Home » Entertainment » Unter Verdacht

Unter Verdacht

Es gibt keine schlechte PR, heißt es zumindest. Kaum ein Unternehmen sorgte in den vergangenen sechs Monaten für mehr (Negativ-)Schlagzeilen als Huawei. Was hat es damit auf sich?

Facebook verkauft sensible Daten an Huawei – Aussagen wie diese schmückten die Titelseiten im Dezember des vergangenen Jahres. Damals erregte das chinesische Technologieunternehmen zum ersten Mal die Aufmerksamkeit der internationalen Presse. Dann ging alles ganz schnell, ein Coup folgte auf den nächsten: Huawei-Managerin und Gründertochter Meng Wanzhou wurde wegen eines US-Haftbefehls in Kanada festgenommen. Wenig später wurden ein paar Angestellte in Polen in Gewahrsam genommen. Im März drehte China den Spieß um und beschuldigte zwei Kanadier der Spionage – eine Vergeltungsmaßnahme für die Festnahme von Meng? Wahrscheinlich.

Die meisten EU-Länder scheinen sich im Fall Huawei an der Unschuldsvermutung – „innocent until proven guilty“ – zu orientieren.

Der Konflikt zwischen Amerika und China vertieft sich immer weiter: Erst vergangenen Mittwoch erließ Trump ein Dekret und rief so den Telekommunikationsnotstand in den USA aus. Damit unterbindet er umfassende Geschäftstätigkeiten zwischen lokalen Unternehmen und Firmen aus „gegnerischen Staaten“. Google reagierte prompt darauf und beendete die Zusammenarbeit mit Huawei teilweise, ließ Android-Updates für den Smartphone-Hersteller sperren. Doch schon Monate zuvor waren die chinesischen Produkte von der US-Regierung als Sicherheitsrisiko eingestuft worden. Was man wissen sollte: Huawei ist nicht bloß der zweitgrößte Smartphone-Hersteller der Welt, sondern ein Telekommunikationsausrüster. Und nicht irgendeiner: Rund um den Globus zählt er zu den größten Ausstattern für Mobilfunk-Netze und beteiligt sich maßgeblich an der Aufrüstung von 4 auf 5G. In diesem Bereich hat Huawei, nach eigenen Angaben, bereits mehr als 30 kommerzielle Verträge abgeschlossen und 25.000 5G-Basisstationen ausgeliefert, unter anderem in Italien, dem Vereinigten Königreich und der Schweiz.

Laut des britischen Telekommunikationskonzerns Vodafone wurden allerdings einige Sicherheitslücken in den Produkten von Huawei entdeckt. Vor einem Monat gab Vodafone bekannt, dass zwischen 2011 und 2012 Probleme im italienischen Netzwerk entdeckt worden seien. Geheime Hintertüren (sogenannte „bugdoors“) in der Software, die den Chinesen Zugang zum Netzwerk mit Millionen Kunden hätten geben können, seien festgestellt worden. In Großbritannien ist es im Mai dieses Jahres ebenfalls zu einem Eklat gekommen. Auch hier war der chinesische Konzern involviert. Die britische Premierministerin Theresa May entließ Verteidigungsminister Gavin Williamson. Er soll Informationen aus einem Treffen des Nationalen Sicherheitsrates an Huawei weitergegeben haben. Gavin behauptet allerdings, Opfer einer politischen Intrige geworden zu sein. Er ist der elfte Minister seit der Parlamentswahl im Juni 2017, der Mays Kabinett vorzeitig verlassen musste.

