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Umsiedlung: Erinnerungen an eine düstere Zeit

Im Sommer 2002 – wir hatten die Weltumsegelung auf unserer Segelyacht Aquarius IV unterbrochen und waren seit einigen Tagen aus Tahiti zurückgekehrt – klingelte eines Abends das Telefon bei uns zu Hause. Ein gewisser Hermann F. Weiss meldete sich, stellte sich als emeritierter Professor der amerikanischen Universität Michigan in Ann Arbor vor und wollte wissen, ob ich der Jean-Pierre Friedrich sei, der in den 1940er-Jahren samt Familie nach Schlesien zwangsumgesiedelt worden war.

Als ich das bejahte, sagte er hörbar erleichtert „Endlich habe ich Sie gefunden…“, dann erklärte er mir, dass er an einem Buch über die verschiedenen Deportationslager und das KZ im niederschlesischen Dorf Buschvorwerk arbeite, um die bis dahin fast gänzlich unbekannten Gräueltaten der dortigen Nazis aufzudecken und die Täter zu identifizieren.

Er erzählte weiter, dass er als Bube vorübergehend in Buschvorwerk gewohnt habe und dort auf dem Schulweg und in den Wilhelm-Schmidding-Werken Zwangsarbeitern der verschiedensten Nationen und sogar ausgemergelten KZ-Häftlingen begegnet sei, Erlebnisse, die ihm seither keine Ruhe ließen und viele Fragen aufwarfen, denen sein Vater immer auswich. Dieser sei 1943 von der Fa. Schmidding nach Buschvorwerk dienstverpflichtet worden, um dort die Bau- und Umbauaktivitäten in der Schmidding-Zweigstelle zu leiten. Nach seinem Studium in Deutschland sei er – Hermann Weiss – nach den Vereinigten Staaten ausgewandert, wo er von 1968 bis 2002 an der Universität Michigan Germanistik gelehrt habe.

Am Ende des Ferngesprächs fragte Herr Weiss mich, ob ich mich denn noch an einiges aus dieser Zeit erinnere. Als ich das bejahte, fragte er mich, ob ich an seinem Buch mitarbeiten möchte, was den luxemburgischen Teil betreffe. Ich gab ihm meine Zusage. Wir trafen uns in Italien, dann besuchten uns Hermann und seine Frau Becky in Luxemburg. So entstand unsere Zusammenarbeit, ein gewaltiger Email-Austausch, eine Freundschaft und Hermanns Buch „Buschvorwerk im Riesengebirge“, das 2006 im Centaurus-Verlag erschien und inzwischen vergriffen ist. Ich hatte diese düstere Zeit meiner Jugend seit langem hinter mir gelassen, doch die darauffolgenden Nachforschungen in den Unterlagen meiner Eltern, die Grübeleien in meinem Kopf und der Rückblick in jene Zeit wühlten mich erneut auf und ließen mein Lagerleben zwischen 1942 und 1945 wieder an mir vorbeiziehen.

Seit langem verdrängte Erinnerungen wurden wieder wach, erlebter Schrecken kehrte zurück, aber auch Nostalgie und Neugier kamen auf. Ich begann, über eine Reise nach Schlesien im heutigen Polen nachzudenken.

Ein Rückblick in die Vorkriegszeit

Mein Vater Evy war zeitlebens ein Mann der Linken und ein kompromissloser Antifaschist. Er war aber auch ein glühender Verehrer und Kritiker des 7e Art, der siebten Kunst wie die Franzosen die Filmkunst nennen. Als siebzehnjähriger Gymnasialschüler hatte er bereits 1927 die erste luxemburgische Filmzeitschrift gegründet: Le Film luxembourgeois. Anfang der 1930er-Jahre begann er an der wöchentlichen Filmrubrik „La page du cinéma“ des „Escher Tageblatt“ mitzuarbeiten und zwischen 1935 und 1939 veröffentlichte er seine Kommentare über den internationalen Film in der Chronik „Notizen zur Woche“ der gleichen Tageszeitung. Dabei geriet er immer wieder auf Kollisionskurs mit den üblichen Propagandastreifen der Nazi-Filmindustrie, die Propagandaminister Joseph Goebbels unterstellt war. Kostprobe vom 26. April 1935: „Jupp Goebbels ladet nach Berlin ein. Bietet eine Woche Reden, Feuer- und anderes Blendwerk. Und Hunderte fallen darauf rein. Es soll in Berlin ein internationaler Film-Kongress gestartet werden. (….) Es gibt also noch Menschen, die glauben, in Deutschland könne ein internationaler Kongress fruchtbare Arbeit leisten. In Deutschland, einem Lande in dem niemand den Mund unaufgefordert öffnen darf, ohne dass man ihm hineinhaut.“

Und mein Vater schreibt weiter: „Es ist nur logisch, dass der deutsche Film an Qualität verlor, seit die Juden verbannt sind.“ In den Jahren 1938 und 1939 schickte ein in Luxemburg stationierter Agent vom „Sicherheitsdienst des Reichsführers SS“ regelmäßige Berichte über den „Marxisten und Hetztreiber Evy Friedrich“ nach Berlin. Auch die Trierer Tageszeitung „Nationalblatt“ zog öfters gegen ihn zu Felde.

Seine hitzigsten Attacken zielten direkt auf die Naziführung und ihre europäischen Machtansprüche.

Mein Vater war also bei der Gestapo kein unbeschriebenes Blatt, als Luxemburg am 10. Mai 1940 von den Nazihorden überfallen wurde. Schon am 16. Mai wurde er verhaftet und ins Grundgefängnis eingeliefert. Von dort kam er in die Haftanstalt nach Wittlich, wo er bis Juli eingekerkert war.

