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Verwunschen

Die Abenteuer des jungen Zauberers Harry Potter galten als abgeschlossen. Doch Erfolgsautorin J.K. Rowling schüttelte dieses Jahr einige Asse aus dem Ärmel, unter anderem die Fortführung der Saga als Theaterstück. revue war bei der Aufführung in London dabei.

Text: Françoise Stoll (francoise.stoll@revue.lu) / Fotos: Manuel Harlan

Wer sich der Shaftesbury-Avenue nähert, begreift sofort, dass das „Harry-Potter“-Fieber wieder ausgebrochen ist. Fünf Jahre nach der Verfilmung des letzten Romans werfen sich die Fans erneut in Schale, tragen Umhänge, bunte Krawatten, blitzförmige Narben auf der Stirn und scharen sich um das Palace Theater in Londons West End.

24-harry-potter-and-the-cursed-child-photo-credit-manuel-harlan-bgMöchte man in den Genuss des Stückes kommen, muss man sich gleich zweimal anstellen. Einmal online, zirka ein Jahr im Voraus, um Tickets zu ergattern und ein weiteres Mal am Aufführungstag, rund um den Block. Ja, so lang ist die Schlange. Immerhin passen 1.400 Menschen ins ausgebuchte Theater.
Ausnahmsweise wurden sogar die Stammplätze der Hausgeister freigegeben. Nein, kein Scherz. Im 125 Jahre alten Theater spukt es. Die russische Primaballerina Anna Pavlova, der britische Schauspieler Ivor Novello, der ehemalige Theaterdirektor Charles Morton und ein unbekanntes, viertes Gespenst treiben hier bekanntlich ihr Unwesen. Um sie nicht zu verärgern, werden sie eigentlich bei jeder Vorstellung symbolisch willkommen geheißen. Wen wundert es also noch, dass genau dieses Theater zum Zuhause von „Harry Potter and the Cursed Child“ geworden ist? Das Palace Theater ist quasi Hogwarts.
Ein magischer Ort, an dem die größten Künstler der Welt ihr Können unter Beweis gestellt haben. Andrew Lloyd Weber wurde dort durch „Jesus Christ Superstar“ (1972) und „The Phantom of the Opera“ (1986) groß, kaufte das Theater und lebte in der Wohnung im letzten Obergeschoss. Auch das Musical „Les Misérables“ (1985) wurde rekordverdächtige 19 Jahre hier aufgeführt. Nun ist eine neue Ära angebrochen.

1-west-end-production-of-the-new-play-harry-potter-and-the-cursed-child-photo-credit-manuel-harlanSchauspieler wie Jamie Parker (Harry Potter), Noma Dumezweni (Hermione Granger), Paul Thornley (Ron Weasley) und Sam Clemmett (Albus Severus Potter) begeistern derzeit die Menge. Besonders hervorzuheben ist Anthony Boyles Leistung als Scorpius Malfoy. Ausgerechnet er, der Sohn von Harrys früherem Erzrivalen Draco, ist Albus‘ bester Freund. Ein schrulliger Außenseiter mit krächzender Stimme und schwarzem Humor. Beide Jungs haben unwahrscheinlich viel gemeinsam: Sie sind Slytherins, finden ihren Platz in der Zauberwelt nicht so recht und buhlen um die Liebe ihrer Väter. Das Duo wächst einem schnell ans Herz, obwohl die Story abgedroschen wirkt.

Das Skript, an dem Jack Thorne, John Tiffany und J.K. Rowling beteiligt waren, riecht stark nach Fanfiction. Ausgerechnet der Zeitumkehrer, wegen dem Rowling schon bei „Harry Potter and the Prisoner of Askaban“ scharf in der Kritik stand, ist Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Ein mutige Entscheidung oder ein triviales Mittel, um abgetötete Figuren wie Severus Snape oder Lord Voldemort wieder zum Leben zu erwecken?

Ein Theaterstück darf nicht (nur) gelesen, es muss gesehen werden.

Hardcore-Fans geben sich jedenfalls nicht mit dem Plot zufrieden. Großes Aber: Ein Theaterstück darf nicht (nur) gelesen, es muss gesehen werden. Schließlich kommt auf der Bühne eine völlig neue Komponente hinzu.

10-harry-potter-and-the-cursed-child-photo-credit-manuel-harlanWie stellt man die Zaubersprüche und Flüche, die Spezialeffekte, überhaupt auf einer einfachen Bühne dar? Die Mittel des Theaters sind gegenüber denen des Films begrenzt. Das könnte man meinen, bevor man „Cursed Child“ gesehen hat. Denn die Bühnenbildner, Choreographen und Techniker bringen das Format Theater an seine Grenzen und haben sie vielleicht sogar überwunden.

Dass die Aufführung live ist, vergisst man bereits binnen weniger Minuten. Häufige Orts-, schnelle Szenenwechsel: Der Ablauf ist reibungslos, trotz eines enorm hohen Fehlerpotenzials. Verwandlungen, Zauberduells, Zeitreisen, fantastische Wesen und Unterwasserwelten werden dem Publikum geboten, ohne dass es den Tricks auch nur annähernd auf die Schliche kommt. Die Illusionen fordern den Verstand heraus.

Als Sitznachbar wünscht man sich fast Val Valentino, den „Masked Magician“, herbei, der jahrzehntelang die Geheimnisse der größten Zauberer im Fernsehen enthüllte und erklärte.
Selbst wenn „Harry Potter and the Cursed Child“ inhaltlich umstritten bleibt, das historische Theater und die innovative Inszenierung machen den Besuch zum Must. So oder so kann J.K. Rowling nur angerechnet werden, dass sie es erneut geschafft hat. Während sie früher Millionen zum Lesen anspornte, zieht sie nun Abertausende ins Theater. Menschen, die eine solche Institution vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben betreten – wenn das keine Magie ist.

#keepthesecret

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Author: Philippe Reuter

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