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Vierzig zum Vierzigsten

Zu ihrem 40 Geburtstag begeht Yoo Ja Ludwig 40 besondere Routen: Sie bewältigt über 250 Meter hohe, historische und schwierige Klettereien (mindestens 6b) in den Fußstapfen von legendären Kletterern wie Cassin, Bonatti oder Messner.

Fotos: Eric Berthe

Ein Klassiker als erste Frage: Warum steigt man auf einen Berg?
Da muss ich zuerst mit dem großen Unterschied zwischen einem Bergsteiger und einem Kletterer antworten. Der Bergsteiger steigt auf einen Gipfel, während der Kletterer eine Route klettert. Er sucht sich ein Stück Felsen, das nicht zwangsläufig auf einem Gipfel enden muss. Wenn eine anspruchsvolle Route aber auf einem tollen Gipfel wie dem Gran Paradiso endet, dann ist das einfach die perfekte Kombination.

Warum klettert frau also eine Route?
Um in der Natur und bei sich selber zu sein. Wer schon einmal geklettert ist, weiß, dass dann der Kopf von allem Weiteren leer wird. Man ist mit seiner gesamten Konzentration nur noch im eigenen Körper, in jedem Muskel, in jeder Bewegung. Beim alpinen Klettern habe ich keine Zeit, mich um mich zu kümmern, sondern ich muss einfach leben. Zum Schluss ist es einfach eine große Herausforderung und eine riesige Genugtuung.

Und wie ergibt sich ein solches Projekt wie 40 Routen zum Vierzigsten?
Ich klettere noch gar nicht so lange lange Routen. Eine Route über mehrere Seillängen ist eine ganz andere Herausforderung, die weit über das reine Klettern hinausgeht. Alleine die Zu- und Abstiege sind oft lang und gefährlich. Als ich 40 wurde, wollte ich irgendwie etwas Besonderes unternehmen.

Der Trend beim Klettern zeigt jedoch in eine andere Richtung als Ihr „old school“-Projekt?
Genau solche historischen Routen machen mir jedoch am meisten Spaß. Es gibt Sportler, die Bouldern (Anm. d. Red.: Akrobatisches Klettern ohne Seil auf Absprunghöhe), andere arbeiten jahrelang an einer kurzen Route bis diese Höchstschwierigkeit endlich klappt. Ich habe diese Ausdauer im Kopf einfach nicht. Wenn ich legendäre lange Routen im Alpinstil klettere, merke ich immer wieder: Das ist es! Das kommt mir am nächsten, aber es kostet mich auch sehr viel Überwindung. Und ich merke, wie ich dem Klettern und seiner Geschichte viel näher als früher komme. Wer ist welche Route eigentlich wann, aus welcher Motivation und mit welchen Problemen geklettert?

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Welche besonderen Erfahrungen hatten Sie denn auf Ihren 40 Touren?
Alle waren auf ihre Art faszinierend, sehr unterschiedlich. Eine Herausforderung, egal ob sie etwas kürzer waren oder über 15 Stunden gingen. Eine große Erfahrung war für mich der Westgrat des zentralschweizerischen Salbitschijen: Wettertechnisch nicht einfach, vom Können anspruchsvoll, eine lange Tour mit viel Ausdauer. Unterwegs fragst du dich mehrmals: Wieso machst du das? Weil es so hart ist, weil die Bedingungen nicht immer optimal sind. Wenn du es aber schaffst und in der Berghütte auch noch den Applaus des ganzen Raums bekommst, dann weißt du, dass du etwas Riesiges geleistest hast.