In seinen antifaschistischen Artikeln hatte mein Vater aber nicht nur die Filmindustrie der Nazis im Visier. Seine hitzigsten Attacken zielten direkt auf die Naziführung und ihre europäischen Machtansprüche. Vorsichtigerweise hatte er diese heftigsten Angriffe mit einem seiner vielen Pseudonyme unterzeichnet. Beim Verhör durch die Gestapo leugnete er immer, der Autor der „antifaschistischen Hetzartikel“ zu sein. Auch meine Mutter wurde verhört und – im Gegensatz zu meinem Vater – verprügelt. Ihre Verhöre fanden in der berüchtigten Villa Pauly statt, wo sich Gestapo und SS eingenistet hatten. Man wollte sie zwingen, meinen Vater als Verfasser der „Hetzschriften“ zu denunzieren, doch sie beteuerte immer, sich nicht für seine Arbeit als Journalist interessiert zu haben.

Nachdem mein Vater aus dem Gefängnis entlassen wurde, ließ man ihn vorläufig in Ruhe. Er bekam lediglich Schreibverbot. Am Anfang der Besatzungszeit war die Gestapo bemüht, Gegner des Regimes erst nach Vorliegen von Beweismaterial ins KZ zu schicken oder an die Wand zu stellen, denn man betrachtete die Luxemburger ja als Volksdeutsche, deren Herzen es aber noch zu gewinnen galt. Als keine Beweise für die „Schuld“ meines Vaters beigebracht werden konnten, wusste man nichts Besseres mit ihm anzufangen, als ihn mit seiner ganzen Sippe nach Schlesien zu verbannen.

Das geschah am 13. November 1942, frühmorgens, dem Tag meiner allerersten Erinnerung, die ich wahrscheinlich dem heillosen Durcheinander und der Aufregung, die in unserem Limpertsberger Anwesen herrschten, verdanke. Ich erinnere mich hauptsächlich an meine Großmutter, die mich zu beruhigen versuchte, und an die vielen Menschen, darunter einige grün-Uniformierte, die schreiend die Treppen auf und ab liefen. Gegen 9 Uhr hatten meine Eltern gepackt. Es durfte nur Handgepäck mitgenommen werden, größere Packstücke würden nachgeliefert werden. Dass auch meine Großmutter Marie Friedrich-Ketten deportiert wurde, war einem Irrtum auf dem Umsiedlungsbefehl zuzuschreiben: Sie war als Tochter meines Vaters eingetragen, also als meine Schwester. Trotz des offensichtlichen Irrtums und der Proteste meines Vaters wurde sie mit uns und unseren Habseligkeiten in den städtischen Bus verfrachtet, der noch weitere Familien aufsammelte, ehe er uns zum Hollericher Bahnhof fuhr, wo die Fahrt ins Ungewisse begann.

Meine Eltern waren ihr ganzes Leben lang davon überzeugt, dass die Umsiedlung ihre Rettung bedeutete, denn die „Akte Friedrich“ war geschlossen und kein Hahn krähte mehr nach uns. Später, als in Luxemburg der Naziterror richtig in Schwung kam, benötigte die Gestapo keine Beweise mehr; der Verdacht allein genügte, um ins KZ zu kommen oder standrechtlich erschossen zu werden.

Das Umsiedlungslager Leubus

Während eines Aufenthalts in Prag im Frühjahr 2008 fuhren meine Frau Lony und ich mit einem Mietwagen über das nahe Riesengebirge in die polnische Woiwodschaft Niederschlesien, deren Hauptstadt Wroclaw ist, das frühere Breslau.

Etwa 55 Kilometer hinter dem herrlichen Wroclaw parkten wir unseren Skoda vor dem Zisterzienserkloster Lubiaz, dem ehemaligen Kloster Leubus, in dessen Räumen damals zahlreiche Luxemburger interniert waren. Sie waren bei dem NS-Regime auf irgendeine Weise auffällig geworden und wurden daher zur „Germanisierung“ ins Nazireich verbannt. Eine Rückkehr in ihre Heimat war nicht vorgesehen. Im „Merkblatt für Umsiedler“ stand u.a. Folgendes geschrieben: „Sie (die Umsiedlung) bezweckt die Sicherung des politischen und des Arbeitsfriedens in diesem Grenzland des Reiches und betrifft nur jenen kleinen Personenkreis, der gesinnungsmäßig nicht als zuverlässiges Element unseres Volkstums an der Grenze angesehen werden kann. Die Umsiedlung stellt keine Strafmaßnahme dar, sie bietet der einzelnen Umsiedlerfamilie die Möglichkeit, im deutschen Reich sesshaft, und dort zu vollwertigen Bürgern des Reiches zu werden.“

In meinem Gedächtnis sind jedoch einige Fetzen hängengeblieben, so zum Beispiel der tägliche Morgenappell

In den Augen der Herrenmenschen waren wir also keine hoffnungslosen Fälle… Die ersten Umsiedler-Konvois mit insgesamt 156 Luxemburgern verließen den Bahnhof Hollerich am 17. und 18. September 1942. Meine Familie folgte am 13. November.

Heute ist das riesige Kloster Leubus aus dem 12. Jahrhundert wunderbar restauriert und gilt als einer der herrlichsten Barockbauten Europas. Es fällt dem Besucher schwer, sich dieses großartige Bauwerk als Nazi-Umsiedlungslager vorzustellen. Eine Tafel an der Außenmauer erinnert jedoch an jene luxemburgischen Zwangsarbeiter, die in Leubus interniert oder umgekommen waren.

Obschon das Lager Leubus keine Ferienkolonie war, konnte ich mich als Kind doch schnell an die gegebenen Umstände anpassen. Meine Erinnerung an diesen ersten Lageraufenthalt ist ziemlich verschwommen. In meinem Gedächtnis sind jedoch einige Fetzen hängengeblieben, so zum Beispiel der tägliche Morgenappell, dem nur die Männer Folge leisten mussten. Dabei wurde die Hakenkreuzfahne am Mast hochgezogen, während der SS-Lagerführer ganz allein den Arm zum Hitlergruß erhob.

