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Übung macht den Meister

Wie man Kinder auf das richtige Verhalten im Straßenverkehr vorbereitet, darüber kann man streiten. Der Verkehrsgarten ist nur eine Möglichkeit unter vielen, aber eine, die den Kids viel Spaß macht.

Fotos: Philippe Reuter

Montagmorgen, viertel vor neun in Dommeldingen. Die frische Morgenluft bringt etwas Abkühlung nach einem Wochenende mit Hitzerekorden im Mai. Versteckt unter großen Bäumen liegt der Verkehrsgarten der hauptstädtischen Polizei. Gleich wird eine Schulklasse aus Bonneweg eintreffen, Zyklus 4.1, fünftes Schuljahr. Die Kinder kommen heute zum vierten Mal hierher, sie erwartet der finale Test. Sie müssen zeigen, ob der Verkehrsunterricht der letzten Wochen gefruchtet hat, ob sie die Regeln beherrschen, ob sie wissen, wer wann und wo Vorfahrt hat. Und wie sie sich im Straßenverkehr verhalten müssen.

Marcel Duton und Marc Schmit stehen bereit. Die beiden Kommissare sind zuständig für den Verkehrsgarten der Stadt Luxemburg. Seit 2003 gibt es das Angebot der Polizei. Die Teilnahme ist den Schulen freigestellt, Verkehrserziehung ist nicht obligatorisch im Land. Doch der Dommeldinger Verkehrsgarten ist vollständig ausgebucht, etliche Anfragen von Schulen müssen leider regelmäßig abgewiesen werden. Im Gegensatz zu den Verkehrsgärten in Mersch und Capellen ist er überdacht und beheizbar und deshalb auch im Winter zu benutzen.

In einigen Gemeinden wird alle zwei Jahre die „Coupe Scolaire“ ausgetragen, bei der die Schülerinnen und Schüler des gesamten vierten Zyklus, also der fünften und sechsten Klassen, ihre praktischen Kenntnisse über Regeln und Verhalten im Straßenverkehr unter Beweis stellen müssen. Dazu fahren sie mit ihrem Fahrrad einen Parcours entlang, der über die echten Straßen der Umgebung führt, umgeben von realem Verkehr.

Der Verkehrsgarten unterliegt einem anderen Konzept. Hier müssen sich die Kinder nicht im alltäglichen Durcheinander auf den Straßen bewähren, sondern dürfen in einer mehrere Hundert Quadratmeter großen, künstlich angelegten Straßenlandschaft erst einmal üben, wie man es richtig macht. Anfahren, rechts und links abbiegen, ein Hindernis umfahren, Vorfahrt beachten, Straßenschilder erkennen – das alles ist gar nicht so einfach, wenn man gerade erst dabei ist, es zu lernen. „Manche Kinder können noch gar nicht oder nur sehr schlecht Fahrradfahren, wenn sie zum ersten Mal zu uns kommen“, sagt Marc Schmit, „für sie ist dieser geschützte Raum hier drin gut, um sich erst einmal an das Fahrrad zu gewöhnen.“

Mitbringen müssen die Schulklassen ihre Fahrräder nicht selbst. Im Verkehrsgarten stehen ausreichend zur Verfügung. Und wer partout nicht Radfahren kann, der kann die Übungen mit einem Go-Kart machen. Doch bevor es auf die Straßen geht, muss Theorie gebüffelt werden. Da die Schulklasse heute das vierte und letzte Mal da ist, werden die Inhalte der vergangenen Einheiten kurz wiederholt. Danach geht es zum Test, der aus einem praktischen und einem theoretischen Teil besteht.

Bevor es auf die Straße geht, muss Theorie gebüffelt werden.

Marcel Duton stellt sich vor die Tafel und erfindet Verkehrssituationen. Bei jeder einzelnen sollen die Kinder sagen, wie sie sich als Radfahrer verhalten und worauf sie achten müssten. Er erklärt die rechtliche Seite jeder Situation, vergisst aber auch nicht die Kinder zu ermahnen, dass sie als Radfahrer vorausschauend und defensiv unterwegs sein sollten, um sich selbst zu schützen. „Wenn euch jemand die Vorfahrt nimmt, ist der natürlich im Unrecht. Trotzdem solltet ihr lieber anhalten. Denn im Recht zu sein, nützt euch nicht viel, wenn ihr verletzt seid.“ Das ist richtig und ein wertvoller Hinweis an die Schülerinnen und Schüler. Deshalb wiederholt ihn Marcel Duton auch regelmäßig.

Das Team: Marcel Duton und Marc Schmit sind verantwortlich für den Verkehrskindergarten, Lisa Waldbillig, Polizistin in
Ausbildung, hilft heute dabei.

36 Verkehrstote gab es im vergangenen Jahr auf Luxemburgs Straßen, auf eine Einwohnerzahl von einer Million hochgerechnet wären das 58. Damit liegt das Großherzogtum über dem europäischen Durchschnitt, der bei knapp 52 Toten pro Million Einwohner liegt. Häufigste Unfallursachen waren überhöhte Geschwindigkeit und das Fahren unter Alkoholeinfluss. Fast ein Viertel aller Toten waren Fußgänger, die auf einem Zebrastreifen überfahren wurden. Zwar erspart Marcel Duton den Kindern diese ernüchternde Statistik, wie wichtig das Anhalten am Zebrastreifen ist, erklärt er trotzdem. Und auch, welche Strafe der Verstoß dagegen mit sich bringt, wenn man nicht anhält: 145 Euro und zwei Punkte vom Führerschein.

Das macht Eindruck. Ebenso wie die Feststellung, dass ein Pizzabote jederzeit in eine Straße fahren darf, die eigentlich nur den Anliegern vorbehalten ist. „Es kommt darauf an, ob man genau in der Straße etwas zu tun hat, entweder einen Anwohner besuchen oder aber etwas abliefern möchte“, sagt Duton. Die Kinder kichern. Langsam macht sich die Aufregung breit, die jeder kennt, der schon mal einen Test zu absolvieren hatte.

Doch bestehen müssen die Kinder nicht unbedingt. Weil es keinen Fahrradführerschein gibt, ist das Diplom, das die Polizei nach einem bestandenen Test, ausgibt, nur die Bestätigung dafür, dass die Kids die Regeln einigermaßen verstanden haben und umsetzen können. Trotzdem strengen sich die Kinder an und geben ihr Bestes. Den meisten gelingt das auch, hinterher sagen alle, dass es Spaß gemacht hat. Ein paar kleine Fehler passieren dennoch, hier wird die Vorfahrt missachtet und da wird sich falsch eingeordnet. Ein Stoppschild zu übersehen oder entgegen der Einbahnstraße zu fahren, sind hingegen größere Vergehen, die stärker geahndet werden. Die meisten Kinder bestehen den Test, bei ein paar wenigen sieht es dagegen knapp aus. Bis die Tests aber vollständig ausgewertet sind, dauert es noch ein paar Tage. Und dann kommen Marc Schmit und Marcel Duton zur Abschlussbesprechung in die Schule. Die Diplome bringen sie mit.

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

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Author: Martine Decker

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