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Vom Hype zur Norm?

Unseriös, riskant, überholt – der Bitcoin (BTC) sorgte in den vergangenen Jahren ganz schön für Trubel und machte einige über Nacht zu Millionären. Inzwischen ist es ruhiger um die Kryptowährung geworden. Oder brodelt es etwa unter der Oberfläche?

An der Einstellung der Banken hat sich nichts geändert. Immer noch wird von amtlicher Seite geraten, die Finger vom Bitcoin und anderen Kryptowährungen zu lassen. Zu volatil, zu spekulativ, zu gefährlich seien die rein digitalen Zahlungsmittel. Per se falsch ist das nicht, trotzdem sollte man im Hinterkopf behalten, dass der Bitcoin 2008, inmitten der Weltwirtschaftskrise, das Licht der Welt erblickte. Zufall? Keineswegs. Der vermeintliche Japaner Satoshi Nakamoto, oder vielmehr jemand, der sich durch dieses Pseudonym schützt, steckt hinter der Erfindung. „Nakamoto entwickelte den Bitcoin, um der Welt zu beweisen, dass eine andere Währungsart möglich ist“, erläutert Emilie Allaert, Einsatz- und Projektleiterin des „Luxembourg House of Financial Technology“ (LHOFT). Ein Symbol des Widerstands also.

Zehn Jahre später existieren über 1.000 verschiedene Zahlungsmittel dieser Art. „Der Lebenszyklus einer Kryptowährung beträgt um die 500 Tage. Sie schwanken jeden Tag. Täglich verschwinden einige und neue kommen hinzu“, sagt Allaert. Der Kryptomarkt sei ein sehr neuer, junger und durchaus mit den Anfängen des klassischen Kapitalmarkts zu vergleichen. Auch hier habe es nicht immer Regulierungen gegeben. Betrugsfälle waren keine Seltenheit, bis sich das Ganze zu dem vertrauenswürdigen Netzwerk entwickelte, das wir heute kennen, so die Fintech-Expertin.

Der Bitcoin ist die älteste Währung ihrer Art und damit die stabilste. „Seit 2014 hat es einige spannende Entwicklungen gegeben, insbesondere seit der Einführung der ICOs“, erläutert die 30-Jährige. Überhaupt seien Bitcoin und Co. auf dem besten Weg, sich zu etablieren. „Mittlerweile gibt es Krypto-Geldautomaten und (Online-)Shops, die die alternativen Währungen akzeptieren“, weiß Allaert. Zudem existieren Krypto-Kreditkarten und -Kredite. Aus finanztechnischer Perspektive sei auch Luxemburg sehr fortschrittlich, obwohl die rein digitalen Währungen hierzulande noch nicht im analogen Alltag angekommen sind. Man denke nur daran, dass man Transaktionen ohne weiteres übers Smartphone durchführen, mit Digicash oder „contactless“ zahlen kann. Trotz dieser Innovationen ist weder das Großherzogtum noch die EU bereit, Kryptowährungen gänzlich anzuerkennen.

„Der Kryptomarkt ist sehr jung und durchaus mit den Anfängen des klassischen Kapitalmarkts zu vergleichen.“
Emilie Allaert, Einsatz- und Projektleiterin des LHOFT

„Die EU tappt derzeit im Dunkeln. Ihre oberste Priorität ist es, die Investoren zu schützen. Das Ganze muss erst reguliert, die Transaktionen legal, klar nachvollziehbar und sicher gemacht werden.“ Dass die EU Bedenken hat, ist nicht überraschend, immerhin erwuchs der Bitcoin aus einem illegalen Milieu: dem Darknet. Wer von Kryptowährung spricht, spricht von Verschleierung von Transaktionen, Geldwäsche, Verbindungen zu einer kriminellen, gar terroristischen Szene – oder?