Da das Kloster Leubus als Übergangslager diente, war das Hauptgepäck der Umgesiedelten im großen Fürstensaal untergebracht. Dieser Saal durfte aber nur an festgesetzten Tagen betreten werden. Für mich war es dann immer ein kleines Abenteuer, in den grauen Kisten mitwühlen zu dürfen und ungeahnte „Schätze“ zu entdecken. Auch an den St. Nikolaustag 1942 erinnere ich mich verschwommen, und an die Röteln, die mich mit hohem Fieber mehrere Tage lang auf meinem Strohsack festhielten. Meine Eltern hatten unser doppelstöckiges Holzbett mit einer Decke zugehängt, so dass ich meist im Dunkeln lag. Keine Ahnung, ob dies meiner Genesung dienen oder die Ansteckungsgefahr vermindern sollte…

Das Umsiedlungslager Boberstein

Im Januar 1943 – es war ein kalter Wintertag – wurden wir von Leubus nach Boberstein verlegt. Der Umzug über knapp 100 Kilometer dauerte fast einen ganzen Tag: Zuerst wurden wir mit der Bahn nach Schildau gebracht, heute Wojanów, dann ging es noch einen Kilometer zu Fuß weiter zum Schloss Boberstein, wo wir müde und abgekämpft mit mehreren Familien das uns zugeteilte Zimmer bezogen.

Boberstein heißt heute Bobrów und das Schloss neben dem schäumenden Bober-Fluss ist eine Ruine. Im Schlosshof trafen wir einige polnische Frauen, die mit ihren Familien in einem der Nebengebäude untergebracht waren. Sie errieten sofort, dass wir aus Luxemburg kamen, denn Boberstein wurde über die Jahre zur Pilgerstätte zahlreicher Luxemburger, die einmal hier interniert waren und in benachbarten deutschen Unternehmen und Fabriken Zwangsarbeit leisten mussten.

Anfangs war mein Vater als Hilfsarbeiter bei der Kammgarnspinnerei Emil Kummerle in Hirschberg tätig, heute Jelenia Góra. Dann wurden er und meine Mutter und viele andere Deportierte den Wilhelm-Schmidding-Werken im etwa 30 Kilometer entfernten Buschvorwerk zugeteilt. Sie pendelten täglich mit der Bahn hin und her. Während ihrer Abwesenheit befand ich mich entweder im Kindergarten unter der Aufsicht der luxemburgischen Krankenpflegerin Fernande Gretsch, genannt „Fen“, oder in der Obhut meiner Großmutter, denn um allein umherstreunen zu dürfen, war ich noch zu jung…

Nur zwei für mich wichtige Begebenheiten aus meiner Boberstein-Zeit haften noch in meiner Erinnerung.

Die erste spielte sich im großen Waschraum ab, wo wir an den aneinander gereihten Waschbecken unsere tägliche Morgentoilette vollzogen. Selbstverständlich waren dabei Männlein und Weiblein getrennt. Beim Waschen beobachtete ich neben mir einen Mann, der sich plötzlich in den Mund griff, seine Zähne herausnahm, sie fein säuberlich putzte und wieder zurück in den Mund schob. Mir blieb vor Staunen mein eigener Mund eine Minute lang offenstehen, dann tastete ich wiederholt meine Zähne und den Gaumen ab, um den Mechanismus zu finden…

Die zweite fand im Kindergarten statt. Der Besuch unseres nationalen Verräters Damian Kratzenberg* stand bevor. Meine Eltern hatten mir eingeschärft, unter keinen Umständen „Heil Hitler“ zu sagen, sollte denn Kratzenberg den Kindergarten besuchen. Ich glaube, alle Eltern hatten ihren Kindern dasselbe eingehämmert, denn keines erhob den Arm zum „Deutschen Gruß“, als Kratzenberg in seiner pompösen „Gielemännchens-Uniform“* in den Raum stolzierte. Er stellte einige Fragen und tätschelte ein Paar Kindern die Wange, so auch mir. Ich machte vor Aufregung und Angst fast in die Hose…

Keine 500 Meter von der Bobersteiner Ruine entfernt befindet sich heute das Luxushotel „Palac Wojanów“, das erst wenige Wochen vor unserem Besuch eröffnet wurde. Unser Entschluss war schnell gefasst: Wir buchten eine Suite im Hotel „Schloss Wojanów“. Nirgendwo auf der Welt habe ich den Aufenthalt in einem Hotel so genossen wie den in Wojanów, denn als Kind schlief ich in unmittelbarer Nähe auf einem kratzenden Strohsack auf einer harten Holzpritsche und hatte wie jeder andere im Lager fast immer Hunger und Läuse.

Der Boberstein-Ableger Buschvorwerk

Von Bobrów fuhren wir mit unserem Mietwagen nach Krzaczyna. Früher hieß das Dorf Buschvorwerk, gleich neben der Kleinstadt Schmiedeberg, heute Kowary. Wie bereits erwähnt, fuhren die den Schmidding-Werken zugeteilten Luxemburger täglich mit der Bahn nach Buschvorwerk zur Arbeit und am Abend zurück nach Boberstein ins Lager. Das war dem Schmidding-Werkführer Karl Casper zu aufwändig und zeitraubend. Deshalb setzte er sich dafür ein, dass „seine Luxemburger“ eine Wohnung in Buschvorwerk erhielten, vier oder fünf Räume, die jeweils zwei Familien als Wohngemeinschaft dienten. Wir wurden mit der Familie Lanners aus Ettelbrück zusammengelegt.

