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Virtuelle Sportler

Zocken für Fortgeschrittene: Der Trend der letzten Jahre kommt nach Luxemburg. Wie das Start-up 11F die E-Sport-Szene in Luxemburg groß machen will.

Text: Daniel Baltes (revue@revue.lu) / Fotos: 11F

Kennen Sie Francisco Munoz? Wahrscheinlich nicht. Und das, obwohl dem jungen Luxemburger im vergangen Jahr nur ein Sieg fehlte, um zu den besten 64 Sportlern in seiner Sportart zu gehören und sich somit zur Weltmeisterschaft zu qualifizieren. Auf die Frage, wieso eine solch beachtliche Leistung von der Großzahl der Luxemburger komplett unbeachtet blieb, gibt es eine sehr simple Antwort: Francisco ist nicht der, den wir uns unter einem typischen Sportler vorstellen. Er verbringt seine Zeit nicht mit Laufen oder mit dem Werfen eines Balles, sondern mit dem Drücken von Knöpfen: Franciso ist nämlich ein sogenannter E-Sportler.

Doch was genau ist dieses neuartige Ding, was sich E-Sport nennt? Komplett vereinfacht sind es Leute, die ihre Zeit damit verbringen, Videospiele wie zum Beispiel die Fußballsimulation „Fifa“ zu spielen. Nur ganz so einfach ist es dann doch nicht. E-Sportler klimpern nämlich nicht nur ab und zu auf ihrer Tastatur oder ihrem Controller herum. Das, was sie tagtäglich auf den Schirm bringen, ist in puncto Koordination-Basis und Gedankenschnelligkeit mindestens Weltklasse.
E-Sport hat sich in den vergangenen Jahren rasant entwickelt. Dabei ist in Europa eben vor allem das zuvor genannte „Fifa“ zu einer riesigen Plattform geworden. Auch Francisco, genannt „Ciscinho“, verbringt seine Zeit damit, mit elf virtuellen Männern einem Ball hinterherzulaufen, und wird sich umso mehr über die verpasste Qualifikation für die WM aufregen, wenn er sich die Gewinnsummen von insgesamt über einer Million Euro wieder ins Gedächtnis ruft.

Alleine hätte Francisco es wahrscheinlich nicht so weit gebracht, denn genau wie mittlerweile 13 andere E-Sportler hat auch er einen luxemburgischen Partner an seiner Seite, der mittlerweile seit fast fünf Jahren versucht, diesen Sport im Großherzogtum groß zu machen. Für Fabio De Aguiar und sein Start-up 11F begann alles mit einem Fifa-Turnier vor eben fünf Jahren. „Als wir im ersten Jahr gleich mehr als 250 Teilnehmer hatten, war mir klar, welches Potenzial in dieser Branche steckt“, erklärt De Aguiar.

Heute fungiert 11F einerseits als Promoter der E-Sport-Szene, andererseits als Berater für die insgesamt 14 Sportler, die bei ihm unter Vertrag stehen. Und auf zwei seiner Schützlinge dürfte de Aguiar besonders stolz sein, denn neben dem bereits genannten Francisco spielt auch Diogo Santos mittlerweile für die Farben eines BGL-League-Vereins. Francisco trägt auf Turnieren das Trikot des FC Differdingen 03 und Diogo jenes von Progrès Niederkorn. „Ein riesiger Schritt in Richtung des professionellen E-sports“, sagt Fabio De Aguiar.
„In den nächsten Jahren ist uns vor allen Dingen eines wichtig: Wir wollen kontinuierlich die Qualität der Spieler, aber auch die Infrastrukturen verbessern“, erläutert de Aguiar den Zukunftsplan. Man wolle nicht Unmengen an Spielern aufnehmen und dann nicht mehr jedem Einzelnen gerecht werden. Die 11F-Devise lautet also wie folgt: Es heißt, langsam aber sicher das Niveau in Luxemburg anzuheben, um sich mit der nötigen Ruhe international in der Spitze zu etablieren.

„Ich wurde auf einem dieser 11F-Fifa-Turniere entdeckt“, erzählt Diogo heute, wie sein Weg in der E-Sport-Szene begann. Der 17-Jährige trainiert unter der Woche mindestens ein bis zwei Stunden und am Wochenende noch ein wenig mehr. „Niemals hätte ich damit gerechnet, es jetzt schon so weit mit dem Vertrag bei Niederkorn gebracht zu haben. Trotzdem weiß ich auch, dass Zocken nicht alles ist und gebe mir viel Mühe, eine ordentliche Schulausbildung hinzulegen“, erklärt der Escher hochmotiviert.

Ähnlich sieht das Ganze bei dem 23-jährigen Francisco aus: „Natürlich würde ich gerne zu hundert Prozent vom E-Sport leben, trotzdem werde ich meinen Bachelor abschließen, um auch anderweitig im Leben eine Zukunft zu haben“. Der Gaspericher trainiert ebenfalls fast jeden Tag, und kommt wöchentlich normalerweise auf 20 Stunden Training. Seine größte Motivation ist der Wille, mit den Allerbesten mithalten zu wollen und das sieht aktuell gar nicht mal so schlecht aus.

„Das Potenzial dieser Branche haben mittlerweile sogar einige Länder offiziell anerkannt. In Frankreich ist E-Sportler ein normaler Beruf“, erklärt de Aguiar die Entwicklung der letzten Jahre. Bei den Summen, die aktuell auf einigen Turnieren gehandelt (teilweise in Millionen-Höhe) werden, werden früher oder später immer mehr Länder anfangen, diesen Beruf normal zu besteuern.
Trotz des großen Erfolges des E-Sports, sieht sich die neuartige Branche immer wieder vor ein und dasselbe Problem gestellt, die Frage: Ist E-Sport denn nun wirklich ein Sport? Die traditionellen Werte, welchen eine Sportart früher entsprechen musste, um als solche qualifiziert zu werden, erfüllt das E-Sport nicht. Die physische Anstrengung hält sich stark in Grenzen und ist nicht zu vergleichen mit Sportarten wie dem Laufen oder Schwimmen.

Allerdings sollte zumindest die Frage erlaubt sein, ob das Festhalten an traditionellen Werten immer die beste Idee ist. Fabio de Aguiar hat zu diesem Thema seine ganz eigene Meinung: „Für mich stellt sich diese Frage überhaupt nicht. Ganz klar ist es für mich ein Sport, ich selbst spiele für mein Leben gern und komm bei den Profis immer wieder ins Staunen, was für eine Leistung die im Stande sind zu bringen. Nur weil man hier anstelle von körperlicher Leistung eine mentale Leistung bringt, soll es kein Sport sein? Für mich ist dies unverständlich.“

Und wenn man genauer auf die Geschichte des Sports schaut und betrachtet, dass Spiele wie Schach, Darts oder Pool ebenfalls seit langem kommentarlos als Sport anerkannt werden, stellt sich die Frage, wieso dies nicht auch hier der Fall ist. Viele auf mentale Fähigkeiten basierte „Sportarten“ gibt es bereits, nur scheint man vor allem in Luxemburg – wie so oft bei etwas Neuem – mehr als skeptisch zu sein. Ob nun Sport oder nicht: Jeder, der einmal einen Controller in der Hand hatte und sieht, was diese Jugendliche damit anstellen können, wird von deren Leistung begeistert sein.

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Author: alommel

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