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Überraschung!

Luxemburg ist klein. In Luxemburg kennt jeder jeden und alles. Falsch! Wer Joscha Remus‘ Stadtführer „111 Orte in Luxemburg, die man gesehen haben muss“ liest, wird sich wundern, wie viel er noch nicht entdeckt und gewusst hat.

Fotos: Julia Jenkins, Frank Fechtel, Jean-André Stammet, Ekkehart Reinsch

Man muss sich Joscha Remus als einen neugierigen Menschen vorstellen. Seit über 40 Jahren bereist der aus der Eifel (wo es übrigens auch sehr schön ist) stammende Autor die Welt. Für den deutschen Piper-Verlag hat er eine „Gebrauchsanweisung für Australien“ und in der gleichen Reihe eine für Neuseeland verfasst. Für die „Lesereisen“ des österreichischen Picus-Verlags ist er u.a. in Rumänien und Istanbul unterwegs gewesen. Und irgendwann hat er sich zwischendurch in die Festungs- und Gourmetstadt Luxemburg verliebt. 2009 erscheint sein „Kauderwelsch Lëtzebuergesch“-Sprachführer, drei Jahre später der Reiseführer „City Trip Luxemburg“. Doch weil der 59-jährige Globetrotter nie genug zu bekommen scheint, hat er nun 111 Orte besucht, die man gesehen haben muss.

Der Garten von Wil Lofy, zum Beispiel. Ich hätte nicht gewusst, dass der über 80-jährige Künstler tagsüber Besuch bei sich zu Hause empfängt, wenn er nicht gerade in Patagonien Miesmuscheln züchtet oder Walfischwirbel sammelt. Mir ist auch noch nie aufgefallen, dass am Gleis 1 des Hauptbahnhofs eine Kopfbüste von Adolph von Nassau-Weilburg hängt. Um den ehemaligen Großherzog von Luxemburg und Begründer der heutigen Herrscherlinie vor lästigem Taubenkot zu schützen, wurden ihm lange Nadeln in den Schädel gestampft. Was ihn etwas bizarr aussehen lässt, aber da die meisten Bahnhofsbesucher es sowieso eilig haben, stört sich niemand daran.

Ein goldenes Einhorn, Taschentuchbäume und eine Tempeltänzerin in der Kathedrale – für Einheimische ist dieser Stadtführer genauso interessant wie für Touristen.

Dasselbe gilt für Falschsinger im legendären „Café des Artistes“ im Grund. Dort geben nämlich die Gäste den Ton an, wenn Barpianist Oscar „De Feierwon“, Frank Sinatras Schnulze „Strangers in the Night“ oder Edith Piafs „Non, je ne regerette rien“ anstimmt. Joscha Remus beschreibt das Café, in dem bereits Hollywood-Filmkomponist Hans Zimmer und Sängerin Vicky Leandros nach einem Konzert in der Oberstadt ein paar Zugaben gegeben haben, als einen wundervollen Ort, an dem alles eine Inszenierung sei. „Ein unglaubliches Musical“, in das man mitten hineingeraten kann.

Was den Stadtführer „111 Orte in Luxemburg, die man gesehen haben muss“ so besonders macht, sind die Geschichten, denen der Autor bei seinen Recherchen auf die Schliche gekommen ist und die selbst einen vermeintlichen Kenner der Kulturszene blass werden lassen. Ich muss in diesem Zusammenhang zugeben, nicht gewusst zu haben, dass es sich bei der Licht- und Farbinstallation am Eingang des Radiosenders „100,7“ an der viel befahrenen Avenue John F. Kennedy um eine von Trixi Weis entworfene öffentliche Uhr handelt. Während die Stunden in römischen Ziffern angezeigt werden, entspricht jedes bunte Quadrat fünf Minuten. Diese etwas unorthodoxe Zeitmessung verweise auf das Selbstverständnis der Künstlerin, der es nicht um Pünktlichkeit und Exaktheit, sondern vielmehr darum ginge, sich in der Hektik des Alltags eine Atempause zu gönnen. Zudem tut ein wenig Farbe dem tristen Beton des Gebäudes richtig gut.

Auf seinen Erkundungstouren abseits der üblichen Pfade hat der Autor allerdings nicht nur bemerkenswerte Skulpturen, interessante Museen und den „Klouschtergaart“ entdeckt, sondern sich auch Zeit für kulinarische Pausen genommen. In der Bäckerei „Au pain de Mary“ in Gasperich lässt er sich von den Baguettes verführen, deren Teig die Besitzerin in Hartweizengrieß rollt, damit die Kruste knuspriger wird. In der kultigen „Bouneweger Stuff“ wundert er sich über die außergewöhnliche Musik-Playlist mit Songs von Nick Drake und Tom Waits und die Auswahl an handwerklich gebrauten Bieren. In der „Casa Fabiana“ im Bahnhofsviertel lässt er sich von der ehemaligen grünen Gemeinderätin Fabiana Bartolozzi erzählen, wie sie es geschafft hat, sich den lang gehegten Traum zu erfüllen, ein Restaurant zu eröffnen, in dem originelle Speisen in Bioqualität und zu Bossa Nova-Rhythmen serviert werden. Im „Chocolate House“ gegenüber dem großherzoglichen Palais beobachtet er Frauen im Chanel-Kostüm und Kabelverleger im Blaumann, wie sie Schokoladenlöffel in heiße Milch tauchen. Das Mudam-Café, in dem Bundeskanzlerin Angela Merkel den Satz „Endlich sind alle Europäer unter einem Dach vereint“ erstmalig ausgesprochen hat, beschreibt er als reinsten Stimmungsaufheller, und im „Gastronomica“ in Hollerich hätte er beinahe tanzen gelernt.