Als ich im Jahr 2008 mit Lony am Dorfeingang stand, war es, als wäre die Zeit 1945 hier stehen geblieben. Die alte „Brauerei“, in der wir im oberen Stockwerk von Ende 1943 bis zum Frühjahr 1945 hausten, stand noch immer, und der Hof, in dem ich die Gänse des Hausmeisters vor mir herjagte, hatte sich kaum verändert. Hier wohnten jetzt polnische Familien, denn die Schlesier waren ja nach Kriegsende von den Sowjets und Polen vertrieben worden.

Der Brauerei gegenüber, jenseits der Straße, verlief nach wie vor die Umzäunung, welche die Wilhelm-Schmidding-Werke damals gegen die Außenwelt absicherte. Der einst blanke Stacheldraht war zwar von Rost zerfressen und der Zahn der Zeit hatte auch an den Betonpfeilern genagt, aber ich erkannte alles wieder, die Brauerei, die Umgebung mit dem kleinen Bach, die Häuser und die berüchtigte Fabrik.

An meine Buschvorwerker Zeit erinnerte ich mich recht gut, denn schließlich war ich damals fünf bzw. sechs Jahre alt. Die meisten meiner Erinnerungen stammen daher aus Selbsterlebtem, einiges auch aus den Schilderungen meiner Eltern und aus dem Bericht meines Vaters („Die Tage der Wende“, 1951), der die Tage der Befreiung durch die Rote Armee und die Rückkehr in die Heimat beschreibt. Die Einzelheiten über das streng geheime Myrol-Programm erfuhr ich erst von Hermann Weiss.

Zusammen mit Lony marschierte ich die Dorfstraße entlang, die ich früher immer nahm, wenn ich von der Brauerei zum Krämerladen ging, um die von meiner Großmutter auf einem Zettel vermerkten Lebensmittel zu kaufen, oder wenn ich mich ins Dorf schlich, um durch eventuell geöffnete Luken in die Keller der Dorfbewohner einzudringen, um dort Kohlebriketts zu stehlen, denn Brennmaterial war Mangelware.

Während ich Lony dies erzählte, waren wir am ehemaligen Eingangstor der Wilhelm-Schmidding-Werke angelangt. In dieser Fabrik wurden damals offiziell Feldküchen und anderes Küchengerät hergestellt. Meinen Eltern und den anderen Zwangsarbeitern, die hier schufteten, und auch den meisten deutschen Angestellten war gänzlich unbekannt, was unter höchster Geheimhaltung in einem abgeschotteten Teil der Schmidding-Werke vorging und erst nach Kriegsende bekannt wurde: In Buschvorwerk wurden u. a. Stahlmäntel für 500-kg-Bomben gebaut, Treibstofftanks aus Aluminium für fünf verschiedene Flugzeugtypen, Rückstoß-Motoren für die Marschflugkörper V-1 und Rümpfe für V-2-Raketen. Prioritär in Buschvorwerk war jedoch die Entwicklung neuer Raketentreibstoffe wie z.B. Myrol, einem auf Methylnitrat und Methanol basierenden Gemisch. Auch Düsentriebwerke für die neuentwickelten deutschen Kampfjets (Me-262, usw.) wurden hier getestet. Professor Hermann Weiss schreibt in seinem Buch über Buschvorwerk: „Nach Einschätzung der US Naval Intelligence Mission in Europe vom August 1945 entwickelte sich die Wilhelm Schmidding KG während des Zweiten Weltkriegs zu einer der sechs wichtigsten Privatfirmen auf dem Sektor der Raketenrüstung.“ Kein Wunder, dass die Werksleitung keinem Geringeren unterstellt war als Dr. Wernher von Braun, der in Peenemünde seine Massenvernichtungswaffen entwickelte, nach Kriegsende von den Amerikanern in die USA eingeschleust und schließlich Chef der NASA wurde.

Die Schmidding-Fabrik in Buschvorwerk, mit Hauptsitz damals wie heute in Köln, beschäftigte Zwangsarbeiter vieler Nationalitäten, die das Schicksal der Luxemburger teilten: Deutsche, Franzosen, Italiener, Slowenen, Polen und Russen. Darüber hinaus besaß Schmidding in der Sperrzone des Werksgeländes ein hauseigenes kleines Juden-KZ (offiziell „ZAL Schmiedeberg“ genannt, also Zwangsarbeitslager Schmiedeberg), dessen Häftlinge nur für Sonderzwecke eingesetzt wurden, z.B. bei Bauarbeiten und im explosionsgefährdeten geheimen Bereich der Fabrik.

Konzentrationslager und Umsiedlungslager waren grundverschiedene „Aufenthaltsorte“. Sie stehen etwa im gleichen Verhältnis zueinander wie Zuchthaus und Club Med. Damit ist alles gesagt…
Die umgesiedelten Luxemburger wurden nicht zu Bauarbeiten herangezogen, sondern wegen ihrer recht guten Deutschkenntnisse in der Verwaltung der Betriebe eingesetzt. Sie waren auch nicht zum „Hitlergruß“ angehalten und wurden ähnlich wie die deutschen Angestellten für die geleistete Arbeit entlohnt. Meine Mutter Florence war z.B. bei Schmidding als Kontoristin bei der Küchenabrechnung angestellt. Dabei hatte sie Zugang zu Lebensmittelvorräten und Kostbarkeiten wie Zigaretten. Klar, dass sie Einiges davon abzweigen konnte und ihr bei der Inventarkontrolle immer der kalte Schweiß auf der Stirn stand. Grundsätzlich wurden die Buschvorwerk-Luxemburger vom „Werkleiter“ Casper bevorzugt. So konnte Palmyre, die 22-jährige Tochter Jean-Pierre Wilhelms, der 27 Jahre lang Bürgermeister von Mamer war und den Eid auf Hitler verweigert hatte, bei den Caspers als Haushaltshilfe Arbeit finden.