Von den alpinen Helden von früher blieben jedoch auch viele am Berg. War Ihr Projekt eigentlich gefährlich?
Ja, es war auch für uns gelegentlich gefährlich, aber man kann das nicht mit dem Klettern vor fünfzig Jahren und früher vergleichen. Wir haben ganz anderes Material, viel verlässlichere Wettervorhersagen und andere Kenntnisse als etwa ein Erstbegeher: Alleine schon wie und wohin eine Route führt. Doch auch so hatten wir etwa auf der Marmolata ein sehr gefährliches Erlebnis, da wir in der drittletzten Seillänge in ein Unwetter gerieten. Ein Unwetter auf einem ausgesetzten Grat ist nicht nur mit starkem Hagel unangenehm, sondern auch noch zusätzlich mit dem ganzen Klettermaterial enorm blitzschlaggefährdet. Zudem war am Ziel die Kabelbahn geschlossen, so dass wir im Unwetter komplett zu Fuß absteigen mussten. Ich war mir nicht bewusst, wie schnell und schlimm das Wetter in den Alpen umschlagen kann, gefühlt in fünf Minuten. Einmal stürzte ich auch ins Seil, da ein ganzes Stück Felsen ausbrach, doch ich tat mir dabei nicht einmal weh. Irgendwo gehört neben den eigenen Fähigkeiten auch Glück dazu.

„Der Bergsteiger steigt auf einen Gipfel, während der Kletterer eine Route klettert.“

Sie sagen immer „wir“. Sie gingen Ihr Projekt nicht alleine an?
Nein, ich hatte mit Eric Berthe immer den gleichen Seilpartner dabei. Das bringt sehr große Vorteile. Wir kennen uns sehr gut, wissen um die jeweiligen Stärken und Schwächen, wer wann was zu tun hat und kommen so schnell und sicher weiter. Wir wissen, was der andere macht, auch wenn wir uns mal nicht sehen und hören können. Es war mein Projekt, aber wir kletterten schon zuvor lange Routen zusammen, und jemand anderes kam gar nicht in Frage. Ich finde, man soll so etwas nicht mit seinem Lebenspartner klettern. Es sind Bedingungen, in denen man richtig müde wird und auch mal richtig Angst hat. Steht der Kletterpartner einem so nahe wie der eigene Mann oder Frau, geht man gerne über eine Grenze, die enorm gefährlich wird. Im Stress, in der Hektik sagt man teils Sachen, die man anders meint. Eric nimmt ein Schreien, ein Ausrasten oder Weinen anders auf, nicht so persönlich.

„Man muss lernen, flexibel mit Situationen umzugehen, die man nicht alle vorhersehen kann.“

Dabei sieht man an Ihrer gemischten Seilschaft, dass das Klettern ein emanzipierter Sport ist. Oder?
Hier gibt es ganz große Unterschiede. Klettern bleibt gerade in den Verbänden eine ganz starke Männerdomäne. Dabei ist am Klettern so toll, dass man es trotz unterschiedlichen Geschlechts, in jedem Alter und mit verschiedenem sportlichem Können zusammen ausüben kann. Zwischen den Geschlechtern bleiben zwar geringe Niveauunterschiede, doch auch hier im Land kommen die meisten Männer den stärksten Kletterinnen nicht hinterher. Mein großes Idol Catherine Destivelle gehört zu den größten Kletterern und Alpinisten der letzten Jahre. Ihre unermessliche Leistung, aber auch die Art und Weise, wie sie das Klettern und den Felsen versteht, inspirieren mich. Das Klettern steckt aber in einem riesigen Wandel. Früher war es nur ein Sport für eine männliche Elite, die das Material und große Können zum Klettern besaßen. Mittlerweile ist es ein Breitensport für alle, was auch an den vielen leicht zugänglichen Hallen liegt.

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Was ziehen Sie abschließend aus Ihrem Projekt?
Ich entdeckte, was ich leisten kann. Das ist eine Riesenbestätigung, ein solch großes sportliches Projekt lohnt sich auf jeden Fall und treibt einen an. Ich habe mit fünf Mal die Woche Klettern, zwei Mal 15 Kilometer Laufen und Krafttraining gezielt für diese Routen trainiert, und noch während des Projektes konsequent an meinen Schwächen gearbeitet. Nun kann ich sagen: Ich habe es durchgezogen! Dabei lernte ich mich besser selber kennen, denn man kommt in extreme Situationen. Man muss lernen, flexibel mit Situationen umzugehen, die man nicht alle vorhersehen kann.

Chrëscht Beneké

Journalist

Ressort: Sport

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Author: Philippe Reuter

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