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Ver-rückte Welt

Eigentlich benötige ich keine Uhr mehr. Denn seit etwa drei Wochen ist es jeden Abend zu hören, pünktlich um 20 Uhr geht es los und dauert mehrere Minuten an: lautes Geklatsche. Dieses gilt nicht mir, wohlgemerkt, sondern dem Pflegepersonal, das derzeit viele Überstunden schiebt und sich um die Covid-19-Infizierten kümmert. Und was anfangs noch ein einzelnes, undefinierbares Geräusch, irgendwo aus einem Hinterhof kommend, war, verleitet mittlerweile immer mehr unserer Nachbarn dazu, sich dem Klatschen anzuschließen. Ja, mittlerweile stehen sie, und auch wir, abends vor unseren Hauseingängen und klatschen in die Hände, manchmal erklingt auch ein Lied, es heißt Bella Ciao. Viele von ihnen habe ich vor der Corona-Krise übrigens noch nie gesehen, nun stehen wir Abend für Abend da – und applaudieren, gemeinsam. Als Akt des Respekts und der Solidarität – leider aber ahnend, dass dies wohl kaum etwas an den Gehältern und Bedingungen des Pflegepersonals ändern wird.

Mein Applaus ja, wir applaudieren dennoch weiter ̶ gilt mittlerweile übrigens auch all den Erziehern und Lehrern da draußen. Denn seit ich im Home-Office arbeite und trotz der Tatsache, dass vorrangig mein Mann sich um unsere Tochter kümmert, ist mir seit dem Tag, an dem die Kindertagesstätte geschlossen ist, noch bewusster geworden, wie anstrengend der Job der Erzieher wohl manchmal sein muss. Mein Mann hat gelacht, als ich ihm das gesagt habe. Er ist von Beruf Erzieher.

received_1108763909470640_B-KopieLetztens etwa hat die Kleine die Gunst der Stunde genutzt ̶ Papa war mit Hausarbeit beschäftigt und Mama in ihrem Home-Office-Büro – und sich mit den, anscheinend nicht sonderlich gut versteckten, Wachsmalstiften künstlerisch betätigt. Und obwohl diese Farben sich ja meist gut abwaschen lassen, entdecken wir immer noch blaue, rote und gelbe Streifen an Möbeln, die für Zweijährige zwar gut erreichbar – für ihre Eltern aber, der Höhe wegen, oft erst auf den zweiten Blick sichtbar sind. Die Wachsmalstifte sind zwar nun anderswo gelagert – aber was soll´s, hat sie sich wohl gedacht, dann wird halt nun die Terrasse und die getragene Kleidung gleich mit verschönert – wozu hat man denn auch sonst so hübsche, bunte Malkreide?

Ja, die kleine Künstlerin zeigt derzeit liebend gern, was sie kann. Mittagsschläfchen, wer braucht das? Auf die Mama oder den Papa hören, warum? Nein ist übrigens das Wort, das sie derzeit am liebsten benutzt – natürlich mit der passenden Lautstärke. Bei Interviews entschuldige ich mich mittlerweile vorab für die etwas ungewöhnliche Geräuschkulisse – die trotz räumlicher Trennung öfters mal bis in mein Büro vordringt. Von ihren Singkünsten, ja sie liebt es zu singen und mit ihrem Papa zu musizieren, mal ganz zu schweigen. Aber was bleibt denn auch sonst? Ausflüge ins Schwimmbad oder auf den Spielplatz sind ja derzeit nicht drin. Die meisten Interviewpartner reagieren verständnisvoll – dennoch bin ich überaus dankbar für moderne Errungenschaften namens E-Mail. Und ja, ich als Home Office-Fan muss sagen, es gibt viele Vor- aber auch Nachteile.

20200406_174522-KopieAber gut, es ist wie es ist. Sie ist, so trotzig sie derzeit auch ist, ansonsten nämlich ein echtes Goldstück. Genau wie unser Kater. Obwohl, Kater trifft es nicht ganz, eher „Hundze“ – also eine Kombi aus Hund und Katze ̶ wie mein Mann ihn mittlerweile nennt. Seit kurzem begleitet er, der per Katzenklappe eigentlich jederzeit seine Freiheit genießen kann, uns auf Schritt und Tritt. Ganz ohne Leinenzwang wohlgemerkt. Und so laufen wir umher, mit einem Kater, der seit der Corona-Krise aus irgendeinem Grund nicht mehr weiß, dass er ein Kater ist.
Aber gut, derzeit ist ja eh alles etwas anders. Das wird einem nämlich bei diesen Spaziergängen auch immer wieder bewusst. Es sind kaum Menschen auf den Straßen zu sehen, und die, die zu sehen sind, verhalten sich, sagen wir, anders. Vom hastigen Straßenseiten-Wechsel bis hin zu fluchtartigem Verstecken in Hauseingängen – manchmal komme ich mir vor, als sei ich in der Serie „The Walking Dead“ gelandet. Nicht nur beim Umherlaufen mit „Hundze“ und Kind, sondern vor allem beim Einkaufen. Es ist schon eine Gewöhnungssache, Masken und Handschuhe tragende Menschen zu sehen, die sich krampfhaft an ihren Einkaufswagen festhalten. Nicht, dass ich das nicht verstehe mit den Schutzmaßnahmen, aber irgendwie ist es auch, nun ja, lustig. Zumindest dann, wenn man Menschen sieht, die BHs als Masken verwenden.

Was soll man sagen, die Welt ist derzeit eben ein bisschen ver-rückt. Wir sollten es mit Humor nehmen, ist diese Einstellung doch in solchen und in anderen schweren Zeiten oft die einzig hilfreiche. Und wer heute Abend Applaus hört, kann sich ja vielleicht anschließen. Denn irgendwie fühlt man sich dann irgendwie doch wieder ein Stück stärker verbunden. Mit dieser ver-rückten Welt.

Text & Fotos: Cheryl Cadamuro

Author: Martine Decker

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