Karl Casper ermöglichte auch einigen Luxemburgern, innerhalb des ihnen zustehenden jährlichen Urlaubs für kurze Zeit zurück in die Heimat zu reisen. So wurde meine Mutter offiziell beauftragt, eine Dienstreise nach Luxemburg zu unternehmen, um dort „Materialien für den Aufbau unseres Werkskindergartens, Gegenstände für unser Gemeinschaftslager, sowie Medikamente und Instrumente für unsere Krankenstube einzukaufen.“ Diese Dienstreise fand vom 14.7.1944 bis zum 25.7.1944 statt. Mein Vater, seine Mutter und ich mussten aber während ihrer Abwesenheit in Buschvorwerk bleiben.

Die Luxemburger und auch die französischen „Zivilarbeiter“ durften sich innerhalb des drei Städte umfassenden Landkreises Hirschberg frei bewegen. Da die Luxemburger ihre eigenen Kleider dabei hatten und auch einige Damen ihre Pelzmäntel nicht zurückgelassen hatten, waren die Umgesiedelten beim sonntäglichen Spaziergang in Hirschberg oder Schmiedeberg oft besser gekleidet als ihre deutschen „Mitbürger“. Wir machten auch ab und zu Ausflüge nach Krummhübel, wo ich am Fuß der 1603 Meter hohen Schneekoppe im Winter mit meinem Schlitten kleine Hänge hinunterrodelte. Mit KZ hatte das Umsiedlerleben wirklich nichts gemeinsam…

Ich selbst durchstreifte als Bub das Schmidding-Werk fast täglich, denn die Wachtposten, die mich als „Hans-Peter“ kannten, ließen mich immer problemlos durch. Sie wussten, dass ich mit meinem Kumpel Wassily die von den Russen erbeuteten Ponys hütete, die mit ihm auf dem Werksgelände eingepfercht waren. Wassily war Russe, etwa 16 Jahre alt und sprach außer seiner Muttersprache auch fließend Polnisch. Von ihm lernte ich Polnisch sprechen und ohne Zaum und Sattel reiten.

Auch mit Marian, dem polnischen Knecht, der auf dem Winklerhof arbeitete, konnte ich meine Polnisch-Kenntnisse verbessern. Marian nannte mich „Maua Japka“, was „kleiner Frosch“ bedeutet. Auf diesem Hof verrichtete ich geringfügige Arbeiten. Meine Hauptaufgabe war jedoch, den großen Hühnerstall sauber zu halten. Dies gab mir die Gelegenheit, ab und zu ein frisch gelegtes Ei zu klauen und so zum Unterhalt meiner Familie beizutragen.

Die Winklers hatten zwei Ackergäule: Hans und Lütti. Besonders gern fuhr ich mit Marian auf dem von diesen Gäulen gezogenem Güllefass auf die Felder, um dort Jauche zu verteilen. Für diese Arbeiten erhielt ich dann während der Mittagspause ein karges Essen. Dies dauerte so lange, bis ich von Frau Winkler beim Eierklau erwischt wurde. Sie zog mir die Hose runter und versohlte mir den bloßen Hintern ganz furchtbar. Auf diese Weise verlor ich meinen ersten Job…

Ehe ich aber den Hof endgültig verließ, ging ich von Rache getrieben in den Hühnerstall, öffnete alle Türen und jagte die brütenden Hühner hinaus auf den Hof. Wie bereits gesagt: Ich hatte fast immer Hunger. Nachmittags gegen 16 Uhr wurde ich fast täglich bei der deutschen Familie Häring vorstellig. Sie waren mit meinen Eltern befreundet und spendierten mir jeden Tag ein Quark- oder Schmalzbrot.

Während ich Lony diese Erinnerungen schilderte, spazierten wir über das Fabrikgelände zwischen den alten Werksgebäuden und Fahrwegen, bis wir vor einem großen Bürogebäude stehen blieben und dann hineingingen. Es handelte sich um eine polnische Maschinenbau-Werkstätte, die sich wie mehrere andere Kleinbetriebe vor vielen Jahren auf dem Fabrikgelände niedergelassen hatten. Ihre Inhaber waren natürlich hochinteressiert, sich bei Kaffee und Kuchen meine Buschvorwerk-Erinnerungen anzuhören.

Danach zeigten sie uns die geheime „Testhalle“ mit den meterdicken Wänden und dem Beobachtungschlitz aus Panzerglas, hinter denen sich die Prüfstände befanden, die früher durch gewaltige Drucktüren aus Stahl zusätzlich geschützt waren. In der Nähe der Fabrik hatten die Nazis einen tiefen Stollen in den Felsen getrieben. Dieser Stollen war von den Sowjets ausgekundschaftet und dann gesprengt und zugeschüttet worden. Kein Mensch weiß mehr, was dieser Stollen verbarg.

Während der Besichtigung des Fabrikgeländes freute ich mich riesig, auf einer Anhöhe den kleinen Teich wiederzusehen, der mir damals wie ein großer See vorkam. Nach der Befreiung durch die Rote Armee hatte ich mit Wassily ein Floß aus Gummischläuchen und Brettern gebastelt und auf diesem Gerät den Teich umschifft, rückblickend meine erste seemännische Leistung…

Ehe wir zu unserem Hotel nach Karpacz zurückkehrten, dem ehemaligen Krummhübel im Riesengebirge, wo die NS-Elite früher gerne ihren Winterurlaub verbrachte, begab ich mich noch auf einen für mich sehr wichtigen, jedoch auch schweren Gang. Ich spazierte mit Lony von der Brauerei etwa 100 Meter in Richtung Kowary, dem früheren Schmiedeberg, und blieb dann am linken Straßenrand stehen, da wo der Zug die Straße überquerte, nicht weit vom ehemaligen Winklerhof entfernt.

Ein Sträfling konnte nicht mehr weiter, wurde zum Straßenrand geschleppt und von einem SS-Mann in den Hinterkopf geschossen.