Joscha Remus‘ Streifzüge durch die Stadt Luxemburg bieten viel Raum für Aha-Erlebnisse und lenken den Blick auf Sehens-würdigkeiten, die in der zweiten Reihe stehen.

Zu den markantesten Menschen, mit denen Joscha Remus ins Gespräch gekommen ist, zählt zweifelsohne Philippe Calon. In der Bäckerei des zum jüdischen Glauben konvertierten gebürtigen Franzosen, der auch Bücher schreibt und als Galerist tätig ist, gibt es die einzigen koscheren Brote in der Stadt. Und es kann vorkommen, dass man gar keine Brotwaren in der Auslage der „Boulangerie logique Philippe“ sieht, sondern Gemälde kubanischer Künstler. Der Laden selbst hat nichts mit einer herkömmlichen Backstube gemein, sondern erinnert eher an ein Wohnzimmer aus den 1960er Jahren, das mit allen möglichen Mitbringsel und Fotos aus aller Welt ausgestattet ist. Ein weiteres Unikum ist Monsieur Pilo. In seinem in einer Garage untergebrachten „Petit Musée du Limpertsberg“ begegnet man den unglaublichsten „objets trouvés“. So betrachtet ein Schimpanse staunend ein Molekülmodell. Ein tönerner Elefantenfuß dient als Sammelgefäß für Spendengelder, die dem Tierschutz gespendet werden. Eine afrikanische Statue steht einem Gentleman mit Zylinder gegenüber. So begeistert der Besucher von dieser skurrilen Kunstsammlung sein wird, so begeistert wird er von dem Mann sein, der in seinem kleinen Museum eine Welt ausstellt, wie man sie vielleicht noch nie gesehen hat.

Sogar Superjhemp ist Joscha Remus über den Weg gelaufen. Im Europahaus, dem Sitz der Vertretung des Europäischen Parlaments. Dort steht der Comicheld Besuchern nämlich als Berater zur Verfügung. Mit dem „Kachkéis“, der ihm Superkräfte verleiht, kann sich der Autor indes nicht anfreunden. Dass dieser beinahe fettfreie Käse von dauerhaft leimartiger Konsistenz Kultcharakter in Luxemburg genießt, ist allerdings auch vielen Einheimischen ein Rätsel.

Selbstverständlich gibt es in „111 Orte in Luxemburg, die man gesehen haben muss“ einen Stadtplan zum sich Zurechtfinden. Lobenswert ist zudem, dass jeder Ort – ob wichtig oder nicht – auf einer Doppelseite mit ganzseitigem Bild, genauer Adresse, zusätzlichen Tipps, Bus- oder Tramhaltestellen sowie Öffnungszeiten abgehandelt wird. So wird die Lektüre dieses Stadtführers nie langweilig, denn wer nichts über eines des ältesten Häuser der Stadt erfahren möchte, blättert einfach eine Seite weiter, um Klaas Lagewegs Graffito „Die Eule“ im ehemaligen Schlachthaus kennen zu lernen. Auf dieses Kunstwerk folgen die „Europabäume“, die hinter der Philharmonie gepflanzt wurden und jeweils ein Mitglied der EU repräsentieren. Man merkt, dass Joscha Remus großen Wert auf Themenvielfalt und Abwechslung bei der Auswahl seiner Lieblingsorte gelegt hat. Nichts fehlt: Geschichtliches, Kinderspielplätze, Kultur, sportliche Heldinnen, Panoramablicke… Kaum vorstellbar, welchen Wälzer er schreiben würde, wenn er das gesamte Großherzogtum unter seine Lupe nehmen würde.

Erschienen im Emons Verlag 240 Seiten, mit zahlreichen Fotografien, 16,95 Euro, ISBN 978-3-7408-0363-6

Joscha Remus
Jahrgang 1958, hat mit 17 Jahren seine erste Europareise gemacht. Als Schüler verdiente er sich sein Taschengeld als Bierfassabfüller, Testschläfer und Eisverkäufer, als Student u.a. als Schachcomputer-Propagandist. Studium der Biologie, Germanistik, Philosophie und Italianistik in Trier, München und Berlin (ohne Abschluss). Später folgt eine Physiotherapeuten-Ausbildung (mit Abschluss) sowie Ausbildungen zum Geräuschemacher. Joscha Remus arbeitet als Kinderphysiotherapeut und unternimmt lange Hör-, Recherche- und kulinarische Reisen durch (fast) die ganze Welt. Seit 1996 schreibt er u.a. für die „Süddeutsche“ und „Zeit-Wissen“ und ist Wissenschaftsautor für den SWR.
www.joscharemus.de

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Martine Decker

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