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Vom Nobody zum Star

Lange Zeit galt Paula Modersohn-Becker als die große Unverstandene der deutschen Kunstszene. Wie avantgardistisch und revolutionär das Werk der früh verstorbenen Zeitgenossin von Rilke und Rodin war, zeigt die ihr gewidmete Einzelausstellung in der Villa Vauban.

Fotos: Leslie Schmit, Pandora Film

Mit offenem Haar, ihre Pinsel und die Zeichenmappe unterm Arm, soll sie durch Paris gelaufen sein, während Männer in Hut und mit Vollbärten ihr irritiert von den Caféhaustischen nachgeschaut haben. Den Eltern schreibt sie 1897 in einem Brief: „Ich bin glücklich, glücklich, glücklich…“ Vergessen ist der Tag, an dem sie und andere Kinder in einer Sandgrube verschüttet wurden und die Lieblingscousine starb, doch ewig währt ihr Glück leider nicht. In der Ehe mit dem Landschaftsmaler Otto Modersohn wird sich die junge Frau nie wirklich wohl fühlen, und auch die Tatsache, dass sie als selbstbewusste und kämpferische Malerin kaum wahrgenommen wird und von ihren rund 750 Gemälden gerade mal drei verkauft, stimmt sie eher traurig. Heute gilt Paula Modersohn-Becker indes als Star, und ihre Werke sind Millionen wert.

Paula Modersohn-Becker ist die erste Frau der Kunstgeschichte, die sich selbst und andere nackt gezeichnet hat.

Was beim Rundgang in der Villa Vauban auffällt, ist die Ernsthaftigkeit in den Augen der Porträtierten. Sogar in den Kindergesichtern gibt es kein Lächeln. Stattdessen wirken alle wie in sich gekehrt. Wofür es durchaus Gründe gibt. Als Paula Modersohn-Becker 1898 in das Künstlerdorf in Worpswede zieht, holt sie sich ihre Modelle aus den Armenvierteln. Und malt verbrauchte Frauen mit erschöpften Brüsten, Kinder mit hungergeblähtem Bauch und fliehendem Kinn, Feldarbeiterinnen mit von der Sonne verbrannten Armen. 30 Jahre später werden die Nationalsozialisten diese Bilder als entartet bezeichnen. Dabei hat die Künstlerin mit diesen Porträts den Blick für das geöffnet, was solche Menschen ausmacht: Verletzlichkeit und Würde.

Im 19. Jahrhundert boomt vor allem die Landschaftsmalerei – wie der erste Ausstellungsraum mit Gemälden von weiten Feldern und Kanälen deutlich zeigt. Paula Modersohn-Becker ist jedoch eine figürliche Künstlerin. Obwohl auch sie Moor- und Birkenlandschaften auf Bildern festhält, löst sie sich gleichzeitig davon, Atmosphärisches wiederzugeben. Es gibt keine Lichtreflexe und keine Spiegelungen. Stattdessen werden die Formen immer einfacher, die Farben immer reduzierter. Alles Niedliche ist der Malerin fremd. Auf einem ihrer zahlreichen Selbstbildnisse ist ihr Hals nur mehr eine Säule, die eine Maske trägt. Und so wundert es kaum, dass die Norddeutsche als eine Wegbereiterin der Moderne gilt und sogar als deutscher weiblicher Picasso gefeiert wird. Was trotz motivischer Verwandtschaften leicht übertrieben ist.

Feststeht allerdings, dass Paula Modersohn-Becker eine begnadete Beobachterin, ihr größtes Vorbild Paul Cézanne und ihr Leben eine wahre Tragödie gewesen ist. Christian Schwochow hat dieses Leben verfilmt. Mit Carla Juri in der Titelrolle. „Paula“ erzählt von Ehekrächen und Geldnöten, von postkartentauglichen Landausflügen und einem in die Natur verliebten Ehemann. Die Malerin selbst beschreibt der Film als eine Frau mit nicht genügend Resonanzraum zum lauten Schreien. Mit „Wie schade“ endet die Geschichte. „Wie schade“ soll Paula Modersohn-Becker im Wochenbett gesagt haben. Einerseits hat sie sich jahrelang gewünscht, endlich Mutter zu werden. Sie hat sich sogar als Schwangere gemalt, als sie noch gar nicht schwanger war. Andererseits empfindet sie die Schwangerschaft als quälend, weil sie sie vom Malen abhält. Wie dem auch sei, acht Tage nach der Geburt von Mathilde stirbt die Malerin im November 1907 an einer Embolie. Mit lediglich 31 Jahren.