Ungefähr hier wurde ich Zeuge eines grauenvollen Mordes, der mich auch heute noch zutiefst bewegt.
Hier möchte ich aus dem Buch „Buschvorwerk im Riesengebirge“ meinen eigenen Beitrag zitieren:
„Der Todesmarsch kam am frühen Morgen an der Brauerei vorbei. Wie ich später erfuhr, handelte es sich um Sträflinge aus dem niederschlesischen KZ Groß-Rosen, das vor der anrückenden Roten Armee nach Westen evakuiert wurde.

Am Anfang, als die Kolonne von Schmiedeberg kommend in der eisigen Kälte an der Brauerei vorbeischlurfte, ließen meine Eltern mich nicht nach draußen. Nachdem mein Vater bereits zur Fabrik gegangen war, verließ auch meine Mutter die Brauerei. Die Kolonne war inzwischen bereits in Richtung Krummhübel weitergezogen. Als meine Mutter zurückkam, erzählte sie unseren Mitbewohnern, dass draußen alle Sträflinge, die aus Erschöpfung nicht mehr weiterkonnten oder zu Boden stürzten, sofort getötet wurden. Später stellte es sich heraus, dass in unserer näheren Umgebung mindestens sechs Häftlinge so ermordet worden waren.

Kaum 100 Meter von der Brauerei entfernt, hatte sich eine solche Tragödie abgespielt. Ein Sträfling konnte nicht mehr weiter, wurde zum Straßenrand geschleppt und von einem SS-Mann in den Hinterkopf geschossen. Doch die Kugel verfehlte das Genick um einige Zentimeter und riss dem Unglücklichen einen Teil des Schädels samt Ohr weg. Der SS-Mann marschierte sofort weiter, der Kolonne hinterher. Meine Mutter fand den Schwerverletzten im Straßengraben.

Eines war mir aber klar: Hier war eine schreckliche Tat verübt worden.

Nachdem sie dies berichtet hatte, ergriff sie ein paar Handtücher und einen Behälter mit Wasser, nahm mich bei der Hand und sagte wortwörtlich zu mir:“Jempy, ich will, dass du mitkommst und etwas siehst, das du nie vergessen darfst“. Sowohl die Mitbewohner als auch meine Großmutter versuchten, dies zu verhindern, aber meine Mutter ließ sich nicht umstimmen. Wir gingen die hundert Meter in Richtung Schmiedeberg. Auf der linken Seite, kurz vor dem Bahnübergang, lag der Sterbende. Er trug den üblichen gestreiften KZ-Pyjama mit einem aufgenähten gelben Davidstern. Trotz seines Leidens stöhnte er nur leise vor sich hin und lallte Worte, die wir nicht verstanden. Meine Mutter versuchte, seine Schmerzen mit Kompressen und tröstenden Worten zu lindern, während ich schweigend und sicher etwas verständnislos daneben stand.

Eines war mir aber klar: Hier war eine schreckliche Tat verübt worden, und die Täter waren dieselben, die uns aus unserem „Zuhause“ verjagt und hierhin verschleppt hatten. Irgendwann am späten Morgen oder am frühen Nachmittag hielt ein Soldat auf seinem Fahrrad neben uns an. Er beobachtete die schreckliche Szene kurz, stieg ab und befahl uns, beiseite zu treten. Dann fasste er sein Gewehr beim Lauf, schwang den Kolben hoch über den Kopf und zerschmetterte mit einem gewaltigen Schlag den Schädel des Unglücklichen, sodass seine Kappe wegflog und das Gehirn umherspritzte.“

Als Professor Weiss für sein Buschvorwerk-Buch recherchierte, konnte er nicht nur überlebende Dorfbewohner aus jener Zeit ausfindig machen, sondern auch Überlebende des Todesmarsches. Diese Zeitzeugen bestätigten meinen Bericht und konnten sogar das genaue Datum bestimmen: Es geschah am 24. Februar 1945. Neun Tage vorher war ich gerade sechs Jahre alt geworden…

Die Befreiung

Als alliierte Flugverbände Mitte Februar 1945 das knapp 200 Kilometer entfernte Dresden in Schutt und Asche legten, feierte ich mit meiner Familie meinen 6. Geburtstag. Ich kann mich nicht erinnern, den Donner der Bomben gehört zu haben, doch am Abend konnten wir am glutroten Himmel hinter dem Riesengebirge erkennen, dass die Stadt lichterloh brannte. Fast alle Luxemburger standen auf der Krummhüblerstraße oder an den Fenstern der Brauerei, um sich an der himmlischen Glut zu erfreuen…

Die Rote Armee schob die deutschen Armeeverbände – oder was davon übrigblieb – nur so vor sich her. Je näher die Front rückte, umso freundlicher wurden diejenigen Deutschen, die uns in der Vergangenheit als „Luxemburger Pack“ beschimpft hatten. Meine Eltern wurden plötzlich „die gnädige Frau“ und „der gnädige Herr“, und man überbot sich in Freundlichkeit.

Nach und nach packten die Nazis ihren Kram zusammen und verschwanden in Richtung Westen, um zu den Amerikanern zu gelangen, denn vor den Sowjets hatten sie eine Höllenangst. Sie wussten nämlich, welcher Verbrechen sie sich in der Sowjetunion schuldig gemacht hatten und erwarteten daher keine Gnade von den Siegern.

