäuschung. Von purer Natur und Einsamkeit mitten ins Getümmel – „Mental ist es sehr schwierig, sich umzustellen“, gesteht Charly. Obwohl sie ein Ticket für vier Tage haben, haben sie nach 48 Stunden genug davon.

„Üba die Alpen zum Frequency Festival. Etliche Überschreitungen, wundaschöne Aussichtn, Berg-Gewitta, Hüttngaudi, Zeltromantik und a Haufn bledes Gsprachlwerch. Des woa unser Tour von Mallnitz noch St. Pölten“, so lautet Lukas‘ Fazit. Die Motivation bald ein zweites, ähnliches Projekt zu starten ist da. „Aber dieses Mal ohne Festival“, lacht Charly. Während der ganzen Reise haben sich die zwei Freunde nicht ein einziges Mal in die Haare bekommen, waren stets auf einer Wellenlänge. „Vielleicht muss man der Typ für so was sein“, gibt der 27-Jährige zu, „wenn man es ist, ist es einfach unbeschreiblich.“ Aus ihren Erlebnissen werden noch zwei bis drei hochqualitative Videos entstehen. Es lohnt sich also, dranzubleiben. 

Weitere Fotos und Videos finden Sie auf Instagram unter @charlyschwarzphotos & @lukas.duernegger, auf www.facebook.com/austrianroots und charlyschwarz.com

Fotos: Charly Schwarz

Françoise Stoll

Journalistin

Ressorts: Lifestyle, Multimedia

Author: Martine Decker

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