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Unruhe im Herzen – der letzte Bühnenschrei

Die Choreografin Sylvia Camarda und der Musiker Serge Tonnar holen Flüchtlinge und Luxemburger auf die Bühne des Kapuzinertheaters. In „Letters from Luxembourg“ geht es um 40 Briefe von Flüchtlingen. Es sind Briefe von Flüchtlingen, real oder imaginär. Amateure und Bühnenprofis, Flüchtlinge und Einheimische, Syrer und Iraker, Afghanen und nicht zuletzt Luxemburger – das Theater, die Kunst, die Kultur setzen sich mit einem Thema auseinander, an dem die Politik scheitert.

Foto: Isabella Finzi (editpress)

Nach den Künsten wird immer dann gerufen, wenn der Karren schon im Dreck steckt, sagt Martin Roth, Direktor des Victoria & Albert Museum. Der Künstler mache sich zum Harlekin. Die politischen Probleme zu lösen, sei Aufgabe von Politik und Wirtschaft. Die Kunst könne nur darauf aufmerksam machen. Auf eine besonders drastische Art und Weise hat dies die Gruppe „Zentrum für politische Schönheit“ mit ihrer Kunstaktion „Flüchtlinge fressen“ geschafft: Vor dem Berliner Maxim-Gorki-Theater stand in den vergangenen Tagen ein Käfig mit vier libyschen Tigern. Mit ihrer Aktion wollte die Gruppe die Bundesregierung dazu bringen, hundert Syrer mit dem Flugzeug aus der Türkei nach Deutschland zu ihren Angehörigen ausfliegen zu lassen. Für den Fall, dass die Regierung dies ablehnte oder nicht reagierte, hatten die Aktivisten angekündigt, dass noch am selben Tag eine Gruppe von Flüchtlingen sich „Europa zum Fraß vorwerfen“ und sich freiwillig in aller Öffentlichkeit fressen lassen. Angeblich gebe es sieben Flüchtlinge, die dazu bereit wären.

War das alles wirklich ernst gemeint? Oder „nur“ eine politische Provokation? „Wir halten, was wir versprechen“, sagte der Sprecher der Künstlergruppe. Die syrische Schauspielerin May Skaf forderte die Annullierung jener EU-Richtlinie, die Fluggesellschaften mit Strafen belegt, wenn sie Passagiere befördern, die kein Visum besitzen. Diese Direktive habe tausende Flüchtlinge zur Überfahrt über das Mittelmeer gezwungen. Skaf drohte damit, sich wie im antiken Rom den Tigern vorwerfen zu lassen, wenn die Politik nicht innerhalb von acht Tagen ein deutliches Zeichen setze: „Ich werde mich von Europa fressen lassen.“ Sie habe nichts mehr zu verlieren. Letztendlich machte sie ihre Drohung nicht war. Die Aktion wurde unblutig beendet. „Was wäre mein Schreien gegen die ungehörten Hilferufe nachts auf dem Meeer?“ erklärte Skaf und sagte: „Vergesst mich, vergesst die Tiger. Denkt an euch und daran, was für Menschen ihr sein wollt. Ich wäre gern die Unruhe in euren Herzen.“

Die Aktion kann als zynisch bezeichnet werden; aber ist es nicht die Aufgabe der Kunst, unbequem zu sein? Bereits vor einem Jahr hatte das „Zentrum für politische Schönheit“ mit ihrer Aktion „Die Toten kommen“ ein großes Medienecho: An den EU-Außengrenzen verstorbene Flüchtlinge waren exhumiert und mit dem Einverständnis ihrer Familien nach Berlin gebracht worden. Die ersten Beisetzungen fanden auf einem Berliner Friedhof statt.

Ähnlich in der Tradition der Aktionskunst stand der 2010 verstorbene Christoph Schlingensief, der mit seinen Auftritten und Projekten stets polarisierte. Der Film- und Theaterkünstler trat unter anderem als Wahlkämpfer einer eigens gegründeten Partei namens Chance 2000 auf. Auch mit den Aktionen „Tötet Helmut Kohl“ und Tötet Möllemann“ erregte er die Gemüter. Für die Aktion „Bitte liebt Österreich“ ließ er im Jahr 2000 einen Container vor der Wiener Staatsoper stellen – in ihm saßen angeblich Asylbewerber, über deren Ausweisung per Internet abgestimmt werden sollte.