Nigel* hat schon einige Erfahrungen im Darknet gesammelt. Den Privatmann hat es als Jugendlichen dorthin gezogen. „Die Neugier war stärker als ich. Ich wollte einfach wissen, was dort läuft.“ Schnell stellte sich heraus: Die dunkle Seite des World Wide Web ist gar nicht so ominös, wie es ihr Name suggeriert. „Vor allem pseudo-illegale Shops sind hier zu finden. Verkäufer, die ebenfalls auf Amazon vertreten sind, ihre Ware auf diesem Weg allerdings steuerfrei vertreiben. Und dafür braucht man auch ein passendes Zahlungsmittel.“ Aus diesem Grund hat sich Nigel vor rund zehn Jahren ein Konto mit Bitcoins zugelegt. „Das war gar nichts Besonderes, 20 Bitcoins entsprachen damals zirka 50 Euro.“

Sein Wallet ist irgendwann in Vergessenheit geraten. Um die 180 Bitcoins hatte er noch auf dem Konto, als die Währung einen enormen Kurs hinlegte. Die Ernüchterung folgte jedoch auf dem Fuße: Als er Jahre später versuchte, sich wieder einzuloggen, erwarteten ihn keine Bitcoins im Wert von 700.000 Euro, sein Darknet-Konto war gesperrt worden. „Der Server in Schweden war aufgeflogen, das Geld wurde konfisziert.“ Aktuell entspricht ein einziger Bitcoin 5.446,97 Euro.

„Ein erfolgreiches Investment besteht zu 40 Prozent aus Wissen und zu 60 Prozent aus Glück.“
Nigel, Krypto-Anleger

Trotz der Enttäuschung lässt Nigel seine Finger heute nicht von den Kryptowährungen. In der Szene hat sich vieles verändert. Obwohl sich Bitcoin und Co. immer noch am Rande der Illegalität bewegen, ist ihre Benutzung in der Zwischenzeit offiziell erlaubt. In Sachen Sicherheit ist man aber nach wie vor für sich selbst verantwortlich. Eine Zwischeninstanz wie eine Bank gibt es nicht, was bedeutet, dass man sein Kapital selbst verwalten muss. „Kryptowährung sind Dateien. Das heißt, dass sie Platz benötigen und auf Rechnern, Harddiscs und USBs abgespeichert werden können.“ Dass sein Wallet gehackt werden könnte, hält der Anleger für sehr unwahrscheinlich. „Die Sicherheit wird durch Code-Algorithmen gewährleistet. Ähnlich wie bei S-Net-Schlüsseln ändern die sich alle zehn Sekunden.“ Geschützt wird das Konto demnach wie beim herkömmlichen Onlinebanking.

Angst und Skeptizismus kann Nigel nicht nachvollziehen. „Wer ehrlich zu sich selbst ist, gesteht sich ein, dass man die meisten Dinge im Alltag ohnehin mit digitalem Geld zahlt.“ Zwischen digitalem Euro und Bitcoin gibt es, nach ihm, eigentlich nur einen fundamentalen Unterschied: nämlich, dass letzterer steuerfrei ist. Andere Begründungen, warum die EU und andere Länder Kryptowährungen nicht anerkennen, sind für ihn eine Farce. Die Transaktionen seien mittlerweile nur noch pseudoanonym, da jeder Wallet über eine Seriennummer verfüge. „Im Finanzsektor gilt der Bitcoin als Gift“, resümiert er.

Was sind ICOs?

ICOs („Initial Coin Offering“) funktionieren im Prinzip wie IPOs („Initial Public Offering“, dt. etwa „erstes öffentliches Angebot), will heißen, dass Unternehmen interessierten Anlegern öffentlich Aktien zum Kauf anbieten. Dieser Börsengang existiert auch in der Krypto-Szene: Firmen, die durch Crowdfunding oder ähnliches entstehen und deren Geschäftsmodell auf einer Kryptowährung basieren, bieten potentiellen Anlegern eine bestimmte Anzahl an sogenannten Tokens, also quasi Aktien, zum Kauf an. Diese können mit herkömmlichem Geld oder einer anderen Kryptowährung wie Bitcoin erworben werden. Die Einnahmen des ICOs dienen oft als Startkapital, um ein Projekt umsetzen zu können.

Während unseres Gesprächs schaut er immer wieder auf sein Smartphone. Der Bildschirm leuchtet auf. Wenige Minuten lang sind die Kurse verschiedenster Kryptowährungen darauf zu erkennen. Neben dem prominenten Bitcoin werden Ether (ETH), Bitcoin Cash (BCH), EOS, Litecoin (LTC) und IOTA derzeit hoch gehandelt. Doch an die Mutter aller Kryptowährungen scheint niemand heranzukommen. „Es gibt nur eine begrenzte Anzahl an Bitcoins, 21 Millionen. Das schließt eine Inflation aus. Außerdem steigt der Wert einer jeden Währung durch die Zahl der Transaktionen, die mit ihr abgewickelt werden“, so der Anleger.

