Home » Home » Verlorene Haarpracht

Verlorene Haarpracht

Es ist der Albtraum vieler Männer: Haarausfall. Dünner werdendes Haar und Geheimratsecken machen vielen Betroffenen Angst und werden oft als Schicksal bezeichnet. Doch welche Ursachen stecken wirklich hinter dem Haarausfall, und was kann dagegen unternommen werden?

Fotos: Anne Lommel, Tania Feller (Editpress), Petrik (Fotolia)

Es ist fast wie ein Fluch. Jeden Tag häufen sich Haare auf dem Kissen, in der Kammbürste und auf dem Boden im Bad. Langsam aber sicher lässt die einstige Haarfülle nach, Geheimratsecken bilden sich, der Schädel wird kahler. Hilflos, nahezu fassungslos stand auch Ralph* eines Tages vor dem Spiegel und konnte nur noch die verlorene Haarpracht feststellen. „Man verliert an Selbstvertrauen, vor allem wenn die Freunde noch alle ihr Haar haben oder in Zeitschriften nur gutaussehende Männer mit schönen Frisuren zu sehen sind. Das beschäftigt einen dann schon“, sagt der heute 34-Jährige. „Ich war damals erst 20, und in meinem Freundeskreis wurde auch nicht viel über das Thema diskutiert. Ich habe dann irgendwann angefangen, nur noch mit einem Baseballcap aus dem Haus zu gehen.“

Im Volksmund heißt es nach wie vor, dass die Glatze Schicksal ist. Kahle Senioren. Ein typisches Anzeichen des Alterns. Volles Haar steht in der heutigen Gesellschaft noch immer für Jugend, Gesundheit und Vitalität. Eine Grundvoraussetzung des Schönheitsbildes, die besonders in jungen Jahren eine oberste Zielsetzung ist. Eine Äußerlichkeit, die Männern eine unwiderstehliche charismatische Präsenz verleiht. Wem die Haare ausgehen, verliert für die Außenwelt an Charisma und schnell auch an Selbstvertrauen. Der Anfang einer dramatischen Höllenfahrt für viele junge Männer. „Es ist ein Alter, indem man ganz besonders dem anderen Geschlecht gefallen möchte“, erklärt Dr. Xavier Miller. Der Hautarzt weiß: „Die von Haarausfall betroffenen Männer fühlen sich oft in einem Konkurrenzkampf mit den anderen. Für die meisten Leute hat der ideale Mann eben Haare, obwohl es ja eigentlich auch sehr attraktive Männer mit Glatze gibt.“

Etwa 80 Prozent der jungen Männer verlieren ihre Haare schon ab 20 Jahren. Ganz langsam, aber fortschreitend. Grund zur Panik gibt es aber nicht, denn im Durchschnitt verlieren wir alle ungefähr 100 Haare pro Tag und schlussendlich leiden nur zwölf bis 15 Prozent der Betroffenen unter definitivem Haarausfall. „Leidet man unter starkem Haarausfall, dauert es nicht lange bis zur Glatze“, verrät Dr. Miller. „Das fängt mit 20 Jahren an, mit 25 Jahren ist der Prozess abgeschlossen. Das merkt man allerdings sehr schnell.“ Was diese Fälle angeht, ist die Ursache oft genetisch und hormonell bedingt. Mit anderen Worten: Es handelt sich um einen erblichen Haarausfall. „Die Wahrscheinlichkeit, betroffen zu sein, liegt bei 30 Prozent, wenn in der Familie schon eine Person unter Haarausfall leidet“, betont der Arzt.

Bei den meisten Männern ist der Haarausfall meist harmlos und reguliert sich im Laufe der Zeit wieder.

Das war auch bei Ralph der Fall, aber irgendwie wollte er es nicht wahrhaben. Befürchtungen hatte er schon, aber schlussendlich war es wie eine Fatalität, gegen die er nichts unternehmen konnte. Eine Einstellung, die vielen Männern zum Verhängnis wird – oder zumindest ihren Haaren. Bei hormonell-erblichem Haarausfall wird Testosteron durch ein Enzym (5-Alpha-Reduktase) in das Hormon DHT (Dihydrotestosteron) umgewandelt. Dieses Hormon ist für das Sterben der Haarwurzel verantwortlich. Es beschleunigt dessen Wachstum und so ihren Ausfall. Irgendwann wachsen dann keine Haare mehr nach.