Zu drastischen, an Verzweiflung grenzende Maßnahmen greifen nicht nur Künstler, sondern vielmehr Betroffene selbst. Eines von unzähligen Beispielen: Aus Protest gegen die Räumung des als „Dschungel“ bekannten Flüchtlingslagers von Calais nähten sich mehrere Iraner den Mund zu. Auch sie handelten „mediengerecht“: Vor Presse und Fernsehen wurde mit Nadel und Faden hantiert – während ein Schild mit der Aufschrift „Will you listen now?“ hochgehalten wurde. Ähnliches hatte bereits der russische Konzeptkünstler Pjotr Pawlenski getan. Noch spektakulärer: Ende 2013 nagelte er seinen Hodensack am Roten Platz in Moskau fest.

Das Theater ist politisch wie schon lange nicht mehr, scheint es zumindest. Doch ist es das wirklich?

Doch wie politisch kann Kunst sein? Was kann sie auslösen, was verändern? Kunst soll sich auf Politik beziehen. Ihre Zielsetzung ist die politische Veränderung. Nehmen wir zum Beispiel das Theater: Ist es per se politisch? Die Zeiten, es per se mit Politik gleichzusetzen, sind vorbei. So müssen die politischen Bezüge erst wieder hergestellt werden. Dabei helfen manchmal nur Mittel der Verstörung, der Provokation. Dass Theaterschaffende längst die Festung Europa und ihre ungeliebten Kinder, also die Flüchtlinge, aufgegriffen haben, liegt da auf der Hand, wie zum Beispiel Elfriede Jelinek mit ihrem Stück „Die Schutzbefohlenen“, in dem ein Flüchtlingschor auftritt, was an Aischylos´ „Die Schutzflehenden“ erinnert, oder „Orpheus in der Oberwelt: Eine Schlepperoper“ des Performancekollektivs „andcompany&Co.“, die im griechisch-türkischen Grenzgebiet spielt.

Fiktive Auffanglager, Flüchtlinge auf der Bühne geholt, so wie im Maxim-Gorki-Theater vor zwei Jahren – oder im Kapuzinertheater heute. Das Theater ist politisch wie schon lange nicht mehr, scheint es zumindest. Doch ist es das wirklich? Sind die politischen Themen nicht vielmehr ein Durchlauferhitzer für eine Kunstform, die ihre eigene Existenzberechtigung sucht. In diesem Fall droht das Politische zur Modeerscheinung zu verkommen, zur Etikette von gelangweilten Kulturschaffenden. Endlich nicht mehr nur multimediale Theatermonotonie, in denen der einzelne Schauspieler angesichts der Überpräsenz von Monitoren und Digitaleffekten kaum noch eine Rolle spielt, oder sinnentleerte Klassikerzertrümmerungen, hohler Klamauk, dramatisierte Filme und Romanstoffe, mag mancher sagen, sondern die Wirklichkeit dort, wo sie hingehört: auf die Bühne, auch wenn sie inszeniert ist. Auf diese Weise können die Betroffenen wirklich zu Wort kommen und werden nicht nur dargestellt. Politisches Theater soll betroffen machen, ohne reines Betroffenheitstheater zu sein – und dazu gehört die Provokation. Sozusagen als letzter Bühnenschrei.

Die Migranten selbst dürfen jedoch dabei nicht zur Schau gestellt und „Die Schutzbefohlenen“ nicht zu reinen Problemfällen abgestempelt werden. Sie sind Individuen, keine Verhandlungsmasse. Zum einen hilft uns der Betroffenheitston des Gutgemeinten nicht weiter, andererseits droht die makabre Provokation des „Zentrums für politische Schönheit“ ein Schuss nach hinten zu werden – in der Mitte liegt der Weg sicherlich nicht, denn auch hier gilt Friedrich von Logaus von Alexander Kluge aufgegriffener Satz: „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod.“

Eher geht es um neue Wege. Das Kapuzinertheater geht den Weg, den andere auch schon gegangen sind, wenn sogenannte Problemjugendliche sich selbst spielen, Menschen mit Behinderungen, Gefängnisinsassen, Obdachlose, Rentner und Schulklassen auftreten usw. usf. Das Theater versteht sich als Methode und Mittel sozialer Integrationsarbeit. Ein anderer ist es, zum Beispiel Flüchtlinge direkt zu Wort, zur Musik oder anderweitig zum Ausdruck kommen zu lassen, wie beim „Refugee Jam“ in München. Das ist weniger Paternalismus, weniger Einvernahme – aber dafür mehr Eigeninitiative der Migranten und – das darf in der Kunst bei allem Anspruch nicht vergessen werden – mehr Unterhaltung. Das Theater ist dabei multilingual geworden. Sprachlos wird es nicht.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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