Nachdem eine estländische SS-Einsatzgruppe Maschinen, Autos und Motorräder in der Fabrik mit Handgranaten und Panzerfaust zerstört und alle Nazis der Umgebung sich nach Westen abgesetzt hatten, wurde das Schmidding-Werk von den Dorfbewohnern geplündert und ausgeräumt. Wassily und ich waren auch dabei. Wir stürmten durch die Büroräume und schlugen in Stücke, was noch nicht ganz kaputt war. Besonderen Spaß bereitete uns das Zünden von zusammengerolltem Filmmaterial, das unter extrem starker Rauchentwicklung leuchtend brannte. Dass wir damit wichtiges Beweismaterial und wertvolle Unterlagen vernichteten, war uns nicht bewusst. Später hätte ich mich dafür ohrfeigen können…

Am 7. und 8. Mai war es dann so weit: Nazi-Deutschland hatte bedingungslos kapituliert!
Grenzenlose Freude herrschte bei allen Umgesiedelten, Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen. Auch die Dörfler freuten sich, dass es endlich vorbei war, doch ihre Freude wurde durch die Angst vor den anrückenden Rotarmisten stark gedämpft.

Viele Schlesier und fast alle Nazis flohen westwärts den Amerikanern entgegen, aber diejenigen, die ein reines Gewissen hatten, blieben in ihren Wohnungen und Häusern. So auch die meisten Buschvorwerker, aber auch sie wurden später von den Polen enteignet und vertrieben.

Am 9. Mai – es war heiß wie im Hochsommer – erfuhren wir, dass alle Straßen der Umgebung frei gehalten werden müssten, um der Vorhut der Roten Armee freie Fahrt zu gestatten. Alle Einwohner blieben zu Hause und die Straßen waren gespenstig leer. Kurz nach 12 Uhr sichteten wir von unserem Fenster aus ein offenes Auto mit vier Rotarmisten. Sie fuhren in Richtung Krummhübel weiter. Eine halbe Stunde später kamen russische Radfahrer mit umgehängten Maschinenpistolen vorbei, dann folgten Soldaten zu Fuß und auf LKWs oder Leiterwagen, auf denen Rotarmisten Akkordeon und Mundharmonika spielten. Martialisch sah das nicht aus…

Nach und nach wagten sich die meisten der umgesiedelten Luxemburger auf die Straße, um die Russen zu begrüßen und ihnen und ihren Pferden Wasser zu reichen. Polnische und russische Zwangsarbeiter dienten als Dolmetscher. Auf die Pferdekolonnen folgte schweres Kriegsgerät, dann wurde es wieder ruhig in Buschvorwerk.

Am Tag nach der Befreiung lag ich mit leichtem Fieber im Bett. Meine Mutter kam plötzlich zu mir und führte mich ans Fenster. Unten auf der Straße hatte sich ein Dutzend sowjetische Soldaten aufgestellt und vor ihnen stand Marian, der ehemalige Knecht vom Winklerhof. Er trug ebenfalls eine russische Uniform. Als er mich am Fenster sah, winkte er mir zu und alle russischen Soldaten salutierten. Ich war natürlich gewaltig stolz auf „meinen“ Marian, der am vorhergehenden Tag meiner Mutter anvertraut hatte, er arbeite für den sowjetischen Geheimdienst. Marian war jedoch eine zwielichtige Gestalt, und heute bin ich überzeugt, dass er weder für die Russen spionierte noch das Recht besaß, eine russische Uniform zu tragen. Gleich nach der Befreiung war Marian vom Winklerhof in die Brauerei umgezogen. Dort hatte er dann sofort zwei Schweine erschossen – keine Nazis, sondern richtige Schweine – deren Fleisch er dann an seine polnischen Gefährten und auch an verschiedene Luxemburger verteilte. Wir bekamen natürlich ein besonders großes Stück ab. Marian feierte dann mit seinen Kumpanen die Befreiung bis tief in die Nacht hinein. Irgendwann waren alle besoffen und man begann mit Pistolen und Gewehren um sich zu schießen. Die Bewohner der Brauerei konnten diese Nacht kaum Schlaf finden…

Aber damit nicht genug. Am 12. Mai kam es zu einer wilden Schießerei auf dem Winklerhof. Marian war dort mit zwei seiner Kumpels erschienen, um seine ehemaligen Dienstherren zu berauben. Gerüchten zufolge soll Marian auch Frau Winkler verprügelt haben. Diese rief über Telefon eine in einem benachbarten Dorf stationierte polnische oder russische Einheit zu Hilfe. Als diese anrückten, wurden vom Hof her Schüsse auf sie abgegeben. Marian konnte entfliehen, seine zwei polnischen Gefährten aber wurden erschossen, und ein deutscher Stalljunge, der nichts mit der Sache zu tun hatte, ebenfalls – ich kannte den sechzehnjährigen Günther aus meinen Winklerhof-Tagen gut und war deshalb über seinen Tod sehr traurig. Marian tauchte meines Wissens nie mehr auf.

Wassily und ich hatten einen kleinen Verkaufsstand auf der Krummhüblerstraße eröffnet. Auf dem Fabrikgelände standen zahlreiche von der SS zerstörte Autos und Motorräder umher. Was nicht kaputt war, montierten wir ab, besonders viele noch intakte Reifen. Unsere Kostbarkeiten boten wir dann den vorbeiziehenden russischen Truppen zum Tausch gegen Lebensmittel an. Obschon Wassily die Hauptarbeit beim Abmontieren und Verkauf leistete, teilte er den Erlös immer großzügig mit mir. Zu dieser Zeit fanden auch unsere abenteuerlichen Floßfahrten auf dem Schmidding-Teich statt.

Während des restlichen Monats Mai waren einige Luxemburger damit beschäftigt, die Heimreise selbst zu organisieren, denn über Radio Luxemburg hatten wir erfahren, dass laut Commissariat au Rapatriement erst in vier Wochen etwas für die Heimkehr der Umgesiedelten unternommen werden könnte. Zahlreiche Treffen mit hohen sowjetischen Offizieren fanden statt, doch immer wieder fehlte es an Lastwagen, um die Luxemburger abtransportieren zu können.

