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Viel gewagt

Mit „Hunters“ hat Amazon Prime Video eine polarisierende Serie auf den Streaming-Markt gebracht. Mit dabei: Superstar Al Pacino als Dreh- und Angelpunkt einer Untergrundorganisation, die Jagd auf Nazis macht. Gute Unterhaltung sieht anders aus. Das Thema ist trotzdem packend.

Der junge Jonah Heidelbaum (sympathisch: Logan Lerman) hat’s nicht leicht: Gemeinsam mit seiner Oma Ruth lebt er in bescheidenen Verhältnissen im New York des Jahres 1977. Viel reißen kann Jonah nicht: Für ein College fehlt das Geld, für das Mädchen, in das er verknallt ist, der Mut, und so verbringt er seine Zeit mit zwei Kumpels, trinkt ein bisschen Bier, dealt ein bisschen Stoff und wartet auf bessere Zeiten.

Dann wird er Zeuge, wie seine Großmutter im eigenen Haus erschossen wird, und alles ändert sich. Auf der Trauerfeier lernt er Meyer Offerman (unterfordert: Al Pacino) kennen, einen Weggefährten Ruths aus dem Konzentrationslager Auschwitz. Offerman leitet eine kleine Spezialeinheit im Untergrund, die ehemals aktive deutsche Nazis aufspürt und eliminiert. Denn diese leben zu Tausenden in den Vereinigten Staaten – mit neuen Identitäten in teils sehr hohen Posten in Politik, Forschung oder Militär. So gerät Jonah nicht nur in einen Strudel besorgniserregender Geschehnisse, sondern lernt gleichzeitig sich selbst und seine jüdische Herkunftsfamilie besser kennen.

David Weil, Produzent und Urheber der Serie „Hunters“, die seit drei Wochen auf Amazon Prime Video läuft, wagt viel. Zum Beispiel eine bei diesem Thema verstörende Erzählweise, irgendwo zwischen Exploitationfilm und Bud Spencer, eine Art „Inglourious Basterds“ in Serienformat. Auch an den Vorgängen im KZ, die an Menschenverachtung und Grausamkeit nicht zu überbieten sind, will er eins draufsetzen. So wird ein Schachspiel gezeigt, in denen sich die Gefangenen als Schachfiguren gegenseitig die Kehle durchschneiden müssen, zur reinen Unterhaltung der Aufseher.

APV_Hunters-3©-2019-Amazon

Als „historisch unkorrekt“ hat die Auschwitz-Gedenkstätte diese Szene bezeichnet und darauf hingewiesen, dass solche „gefährliche Dummheit und Karikatur“ Holocaust-Leugner ermutige. Zudem sei sie respektlos gegenüber den Millionen Menschen, die von den Nazis ermordet wurden. David Weil erwiderte, er hätte keine Dokumentation, sondern eine Erzählung mit weitgehend erfundenen Figuren gedreht und als Enkel von Holocaust-Überlebenden darauf geachtet, echte Personen weder falsch darzustellen noch bestimmte Momente aus dem Leben echter Personen zu entlehnen.

Das mag zutreffen. Doch die Serie hat einen anderen Haken: Sie nimmt ihre Akteur*innen nicht ernst und macht sie zu oberflächlichen Comic-Figuren, deren Motivation kaum nachzuvollziehen ist und die einem auch nicht besonders ans Herz wachsen. Einzige Ausnahme: Millie Morris (glaubhaft: Jerrika Hinton), eine afroamerikanische FBI-Agentin, die gegen alle internen Widerstände den Nazi-Jägern auf die Spur kommt. In einer Szene fragt Jonah: „Wieso müssen die Guten immer das Richtige tun?“ Und sie antwortet: „Das Richtige zu tun macht sie erst zu den Guten.“ Wach und aufmerksam geht sie ihren Spuren nach, und auch wenn sie Entscheidungen trifft, die jenseits der Legalität sind, sind sie doch zumindest verständlich.

Die Serie läuft Gefahr, die Nazis und ihre Taten zu verharmlosen.

Das lässt sich über die anderen Protagonisten kaum sagen. Kalt, unberechenbar und nahezu emotionslos bleiben sowohl die Jäger als auch die Gejagten (wobei sich die Rollen umkehren, weil auch die Nazis ihre jüdischen Gegenspieler verfolgen). Besonders die Faschisten werden stark überzeichnet. Sadistisch und psychopathisch morden, drohen und lügen sie sich durch ihr Leben, allein der Beginn der ersten Folge ist kaum auszuhalten. Dadurch läuft die Serie Gefahr, die Nazis und ihre Taten zu verharmlosen. Sie stellt sie als Werk psychisch Kranker dar und nicht als etwas, das jeder x-beliebige Familienvater, Fußballtrainer, Kinderarzt oder Tierpfleger getan oder unterstützt hat.

Wer sich daran jedoch nicht stört, mag „Hunters“ viel abgewinnen. Die Thematik an sich ist nämlich fesselnd. Zwar sind die meisten Protagonisten der Serie rein fiktiv, doch es hat diese Fälle gegeben: ehemalige hochrangige Nazis, die gezielt ins Land gebracht worden sind, um ihr Wissen unter US-amerikanische Flagge zu stellen. Wie beispielsweise der Ingenieur Wernher von Braun, der während des Krieges als Parteimitglied hauptverantwortlich für die Entwicklung der V2-Rakete war und später als Konstrukteur von Trägerraketen ein hohes Ansehen bei der NASA genoss.

Dass „Hunters“ in den 1970er Jahren angesiedelt ist, gibt der Serie nicht nur die Gelegenheit, viele noch lebende (ehemalige) Täter in den Fokus zu stellen, sondern auch, auf die allgemeine Ausgrenzung aller derer hinzuweisen, die weder eine weiße Hautfarbe noch einen Penis besitzen. Zwei Merkmale von FBI-Agentin Morris, die ihre Ermittlungen noch schwerer machen. Was bleibt, ist ein fiktiver Rachefeldzug, der am Ende einen Clou bereithält. Allerdings müssen bis dahin zehn Stunden „Hunters“ überstanden werden. Ob es eine zweite Staffel geben wird, hat amazon noch nicht entschieden. Der Wunsch der Produzenten wäre es wohl, ein paar Handlungsstränge sind nämlich noch offen geblieben.

Fotos: Amazon.com Inc.

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

Author: Martine Decker

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