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Voll ins Gelbe

Als eine der ältesten Jagdformen überhaupt hat sich das Bogenschießen zu einer beliebten Sportart entwickelt. Wer sie betreiben will, braucht Kraft, Ehrgeiz und Ausdauer. Und vielleicht eine Portion Leidenschaft.

Gilles Seywert ist eine Frohnatur. Und nicht zu übersehen. Wenn er mit großen Schritten und breitem Gang die Halle betritt, überrascht es nicht, dass er sich ausgerechnet als Bogenschütze einen Namen gemacht hat. Man könnte ihn sich genauso gut in mittelalterlicher Jagdmontur vorstellen. Oder gleich in Mittelerde, als einen der Weggefährten des Hobbits Frodo Beutlin.

Doch Gilles Seywert ist ganz von dieser Welt. „Ein Mr. Cool mit breitem Lachen“, schreiben die Medien manchmal über ihn. Zum Bogenschießen ist er durch Zufall gekommen, die Trainingshalle in Strassen steht gleich neben der Karateschule, in der er trainierte. Da wollte der damals Zehnjährige einfach „mal reinschnuppern“, wie er heute erzählt. 26 Jahre ist das jetzt her. „Sie wollten mich einfach nicht mehr gehen lassen. Ich war wohl nicht ganz talentfrei“, sagt er und lacht.

Bogenschiessen-Strassen-19---013Die ersten Jahre läuft alles wunderbar, mit 16 stellt er einen Jugend-Weltrekord auf. Danach ist irgendwie die Luft raus, es geht für ihn nicht weiter, mit 18 läuft es so schlecht, dass er schon überlegt, den Sport aufzugeben. Doch dann wechselt er die Art seines Sportgeräts. Statt des gängigen Recurvebogens nimmt er fortan einen Compoundbogen – und schon stellen sich die Erfolge wieder ein. Bis heute ist das so geblieben, gerade erst im letzten Sommer wurde er Zweiter bei den Europaspielen in Minsk, kurzzeitig brachte ihn diese Silbermedaille auf den beachtlichen Platz 28 der Weltrangliste.

Sie wollten mich einfach nicht mehr gehen lassen. Ich war wohl nicht ganz talentfrei. Gilles Seywert

Hätte er die Silbermedaille mit einem herkömmlichen Recurvebogen geschossen, wäre er jetzt für die Teilnahme an den diesjährigen Olympischen Spielen in Tokio qualifiziert. Doch das Schießen mit Compoundbögen ist nicht olympisch, und wenn Gilles Seywert einen Tipp abgeben müsste, würde er sagen, dass es das auch niemals wird. Die Sportarten seien sich dafür zu ähnlich, obwohl es auch große Unterschiede gibt.

Der Recurvebogen ist im Prinzip die moderne Variante des althergebrachten Bogens, den die Menschen bereits seit mindestens 14.000 Jahren benutzen. Heutzutage besteht er natürlich nicht mehr aus irgendeinem gebogenen Stück Holz, Horn oder Metall, sondern wird aus einem künstlichen Materialverbund hergestellt. Nur die Technik ist nach wie vor dieselbe: Die Energie, mit der der Pfeil verschossen wird, entsteht durch das Spannen der Sehne in den Wurfarmen, also den beiden Enden des Bogens.

Bogenschiessen-Strassen-19---022Beim Compoundbogen hingegen verstärken spezielle Rollen in den Wurfarmen die Kraft, mit der der Pfeil geschossen wird, was zu höherer Geschwindigkeit und größerer Präzision führt. Weshalb auch die gelbe Mitte und die anschließenden Ringe auf den Zielscheiben oder „Auflagen“, wie sie beim Bogenschießen genannt werden, kleiner sind und die Compound-Schützen aus größeren Entfernungen schießen als ihre Recurve-Kollegen.

Dass das Compound-Schießen keine olympische Disziplin ist, gefällt vielen Schützen nicht. Auch für Gilles Seywert wäre die Teilnahme an den Olympischen Spielen natürlich ein Riesending, obwohl er durchaus seine Einwände gegen dieses Riesenevent hat: „Ich sehe das gespalten: Es wäre schon toll, aber der Gedanke, dass es nur darum geht, den anderen zu übertrumpfen, gefällt mir überhaupt nicht. Und dann das ganze Geld, das da ausgegeben wird und diese politischen Machtkämpfe. Das ist alles ein großer Aufwand, nur damit sich einige Leute aufplustern können“, sagt er.

Es ist nicht unbedingt ein politisches Statement, das er damit abgibt. Man kann es auch als Zeichen seiner Bescheidenheit sehen, denn großes Gewese um seine Person liegt ihm nicht. Er freue sich sogar über jeden, der ihn mal besiegt, erzählt er. Das sei immer ein Ansporn für ihn. Zudem komme er ohnehin oft nur in die Halle, um anderen beim Training zu helfen und ihnen Tipps zu geben. Ausgebildete Trainer sind im Bogensport hierzulande kaum zu finden. Deshalb müssen sich die Schützen gegenseitig unterstützen.

Abhängig von der Bauart kann ein Bogen einige Kilos wiegen.

300 lizensierte Spieler gibt es in Luxemburg, doch nur rund 100 seien wirklich aktiv, sagt Seywert. Wer als Bogenschütze erfolgreich sein will, muss regelmäßig üben. Ab und zu mal ein paar Pfeile zu schießen, reicht nicht aus. Doch wenn man ehrlich ist: Mehr als an der Abschusslinie zu stehen und zu versuchen, das Ziel zu treffen, passiert beim Bogenschießen eigentlich nicht. Das muss man mögen. Ansonsten ist man falsch in diesem Sport.

Regelmäßig bietet Seywerts Heimatverein, der GT Strassen, Einführungskurse für Nachwuchsschützen an. Diese sind zwar meist schnell ausgebucht, leider springen viele Teilnehmer auch oft genauso schnell wieder ab.

Zwischen zehn und zwölf Jahren muss man sein, um mit dem Bogenschießen anzufangen, abhängig von der körperlichen Konstitution. Allein um den Bogen zu halten und zu spannen, braucht man schon etwas Kraft, abhängig von der Bauart kann ein Bogen einige Kilos wiegen. Hervorragend sehen zu können und eine ruhige Hand zu haben, ist hingegen keine Voraussetzung, meint Gilles Seywert. „Das glauben die Leute immer, aber ich bin Brillenträger und mein Puls ist schon in Ruhe sehr hoch. Es geht also auch so.“

Nach Filmen wie „Robin Hood“, „Herr der Ringe“ oder „Hunger Games“ konnten die elf Bogenschießvereine des Landes immer ein erhöhtes Interesse an ihrem Sport feststellen. Doch so wie Jennifer Lawrence in den „Hunger Games“ mit ihrem Bogen die Menschen vor der Tyrannei rettet, sieht das echte Bogenschießen nicht aus. Ein Hollywoodstar hat es aber auch im echten Leben mal mit dem Sport versucht. 1999 nahm die Oscarpreisträgerin Geena Davis (Thelma und Louise) an der US-amerikanischen Vorausscheidung für Olympia teil. Sie wurde 24. von 28. Für Olympia hat es nicht gereicht.

Fotos: Georges Noesen

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Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

Author: Philippe Reuter

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