Neben den Spitzenreitern existieren viele unbekanntere Währungen. Wer schnelles Geld verdienen möchte, investiert am besten in kleinere, da ihr Wert noch steigen kann, meint er. „Das ist günstiger, als Aktien zu kaufen, ab drei Cent ist man schon dabei.“ Lohnen würde sich das nicht durch den Eigen-, sondern durch den Massenwert. Natürlich dürfe man nicht vergessen, zu recherchieren, welche Unternehmen, beziehungsweise welche Industrie dahinterstecke. „Wer sich clever anlegt, kann sich auf diese Art und Weise pro Monat zwei- bis dreihundert Euro hinzuverdienen“, ist er überzeugt. Ein erfolgreiches Investment besteht für ihn zu 40 Prozent aus Wissen und zu 60 Prozent aus Glück.

„Wenn der Markt sicher ist, ist die EU bereit.“ Emilie Allaert, Einsatz- und Projektleiterin des LHOFT

Mit dem Gedanken, Bitcoins selbst herzustellen, hat Nigel ebenfalls schon gespielt. „Dafür braucht man vor allem zwei Dinge: günstigen Strom und eine gute Kühlung“, lacht er. Deshalb befänden sich die meisten Miningfarmen in Finnland und Russland. Doch auch im Großherzogtum wäre das Schürfen, aufgrund der relativ günstigen Strompreise, denkbar. Investieren müsse man hierfür erst in sogenannte Mining Rigs, also spezielle Rechner, die für die Bitcoin-Produktion ausgelegt sind. Um die zwei- bis dreitausend Euro kostet ein solcher PC. Damit es sich lohnt, brauche man jedoch mindestens fünf. Ein weiterer Nachteil: Die Herstellung ist ziemlich laut. „Die Lautstärke liegt bei 70 bis 80 Dezibel, was zwei laufenden Föhnen auf oberster Stufe entspricht – und die Rechner laufen 24/24.“, gesteht Nigel.

Er beobachtet den Markt weiter. Das letzte Kapitel ist für ihn noch nicht geschrieben. Ähnlich sieht es Emily Allaert vom LHOFT. Das Darknet mag zwar der Ursprung der Kryptowährungen sein, ihre Kapazität sei aber noch längst nicht ausgeschöpft worden. „Hinter ‚Krypto‘ steckt mehr als eine Währung. Das ist nur ein kleiner Teil des großen Ganzen. Korrekt wäre es, von Vermögen oder -kapital – auf Englisch ‚assets‘ – zu sprechen“, erklärt die Fachfrau, „Bitcoin und Ethereum werden beispielsweise für verschiedene Zwecke benutzt. Sie bieten völlig unterschiedliche Startpunkte für Investitionen. Ether gilt als interne Währung von Ethereum und ist nur eine von vielen ‚commodities‘. Handeln kann man ebenfalls mit Speicherplatz, Tokens und Zugängen zu spezifischen Plattformen.“

Allaert versteht, dass viele vor den Hintergründen des Markts zurückschrecken. Allerdings gäbe es schon vertrauenswürdige Projekte mit potenziellen Investoren. Wer in Krypto investieren möchte, sollte sich erst das White Paper genau ansehen und recherchieren, welches Team dahintersteckt. „Ist das Unternehmen schon einmal gescheitert oder befindet es sich auf einer schwarzen Liste, sollte man die Finger davon lassen“, mahnt die 30-Jährige. Außerdem sollte man überprüfen, ob die Lizenzen der Plattformen stimmen.

Die Fintech-Expertin ist überzeugt, dass Kryptowährungen bald in der EU reguliert und zur Normalität gehören werden. „Wir können die Vorreiterrolle momentan nicht einnehmen. Das Image von Luxemburg wurde schon einmal geschädigt. Wir sind als Steuerparadies bekannt und können uns das nicht noch einmal erlauben“, lacht sie und fügt mit einem Schmunzeln hinzu, „aber wenn der Markt sicher ist, ist die EU bereit.“

*Name wurde von der Redaktion geändert

Fotos: Igor Stevanovic (Fotolia), CoinMarketApp, Philippe Reuter

Françoise Stoll

Journalistin / Gastronomie

Ressorts: Lifestyle, Multimedia

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Author: Martine Decker

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