Die Ausstellung bietet einen repräsentativen und gleichzeitig kompakten Einblick in das Werk einer außergewöhnlichen Künstlerin.

Der letzte Raum der Ausstellung ist den Zeichnungen und Radierungen gewidmet. Darunter befinden sich auch einige Aktbilder. Eine kleine Sensation, denn abgesehen davon, dass Frauen um 1890 normalerweise von Kunstakademien ausgeschlossen sind, ist es ihnen zudem nicht erlaubt, Aktmodelle zu zeichnen. Die damals 20-jährige Paula Becker kümmert sich nicht darum. In den Kursen einer privaten Schule in Berlin hält sie mit dem Kohlstift nackte Männer und Frauen fest und ist mit dieser Ausbildung die Ausnahme. Zudem ist sie die erste Frau der Kunstgeschichte, die sich selbst nackt malt. Und das zu einer Zeit, da Kunst von Frauen noch als minderwertig eingestuft wird und Künstlerinnen eine untergeordnete Rolle spielen, wie Dr. Thomas Andratschke, Kurator am Landesmuseum Hannover, beim Pressetermin erklärt. Demzufolge hat die 1876 in Dresden geborene Malerin wertvolle Vorarbeit in Sachen Gleichstellung geleistet, denn erst um 1950 kommt es zu einer Emanzipationsbewegung in dem Sinne, dass Frauen überhaupt einen Beruf ergreifen können, den sie frei gewählt haben.

Zu Lebzeiten hält sich der Ruhm von Paula Modersohn-Becker arg in Grenzen. Heute ist sie ein Star. Zu ihrem 142. Geburtstag widmet Google ihr sogar ein Doodle. Wie absolut ihr Wille zur Kunstgewesen ist, kommt in einem Brief aus dem Jahr 1899 zum Ausdruck: „Denn ich will aus mir machen das Feinste, was sich überhaupt machen lässt. Ich weiß, es ist Egoismus, aber ein Egoismus, der groß ist und nobel und sich einer Riesensache unterwirft.“ Die Ausstellung in der Villa Vauban trägt dieser Riesensache Rechnung.

bis zum 10. Juni
www.villavauban.lu

Paula

Als Christian Schwochows biografisches Filmdrama 2016 in die Kinos kam, waren sich die deutschen Kritiker ziemlich uneins. Andreas Kilb bedauerte in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, dass die Werkstatt der Malerin ein unverfilmbares Terrain für den Regisseur sei und er seine Kamera lieber anderswo hingestellt hat. Zudem wirft er ihm vor, in die Falle des sogenannten Postkartenismus gefallen zu sein und kaum einen Blick zu haben für das, was auf den Bildern von Paula Modersohn-Becker zu sehen ist: Armut, Unschuld, Nacktheit. Beim Filmfestival in Locarno war das Publikum indes begeistert, bei der Verleihung des „Deutschen Filmpreises 2017“ gewann „Paula“ in den Kategorien „Bestes Szenenbild“ und „Bestes Kostümbild“. Der Filmdienst urteilte wiederum: „Das Drama über ein bewegtes Künstlerleben glänzt durch seine lebhaft spielende Hauptdarstellerin sowie eine kongeniale Bildgestaltung, verliert dabei aber den ideellen Fokus der Malerin aus dem Auge. Die Entwicklung ihres modernen Stils, aber auch das inspirierende intellektuelle Pariser Flair werden so nicht immer glaubhaft gemacht.“ Auch „Spiegel“-Autor Jörg Schöning hat Bedenken und schreibt von Trotzkopf-Klischees, die Christian Schwochow altväterlich auffährt, und davon, dass sich dieses Filmporträt der wirklichen Ausnahme-Malerin lediglich „nähert“. „Welt“-Kritiker Tilman Krause spricht hingegen von einer wahren Hymne auf die Unangepasstheit und einem gelungenen Biopic, das sowohl die Ernsthaftigkeit, mit welcher die Künstlerin an sich arbeitete, als auch ihre temperamentvolle Heiterkeit zum Ausdruck bringt. Vor allem lobt er Schauspielerin Carlo Juri, „die wie ein Wirbelwind durch jenen mitunter allzu gepflegten Bildersaal tobt, in den das Leben die historische Paula gestellt hat“.

www.paula-film.de

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Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Martine Decker

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