„Dieser Vorgang kann durch die Einnahme von Medikamenten gestoppt werden“, erklärt Xavier Miller. „Die Haare wachsen zwar nicht nach, aber der Ausfall kann gestoppt werden. Allerdings handelt es sich hier um eine langzeitige Behandlung. Nebenwirkungen gibt es keine.“ Eine Erkrankung der Kopfhaut kann auch einen Einfluss auf das Wachstum der Haare haben. Parasiten können die Kopfhaut beschädigen und führen zu einer unumkehrbaren Erstickung der Haarwurzel.

Die Wahrscheinlichkeit, betroffen zu sein, liegt bei 30 Prozent, wenn in der Familie schon eine Person unter Haarausfall leidet. -Dr. Xavier Miller, Hautarzt

Hinter dem Haarschwund können aber auch andere Ursachen stecken.
Psychosomatischer Haarausfall ist keine Seltenheit. Seelische Störungen wie Stress und Nervosität aber auch psychiatrische Erkrankungen wie Depressionen können zur Glatze führen. Da es sich in diesen Fällen aber nicht um ein Absterben der Haarwurzel handelt, können die Haare nach dem Beheben der Erkrankung wieder nachwachsen. „Nur selten verlieren Männer im hohen Alter ihre Haare“, verrät Dr. Miller. „Ist es doch der Fall, handelt es sich um eine Nebenwirkung von Medikamenten wie zum Beispiel Betablocker, Medikamente gegen Herzprobleme oder hohen Blutdruck. Das muss aber nicht bei jedem der Fall sein. Das hängt von der Person ab.“

Bei Ralph gab es keine Hoffnung mehr auf einen Haarnachwuchs, irgendwann wurde ihm bewusst, dass er nicht sein ganzes Leben mit einem Baseballcap auf dem Kopf verbringen kann. Vor sieben Jahren hat er sich schlussendlich für eine Haartransplantation entschieden. „Ich habe mich für die FUT (Follicular Unit Transplantation) Technik entschieden.“ Bei der Streifen-Methode, wie sie auch genannt wird, wird unter örtlicher Betäubung ein Hautstreifen mit dicht bewachsenem Haar am Hinterkopf entnommen. „Ein unangenehmer Vorgang. Der Hautstreifen ist etwa 28 Zentimeter lang, 1,5 Zentimeter breit und reicht von einem Ohr zum andern“, erklärt Ralph. Aus diesem Hautstreifen lassen sich ungefähr 2.000 Haarfollikel entnehmen. Diese werden dann einzeln in die kahle Kopfhaut implantiert. Der Follikel umschließt die Haarwurzel und verankert so das Haar in der Haut. „Das ist sehr schmerzhaft“, erinnert sich Ralph. „Der Kopf schwillt an. Auch nach der Transplantation konnte ich wegen der vielen Wunden nicht schlafen. Ich musste im Sitzen schlafen.“

Erst nach einem Jahr wird das Endergebnis sichtbar. Man muss also viel Geduld mitbringen. Zweimal hat Ralph diesen Vorgang über sich ergehen lassen. Trotzdem ist er nicht hundertprozentig mit dem Endergebnis zu frieden. „12.000 Euro hat mich die FUT-Methode gekostet. Das Resultat ist ok, aber ich bin noch nicht ganz zufrieden“, sagt er. „Eine dritte Operation kommt allerdings für mich nicht mehr in Frage. Zu groß ist der Aufwand und die vielen Schmerzen.“ Trotzdem würde er diese Technik weiterempfehlen, aber eher für Männer, bei denen ein kleinerer Eingriff, zum Beispiel bei den Geheimratsecken, reicht.

Beim Großteil der Männer ist der Haarausfall meist harmlos und reguliert sich im Laufe der Zeit wieder. Wer Bedenken hat, sollte zuerst einen Arzt aufsuchen um eine Diagnose stellen zu können. In den meisten Fällen gibt es gute Erfolgsaussichten. Allerdings warnt Xavier Miller vor vielversprechenden Wundermitteln wie Shampoos und Lotionen gegen Haarausfall oder Nahrungsergänzungsmitteln. „Es hat keinen Sinn, sein Geld für solche Produkte auszugeben. Ich habe jahrelang an der Universität Studien über solche Produkte gemacht und kann bestätigen, dass alles nur Quatsch ist.“

In einer der nächsten Ausgaben berichten wir auch ausführlich über Haarausfall bei Frauen und was Betroffene dagegen tun können.

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: alommel

Login

Lost your password?