So viel zu den aktuellen Skandalen. Selbstverständlich streitet Huawei sämtliche Spionagevorwürfe vehement ab. In einem Interview mit der „Associated Press“ (AP) beteuert Gründer Ren Zhengfei, er würde „seine Firma lieber schließen, als etwas zu tun, dass den Interessen der Kunden schade, nur um Profit daraus zu schlagen“. Er betrachtet sich und sein Business als Opfer eines Handelskriegs mit den USA und reichte Ende März Klage gegen das Einkaufsverbot ein. Doch viele Staaten wie Australien, Neuseeland, Japan und Großbritannien haben sich ebenfalls entschlossen, Huawei vom Ausbau des 5G-Netzes auszuschließen. Expertenmeinungen zufolge ginge es dabei nicht nur um die Gefahr der Spionage, sondern um die Tatsache, dass China keine Demokratie und kein Rechtsstaat sei. Man dürfe den Telekommunikationsausrüster nicht wie ein normales internationales Unternehmen behandeln. Demnach versteckt sich die Entscheidung hinter einem politischen sowie moralischen Deckmantel.

Nimmt man in Kauf, ausspioniert zu werden, um technologisch nicht auf der Strecke zu bleiben?

Aber was kann man Huawei tatsächlich vorwerfen? Der Telekommunikationsausrüster ist für seine organisatorische Intransparenz berüchtigt. Es heißt, nicht einmal Insidern sei klar, wer das Sagen habe und wie groß der Einfluss der chinesischen Staats- und Parteiführung sei. Gründer Zhengfei, der während der Kulturrevolution beim Militär tätig war, wird nachgesagt, dass er enge Verbindungen zur Staatsführung in Peking pflege. Konkrete Beweise für eine Spionage oder gar Sabotage gibt es nicht oder wurden zumindest nicht öffentlich bekannt gegeben. Die meisten EU-Länder, darunter Deutschland, scheinen sich im Fall Huawei an der Unschuldsvermutung – „innocent until proven guilty“ – zu orientieren. Wirtschaftsminister Altmaier sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel haben sich gegen einen generellen Ausschluss des Giganten ausgesprochen und stellen sich damit gegen die Anforderungen der USA. Ob das nun als naiv oder fair einzustufen ist, wird die Zukunft zeigen. Die Chinesen bedanken sich jedenfalls mit einem „No-Spy-Agreement“ und versprechen hoch und heilig, keine Hintertüren in die Netzwerke einzubauen.

Von Heidelberg nach Verona: Huawei-Gründer Ren Zhengfei liebt europäische Architektur. Auf dem Mitarbeiter-Campus des Hauptsitzes im südchinesischen Shenzhen treffen die Wahrzeichen verschiedener europäischer Städte aufeinander.

Luxemburg nimmt eine ähnliche Position wie Deutschland ein und zieht in Erwägung, in Sachen 5G mit Huawei zusammenzuarbeiten. Ob dies nun tatsächlich der Fall sein wird oder nicht, dürfte aber kaum einen Unterschied machen. Denn ob Orange, Tango, Join oder Post – sämtliche hiesigen Mobilfunkanbieter greifen bereits auf chinesische Technologien zurück. Auch wenn sie nicht in ihre Kernbereiche eingebunden seien, wie Premier- und Telekommunikationsminister Xavier Bettel erst am Donnerstag betonte. Von einem Huawei-Verbot wird hierzulande aufgrund mangelnder Beweislage abgesehen. Doch gibt es überhaupt realistische Alternativen zum Giganten? Nach eigenen Angaben verfügt der Konzern über 2.570 Patente, und das allein im Zusammenhang mit 5G. Firmenchef Zhengfei zufolge gibt es weltweit nur sehr wenige Unternehmen, die mit modernster (Mikrowellen-)Technik arbeiten, die selbst Glasfaserverbindungen überflüssig machen. Muss man also in Kauf nehmen, ausspioniert zu werden, um technologisch nicht auf der Strecke zu bleiben?

Vielleicht ergeht es den Regierungen ja ähnlich wie den Endverbrauchern, denn auch die – wir – scheinen trotz Negativschlagzeilen nicht davor zurückzuweichen, sich – uns – ein Huawei-Smartphone zuzulegen. Zu verführerisch sind Preis und Leistung gegenüber den Modellen der Konkurrenz. Oder wie hat das Unternehmen es sonst in kürzester Zeit vom Underdog an die Spitze geschafft?

Fotos: Huawei, Pixabay

Françoise Stoll

Journalistin

Ressorts: Lifestyle, Multimedia

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Martine Decker

Login

Lost your password?