Um diese Zeit war die Straße, die nach Krummhübel führte, mit fliehenden Schlesiern zu Fuß und auf Pferdegespannen ständig überfüllt und oft verstopft. Ende Mai gelang es den Bobersteiner Luxemburgern, einen russischen General zu bewegen, die notwendigen Lastwagen zur Verfügung zu stellen. Sie wurden am 29. Mai von Boberstein zu einem Auffanglager nach Liegnitz gebracht (heute Legnica).

Wir Buschvorwerker mussten noch bis zum 9. Juni warten, bis wir auf 23 offenen russischen LKWs ebenfalls nach Liegnitz gebracht wurden. In dieser fast unbeschädigten Stadt stand eine ganze Straße für uns Luxemburger zur Verfügung. Alle Wohnungen waren leer, verwahrlost und in einem heillosen Durcheinander verlassen worden. Jede Familie suchte sich eine Wohnung aus und richtete sich dort so gut wie möglich ein.

Eine Woche verbrachten wir hier, dann fuhren wieder russische LKWs vor, die uns bis Riesa an der Elbe brachten, wo sich die Austauschstelle zwischen den Sowjets und den westlichen Alliierten befand. Nach zwei Tagen wurden wir von französischen und amerikanischen Lastwagen abgeholt. Bei dieser Gelegenheit lernte ich Kaugummi kennen und ich sah meinen ersten Schwarzen. Dann ging die Fahrt weiter bis Leipzig, wo man uns in einer früheren Kaserne unterbrachte. Von Leipzig fuhren wir am darauffolgenden Tag in einem aus Güterwagen bestehenden Sonderzug weiter. Da viele Brücken und Schienen zerstört waren, ging die Fahrt im Zickzack durch verwüstetes deutsches Gebiet weiter bis Koblenz, dann nordwärts nach Roermond in Holland. Unterwegs wurden wir mit amerikanischen Armeekonserven verpflegt. In den Güterwagen gab es natürlich keine hygienischen Einrichtungen. Deshalb hielt der Zug regelmäßig auf freier Strecke an. Die umliegenden Felder dienten uns dann als Freiluft-Toilette. Eine Luxemburgerin, die sich dafür schämte, hatte sich unter den Zug gehockt, als dieser plötzlich anzog. Die Unglückliche wurde zu Tode gequetscht, was die bisherige freudige Stimmung in Trauer umschlagen ließ. Ihre Leiche wurde an einem Bahnhof in Holland zurückgelassen.

Ich erinnere mich noch sehr gut an jenen August-Tag, an dem die amerikanische Atombombe über Hiroshima abgeworfen wurde.

Schließlich gelangten wir über Lüttich nach Luxemburg. Es war der 25. Juni 1945, also vor genau 70 Jahren. In unser Haus an der Fayenceriestrasse konnten wir allerdings noch nicht einziehen, denn da wohnten jetzt amerikanische Offiziere. Wir mussten uns mit unserer großen Garage abfinden und wieder auf alten Matratzen am Boden schlafen. So campierten wir bis Ende August 1945. Mehrmals pro Woche fand eine Party in unserem Haus statt. Abends konnten wir von der Garage aus zusehen, wie große Limousinen vorfuhren, aus denen Damen in langen Abendkleidern ausstiegen. Die Partys waren immer sehr laut und hie und da hörten wir auch, dass etwas zu Bruch gegangen war.

Ich erinnere mich noch sehr gut an jenen August-Tag, an dem die amerikanische Atombombe über Hiroshima abgeworfen wurde. Einer der amerikanischen Offiziere kam zu uns in die Garage, nahm meine Großmutter in den Arm und begann mit ihr zu tanzen. Dann weinte er vor Freude, „dass der Krieg nun endlich vorbei sei und er nach Hause fahren könnte“.

Kurz darauf zogen die Amerikaner aus und wir durften wieder in unseren Besitz einziehen. Alle Räume und viele Möbel waren in einem desolaten Zustand… Vor den Amis hatte sich SS-Hauptmann Wessel bei uns eingenistet. Ende 1942 war er samt Familie eingezogen, hatte alle Räume neu streichen lassen, Reparaturen veranlasst und Wohnung, Möbel, Garten und Park in einem vortrefflichen Zustand gehalten. Ja, er hatte sogar unten im Park einen Bunker bauen lassen.

Anders als die Amis war Hauptmann Wessel fest überzeugt, noch viele Jahre in Luxemburg bleiben zu können… Inzwischen hatte in den früheren deutschen Gebieten Schlesiens die Vertreibung eingesetzt. Von den insgesamt 4,5 Millionen Schlesiern entgingen nur wenige diesem Schicksal. Der gallische Sennonen-Heerführer Brennus hatte bereits im 4. Jahrhundert v. Chr. die Römer belehrt: „Wehe den Besiegten!“

Erklärung
*Damian Kratzenberg, 1878-1946, Gymnasiallehrer, bekannte sich seit Hitlers Machtantritt zu nationalsozialistischem Gedankengut, wurde nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Luxemburg Vorsitzender der VdB, der sog. Volksdeutschen Bewegung, deren Ziel der Anschluss Luxemburgs an Deutschland war. Aufruf der VdB vom 6. Juli 1940: „Luxemburger, höre die Stimme des Blutes! Sie sagt dir, dass du nach Rasse und Sprache ein Deutscher bist. Luxemburgertum in allen Ehren! Denn wahres Luxemburgertum ist reines Deutschtum.“ Als die Alliierten näher rückten, floh Kratzenberg nach Deutschland, wurde aber nach Kriegsende gefasst und nach Luxemburg zurückgebracht. Sein Prozess dauerte genau vier Tage. Am 11. Oktober 1946 wurde er auf dem Kasernen-Schießstand des Heilig-Geist-Plateaus erschossen.

*Luxemburgische VdB-Kollaborateure wurden wegen ihrer gelblichen Uniform „Gielemännercher“ genannt.

Text: Jean-Pierre Friedrich

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Author: Philippe Reuter

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